Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Von Berlin nach Klein Priebus

In dünn besiedelten Gegenden finden genervte Großstädter Platz für Neuanfang

Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach
Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach empfangen Umzugswillige zur Beratung oft auch in ihrem Garten Foto: Tine Jurtz

Lärm, Stau, Wohnungsmangel, hohe Mieten: Das Leben in großen Städten kann belastend sein. Menschen suchen das Weite oder tragen sich zumindest mit dem Gedanken. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend zusätzlich befeuert. Das spüren auch Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach in Klein Priebus, einem kleinen Dorf im nordöstlichsten Zipfel von Sachsen. Das Paar berät in seiner Raumpionierstation Oberlausitz Leute, die aufs Land umsiedeln wollen.

Die beiden wissen, wovon sie reden. Sie haben sich in Berlin kennengelernt und lange in der Hauptstadt gelebt. Seit 2009 sind sie direkt an der deutsch-polnischen Grenze zu Hause, etwa 40 Kilometer nördlich von Görlitz. Die Neiße fließt wenige Meter vor dem eigenen Haus vorbei, wo das Paar mit seinem Sohn wohnt. Es betreibt gemeinsam eine Kreativagentur, entwickelt beispielsweise Ausstellungs- und Raumkonzepte.

„Es braucht Mut, um in die schwarze Kiste zu springen und loszulassen“, gesteht Arielle Kohlschmidt. Doch den Wechsel „von der belebten Stadt ins Nichts“ hat sie keinesfalls bereut. Im Gegenteil: In der abgelegenen Idylle findet sie als Grafikerin und Texterin Inspiration. „Ich mag die Natur und wollte meine Ruhe haben“, sagt sie. Wenn sie Lust hat oder eine kreative Pause braucht, kann sie einfach in den Garten, zum Fluß oder in den nahegelegenen Wald gehen. Alles liegt direkt vor der Tür.

Dafür gibt es im Ort keinen einzigen Laden. Für den Weg zum nächsten Einkaufsmarkt sind mindestens 15 Kilometer zurückzulegen, ebenso wie zum Arzt oder zur Schule. „Ein Jahr haben wir ohne Auto durchgehalten, wie wir es bis dahin gewohnt waren“, räumt Hufenbach ein. Auf Bus und Zug angewiesen zu sein, erwies sich in der Lausitz jedoch als äußerst zeitintensiv. Recht eindrücklich in Erinnerung blieb der Besuch bei einem Kunden in Rietschen. Die Fahrt dorthin dauerte zweieinhalb Stunden. Dabei ist der Ort nur gut 15 Kilometer Luftlinie von Klein Priebus entfernt.

Längst hat das Paar zwei Autos. Um anderen von Erfahrungen abseits von Ballungsräumen zu berichten, gründeten die beiden 2015 ihre Raumpionierstation. Seither geben sie Interessierten am Telefon, per E-Mail oder im direkten Gespräch vor Ort Auskunft. Die Leute sitzen dann bei ihnen auf dem Sofa oder im idyllischen Garten, stellen gezielt Fragen, etwa nach dem sozialen Umfeld, dem Angebot an alternativen Schulen oder Arbeitsmöglichkeiten.

Aus allen Ecken Deutschlands kamen über die Jahre Anfragen, am häufigsten aus Berlin und Dresden. Auch wenn keine Statistik geführt wird, kann Arielle Kohlschmidt sagen: „Es waren viele Hundert Kontakte.“ Deutlich mehr Frauen als Männer melden sich, meist ab 35 Jahren, selten darunter. Die älteste Interessentin war eine 78jährige Frau aus Berlin, die mit anderen eine Lebensgemeinschaft auf dem Lande gründen wollte. „Ob sie ihre Idee verwirklicht hat, wissen wir nicht. Es besteht keine Verpflichtung, uns zu informieren.“

Schätzungsweise fünf Prozent der Interessenten kamen zur Beratung vor Ort. Die ersten waren Antje Borchert und Jens Becker. Die Kunsttherapeutin stammt ursprünglich aus Bremen, der Regisseur und Drehbuchautor aus Berlin. Sie wollten bei ihrem Besuch in Klein Priebus sehen, wie das Paar dort lebt. „Das hat uns total begeistert“, erinnert sich der Filmemacher. Anfangs waren er und seine Frau auf Görlitz fixiert, weil die Oberlausitz – ganz im Gegensatz zu Berlin – viel Freiraum zum Gestalten biete.

