Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Schwerter zu Pflugscharen

Von Holger Becker

Rein und raus auf fremdes Geheiß. Der Einsatz der Bundeswehr im Krieg in Afghanistan ist nach 20 Jahren Hals über Kopf beendet worden. Er hat zahlreiche Menschenleben gefordert – unter den Einwohnern Afghanistans wie unter den deutschen Soldaten. Und insgesamt laut offizieller Angaben 12,5 Milliarden Euro gekostet.

Besinnung? Deutschlands Regierung schickt nun noch mehr Soldaten ins westafrikanische Mali. Nach dem jüngsten Bericht des internationalen Friedensforschungsinstituts Sipri gab sie 2020 etwa 44 Milliarden Euro für Rüstung aus. Das war fast ein Drittel mehr als zehn Jahre zuvor. Und geht es nach den in Dauerschleife zu hörenden Predigten von Aufrüstungsministerin Ursula Kramp-Karrenbauer, doch endlich Washingtons Vorgabe nachzukommen und 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für ihren Etat aufzuwenden, werden die Ausgaben für das Militär fast bei 70 Milliarden Euro liegen.

Ich bin mir sicher: Ein großer Teil der Menschen in Deutschland glaubt nicht an den von Politik und Medien des Hauptstroms aufgebauten Popanz von der Bedrohung durch Rußland und neuerdings auch China, gegen die nur „Abschreckung“ und „Eindämmung“ (beides Begriffe aus der Mottenkiste des Kalten Krieges) helfen würden. Sie wären froh, wenn wenigstens ein größerer Teil des für Rüstung verpulverten Geldes eingesetzt würde, um die dringendsten Aufgaben bei der Modernisierung der materiellen und geistigen Infrastruktur in Deutschland anzugehen.

Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll. Bei den Gesundheitsämtern, die ihre Corona-Zahlen noch per Fax-Gerät melden? Bei den Kommunen, die wegen Mangels an Finanzen viele kulturelle Angebote streichen müssen? Bei den Zuständen in den durchökonomisierten und größtenteils privatisierten Kliniken und Pflegeheimen, wo Krankenschwestern und Pfleger Unglaubliches leisten, aber statt deutlich besserer Bezahlung nur wohlfeilen Balkonapplaus bekommen, von dem sie sich nichts kaufen können und so eher von der Politik und den Eigentümern ihrer zum großen Teil privatisierten Einrichtungen „verhöhnt“ werden als von ein paar Schauspielern, die immerhin mal frech über die Tischkante geblinzelt haben? Bei den Schulen, denen es an ausgebildeten Lehrern wie moderner Ausrüstung fehlt? Beim Schienennetz, das nach den Erfahrungen verheerender „Mehdornisierung“ grundlegender Ertüchtigung und auch der Ausweitung bedarf, um endlich einen größeren Teil der Warentransporte auf die Eisenbahn zu bringen und den Personenfern- und Nahverkehr auf ein zukunftsfähiges Gleis zu setzen?

Bei alledem: Das wichtigste ist das Leben. Im Falle eines Krieges insbesondere mit Rußland sind die Deutschen als erste tot. Und ihr Land wird, wie es Bertolt Brecht 1951 in seinem Karthago-Gleichnis formulierte, „nicht mehr aufzufinden“ sein. Das biblische Motiv von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden sollen, drückt eine Sehnsucht und eine politische Forderung aus, die heute mindestens so aktuell ist wie in den Zeiten des Kalten Krieges. Deutschland sollte seine wichtigste Aufgabe darin sehen, ihr nachzukommen.

zurück