Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Kennst Du den Oblomow?

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 69): Vom Leben mit Wolfgang Harich

Hochzeitsfoto von Anne und Wolfgang Harich Foto: privat
Hochzeitsfoto von Anne und Wolfgang Harich Foto: privat

Es gibt Menschen, deren Erscheinen im Raum wie ein Sonnenaufgang wirkt. Zu ihnen gehörte Anne Harich (1946 bis 2021). Die kleine, schmächtige Frau mit dem silberweißen Haar, das ihr schönes Gesicht mit den hohen Wangenknochen rahmte, zog alle Blicke magisch auf sich.

Den Philosophen und Literaturwissenschaftler Wolfgang Harich (1923 bis 1995) traf sie zum ersten Mal im Berliner Volkspark Friedrichshain am letzten Tag des Jahres 1985. Im November 1986 heirateten die Krankenschwester und der legendäre Intellektuelle, der ab 1957 mehr als sieben Jahre im Gefängnis gesessen hatte, weil er – zur Unzeit, wie er später selber sagte – die deutsche Einheit anstrebte. Harich sah sich dem Mißtrauen der DDR-Führung wie Verleumdungen sogenannter Dissidenten ausgesetzt, so in Stefan Heyms Roman „Collin“. Anne Harich hielt zu ihm.

Nach seinem Tod sorgte sie mit Umsicht und Konsequenz dafür, seinen Nachlaß zu sichern und archivalisch zu erschließen, was im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam geschieht.

Das machte die von Andreas Heyer herausgegebene große Harich-Ausgabe im Nomos-Verlag möglich. Sie ist inzwischen auf 14 Bände angewachsen und zeigt Harichs Werk in seiner ganzen Breite und Tiefe, angefangen bei seinen Arbeiten über Herder, Heine, Jean Paul, Lukacs, Gehlen und Hartmann über seine Schriften zur Logik, Dialektik und Ökologie bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Anarchismus und Nietzsche.

Über ihr Leben mit diesem Mann und die mit ihm durchfochtenen Kämpfe schrieb Anne Harich ihr Buch „Wenn ich das gewußt hätte…“

Wir veröffentlichen daraus im Einvernehmen mit ihrer Tochter Kathrin Angerer eine Passage – in der Hoffnung, damit wenigstens einen Abglanz der Leidenschaftlichkeit, Lebenslust, Klugheit und Warmherzigkeit dieser Frau geben zu können. Anne Harich starb am 22. Februar 2021 in Berlin.

Von Anne Harich

… Die Scheidung schleppt sich dahin, wir ringen um „Harmonie“ und haben manchmal Angst um uns. Als sich Harich zum festgelegten Scheidungstermin in die Littenstraße begab, war er der Meinung, als freier Mann zurückzukehren. Nach der Verhandlung wollten wir uns im Café am Alexanderplatz treffen. Unruhig verließ ich es, und wie ich so in Gedanken auf dem Platz zwischen den vielen Menschen herumirrte, hörte ich plötzlich seine laute Stimme durch die Menge rufen: Anne, ich bin noch nicht geschieden! Ich lief zu ihm, und er zog mich fest an sich.

Die Gegenseite war nicht erschienen. So etwas hätte sich Harich nie gewagt! Er brauche keinen Anwalt, hatte man ihn dort beschwichtigt, das alles ginge sehr schnell und unkompliziert. Beim zweiten Termin wurde ich als Zeugin geladen. Ich sollte eidesstattlich erklären, daß ich Harich liebe und ihm ein Kind schenken wolle. Dort erlebte ich den Rechtsanwalt der Gegenseite, Dr. Gregor Gysi, der mir andeutete, ob ich nicht schon ein bißchen zu alt dafür sei. Er mußte ein bedeutender Anwalt sein, da Harich seinen Namen schon zuvor mit einer gewichtigen Betonung aussprach.

