Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wenn es dunkel wird

Blackout-Gefahr fürs Stromnetz, Nordstream und die „Energiewende“

Drei Höchstspannungsleitungen
Foto: Adobe Stock / Fabian

Von Holger Becker

Was haben Sie am 8. Januar 2021 um 14.05 Uhr getan? Kaum jemand wird auf diese Frage sofort eine Antwort wissen. Doch wer in Ländern lebt, die zum europäischen Verbundsystem für die Stromversorgung gehören, der wäre fast dazu verdammt worden, diesen Zeitpunkt seines Lebens nie zu vergessen. Denn da war der „Blackout“ nicht mehr weit, der Ausfall des gesamten Stromnetzes. In einem großen Teil Kontinentaleuropas wären die Lichter ausgegangen und die Steckdosen saftlos geworden.

Havarie in Kroatien
Was ist passiert? Soweit bisher bekannt, löste eine Fehlfunktion in einer Umspannanlage im kroatischen Ernestinovo eine Kaskade von Reaktionen im System aus, bis hin zum Ausfall mehrerer Höchstspannungsleitungen nach Ungarn, Bosnien-Herzegowina und Serbien. Innerhalb von 50 Sekunden teilte sich das europäische Verbundsystem in zwei Gebiete auf, einen südöstlichen Teil, der plötzlich einen Überschuß an Erzeugungsleistung von 6,3 Gigawatt (GW) hatte, und einen bis hoch nach Dänemark reichenden nordwestlichen Teil, in dem 6,3 GW fehlten, was in etwa der Leistung von sechs großen Kernkraftwerken entspricht. Das führte im Südosten zu einem Anstieg der Frequenz, in der die Polarität der elektrischen Spannung wechselt, auf bis zu 50,6 Hertz (Hz), wäh-rend die Frequenz im Südosten zeitweise auf 49,74 Hz fiel. Im Normalzustand unseres Wechselstromnetzes sind es 50 Hz.

Ganz nahe dieser Frequenz schwingen die Turbinen der Kraftwerke. Leichte Schwankungen der Frequenz im Netz, in dem zu jeder Sekunde immer exakt soviel Strom erzeugt werden muß, wie verbraucht wird, gibt es immer. Die über das Netz miteinander synchronisierten Turbinen gleichen das aus, indem sie schneller oder langsamer laufen. Wirkliche Probleme treten auf, wenn aufgrund des plötzlichen Ausfalls von Erzeugungsleistungen oder einer sprunghaften Zunahme des Verbrauchs die Frequenz unter einen bestimmten Wert sinkt. Dann müssen blitzartig Gasturbinen- oder Pumpspeicherwerke angefahren werden, um sogenannte Regelleistung zu erbringen, d.h. die Netzfrequenz in Richtung 50 Hz steigen zu lassen. Gelingt das nicht, kommen „Lastabwürfe“ auf die Tagesordnung, das heißt, es werden stufenweise große Verbraucher oder ganze Regionen abgeschaltet. Ab einem Wert von 47,5 Hz werden die Kraftwerke, die ansonsten enorme Schäden erlitten, vom Netz genommen. Dann wird es überall dunkel.

Abschalten als Rettung
Am 8. Januar kam es glücklicherweise nicht dazu. Es gelang, innerhalb einer Stunde das Gesamtnetz zu synchronisieren und die Trennung zwischen Südost und Nordwest aufzuheben. Dazu mußte in Frankreich und Italien großen Industrieanlagen der Saft abgedreht werden, während in einigen Ländern Pumpspeicherwerke und Gasturbinen in Sekundenschnelle anliefen. Die deutschen Medien berichteten – ganz anders als beispielsweise in Österreich – sehr verhalten oder gar nicht über den Vorfall, von dem die Verbraucher im Lande zum Glück nichts spürten. Aber er signalisiert ein großes Problem.

Die Stromnetze stehen zunehmend unter Streß. Situationen wie am 8. Januar hat es in den letzten Jahren öfter gegeben – so allein an drei Tagen im Juni 2019, als im deutschen Netz jeweils ca. 6 GW Leistung fehlten. Damals wurden dafür Neuerungen bei der Bildung des Strompreises verantwortlich gemacht. Aber es gibt noch ganz andere Gefährdungsgründe, die jeder sogar mit eigenen Augen sehen kann – in Gestalt von Windrädern und Photovoltaikanlagen.

