Beitragsserie zum Thema Mobilität im Journal

Radverkehr könnte sich verdreifachen Heft 7/8 2024

Studie des Fraunhofer-Institut sieht erhebliches Potenzial

In puncto Verkehrswende ist das Potenzial der Fahrradnutzung noch längst nicht ausgeschöpft. Das geht es aus einer jüngst vorgestellten Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI hervor. Erstellt wurde sie im Auftrag des Fahrradclubs ADFC. Betrachtet wurden dabei natürlich kein Fernverkehr sondern nur Wegstrecken von bis zu 30 Kilometern. Auf dieser Distanz haben die Radfahrer bisher laut Studie einen Anteil am Gesamtverkehr von 13 Prozent. Dieser könnte bis 2035 auf 45 Prozent erhöht werden, so die Wissenschaftler. Dadurch könnten – verglichen mit dem Jetzt-Zustand – zusätzlich 19 Millionen Tonnen an CO₂-Äquivalenten eingespart werden. Das entspreche 34 Prozent der Emissionen im Personenverkehr.
Eine Stellschraube ist der Markterfolg  von Pedelecs und E-Bikes. Diese ermöglichen längere Wege, erleichtern das Radfahren und erschließen somit einen neuen Nutzerkreis. Doch allein das reicht nicht aus.
Bedingung für die Erfüllung der ambitionierten Zuwachsraten sind laut Studie abgestimmte Radnetzkonzepte, ein schnellerer Ausbau der der Radwege selbst, eine qualitative Aufwertung der Fahrradinfrastruktur und gute Schnittstellen mit Bus und Bahn. Dafür notwendig seien wiederum entsprechende politische Ambitionen, die Bereitstellung ausreichender Ressourcen und ein Abbau der Bürokratie, sagte ISI-Projektleiter Claus Doll bei der Vorstellung der Studie. Das größte Potenzial sehen die Wissenschaftler in kleiner Großstädten mit zu 100.00 Einwohnern. Dort gebe es eine weniger dichte Konkurrenz alternativer Verkehrsangebote im Vergleich zu Metropolen, bei gleichzeitig urbanen Strukturen mit guter Nahversorgung, kurzen Wegen und einer gegenüber ländlichen Räumen geringeren Autoabhängigkeit.

Systematische Radnetzkonzepte

In der Studie heißt es unter anderem: Die zu erstellenden Radnetzkonzepte sollten sich an den Erfahrungen aus den Niederlanden, Belgien oder Dänemark sowie einiger deutscher Städte orientieren. „Hier werden beispielsweise drei Ebenen aus leistungsfähigen und schnellen Hauptverbindungen, einem gut ausgebauten Nebennetz sowie Verbindungs- und Zugangswege in die Wohnquartiere hinein unterschieden.“ Als Beispiel wird unter anderem das vorliegende Fahrradnetzkonzept der Stadt Münster genannt. Dieses Konzept sei „lückenlos, systematisch und hierarchisch“, heißt es dazu aus dem Münsteraner Rathaus. Damit bilde es die konzeptionelle Grundlage für den Ausbau  einer komfortablen und angebotsorientierten Radinfrastruktur in den kommenden Jahren.
Grundsätzlich müsse man wegkommen vom bislang häufigen „Sammelsurium an Einzelmaßnahmen“, betont Doll. „Hier mal eine Radstraße, da einen Fahrradweg – das bringt nur wenig.“ Wichtig sei „eine ganzheitliche Planung, die eingebunden ist in eine Vision, wie eine Stadt, eine Kommune aussehen, sich anfühlen soll für ihre Bewohner.“

