Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Gänsehaut“-Momente

Wie Kraniche die Elbaue besiedelten und trotz rarer Brutplätze blieben

Ein Trupp von Nichtbrütern bei der Nahrungssuche in der Elbniederung
Ein Trupp von Nichtbrütern bei der Nahrungssuche in der Elbniederung, die sich in solchem Schwarm auch ihre Partner suchen Foto: Wolfgang Lippert

Von Wolfgang Lippert

Auch mir macht es keinen Spaß, immer nur über negative Entwicklungen in unserer heimischen, altmärkischen Kulturlandschaft, über den Niedergang in unserer Tierwelt zu berichten. Deshalb heute nun ein erfreulicher Text: Als ich nach dem Krieg damit begann, an der Elbe Vögel zu beobachten, gab es zwar Stockenten in Größenordnungen. Da habe ich im Spätherbst und Winter zwischen Tangermünde und Grieben schon gelegentlich an einem Tag 5.000, ja sogar bis knapp 10.000 Stockenten in den Buhnenfeldern gezählt.

Ja, solche Mühe hat man sich als junger Mensch zu jener Zeit gemacht, um Vergleichs-zahlen für spätere Jahre zu haben.

Dafür waren kaum nordische Gänse in der Feldmark. Höcker- und Singschwäne beobachtete ich erst dann, wenn es sehr, sehr kalt wurde, kurz vor der Vereisung der Elbe. Dann zogen sich die Schwäne immer weiter elbaufwärts, verblieben dort, wo die Elbe noch nicht „stand“, wo offenes Wasser und der Fluß nicht zugefroren war.

Erste Seeadler hatte ich ab 1954 an der Elbe südlich Tangermünde beobachtet, dann in den Folgejahren, ab 1955, die erste westelbische Brut-Ansiedlung im Forst Briest bei Tangerhütte und Weißewarte. Weitere Großvögel, wie Graureiher, Störche, Kraniche usw. waren sehr selten in der Elbaue zu sehen. Ich erinnere mich noch, wie mir die ersten Kraniche im Süppling, am Brutplatz bei Weißewarte, gezeigt wurden. Dazu mußte ich im Dunkeln sieben Kilometer mit dem Fahrrad (mit Beleuchtung) durch den Wald von Grieben nach Weißewarte fahren, dann weiter in den Süppling.

Entdeckung im Morgengrauen
Dort standen wir nun in der frühen Dämmerung in Deckung auf einem sehr nassen Weg im Erlenbruch, die beiden älteren Neffen von Oberförster Großgebauer aus Weißewarte und Fritz Müller, ein weiterer, damals junger Naturinteressierter und warteten.

Dann plötzlich, beim ersten Hellwerden, gar nicht weit von uns entfernt, begann das Kranich-Brutpaar sehr, sehr laut mit den Trompeten-Rufen. Sie standen auf der Groblebener Wiese, die durch das Abgraben von Raseneisenerz eine Senke hatte, in der knietief Wasser stand. Dort übernachtete das Paar und war sicher vor dem Fuchs. Ich weiß nur noch, daß ich „Gänsehaut“ vor Begeisterung bekam, daß ich das erleben durfte. Die Kraniche selbst erkannte ich nur als Schatten durch mein Fernglas. Immer wieder waren sie von Erlen verdeckt. Dort, in dem feuchten Erlenbruch, haben sie später auch gebrütet.

Mir als Jüngstem wurde dann erklärt, daß auf diese Weise Kraniche jeden Morgen „den Tag und die Sonne begrüßen“. Diese vermenschlichte Betrachtungsweise von Tierverhalten war zu damaliger Zeit so üblich.

Heute, im Zeitalter der Verhaltenswissenschaft und meiner Ausbildung als Ethologe, hat man eine ganz pragmatische Erklärung für dieses morgendliche Rufen: Das Kranich-Paar gibt damit anderen Paaren kund, die in Hörweite übernachtet haben, daß sie die Nacht unbeschadet überlebt haben, sie kein Freßfeind erbeutet hat und dieser Brutplatz weiterhin besetzt ist. Wer es wagt, an diesen idealen Brutplatz heranzukommen, wird angegriffen und verjagt.

