Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Für aufgelockerte Bebauung

Berlin-Mahlsdorf: Initiative protestiert gegen Wohnungsbauprojekt des Senats / Interview

Simulation: Mehrfamilienhäuser in der Bisamstraße Illustration: Bürgerinitiative
Simulation: Mehrfamilienhäuser in der Bisamstraße Illustration: Bürgerinitiative

Wie verläßlich muß Politik bei Bebauungsplanungen sein? Diese Frage hat im Berliner Ortsteil Mahlsdorf in kürzester Zeit hunderte Menschen zur Gründung einer Bürgerinitiative aktiviert. Zwischen der Bisamstraße und der Stralsunder Straße, an der Landesgrenze zu Brandenburg liegt inmitten einer Einfamilienhaussiedlung das noch unbebaute Herzstück, etwa zehn Hektar groß. Die Grundstücke sind seit Jahren fertig parzelliert und für eine Einfamilienhausbebauung baureif gemacht. Doch statt Ein- und Zweifamilienhäusern will der Berliner Senat und seine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft degewo dort größere Mehrfamilienhäuser bauen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung möchte mehr Wohnraum schaffen und hat die degewo aufgefordert, das Baukonzept neu zu entwickeln. Entgegen des aktuell gültigen Bebauungsplans sollen u.a. rund 335 neue Wohnungen im mehrgeschossigen Wohnungsbau entstehen. Die im Februar 2021 gegründete Bürgerinitiative kritisiert die geplante Bebauung. Die degewo plane eine wesentliche Verdichtung, so die Bürgerinitiative, und die geplanten Wohneinheiten hätten sich verdreifacht. Bei einem Dialog-Treffen mit der degewo hätten die Anwohner häufig keine Antwort auf Detailfragen erhalten. Vieles blieb im Vagen und ein Alternativkonzept sei von der degewo gar nicht vorgestellt worden. Was nun?

Dazu fragten wir Kristina Reidemeister , eine der Initiatoren der Bürgerinitiative. 

Es ist doch gut, daß Wohnungen gebaut werden, um die Wohnungsnot zu lindern? Warum ist Ihre Bürgerinitiative gegen das degewo-Projekt?
Die Bürgerinitiative ist nicht gegen die Schaffung neuer Wohnungen. Daß eine Bebauung stattfindet, ist und war allen Beteiligten klar. Allerdings gingen alle davon aus, daß die Grundstücke einzeln vergeben werden und damit eine aufgelockerte Wohnbebauung mit kleinteiliger Einzelhausstruktur entsteht. Hierauf ist auch die Infrastruktur vor Ort ausgelegt, Straßen, Schulen, Kitas, Grünflächen, Parkplätze. Daß jetzt ein Großinvestor in öffentlicher Hand das 10-Hektar-Areal weitestgehend zentral bebaut, war nie im Gespräch. Wer 10 Hektar zur Verfügung hat, kann mit jedem Bebauungsplan den gesamten Typus eines Gebietes verändern. Das degewo-Projekt in der vorgestellten Form wird nach unseren Erkenntnissen und Erfahrungen so nicht funktionieren. Wir sehen in der Verdichtung das begründete Risiko, daß das unmittelbare Umfeld und die Infrastruktur in Mahlsdorf einerseits noch mehr beansprucht werden, aber andererseits nicht ausgebaut werden und teilweise auch nicht ausgebaut werden können.

Warum paßt die neue degewo-Planung städtebaulich und infrastrukturell nicht in das Umfeld?
Mahlsdorf bildet mit Kaulsdorf und Biesdorf eines der größten deutschen Ein- und Zweifamilienhausgebiete. Die geplanten Mehrfamilienhäuser mit ca. 18 mal 18 Meter Grundfläche verändern den Siedlungscharakter signifikant und haben mit den in der Begründung zum Bebauungsplan definierten Zielen einer aufgelockerten Wohnbebauung, kleinteiliger Einzelhausstruktur und einem Wohngebiet mit Gartenstadtcharakter nichts zu tun.

Die Begründung stellt auf mehreren Seiten dar, daß dieses Gebiet und damit der Bebauungsplan nur dann funktionieren, wenn die Bebauung weniger stark verdichtet ist. Ein Beispiel ist die selbst für Berliner Verhältnisse deutlich zu geringe Naherholungsfläche. In der B-Plan-Begründung wird dies nur deshalb als duldungsfähig beschrieben, da Einfamilienhäuser über einen Garten verfügen und jeder Anwohner damit selber etwas zur persönlichen Naherholungsfläche beiträgt.

Wenn man jedoch statt Einfamilienhäuser mit Gärten Mehrfamilienhäuser mit Stellplätzen baut, widerspricht das den Abwägungen in der B-Plan-Begründung, auch wenn es der textlichen Festsetzung des B-Plans gerade so noch entsprechen sollte.