Sichere Radwege

Um das von den Wissenschaftlern dargestellte Potenzial auszuschöpfen, wäre eine zeitnahe Verdreifachung der Radwegelänge notwendig. Um das zu schaffen, sei es laut Studie notwendig und möglich, verstärkt auch auf Radwege zu setzen, die ohne aufwendige bauliche Maßnahmen im Straßenraum installiert werden könnten. Angeführt werden dabei geschützte Radfahrstreifen und Kreuzungspunkte. Das heißt mehr Sicherheit für Radfahrer durch Trennelemente zum Kfz-Verkehr wie Poller oder Blumenkübel sowie durch markierte Schutzzonen, zum Beispiel farblich abgehobene Fahrradbereiche. Solche einschneidenden verkehrsplanerischen Schritte dürften jedoch nicht allein per Weisung von oben unternommen werden. Vielmehr müssten die Kommunen „die Bevölkerung über frühzeitige … Kommunikation und Beteiligungsverfahren mitnehmen, da mehr Radwege bei begrenztem Flächenangebot nicht ohne Einschränkungen für den Pkw möglich sind“, heißt es in der Studie.

Besserer Zugang zum ÖPNV

Noch mehr Augenmerk muss auf die optimale Verknüpfung von Rad und Bahn gelegt werden. Dazu gehören ausreichend dimensionierte und sichere Abstellanlagen an allen wichtigen Haltepunkten und Bahnhöfen sowie eine bessere Digitalisierung zur nahtlosen Integration des Fahrrads in Auskunfts- und Buchungssysteme. Nicht zuletzt müssen auch die Möglichkeiten der Fahrradmitnahme weiter verbessert werden. Dafür benötigt werden unter anderem fahrradgerechte Zugänge zu den Bahnsteigen sowie attraktive Fahrzeuge mit genügend Platz für die Fahrradmitnahme. Einer solcher Verknüpfung mit dem ÖPNV kommt entscheidende Bedeutung bei, wenn es um die Absolvierung der sogenannten letzten Meile geht, also den verbleibenden Weg von der ÖPNV-Haltestelle zur Wohnung oder zum Arbeitsplatz.

Hagen Ludwig

Warum die Deutsche Bahn so unpünktlich ist Heft 1/2 2024

VDGN fordert Planungssicherheit für ÖPNV-Nutzer Heft 11/12 2023

Klarheit für das Deutschlandticket schaffen Heft 9/10 2023

Mitfahrbänke: Bisher noch Warten auf gut Glück Heft 7/8 2023

Für 49 Euro: Attraktionen und Fallstricke Heft 5/6 2023

Zwischen Potsdam und Berlin ist alles dicht Heft 3/4 2023

Manchmal verlässt mich die Zuversicht

Zwischen Potsdam und Berlin: Wenn auf Straße und Schiene fast nichts mehr geht

Wenn der Verkehrsdienstleisters Inrix jährlich die Ergebnisse seiner Stauzeiten-Studie bekanntgibt, steht Berlin stets auf einem Spitzenplatz. Auch im vergangenen Jahr landete die Bundeshauptstadt nur knapp hinter München. Während in der Bayrischen Metropole 2022 ein durchschnittlicher Pendler mit seinem Auto insgesamt 74 Stunden im Stau steckte, waren es Berlin nur drei Stunden weniger. Potsdam gleich nebenan folgt im Deutschland-Ranking schon auf Platz 4 mit 55 Stunden. Das ist schon sehr beachtlich für eine mittelgroße Stadt mit 185.000 Einwohnern und besten Voraussetzungen für die Nutzung intelligenter Verkehrsleitsysteme.

Nun könnte man sagen: Die Autofahrer trifft daran die Hauptschuld. Warum wechseln sie nicht auf Bus und Bahn, um täglich an ihren Arbeitsplatz und zurück zu kommen? Schließlich hat der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB) schon mit Beginn des aktuellen Winterfahrplans „Mehr Takt – mehr Platz – mehr Komfort“ versprochen. Brandenburgs Infrastrukturminister Guido Beermann (CDU) erklärte zum Fahrplanwechsel: „Bessere und mehr Verbindungen bringen die Verkehrswende voran. Stadt und Land rücken näher zusammen. Mit hohem Komfort wird das Umsteigen vom Auto auf den Zug attraktiv.“ Seine Berliner Amtskollegin Bettina Jarasch (Grüne) verspracht: „So machen wir klimafreundliche Mobilität in der Metropolenregion attraktiv.“ Beim VBB war sogar von „einer neue Ära im Regionalverkehr“ die Rede.