In jenen Jahren nach dem Krieg wurde der Brutpaar-Bestand der Kraniche in der DDR auf 200 bis 400 Brutpaare geschätzt. Das war zu der Zeit, als Helmut Drechsler das Buch „Die Kraniche vom weißen Lug“ herausgebracht hat, in dem inhaltlich aber mehr über seine Mühen geschrieben ist, nahe genug an ein Nest mit einem brütenden Paar heranzukommen. Vieles ist mehr „sagenumwoben“ dargestellt, weniger naturwissenschaftlich, aber, es ist spannend und gut geschrieben und es „fesselt“ junge Naturinteressierte auch heute noch. Das hat uns damals geprägt.

Als ich 1965 von Prof. Dathe, der in der DDR-Kommission der „Vom Aussterben bedrohten Tierarten“ mitwirkte, neue Zahlen erfuhr, wurde der Brutbestand mit 400 bis 500 Brutpaaren angegeben.

Dann, etwa um 1982 / 83, war der Brutbestand des Kranichs in der DDR, dank gutem, auch internationalem Naturschutz, bereits auf 1.000 Brutpaare gestiegen. Im Gedächtnis ist mir geblieben, daß sich in dieser Zeit die ersten fünf Brutpaare im Bezirk Rostock, also im ostseeküstennahen Bereich angesiedelt haben.

Brüten wie am Fließband
Ab 1990 gab es erstmalig mehr brutwillige Paare als Brutplätze, weil man viele kleinräumige Flächen, wie Sölle und feuchte Senken, in denen im Frühjahr Wasser stand, im Zuge der Groß-Melioration trockengelegt hatte.

Die allerletzten Zahlen von 2009 schätzen den Brutpaarbestand auf 7.000 bis 8.000 für den Nord-Osten Deutschlands. Wie konnte sich der Brutvogel-Bestand so schnell und stark erhöhen?

Wegen fehlender Brutplätze kommt es seit längerem sogar zu „Schachtelbruten“. Diese Schachtelbruten täuschen „Zweitbruten“ vor. Wie oben beschrieben, verteidigt ein Brutpaar seinen Brutplatz. Wenn es aber dort erfolgreich gebrütet hat, führt das Brutpaar die erbrüteten Jungen in einen „Nahrungsraum“, also weg vom Brutplatz, den das Brutpaar nun verteidigt.

Nach der Brutzeit wird also die Brutplatz-Fläche vom Brutpaar nicht mehr als Revier verteidigt. Dann zieht nach der erfolgreichen ersten, frühen Brut ein zweites brutwilliges Paar in die Brutplatz-Fläche ein. Es ist beobachtet worden, daß das abziehende Paar mit den Jungen in eine Richtung abwandert, und von der anderen Seite kommt das neue Paar. Die Paare gehen sich aus dem Wege, als wolle man Streit vermeiden, wenn man das wieder so „vermenschlicht“ schildert. Dieses zweite Paar brütet also später, aber ebenfalls erfolgreich, und so hat sich der Brutbestand so schnell und so stark erhöht.

Deshalb sieht man bei uns in der Altmark an den Kranichbrutplätzen immer in einiger Entfernung mindestens ein zweites brutwilliges Paar herumstehen, daß nur darauf wartet, daß nach erfolgter Brut und dem Abwandern des Paares mit den Jungen ins Nahrungsrevier, dann dort ebenfalls zur Brut zu schreiten. Die Brutvögel verständigen sich durch lautes Rufen untereinander, wo man sich gerade befindet. Sie müssen an der Stimme die einzelnen Vögel und Brutpaare erkennen, was wir Menschen, wir Beobachter nicht können.

Nun kann der internationale Naturschutz erstmalig am Beispiel der Zunahme der Kranich-Population Erfolge verbuchen. Das betrifft auch den erfolgreichen Schutz an den Rastplätzen während des Zuges in den einzelnen europäischen Ländern, wo Kraniche durchziehen und auch im Überwinterungsraum in Spanien und Nordafrika.

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