Letztlich scheiterte es daran, daß sich keine passende Arbeit finden ließ. „Ich kann von meinen Filmen leben“, gibt Becker zu. Doch für seine Frau wäre wenigstens eine halbe Stelle nötig gewesen. Der Traum vom Leben im ländlichen Raum animierte das Paar, sich 2020 für das Projekt „Dein Jahr in Loitz“ zu bewerben. Dabei geht es darum, ein leerstehendes Haus in einen für alle offenen Ort zu verwandeln. Die Stadt an der Peene stellte das Gebäude inklusive Grundeinkommen und mietfreiem Wohnen zur Verfügung.

Den Wettbewerb gewann zwar ein anderes Tandem. Dennoch beschlossen Antje Borchert und Jens Becker, gemeinsam ein eigenes Vorhaben in Loitz zu verwirklichen. 42 und 58 Jahre alt, sagten sie sich: „Wann, wenn nicht jetzt!“ Sie sind inzwischen in die Stadt umgezogen und wollen ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus sanieren. Die untere Etage soll ebenfalls für Publikum offen sein, eventuell als Café mit Verkauf regionaler Produkte. Außerdem wollen sie eine Raumpionierstation für Vorpommern gründen.

Im Nordosten Deutschlands haben sich bereits zwei Ableger der Oberlausitzer Initiative gebildet: in West-Mecklenburg zwischen Lübeck und Schwerin sowie in einem kleinen Dorf in der Prignitz ganz im Nordwesten Brandenburgs. Auch dort geben Raumpioniere ihre Erfahrungen an Menschen weiter, die neugierig aufs Landleben sind. Eine weitere Anlaufstelle könnte es bald in Hoyerswerda geben.

Derweil freuen sich Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach, daß andere ihren Impuls aufnahmen und das gleiche Konzept weiterverfolgen. „Wir sind keine professionellen Berater, sondern zeigen einen ganz konkreten Landeplatz“, sagen sie. Das passiert au-thentisch, menschlich, ausgesprochen privat und mit fundiertem Wissen. In vielen Fällen wird die Frage nach freien Grundstücken zuerst gestellt. Allerdings: „Leute, die zu uns kommen, haben oft keine Ahnung, was bei einem Hauskauf auf sie zukommt.“

Tatsächlich stehen im dünn besiedelten Osten Sachsens reichlich Immobilien zu durchaus niedrigen Preisen leer. Jan Hufenbach schätzt ein, daß der Wunsch nach kompetenter Beratung riesig ist, gerade bei jenen, die bislang zur Miete wohnten. Makler und Hausverkäufer leisten dies jedoch nicht. In der Raumpionierstation Oberlausitz erhalten Kaufwillige persönliche Hinweise, worauf sie achten sollen, etwa genau hinzuschauen, wenn ein Haus im Hochwassergebiet angeboten wird.

Für sein Engagement erhielt das Unternehmerpaar aus Klein Priebus auch finanzielle Unterstützung, beispielsweise von der Ro-bert-Bosch-Stiftung, so zum Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen. Eine davon ist die „Landebahn für Landlustige“. Sie bringt Menschen zusammen, die bereits auf dem Land leben oder es sich vorstellen können. Am 18. September 2021 ist der Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau Kulisse für ein solches Netzwerktreffen.

Anett Böttger

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