Tatsächlich gab es beim Blick in die Fahrpläne einige Verbesserungen. So wurde auf der vielbefahrenen Strecke zwischen Brandenburg/Havel, Potsdam und Berlin der Takt erheblich verdichtet. Das war schon spürbar, doch eine gewisse Ernüchterung folgte zugleich. Die Berliner Stadtbahnstrecke mit ihrer begrenzten Kapazität erweist sich weiter als Achillesferse, auf der sich kleinste Verspätungen schnell potenzieren. Und viele Züge gingen garnicht erst auf die Strecke, weil überall das Personal fehlt. Sicher spielt sich mit der Zeit vieles ein und dann kommt ja noch ab Mai das Deutschland-Ticket. Für ganze 49 Euro im Monat (vorerst) täglich zum Beispiel von Potsdam nach Berlin pendeln und am Wochenende mit den Regionalzügen sogar länderüberschreitend verreisen: Wenn das kein Angebot ist.

Doch Mitte Februar kam der nächste Dämpfer, der wohl zwei Monate zuvor bei der Einleitung einer neuen Ära durch Politik und VBB noch nicht absehbar war.  Die Bahn kündigte wegen Bauarbeiten für 2023 wochenlange Streckensperrungen in Berlin-Brandenburg an. Besonders betroffen ist wieder die Berliner Stadtbahntrasse. Statt 20-Minuten-Takt im Regionalverkehr geht oft bald garnichts mehr. Laut Deutscher Bahn hätten Inspektionen schon im vergangenen September (!) Schäden an rund eintausend Befestigungspunkten der festen Fahrbahn aufgezeigt. Diese müssten nun erst einmal stabilisiert werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Daher werde der Abschnitt zwischen Berlin-Hauptbahnhof und Ostbahnhof im Mai und Juni für insgesamt fünf Wochen (11. bis 25. Mai und 9. Juni bis 1. Juli) voll gesperrt. Reisende müssen sich auf geänderte Anfangs- und Zielbahnhöfe sowie Fahrzeiten einstellen.

So enden die Regionalbahnen aus Richtung Brandenburg (Havel) am Bahnhof Charlottenburg. Fahrgäste müssen in Richtung Ostkreuz auf die S-Bahn umsteigen. In umgekehrter Richtung enden die Regionalbahnen am Ostkreuz. Zwischen Berlin-Charlottenburg und Griebnitzsee gibt es gar vom 4. August bis zum 8. Dezember Vollsperrungen und eingleisigen Verkehr. Und zwischen Berlin-Ostbahnhof – Erkner – Fürstenwalde rollt vom 24. März bis 21. April kein Regionalexpress, keine Regionalbahn, keine Fernbahn. Das vollständige Schreckensszenario auch für andere Strecken ist nachzulesen im Newsroom auf der DB-Website. Die DB indes preist das alles als Bündelung von Baumaßnahmen und verspricht: „Nach jeder einzelnen Sanierung werden Fahrgäste von einem stabileren Bahnbetrieb profitieren.“

Im Moment ist das nur ein sehr schwacher Trost für Pendler, die jeden Tag vielleicht eine Stunde mehr im Zug verbringen und sich dicht an dicht auf engen Treppen zur nächsten S-Bahn drängen, die dann vor ihrer Nase die Türen schließt und abfährt. Das mag jetzt emotionsgeladen klingen, doch der Autor ist geübter Bahnfahrer und weiß wovon er spricht. Auf das Auto mit E-Antrieb und Wallbox an der Arbeitsstelle werde ich wohl trotzdem nicht wechseln, weil ich damit erst durch Stau-Potsdam und dann durch Stau-Berlin fahren müsste. Fahrrad und Paddelboot nutze ich sehr gern, doch das würde zu lange dauern von Potsdam-Nord nach Berlin-Wuhlheide. Wäre es nicht ehrlicher gewesen, erst zu bauen und dann die neue Ära einzuläuten? Ich schreibe gern über Mobilität, Verkehrswende und Zukunft auf der Schiene, doch es gibt Tage, da verlässt mich die Zuversicht.

