Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Der „Heftpflaster-Fall"

Auf der Spur (Folge 3): Als ein Vergewaltiger auch in Berlin-Biesdorf sein Unwesen trieb

Mit einem Phantom-Bild in der Ausgabe 13/1985 der „Kriminalistischen Informationen“ wurde in der DDR nach dem Täter im „Heftpflaster“-Fall gefahndet. Die Blätter gab die Hauptabteilung Kriminalpolizei beim Ministerium des Innern an alle Kripo-Di
Mit einem Phantom-Bild in der Ausgabe 13/1985 der „Kriminalistischen Informationen“ wurde in der DDR nach dem Täter im „Heftpflaster“-Fall gefahndet. Die Blätter gab die Hauptabteilung Kriminalpolizei beim Ministerium des Innern an alle Kripo-Dienststellen in der DDR zur Information über die Suche nach Tätern oder deren Verhaftung heraus

Von Frank-Rainer Schurich

Der Wuhletalwanderweg von Ahrensfelde bis zur Mündung der Wuhle in die Spree in Köpenick ist ein Geheimtip – gerade in Coronazeiten. Man kann klimaneutral bis zum S-Bahnhof Ahrensfelde fahren und dann immer an der Wuhle entlang Richtung Süden wandern. Natur pur mitten in der Großstadt. In Biesdorf-Süd, nahe der Geschäftsstelle des VDGN in der Irmastraße, verbreitert sich die Wuhlefläche, und das so entstandene kleine Gewässer nennt sich Wuhlesee. Zu Zeiten der DDR umschrieb man den See mit Wuhlebecken. Und in dieser idyllischen Landschaft beginnt unsere Geschichte am 24. August 1985, und plötzlich sind wir mittendrin in einem unheimlichen Kriminalfall.

Es war ein Sonnabend und ein großer Sommertag gewesen. Für die Besitzerin des Wohnwagens am westlichen Rand des Wuhlebeckens aber war es zudem ein unvergeßlicher Tag. Margarete Lohmeier, Ende vierzig, hatte vor Jahren den Holzwagen auf einem kleinen Grundstück aufstellen und aufbocken lassen, an einem unbefestigten Weg zwischen Gerald- und Hadubrandstraße. Seither verbrachte sie in der Saison oft ihre Wochenenden oder gar den ganzen Urlaub hier, wenn das Wetter es zuließ. Sie wohnte im Berliner Hans-Loch-Viertel und hatte am Freizeitdomizil sogar eine Postadresse: 1144 Berlin, Köpenicker Wiesenparzelle 3. Es war, fand sie, nicht nur ein sehr schönes Fleckchen Erde, es war bisher noch nichts passiert, so daß sie sich als alleinstehende Frau sicher fühlen konnte.

Margarete Lohmeier hatte wohl vergessen, die Gardine am Fenster des kleinen linken Raumes zuzuziehen. Sie wollte ins Bett gehen, hatte sich ausgezogen und wusch sich am Waschbecken mit freiem Oberkörper. Vom Weg aus, der ungefähr in 15 Meter Entfernung parallel zum Wohnwagen verlief, war der hellerleuchtete Raum einsehbar, denn nur ein paar relativ junge Obstbäume bevölkerten die Fläche zwischen Wagen und Weg.

Gegen 22.10 Uhr hörte sie ein unheimliches Knacken; sie schloß daraus, daß jemand den Anbau betreten hatte. Sie hielt sich das Handtuch vor die Brust und steckte ihren Kopf vorsichtig durch den Perlenvorhang der ansonsten geöffneten Tür, aber es war niemand zu sehen.

Etwa zwei Minuten später sprang ein maskierter Mann in das kleine Wohnwagenstübchen, in dem Margarete Lohmeier am Waschbecken stand. Die Hände des Monsters steckten in OP-Handschuhen, und in der rechten Hand hielt es ein Messer. Sie schlug mit dem Handtuch auf den Eindringling ein – sie schöpfte ihre Kraft aus dem Gefühl, nicht hilflos ausgeliefert zu sein, denn die Nachbarn waren auch noch auf an diesem schönen Abend.

Entnervt gab der Mann nach kurzer Zeit auf. Er huschte hinaus. Margarete Lohmeier hörte schnelle, sich entfernende Schritte auf dem Holzboden des Vorbaus. Dann wich langsam das tödliche Grauen.

Die Kriminalisten fanden keine verwertbaren Spuren, nur eine vage Personenbeschreibung konnte die Geschädigte geben. Was Frau Lohmeier nicht wußte: Die Kriminalpolizei suchte zu diesem Zeitpunkt einen Serienvergewaltiger, der in Ostberlin unterwegs war und später seine Verbrechen ins östliche Berliner Randgebiet, also in den damaligen Bezirk Frankfurt (Oder), verlagerte.