Gysi, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen eine Zigarette, trat vor Beginn der Verhandlung an Harich heran. Sie standen einander dort zum ersten und zum letzten Mal im Leben gegenüber, und der junge Mann blies dem Älteren den Rauch ins Gesicht, der ihm mit artig herunterhängenden Armen erzählte, seinen Vater zu kennen. Schuldig, so lautete das Urteil, und Harich nahm es hin. Somit war die andere Seite berechtigt, ihn die Scheidungskosten allein tragen zu lassen, und Gysi sorgte dafür, daß Harich – ich weiß nicht mehr, wie lange – monatlich eine für seine Verhältnisse hohe Summe zur häuslichen Unterstützung arı die Zurückgelassene zahlen mußte. Etwas äußerst Ungewöhnliches damals. Gysis juristische Fähigkeit als Scheidungsanwalt konnte Harich nicht genug loben; nicht loben konnte er später dessen Wendigkeit als Politiker, auch wenn er öffentlich sich immer solidarisch zu ihm und der neuen Partei verhielt. Gysi schien das eher peinlich zu sein. Er hat von Harich nichts wissen wollen.

Trotzdem haben wir hinterher gelacht, erinnerst Du Dich? Auf dem Nachhauseweg hast Du die eine Zeugin nachgeäfft, die aus dem Deutschen Theater, die Du seit Jahren kanntest, hast mir vorgespielt, wie sie in theatralischer Weise die Richterin samt ihren Schöffen mit einem Gedicht von Schiller erfreute; und Du mußtest das Lachen zurückhalten; und die Parteisekretärin, die Freundin Deiner Frau, wußte genau zu berichten, wie harmonisch Deine Ehe war, ungeachtet Deines schwierigen und unsteten Charakters.

Und Du? Bist Du überhaupt gefragt worden? Mein Gott, was für eine Farce, aber eine rechtskräftige Farce! Hast Du Dich nicht an eine andere Zeit erinnert gefühlt? Du keinen Anwalt, und die Bank besetzt mit Zeugen gegen Dich? Ein spießiges Schauspiel, die ganze Sache! Doch die Strafe mit ihrem Ausmaß sollte uns treffen, und das war gelungen, und da verging uns dann das Lachen. Dennoch bin ich Dir nicht davongelaufen, schließlich besaß auch ich keinen Sparpfennig und lebte, wie Du, von einem Monat auf den anderen. Es gab ja immer wieder einen Lohn, und der war so sicher, wie es in jedem Monat einen fünfzehnten Tag gibt.

Mein Tagebuch soll mir beim Erinnern helfen, im Friedrichshainer Park am 16.6.1986: „… Meine Zuneigung besteht aus Verantwortung und dem starken Willen, diesen Menschen zu ergründen, in seiner Gedankenwelt wenigstens an der Tür zu stehen, um einen Einblick zu erhaschen, und ich muß es, weil diese Zuneigung, diese Liebe nur mit viel Feingefühl zu erhalten ist. Dieser durchaus schwierige, eigenwillige, komplizierte Charakter zwingt mich auf eine andere Ebene. Ich muß auf der Hut sein, damit ich nicht wieder in einen Sack gesteckt und nach Verwendung wieder verpackt werde. Ich will frei atmen können, das ist die einzige Möglichkeit, mich für immer und bedingungslos festzuhalten.

Notizen zu W. H.: Ich muß mir darüber im klaren sein und es mir immer wieder ganz sachlich und ohne Emotionen vor Augen führen: W. H. zu heiraten, mit ihm zu leben, das bedeutet, mit dem Rest einer ehemals randvollen Schiissel voll Leckereien auszukommen. Es bedeutet, im Schatten zu gehen! Es wird kein Leben, das sorglos, vergnügt und unbeschwert ist. Luxus wie ein Auto, ein Grundstück, Reisen, nichts davon. Ein geordnetes Leben, den Tag geplant! Ich werde auch allein nicht viel unternehmen, denn mit W. H. zusammensein, bedeutet, ein Kind hüten, es vor Gefahren bewahren, ihm die Angst zu nehmen.“