Eine Erhöhung der Einwohnerzahl trifft auf eine unzureichend ausgebaute Infrastruktur. Das betrifft nicht nur die Straßen, die für die hohe Anzahl zu erwartender, zusätzlicher Autos nicht ausgelegt sind. Nach unseren Simulationen sind zugeparkte Straßen in einem größeren Umkreis zu erwarten. Dies wird auch den fließenden Verkehr beeinflussen: Rettungsfahrzeuge, Lieferdienste, Müllabfuhr werden sich jeden Tag durch das sehenden Auges entstandene Großraumnadelöhr kämpfen.

Aber auch für Einrichtungen wie Schule oder Kita, die bereits heute deutlich über der Kapazitätsgrenze betrieben werden, ist keine Lösung absehbar, wie man den durch die Wohnraumverdichtung absehbaren zusätzlichen Zuzug von Kindern bewältigen kann. Das Problem zieht sich durch alle Schichten. Wer als Zugezogener erkrankt und versucht, es in den Kundenstamm eines lokalen Arztes zu schaffen, erkennt schnell, daß mit „unzureichender Infrastruktur“ nicht nur Schulen und Parkplätze gemeint sind.

Gleiches gilt für den Berufsverkehr per S-Bahn oder Bus. Zu den Stoßzeiten sind die Verkehrsmittel bereits heute überfüllt.

Aus unserer Sicht verlieren hier alle Beteiligten: Anwohner, für die sich die aktuelle Situation nicht bessert; Zugezogene, die auf Kitaplatz oder Arzttermin hoffen; und das Image der entscheidenden Instanzen bei degewo, Bezirk und Senat, die den alten und zukünftigen Anwohnern das Gefühl geben, daß es im geplanten Projekt nur stumpf darum ging, Wohneinheiten zu erzeugen, um die Wahlkampfziele zu erreichen. Zumal bei uns der Eindruck entstanden ist, hier seien nicht mal entsprechende Abwägungen vorgenommen worden.

Was sind Ihre Ziele? Was fordern Sie?
Unsere Ziele sind: Realisierung der im Bebauungsplan vorgegebenen aufgelockerten Bautypologie, die sich an der direkten Umgebung orientiert (grundsätzlich Einzelhäuser, Doppelhäuser, Reihenhäuser); Erhalt des Gebietscharakters; keine Überforderung des Wohngebietes durch 324 neue Wohneinheiten, mit Blick auf die Umgebung wäre das ein Großprojekt.

Wie hat die landeseigene Wohnungsgesellschaft degewo auf Ihre Bürgerinitiative reagiert. Gibt es einen Dialog mit Ihnen und wie sieht er aus?
Es gab einen Termin am 10. März 2021, an dem wir teilgenommen haben; neben der Bezirksbürgermeisterin, weiteren Vertretern des Bezirksamtes und weiteren. Die Bürgerinitiative hat direkt im Anschluß um ein Gespräch gebeten – bis heute gab es mit der degewo keinen weiteren Austausch.

Die degewo schreibt auf Ihrer Homepage: „Wir verstehen Partizipation als ganzheitlichen Prozeß, der von Information, Mitarbeit, Toleranz und Kooperation geprägt ist. Es ist uns wichtig, daß die Beteiligten von Anfang an dabei sind, denn Unsicherheiten entstehen oft durch Wissenslücken.“ Bestätigen können wir das als Beteiligte allerdings nicht.

Was erwarten Sie jetzt von der Politik, insbesondere vom Berliner Senat und vom Bezirk?
Wir erwarten vor allem Verläßlichkeit von der Politik. Man kann nicht plötzlich Planungen um 180 Grad ändern und von allem abrücken, was Grundlage eines jahrelangen Abwägungsprozesses war. Wir erwarten, daß schnellstmöglich die Abstimmungen zwischen degewo, Bezirk und Senat wieder aufgenommen werden, mit Beteiligung der Bürgerinitiative.

Wir erwarten gemeinsame Planungsgespräche mit der degewo, da keiner die Besonderheiten des Wohngebietes besser kennt als die Anwohner selber.

Wir erwarten ein Pausieren der Ausschreibung für einen Generalübernehmer, bis alle offenen Punkte geklärt sind.

Wir erwarten eine deutliche Reduzierung der Wohneinheiten im degewo-Plan.

Wir erwarten, daß die ursprünglichen Planungsziele des Bebauungsplans eingehalten werden und eine angemessene und verträgliche Wohnbebauung umgesetzt wird. Dazu gehören auch soziale und kulturelle Bedürfnisse, Umweltschutz, Naturschutz und Landschaftspflege, kurz: die Entwicklung eines Wohngebietes mit Gartenstadtcharakter, das in seiner Art die in der B-Plan-Begründung aufgeführten Abwägungen und Erläuterungen nicht torpediert.

Fragen: Frank Hufnagel

 

 

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