Mit Importen durch die Flaute
Rund 56 Prozent des Stroms in Deutschland stammen derzeit durchschnittlich aus den sogenannten Erneuerbaren Energien. Und dieser Anteil soll im Zuge der „Energiewende“ auf 100 Prozent wachsen. Existieren heute zwei Millionen dezentraler Anlagen, die unabhängig von herkömmlichen Kraftwerken Strom erzeugen, sollen es in Zukunft sechs Millionen sein. Das Netz gerät damit immer mehr in Abhängigkeit vom Wetter. Wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint oder beides eintritt – man spricht im letzteren Fall von einer „Dunkelflaute“ – geht die Erzeugerleistung schlagartig zurück. Das muß augenblicklich ausgeglichen werden. Denn, wie gesagt, die Netzstabilität hängt davon ab, Stromangebot und Stromverbrauch jederzeit in der Waage zu halten.

Doch je mehr Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke mit ihren synchron laufenden Turbinen abgeschaltet werden, desto schwerer fällt es, unter den derzeitigen technischen Bedingungen, die Sache zu regeln. Denn aus Wind und Sonne erzeugter Strom kann bisher nicht nennenswert gespeichert und bei Bedarf verfügbar gemacht werden. Ein starkes Abfallen der erzeugten Leistung wird deshalb vor allem mit Stromimporten aus anderen europäischen Ländern ausgeglichen. Die Hauptbezugsquelle für Deutschland in solchen Fällen sind derzeit die französischen Kernkraftwerke. Und der Umfang der Strom-importe nach Deutschland nimmt zu – von 2019 auf 2020 um 36 Prozent.

Wer auf die Gefahren hinweist, die unter den jetzigen technischen Gegebenheiten im weiteren Ausbau der sogenannten Erneuerbaren Energien liegen, wird sehr schnell in die rechte Ecke gestellt. Das ändert aber nichts an den genannten Tatsachen. Auch das Statistische Bundesamt benennt als Ursache für die wachsenden Stromimporte den sinkenden Anteil von Kohle- und Kernkraftwerken an der Stromerzeugung in Deutschland. Insbesondere bei Windstille oder Dunkelheit sei zur Deckung des Bedarfs Strom importiert worden, hielten die Statistiker für das erste Halbjahr 2020 fest.

Doch auf Dauer wird das so nicht funktionieren. Auch andere Länder sind dabei, die Zahl ihrer konventionellen Kraftwerke stark zu verringern und mehr Strom aus Wind und Sonne zu gewinnen. Frankreich, wo viele der derzeit 57 Kernkraftwerke nach und nach ihre Altersgrenzen erreichen, will 14 Meiler bis zum Jahre 2035 stillegen. Oder nehmen wir Polen. Unser östlicher Nachbar reduziert den Anteil des Kohlestroms an der Gesamterzeugung bis 2030 von heute ca. 75 Prozent auf 56 Prozent. Damit fallen im gesamten Netz immer mehr Regelenergie liefernde Turbinen weg. Die Wetterlagen in den verschiedenen Ländern aber sind oft die gleichen, so daß leicht mal über Ländergrenzen hinweg alle für die Nutzung der Windkraft konzipierten Räder stillstehen können und transnational tiefer Schatten auf den Solarmodulen liegt.

Hoffnung auf Wasserstoff
Hoffnungen für die Zukunft wird derzeit darauf gesetzt, per „Wasserstofftechnologie“ den Wind- und Solarstrom zu speichern, der an wind- und sonnenreichen Tagen im Überfluß entsteht. Das Prinzip klingt einfach: Wasser wird mittels „Ökostrom“ per Elektrolyse in Sauerstoff und Wasserstoff gespalten, der als Gas in unterirdischen Hohlräumen gelagert werden kann. Brennstoffzellen sollen dann bei Bedarf die chemische Energie des Wasserstoffs wieder in Elektroenergie umwandeln.

Doch noch steckt das in den Kinderschuhen. Der großtechnische Einsatz dieser Technologie wird noch einige Zeit auf sich warten lassen. Die Bundesregierung sieht in ihrer 2020 verabschiedeten „Nationalen Wasserstoffstrategie“ vor, bis 2030 Kapazitäten von bis zu 5 GW für die Erzeugung von Wasserstoff aufzubauen. Die installierte Leistung von Windkraft- und Photovoltaikanlagen, die wetterbedingt schlagartig ausfallen kann, betrug schon 2019 rund 110 GW.

Für die Jahrzehnte bis zum Reifen der Zukunftspläne bedarf es also weiter großer Potentiale zur wetterunabhängigen Stromerzeugung.