Hagen Ludwig

ÖPNV-Offensive droht an Personalnot zu scheitern Heft 1/2 2023

Zug- und Busausfälle überall: Verhängnisvolle Spirale muss gestoppt werden

Mit der geplanten Einführung des Deutschland-Tickets zum einheitlichen Preis von 49 Euro gelte es, die bisher größte Tarifreform im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu meistern. Das erklärte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) jüngst in Berlin anlässlich einer gemeinsamen Mobilitätskonferenz von Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), DGB und Verdi. Das komplizierte Tarifsystem und damit eine der größten Schwachstellen im ÖPNV könnte so bald der Vergangenheit angehören, betonte Wissing.  Aufgebaut werden soll dabei auf den Erfolg von 52 Millionen verkauften 9-Euro-Tickets in den vergangenen Sommermonaten. „Das Ticket war deshalb so erfolgreich, weil es so einfach war“, betonte Wissing, räumte gleichzeitig aber auch ein, dass die Verkehrsbewältigung ein Kraftakt für alle Beteiligten war.

Gewerkschaften: Wettbewerb auf dem Rücken des Personals

In der Tat hat das 9-Euro-Ticket die Schwachstellen des ÖPNV schonungslos aufgedeckt. Eine der größten ist die Personalsituation bei den Verkehrsbetrieben. Das betonte auch Ralf Damde von der Eisenbahnverkehrsgesellschaft (EVG) nach den einleitenden Worten Wissings. Denn bisher sei der Wettbewerb zwischen den Verkehrsgesellschaften bei Streckenausschreibungen auf dem Rücken des Personals ausgetragen worden. Doch mit dem Motto „Geiz ist geil“ komme man nun nicht mehr weiter, so Damde. Fakt ist: Während einerseits von Angebotsausweitung und einer perspektivischen Verdoppelung der Fahrgastzahlen gesprochen wird, gibt es andererseits schon größte Schwierigkeiten, überhaupt die aktuellen Aufgaben zu erfüllen. „Die Lage in den ÖPNV-Unternehmen hat sich bundesweit in den letzten Monaten verschärft“, betont die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Christine Behle. „In allen Regionen gibt es Betriebe, die ihre Verkehre ausdünnen. Teils, weil die aktuellen Kostensteigerungen nicht mehr abgefangen werden können, teils, weil im Fahrdienst und in den Werkstätten das Personal fehlt.“ Fünfstellig sei allein die Zahl der fehlenden Bus- und Bahnfahrer, hieß es auf der FES-Konferenz. Aber nur jeder Vierte, der in Deutschland einen Busführerschein hat, fahre aber zum Beispiel tatsächlich Bus.

Unattraktive Arbeitsbedingungen

Doch was macht die die Arbeit bei den Verkehrsbetrieben so unattraktiv, und wie kommt es zu den hohen Krankenständen?  Ungünstige Schichten, ständige Springerdienste und unzuverlässige Lebensplanung – von einer sogenannten Work-live-Balance könne keine Rede sein, erklärte ver.di-Vertreterin Behle. Die Personaldecke war schon immer äußerst knapp. Und wenn dann wie derzeit eine Krankheitswelle hinzukommt, brechen alle Planungen zusammen. Im Gespräch mit der Kölner Rundschau erzählte zum Beispiel ein Busfahrer, vor allem jüngere Kollegen würden hinschmeißen, weil Familie, unvorhersehbarer Schichtdienst und unsichere Urlaubsplanung nicht zu vereinbaren wären. Bereits bestehender Personalmangel führt somit zu neuem Frust und weiterer Abwanderung. So entsteht eine Spirale, die aufgehalten werden muss – sonst bleibt die Verkehrswende auf der Strecke. Um Beschäftigte zu halten und neues Personal zu gewinnen, müssten die Arbeitsbedingungen dringend verbessert und die Löhne erhöht werden, so Behle.

