Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Für fitte Füße

Berlin-Kreuzberg: Ein orthopädischer Schuhmacher zwischen Tradition und Moderne

Christian Friedrich, orthopädischer Schuhmachermeister Foto: Kerstin Große
Christian Friedrich, orthopädischer Schuhmachermeister Foto: Kerstin Große

„Schuhtechnik im Kiez“, so wirbt der Orthopädie-Schuhmachermeister Christian Friedrich in Berlin-Kreuzberg für sich und sein Geschäft. Und das trifft es. An einem ganz normalen Nachmittag Anfang Juni herrscht reger Betrieb in dem kleinen Laden an der Skalitzer Straße, die U-Bahnstation Görlitzer Bahnhof in Reichweite.

Noch gelten die Coronabestimmungen. Die Dame am Empfang wechselt gekonnt zwischen pausenlos klingelndem Telefon und einer älteren gehbehinderten Kundin, die vor der Tür etwas ungeduldig wartet. Schnell wird ihr ein Sitzplatz angeboten und nach ihren Wünschen gefragt. „Auf jeden Kunden zuzugehen, ein offenes Ohr für seine gesundheitlichen Beschwerden und Fragen zu haben, ist für uns genauso wichtig wie der routinierte Umgang mit Material und Maschinen“, bestätigt Christian Friedrich den ersten guten Eindruck vom Kiez-Schuhmacher. Er und seine neun Mitarbeiter waren auch zu Corona-Zeiten für die Kunden da, hatten sich nicht ins Homeoffice zurückziehen können, betont der 55jährige gebürtige Kreuzberger.

Engagierter „Lehrlingswart”
Seit 1996 führt er das Geschäft. Daß er das Handwerk des orthopädischen Schuhmachers erlernte, sei eher Zufall gewesen, erzählt Friedrich. „Ich wußte schon zeitig, daß ein Bürojob nichts für mich ist, wollte etwas Handwerkliches machen. Und so schaute ich eines Tages dem Vater einer Freundin aus dem Sportverein über die Schulter. Er war orthopädischer Schuhmacher“, erklärt der Berliner schmunzelnd. Bald war er dort Lehrling, erwarb später den Meisterbrief.

Heute gehört er mit neun Angestellten schon zu den größeren Unternehmen seiner Branche. „Nur 30 orthopädische Schuhmacher gibt es noch in Berlin. Gerade mal 15 Lehrlinge werden jährlich in der Hauptstadt ausgebildet. Bei vier Millionen Einwohnern ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, erklärt Friedrich, der sich in seiner Hand-werksinnung als „Lehrlingswart“ für die Ausbildung der jungen Leute engagiert und natürlich auch selbst ausbildet. „Hammer, Zange, Messer – damit umgehen zu lernen, das bestimmt noch heute die Lehre. Es geht sehr traditionell zu im Schuhmacherhandwerk.“ Auch wenn der Bedarf an individuell angefertigten orthopädischen Maßschuhen zurückgegangen sei, lerne jeder Azubi, solche Schuhe herzustellen. Das sei eine Voraussetzung, um die Prüfung zu bestehen.

Kampf dem Zipperlein
Fußleiden„Schuster, bleib’ bei deinen Leisten“? Das geflügelte Wort hat für Christian Friedrich eher abschreckende Wirkung. Ihm sei es wichtig, sich neuen Trends zu öffnen, anders als mancher Kollege, erklärt er selbstbewußt.

„Gesund alt werden“ ist so ein Thema, das ihn beschäftigt. Er beobachtet, wieviel Wert seine Kunden heute darauf legen, auch mit 60 plus aktiv und fit zu sein. Wer Rentner sei, habe mehr Zeit, wolle das Leben in vollen Zügen genießen. Zipperlein, die mit zunehmendem Alter fast zwangsläufig auftreten, so eben auch Fußleiden, werden nicht mehr einfach hingenommen.

Der Schlüssel zur Linderung
Hier sieht er für sich, neben dem klassischen Profil des orthopädischen Schuhmachers, das von individuell hergestellten Schuh-einlagen über Spezial- und Maßschuhe bis hin zu medizinischen Hilfsmitteln reicht, ein neues Tätigkeitsfeld. „Ich bin überzeugt, daß mit einer ganzheitlichen Betrachtung vielen Menschen besser geholfen werden könnte. Denn Fußleiden haben ihre Ursache oft an einem anderen Ort des Körpers“, erklärt Christian Friedrich. „Wie ein Mensch geht und steht, sagt viel über seine körperlichen Schwachstellen aus. Die zu erkennen und zu behandeln, kann der Schlüssel zur Linderung der Beschwerden sein.“ Mit einer Haltungs- und Bewegungsanalyse verspricht er, der Ursache näherzukommen. Meist müßten weitere Fachleute, wie Orthopäden oder Zahnärzte, Physiotherapeuten und Osteopathen, hinzugezogen werden, erzählt der Handwerksmeister. Dafür arbeite er in einem Netzwerk mit Partnern aus dem Gesundheitsbereich zusammen und besuche regelmäßig Fortbildungen.

Dem Unternehmenspool des VDGN schloß sich Christian Friedrich vor kurzem an und hofft auf Interesse an seinem Handwerk und Angebot. Obgleich ihm bewußt sei, daß im Osten der Hauptstadt mit der früheren PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks, d. Red.) und heutigen Orthopädie-Schuhmacher-GmbH „Jacob Böhme“ ein schon seit DDR-Zeiten bekanntes Unternehmen tätig ist. „Einen guten Schuhmacher wechselt man selten“, sagt der Meister aus dem Kreuzberger Kiez und beweist damit auch Realitätssinn.

Kerstin Große

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