Harichs Welt und die meine prallten gar nicht so in ihrer Verschiedenheit aufeinander, wie es sich einige Leute vorstellen wollten oder es sich wünschten. Dummerweise ließen wir uns von ihnen stören. Was für behagliche Stunden lebten wir, wenn es nur etwas ruhig in und um uns wurde! Und wenn ich aus meinen Kinderjahren, in denen meine Himmel blau, meine Wiesen voller Blumen und die Menschen gut zu mir waren, erzählen konnte, dann war es zwischen uns so wohlig, als wäre diese längst verklungene Zeit unsere gemeinsame gewesen. Ich erzählte ihm, wie meine Mutter mit meinem Bruder und mir nach dem Krieg aus Schlesien in die Oberlausitz umgesiedelt und in einem Kantorenhaus untergebracht worden war; wie der Kantor mein Papa wurde und wie sein Zimmer mit vollen Bücherschränken ausgefüllt war, wie er am Schreibtisch saß und auf der Schreibmaschine Briefe schrieb, und wie ich ihn dabei stören durfte; wie er mich nachts in einen Leiterwagen steckte und mich zu Dr. Munde brachte, weil ich meinen Arm verstaucht hatte; wie er am Sonntag mit mir zu Zahnarzt Walter fuhr, weil ich unter Zahnschmerzen

litt; und wie ich später mitbekam, daß mein Papa nicht mein richtiger Papa war, und wie ich mich nicht mehr getraut habe zu ihm zu gehen, weil ich nicht wußte, wie ich ihn anreden sollte.

Ich erzählte ihm von meinem allerersten Freund Alexander, mit dem ich jeden Tag Hochzeit spielte, weil wir unbedingt, wenn wir groß wären, heiraten wollten; wie wir zusammen aufs Klo gegangen sind und ich ihm die Hose herunterzog und wie das Kindermädchen an die verschlossene Tür pochte und schrie, daß das, was wir da täten, Sünde sei; und wie Alexander dann 1957 mit seinen Eltern, die eine Schuhfabrik besaßen, nach dem Westen ging. Ich erzählte ihm von meiner allerbesten Freundin Karin, und wie wir während des Gottesdienstes ins Streiten darüber gerieten, wer von uns beiden die schöneren Salamander-Schuhe anhabe, die uns unsere Tanten aus dem Westen geschickt hatten, und wie wir laut dabei wurden, bis sich jemand zwischen uns setzte; wie wir nach der Schule über die Felder rannten, weil uns die Jungs nach dem Unterricht zu verdreschen drohten; wie wir uns die Lippen mit Himbeerbonbons rot rieben, weil wir uns endlich auch einmal küssen lassen wollten, und wie sie sich als junge Frau das Leben nahm. Ich erzählte ihm von meinem Bruder Peter, der, als ich geboren war, nicht mehr von meinem Bettchen wich und wütend wurde, wenn die Nachbarn kamen und fragten, lebt sie noch?, weil ich so mickrig aussah; wie er im Winter den eisernen Kanonenofen heizte, damit unsere Mutter, wenn sie aus der Fabrik nach Hause kam, nicht frieren mußte; wie er für uns eine Brotsuppe aus Wasser und Griebenschmalz kochte, weil wir Hunger hatten; wie er mich mitnahm, wenn er mit den großen Jungs Schneeschuh fuhr, und wie er später, als er nicht mehr bei uns wohnte, mir jedesmal, wenn er heimkam, etwas mitbrachte.

Ich erzählte ihm von meiner stillen und strengen Mutter, die manchmal auf der Mundharmonika spielte, und die mich nicht in die jugendfreien Filme gehen ließ, weil ich dort sehen konnte, wie man sich küßt; wie sie, wenn sie mich beim Lesen erwischte, ausschimpfte und sagte: Hör auf damit, du wirst noch ganz dumm davon; wie sie Jahre danach selber zu lesen anfing und sich dazu aufs Sofa legte und wie sie die kleine rosa Wandlampe anschaltete, und wie gemütlich mir das war, und wie sie mir sagte: Das mußt du auch mal lesen, das ist sehr schön geschrieben, und sie meinte damit Fontane und Hauptmann, Traven und Stendhal und andere mehr. Und wenn wir dann aufs Lesen zu sprechen kamen, erzählte ich Harich, daß ich immer das gelesen habe, was mir guttut, und nicht, was man gelesen haben muß, und daß es dabeibleiben würde.

