Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Der Postraub in der Wassergasse

Auf der Spur (Folge 4): Ein fast perfektes Verbrechen in Berlins Mitte 1977

Abgebildet im Fahndungsblatt: vom Täter am Tatort zurückgelassene Gegenstände
Abgebildet im Fahndungsblatt: vom Täter am Tatort zurückgelassene Gegenstände

Von Frank-Rainer Schurich

Wer kennt sie schon, die Wassergasse in Berlins Mitte? Gelegen in der Nähe des Märkischen Museums und der Spreearme, ist sie eine der kürzesten Straßen der Hauptstadt. Daß sich am 12. Mai 1977 gerade dort der spektakulärste Postraub der DDR-Kriminalgeschichte ereignete, hat mit dem damaligen Postamt 14 zu tun. Das Gebäude, in dem sich die kriminellen Geschehnisse entwickelten, ist ein Doppelhaus mit zwei Eingängen: Wassergasse 1 und Köpenicker Straße 94.

Es war ein schöner früher Maimorgen, als Hildegard S., 66 Jahre alt, Reinigungskraft im Postamt 14, an diesem 12. Mai 1977 gegen 5.45 Uhr auf dem gegenüberliegenden Revier der Volkspolizei (VP) die Schlüssel in Empfang nahm. Sie schloß die Hauseingangs-tür Wassergasse 1 auf; wie an jedem Tag lagen zwei Zeitungspakete vor der Tür zum Postamt, dem Diensteingang zur Post. Sie nahm die Pakete auf und betrat ihre Arbeitsstelle.

Kaum hatte sie die Tür aufgeschlossen und den Raum betreten, da war ihr so, als wenn jemand hinter ihr stand. Sie drehte sich um, bekam einen Schreck, denn sie erblickte einen Mann, den sie hier noch nie gesehen hatte. Er umfaßte sie mit beiden Händen an der Halsgegend, drängte sie in einen dunklen Postraum, dessen Tür offenstand. Er hatte eine Pistole in der Hand (eine Luftdruckpistole, wie sich später herausstellte) und forderte Hildegard S. auf, ihm sofort den Tresorschlüssel auszuhändigen.

Nun gab es manchmal in der DDR wundersame Dinge, aber daß eine Reinigungskraft den Tresorschlüssel eines Postamtes oder einer Bank in Besitz hatte, das gab es wirklich nicht.

„Ich habe keinen Schlüssel“, stammelte Hildegard S. „Der Leiter des Postamtes, der hat einen. Der muß bald kommen.“

„Nun gut“, schnauzte sie der Unbekannte an, „ab jetzt sagen Sie keinen Ton mehr, sonst schieße ich. Klar!“

„Das geht doch nicht, ich muß hier arbeiten, Sie!“

Der unbekannte Mann packte sie, fesselte sie an Händen und Füßen mit einem mitgebrachten Draht und zog ihr unsanft eine Kapuze über den Kopf. Auch sich selbst zog er eine Kapuze über, begab sich in den Schalterraum und zog die Fensterläden hoch, um keinen Verdacht zu erregen. Er erkundete noch die Alarmanlage, konnte aber feststellen, daß sie außer Betrieb war.

Im Briefabfertigungsraum legte er am Schalter 1 ein Schriftstück ab. Darin äußerte der Posträuber in stilisierten Druckschrift-Großbuchstaben („Streichholzschrift“) und mit bewußt eingebautem Fehler: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, das ich keinen Fehler gemacht habe und mich gegen jede Möglichkeit der Entdeckung genügend abgesichert habe.“

Er wartete auf den Postamtsdirektor, der schließlich den Tresor öffnete und sämtliches Geld herausgab. Danach verschwand er über den Keller durch die Haustür in der Köpenicker Straße 94. Er kannte sich aus, hatte vorher alles ausgekundschaftet.

Bei der zuständigen Kriminalpolizei der VP-Inspektion Mitte wurde sofort eine Anzeige wegen Raubes im schweren Fall erstattet und noch am selben Tage die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen Unbekannt verfügt. Die Schadenssumme betrug 69.820,72 Mark.