Mehr Leistung aus Gasturbinen
Wenn das keine Kohle- oder Kernkraftwerke sein sollen, kommen in der benötigten Größenordnung vor allem Gaskraftwerke in Frage, die den großen Vorteil haben, schnell von fast Null auf Hundert hochgefahren werden zu können. Es war die Organisation „Greenpeace“, die in einer Studie „Klimaschutz durch Kohleausstieg“ im Jahr 2017 prognostizierte, die Erzeugungskapazität von Gaskraftwerken müsse in Deutschland von 24 GW beim damaligen Stand auf 53 GW im Jahr 2030 ausgebaut werden.

Das heißt aber auch: Die Versorgungssicherheit beim Strom und die Netzstabilität sowie letztlich der Strompreis, der in Deutschland schon heute der weltweit höchste ist, hängen auch von den Konditionen der Erdgaszufuhr ab. Auch deshalb liegt es im tiefsten Interesse der Bevölkerung Deutschlands, mit der Trasse Nordstream 2 die Bedingungen für den sicheren Bezug vergleichsweise preiswerten Erdgases aus Rußland zu verbessern. Die Sanktionsrüpeleien wechselnder US-Regierungen nebst den ergebenst-schwanzwedelnden Anti-Nordstream-2-Stellungnahmen in Teilen von Politik und Medien richten sich direkt dagegen. Und mittelbar auch gegen die Interessen der Einwohnerschaft großer Teile Europas.

Was wäre denn so schlimm an einem „Blackout“ des Stromnetzes? Nun, tritt er wirklich ein, ist das etwas ganz anderes als ein kurzzeitiger Stromausfall wegen einer durchgebaggerten Leitung oder eines unter Schneelast geknickten Hochspannungsmastes. Denn ist das Netz erst einmal tot, läßt es sich nicht per Knopfdruck von jetzt auf gleich wiederbeleben. Es braucht dazu Stromerzeuger, die einen „Schwarzstart“ hinlegen können. Das heißt, sie müssen ohne Zufuhr großer Energiemengen von außen in Betrieb genommen werden können. Dafür sind zum Beispiel Wasserkraftwerke geeignet und wiederum Gasturbinen.

Zivilisation am seidenen Faden
Wie lange es dauert, bis nach einem gro-ßen europäischen „Blackout“ das Stromnetz wiederhergestellt sein wird, ist fraglich. Es mußte noch nie versucht werden. Der Netzbetreiber „50 Hertz“, zuständig für die Ost-Bundesländer sowie Berlin und Hamburg, gab gegenüber der „Ostseezeitung“ (Ausgabe vom 6. April 2019) einen Zeitraum von maximal 24 Stunden an. Dem allerdings widersprach der Physik-Professor Harald Weber von der Universität Rostock, der von drei bis vier Tagen ausging.

Das „Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag“ hat bereits 2011 einen Untersuchungsbericht über die „Folgen eines großflächigen und langandauernden Stromausfalls“ vorgelegt. Er zeigt, wie schnell unsere Zivilisation ohne Strom im Chaos versinken wird. Das beginnt mit plötzlich ausgefallenen Ampeln an den Straßenkreuzungen, was viele schwere Unfälle verursacht, und langen Schlangen an den Tankstellen, deren Zapfsäulen ohne Strom nicht funktionieren.

Kein Strom, kein Wasser, kein Essen
Was dann mit zunehmender Dauer des Stromausfalls noch kommt, möchte niemand erleben, mancher vielleicht nicht einmal wissen. Die Lebensmittel in den Kühlhäusern verderben; Läden sind leer; es fließt kein Wasser mehr und die Toiletten können nicht gespült werden; Kommunikation, elektronische Bezahlsysteme und die Versorgung mit Bargeld brechen zusammen; vorhandene Notstrom-aggregate haben irgendwann keinen Diesel mehr, in den Krankenhäusern und Altenheimen herrschen unbeschreibliche Zustände; Seuchen grassieren; Menschen müssen massenhaft in Notunterkünften leben; Plünderungen beginnen, es beginnt die Herrschaft des Faustrechts.

Kann man sich und die Familie auf einen „Blackout“ vorbereiten? Nun, es schadet sicher nicht, den Ratschlägen zu folgen, die das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in seinem Notfallratgeber gibt (zu finden über: www.bbk.bund.de): Vorräte an Lebensmitteln und Wasser anlegen, alternative Kochgeräte anschaffen, die Hausapotheke richtig bestücken, Notfallgepäck vorbereiten und einiges mehr. Doch die wirkliche Vorsorge muß der Staat treffen und zuverlässig verhindern, daß es zum zivilisationsbrechenden „Blackout“ überhaupt kommen kann.

Lesetip: Marc Elsberg: Blackout – Morgen ist es zu spät. Blanvalet Verlag, München 2012, 816 Seiten, 10,99 Euro

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