Beim ebenfalls an der Konferenz teilnehmenden Vize-Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Detlef Müller, sollte man damit offene Türen eingerannt haben. Der gebürtige Chemnitzer ist selbst gelernter Lokführer, war unter anderem Teamleiter für Fahrzeuge und Personal bei der Erzgebirgsbahn. Auch bei diesem DB-Unternehmen blieben in den vergangenen Wochen viele Züge unbesetzt in den Depots.  Unter dem Strich ist es ein Verdienst dieser Konferenz bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, dass der Faktor Mensch neben den sicher notwendigen Diskussionen um Infrastruktur und Fahrzeugtechnik so deutlich angesprochen wurde.

Ein Blick auf die ÖPNV-Modellstadt

Auf der Suche nach Lösungen fällt der Blick schnell nach Wien. Dort wurde bekanntlich bereits erfolgreich das 365-Euro-Jahresticket eingeführt, wozu der ÖPNV auf den neuesten Stand zu bringen war (wir berichteten). Doch selbst in der vielgelobten Donaumetropole knirscht es derzeit im Getriebe. Aktuell fehlen auf den Wiener Linien etwa 100 Straßenbahn- und Busfahrer. Jetzt wurde laut Wiener Zeitung ein Maßnahmenpaket gegen Personalnot geschnürt. Gehaltserhöhungen, eine Ausbildungsoffensive und Prämien sollen helfen – aber auch eine durchdachte Reduzierung des Angebots. Angekündigt wurde zum Beispiel eine Gehaltserhöhung um monatliche 210 Euro. Für jede geleistete Überstunde erhalten die Fahrdienstmitarbeiter zudem eine Prämie in der Höhe von drei Euro zusätzlich zu allen gesetzlichen Zuschlägen. Im Straßenbahnbetrieb wurde eine Arbeitszeitreduzierung von 37,5 auf 35 Wochenstunden bei gleichbleibender Bezahlung vereinbart. Die sogenannten Unterbrecherdienste – auch in Deutschland vielerorts üblich –  stehen ebenfalls im Fokus der Verantwortlichen. Bisher sah es so aus: „Man beginnt um 5.00 Uhr, fährt dann bis circa 9.50 Uhr, nun folgen circa vier bis sechs Stunden unbezahlte Pause, danach beginnt man wieder um 14.00 Uhr und fährt bis in den späten Abend“, zitiert der ORF aus dem Schreiben verärgerter Fahrers in Wien.

Hoffnung auf Neu- und Quereinsteiger

Europaweit wird jetzt nach Neu- und Quereinsteigern gesucht. In Wien erhalten Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe, die einen neuen Kollegen werben, 1000 Euro Belohnung. Im schweizerischen Luzern wirbt man auf bunten Plakaten mit den Slogans. „Früher Koch, heute VBL-Chauffeur“ oder „Früher Coiffeuse, heute VBL-Chauffeuse“ um Quereinsteiger gerade aus schwächer bezahlten Berufsgruppen. Und auch in Deutschland setzen Verkehrsbetriebe auf möglichst originelle Werbestrategien. „Vollzeit, Afterwork und Single. Teilzeit, Patchwork und Mingel. Ganz gleich wie Du lebst: Wir leben Vielfalt im Job“, heißt es etwa bei den Berliner Verkehrsbetrieben BVG, die in diesem Jahr 2000 neue Stellen besetzen wollen.
Und nicht zuletzt hat die Deutsche Bahn Anfang des Jahres öffentlichkeitswirksam eine neue Arbeitgeberkampagne mit dem Slogan „Was ist dir wichtig?“ gestartet. „Wir brauchen zigtausende neue Kolleg:innen, um die Herausforderungen bei der Bahn zu stemmen“, so DB-Personalvorstand Martin Seiler. Ehrgeiziges Ziel sind in diesem Jahr 25.000 Neueinstellungen und unter dem Strich 9000 neue Stellen. „Früher wollten Unternehmen wissen, was die Bewerbenden bieten können, warum sie hier einen Job bekommen sollten. Längst ist es andersherum“, so Kerstin Wagner, Leiterin DB-Personalgewinnung. Die Menschen würden nach einem passenden und wertschätzenden Arbeitsumfeld suchen, das ihren individuellen Bedürfnissen und ihrer Lebenssituation gerecht wird. Ein Mosaikstein im DB-Angebot: Die attraktiven Fahrvergünstigungen sollen ab Frühjahr auch für nichteheliche Partner von Mitarbeitern gelten. Das allein wird jedoch nicht reichen. 