Aber nach Harichs Auffassung sollte ein gebildeter Mensch ganz bestimmte Bücher der Weltliteratur kennen. Zu diesem Zweck hatte er vor vielen Jahren eine Autorenliste zusammengestellt, die er bei sich bietender Gelegenheit vorzugsweise dem weiblichen Geschlecht anempfahl. In seiner Auswahl stellte er vorrangig deutsche, russische, französische und englische Dichter nebeneinander auf, die aus einem Zeitalter stammten. Daraus lasse sich, so Harich, ersehen, welcher Zeitgeist in jener Ära geherrscht, welcher Dichter mit wem in seiner Zeit gelebt, wer auf wen und wie gewirkt hatte und wer von wem inspiriert worden war. Nach diesem Schema, das er von seinem Vater übernommen hatte, war seine philosophische, belletristische, historische und Sachbuch-Bibliothek sortiert, waren die Autoren nach ihren Geburtsdaten sorgfältig aneinandergereiht.

Gegen seine „Bücherliste“ kann ich keine Einwände finden. Aber ich wollte damals nicht nach seinen Auffassungen gebildet, angeleitet, ausgerichtet und zurechtgerückt werden; ich wollte nicht einer Bildungsroutine ausgeliefert sein, die ihm keinerlei Mühe bereitete und die er stets bei jeder Frau, ob nun Geliebte oder nicht, praktiziert hatte; ich wollte mich hier von den anderen unterschieden wissen; ich wollte keine Hausaufgaben machen müssen, ich wollte wenigstens an einem Platz in meinem Leben tun, was mir beliebt, und ich wollte mir das Vergnügen nicht verderben lassen, Bücher nach meinem Verlangen und nach meiner Lust aussuchen und für mich entdecken zu können; ich wollte nicht, daß mir hier jemand hineinredete. Ich verbat mir seine Vorschriften und Einmischungen, weil mich das grundsätzlich rasend macht. Allein deshalb fürchtete Harich meinen Widerstand gegen seine „Bücherliste“.

Aber es wäre vermessen, ich behauptete, seine Kenntnisse und Ratschläge wären mir lästig gewesen. Habe ich doch immer einen klugen Menschen neben mir vermißt, einen, den ich bedenkenlos fragen konnte, und der, ungeachtet meiner Unwissenheit, mich nicht für dumm erklärte. Fand mich Harich nun in Lektüre vertieft, die ihm nicht so vertraut war, umschlich er mich wie ein Kater und fragte scheinheilig, ob das, was ich da läse, auch interessant sei. Es geschah sogar, daß ich ihm eine Geschichte von Schnitzler, den er wenig gelesen hatte, vortragen durfte, was er eigentlich nicht ausstehen konnte. Die Erzählung gefiel ihm, er traute mir „Geschmack“ zu, und er beruhigte sich über mein unkontrolliertes Herumgeschmökere, das vielleicht doch nicht so verderblich sei.

Wissend um meine Vorliebe für Literatur, fragte er mich, ob ich den „Oblomow“ kenne. Ich kannte ihn nicht. Oh, raunte er, das ist etwas Wunderbares, den solltest du kennenlernen! Soll ich dir daraus etwas vorlesen? Ich sage ja, und durch Harich erfahre ich „Oblomows Traum“, und er stimmt mich ein auf einen der schönsten und ergreifendsten Romane. Ich lese und bin ganz für Oblomow, und ich lege das Buch erst beiseite, als es zu Ende ist. Und Harich genießt meinen Genuß und meine Freude an und meinen Kummmer um Oblomow, und wir reden die ganzen neun Jahre über Sachar, über Stolz und über Olga, über die Liebe und über uns, und wir liegen auf dem Sofa und oblomowieren, das heißt: Wir liegen rum und machen gar nichts, oder wir lesen miteinander oder hören Musik.

Er macht mir Mut zu Beethoven und Bach, und er schenkt mir die Kreutzersonate; wir hören sie uns an, und am Ende, wenn Violine und Klavier sehnsuchtsvoll ineinander verschmelzen, sagt Harich erleichtert: Siehst du, jetzt ist es ihm gekommen.

Beethoven kommt's dauernd…

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