Die Kriminalisten machten erstaunliche Entdeckungen und fotografierten alles fachlich perfekt und lehrbuchreif. Sie fanden zahlreiche Gegenstände, die der Täter zurückgelassen hatte: eine Perücke, selbstgenähte Beutel, eine Maske sowie eine Plastikbüchse mit Deckel und Pfefferresten, wohl um eine Verfolgung durch den Fährtenhund zu vereiteln. Ein Fahndungsblatt für die Öffentlichkeit zeigte einige Funde.

Auf der Rückseite des Fahndungsblattes war vermerkt. „Am Tatort wurden mehrere ca. 0,75 m bis 1 m lange, verschiedenfarbig isolierte, 1,8 mm starke Aluminiumkabeladern sichergestellt. Zwei dieser Kabelstücke waren mit einem Seemannsknoten (Webeleinstek) verbunden.“

Alle Spuren führten ins Nichts. Wegen der „Streichholzschrift“ war der Brief an die Kriminalpolizei nicht auswertbar, auch der Ermittlungserfolg versprechende Seemannsknoten, den in der DDR wohl nur einschlägig ausgebildete Sportbootfahrer oder Angehörige der Volksmarine und der Gesellschaft für Sport und Technik beherrschten, erbrachte keinen einzigen Verdachtsfall. Und der Fährtenhund gab schnell auf, irritiert und verwirrt durch den verstreuten Pfeffer.

Hildegard S. hatte den Täter nur ganz kurz ohne Maske gesehen. Dabei befand sie sich in großer Erregung. Das erarbeitete Phantombild konnte so gar nicht zum Täter führen. Alles sah nach einem perfekten Verbrechen aus.

Doch Stephan H., der Täter, hatte nicht mit dem Invalidenrentner und ehemaligen Bergmann Gottfried B. gerechnet, einem alten Bekannten.

Stephan H. hatte er 1975 in der Untersuchungshaftanstalt Gera kennengelernt, wo beide für längere Zeit in einer Zelle saßen. Gegen B. wurde wegen Scheckbetrügereien ermittelt, gegen H. wegen „Diebstahls sozialistischen Eigentums“, wie es in der DDR hieß. H. hatte sich mit abenteuerlichen, aber sehr gut funktionierenden Konstruktionen auf raffinierte Art bei den Minol-Tankstellen selbst bedient, heißt, er stahl Benzin aus den Großtanks. Er konnte den Kraftstoff mit einer Pumpe direkt in seinen Pkw befördern, womit er lange Zeit unentdeckt blieb.

Eine gemeinsame Zelle hat schon immer zusammengeschmiedet. Nachdem beide entlassen worden waren, trafen sie sich wieder und wählten 25 Postämter in Berlin-Ost aus, in denen sich ein Postraub lohne. B. war aber an Krebs erkrankt und wollte sein Gewissen erleichtern. Er teilte den Kriminalisten mit, daß Stephan H. den Raub in Berlin begangen hatte. Nun stünden möglicherweise Überfälle auf Postämter und Sparkassen unter Verwendung einer Schußwaffe auf seinem Plan.

Jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Am 27. März 1979 wurde Stephan H. verhaftet. Am 12. September des Jahres verurteilte ihn das Stadtbezirksgericht Berlin-Pankow zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren. H. war ein gebildeter Mann. Er hatte an der Technischen Universität Dresden studiert, dort 1974 den akademischen Grad eines Diplom-Physikers erworben. Er wurde im Januar 1986 vorzeitig auf Bewährung aus der Haft entlassen.

Das in der Wassergasse geraubte Geld hatte Stephan H. ausgegeben. Und das Kabelstück, an dem sich der den Ermittlern Hoffnung spendende Seemannsknoten (Webe-leinstek) befand, hatte er auf einer Deponie gefunden und es für spätere Fesselungen mitgenommen. So einfach können Erklärungen sein.

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