Tarifverhandlungen nicht nur um Löhne

Das geplante Deutschlandticket könne nur dann ein Erfolg werden, wenn die Beschäftigten mitgenommen werden, unterstrich der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, jüngst im Interview mit dem sozialdemokratischen Magazin für Kommunalpolitik DEMO. Und mit Blick auf die nächste Runde der Tarifverhandlungen im Februar kündigte er bereits an: „Dort werden wir nicht nur über Löhne sprechen, sondern auch über die sogenannten weichen Themen, also attraktive Arbeitsbedingungen. Das fängt bei der Altersversorgung an und reicht bis zum Wohnen – wir brauchen Dienstwohnungen, damit sich auch in Ballungsräumen wie München die Beschäftigten noch eine Wohnung leisten können. Auch Betriebskindergärten gehören zu einer modernen Arbeitswelt.“ Klar wird bereits: Sollten sich die anstehenden Tarifverhandlungen hinziehen, drohen wieder Streiks – und damit großer Ärger vor allem bei Pendlern.

Um auf die eingangs besprochene Konferenz bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zurückzukommen: Dort nach den Wünschen für die Zukunft befragt, sagte ein Teilnehmer in der Abschlussrunde, dass er einmal folgende Stellenanzeige eines Verkehrsbetriebs lesen möchte: „Wir haben genug Personal. Wir suchen Ersatz für den Fall, dass mal jemand ausfällt.“ Bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg.

Hagen Ludwig

Wie mobil ist Berlin Brandenburg schon? Heft 12 / 2022

Wie attraktiv sind Bahn und Bus Heft 11 / 2022

So funktioniert Strom vom Dach auf Garagenhöfen Heft 9/2022

Bahn stoppt Verscherbeln von Bahnhöfen Heft 7/8-2022

Reformbedarf beim ÖPNV deutlicher denn je Heft 6-2022

ÖPNV: Das Neun-Euro-Monatsticket Heft 4/5-2022

In einem Zug nach Polen Heft 3-2022

Mit dem Pkw bald elektrisch unterwegs Heft 1/2-2022

Schneller an die Ostsee mit der Bahn Heft 11/12-2021

Ampel-Sondierung und Mobilität Heft 10-2021

Corona und der Trend zum Auto. Der Mobilitätsmonitor 2021 Heft 9-2021

Mit Bahn, Bus, Auto und Fahrrad flexibel und mobil sein Heft 7/8-2021

Intelligente Systeme für weniger Staus und CO2 in Deutschlands Städten Heft 6-2021

Berliner Verkehrsentwicklungsplan 2030 läßt Weitsicht vermissen Heft 4/5-2021

Die Rettung von Bahnstrecken wird ein Wahlkampfthema in Sachsen-Anhalt Heft 3-2020

ADAC hat Ladesysteme für Gemeinschaftsanlagen getestet Heft 1/2-2021

Aufschlußreiche Umfrage zum Mobilitätsverhalten in der Corona-Krise Heft 12-2020

Riesenbedarf an Pendler-Parkplätzen Heft 10/11-2020

291 Städte und Gemeinden sollen wieder ans Schienennetz. Heft 9-2020

Fußverkehr muß beim Thema Mobilität stärker in den Fokus Heft 7/8-2020

Verkehrswende: Worum es beim Streit um die Antriebsformen geht Heft 6-2020

Verkehrswende nach Corona komplexer denken Heft 4/5-2020

Landkreis Barnim setzt auf O-Bus und Wasserstoff-Bahn Heft 3-2020

Höhere Preise für Brandenburger Bahnpendler sind das falsche Signal Heft 1/2-2020

Verkehrspolitische Forderungen für Mecklenburg-Vorpommern Heft 11/12-2019

Mehr Plätze in Brandenburger RE1-Zügen notwendig Heft 11/12-2019