Am 17. April 1985 hatte er das erste Mal zugeschlagen. Die ersten drei Tatorte waren sehr weit voneinander entfernt, so daß kein räumlicher Zusammenhang auszumachen war. Auch der Charakter der Örtlichkeiten unterschied sich erheblich: Kinderkrankenstation in Berlin-Buch, Einfamilienhaus in Köpenick, Kinderheim mit Nachtpersonal; das Alter der Opfer ließ ebenfalls nur die allgemeine kriminelle Zielrichtung „Vergewaltigung von Frauen“ erkennen (25 Jahre, 70 Jahre, 45 Jahre). Schnell bekam der unbekannte Täter den Namen „Heftpflaster“, der eine Kurzbezeichnung seiner Begehungsweise war. Un-ter Ausnutzung der Dunkelheit drang er in

Räumlichkeiten ein, in denen Frauen allein schliefen. Er bedrohte sie mit einem Messer, knebelte sie, verklebte ihnen Augen und Mund mit Heftpflaster, fesselte und vergewaltigte sie. Teilweise zerschlug er Fensterscheiben oder stieg durch Fenster ein. Die Opfer waren 19 bis 78 Jahre alt.

Die Tatorte lagen alle im Parterre oder Hochparterre, denn bevor „Heftpflaster“ zuschlug, beobachtete er im Schutz der Dunkelheit die Gegebenheiten und sah viele Abende in die erleuchteten Fenster. Schon mit der vierten Straftat präzisierten sich die Vorstellungen von „Heftpflaster“. Am 11. August 1985 gelang es dem Opfer im Schwesternwohnheim des Krankenhauses Kaulsdorf, Wohnung 109, sich von der Fesselung zu befreien und dem Täter die Maskerade vom Gesicht zu reißen. Eine Straßenlaterne spendete dem schrecklichen Drama ihr blau-bleiches Licht, und die junge Frau sah für einen Moment das wahre Gesicht ihres Peinigers, der mit seinen Friktionen kurz innehielt, um das Opfer danach noch brutaler zu verletzen. Er schlug wild auf sie ein. Vielleicht kam sie deshalb mit dem Leben davon, weil es ihr in dem Getümmel gelang, aus dem Zimmer zu flüchten. Und möglicherweise war „Heftpflasters“ Messer doch nicht nur zur Abschreckung und Einschüchterung seiner Opfer mitgebracht worden!?

Dieses Gesicht jedenfalls hatte sich bei ihr unsterblich eingeprägt, so fest, daß man annehmen konnte, es würde, wenn es möglich wäre, als Erinnerung den Tod überdauern. Diese Sekundenaufnahme war es dann auch, die eine passable Personenbeschreibung lieferte und ein Phantom-Bild, das zu Fahndungszwecken gut nutzbar erschien.

Für die Kaltschnäuzigkeit und Brutalität des Täters war sein Eindringen in eine Parterrewohnung in der Wilhelm-Guddorf-Straße südlich der Frankfurter Allee im Berliner Bezirk Lichtenberg charakteristisch. „Heftpflaster“ wußte aus tagelangen Beobachtungen, daß der Hausmeister und Heizer einer nahegelegenen Schule zur Arbeit ging, während seine Frau noch fest schlief. Am 18. Dezember 1985 überfiel und vergewaltigte er sie in der ihm eigenen Begehungsweise. „Heftpflaster“ wurde aber auch diesmal nicht gestellt.

Beim Versuch, in ein Haus in Neuenhagen einzudringen, konnte „Heftpflaster“ schließlich verhaftet werden. Der Festgenommene hieß im normalen Leben Heinz R. und war ein vorbestrafter Einbrecher, der seinen „Kick“ brauchte. Er führte als Tischler ein ganz unauffälliges Leben und lebte mit einer Partnerin zusammen, die in ihrer späteren Vernehmung sein Sexualleben als ganz normal bezeichnete.

Über ein Jahr später stand Heinz R. vor dem Stadtbezirksgericht Berlin-Marzahn und wurde zu einer Freiheitsstrafe von fünfzehn Jahren verurteilt.

1998 kam er wieder auf freien Fuß; ein Jahr später verhaftete man ihn in Magdeburg wegen weiterer Vergewaltigungen. Er konnte es nicht lassen …

Für die Reihe „Polizeiruf 110“ des DDR-Fernsehens schrieb Manfred Mosblech eine Folge unter dem Titel „Der Mann im Baum“. Die Geschichte lehnte sich an den Fall „Heftpflaster“ an. Aber einiges war verfremdet worden, vieles neu erzählt, und im Baum hatte Heinz R. wohl nie gesessen ...

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