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Fast 100 Orte abgehängt

Die Rettung von Bahnstrecken wird ein Wahlkampfthema in Sachsen-Anhalt

Auf dem Bahnhof Rübeland im Harz
Am Bahnhof Rübeland im Harz fahren moderne E-Loks für den Kalktransport ein. Reguläre Personenzüge gibt es dort seit Jahren nicht mehr. Das große Bahnhofsgebäude verkommt zum trostlosen Schandfleck direkt neben den Tropfsteinhöhlen Foto: Hagen Ludwig

Es ist wahrhaft kein Ruhmesblatt: Auf mehr als 660 Schienenkilometern ist in Sachsen-Anhalt seit der Bahnreform 1994 der Personenverkehr eingestellt wurden. Für 95 Bahnhöfe kam damit das Aus. Bundesweit waren es insgesamt 336 – nur um eine Relation zu haben. Reaktiviert wurde der Personenverkehr in Sachsen-Anhalt dagegen nur auf ganzen 26 Kilometern. Davon entfallen gut neun Kilometer auf die touristische Strecke Quedlinburg-Gernrode. Sie war einst Teil einer ebenfalls stillgelegten Normalspurstrecke und wird jetzt auf neuen Schmalspurschienen von der Selketalbahn befahren.

Parteien wollen Notbremse ziehen
Jetzt wollen wichtige politische Akteure in Sachsen-Anhalt die Notbremse ziehen. Mobilität und die besonders auch vom VDGN eingeforderte Angleichung der Lebensverhältnisse von Stadt und Land sind zu einem Thema im Vorfeld der Landtagswahl am 6. Juni 2021 geworden.

Sowohl die Linken als auch die SPD fordern in den Entwürfen ihrer Wahlprogramme, die Stillegung weiterer Bahnstrecken zu untersagen und Möglichkeiten zur Reaktivierung speziell auch im ländlichen Raum zu suchen.

Die Bündnisgrünen als Teil der schwarz-rot-grünen Koalition kritisieren, daß sich das CDU-geführte Verkehrsministerium bei den Debatten um neue Strecken im Kreise drehe. Oftmals heiße es, die Nachfrage sei vor Ort nicht hoch genug. Die jedoch, so die Grünen, könne man nur durch ein attraktives Angebot erreichen.

Die Situation sei „besorgniserregend”, räumte auch der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Frank Scheurell, gegenüber der Magdeburger Volksstimme ein. Die Stilllegung von Gleisen hänge gerade in Sachsen-Anhalt den ländlichen Raum ab. Gleichzeitig verwies Scheurell auf den Bund, der vorrangig für den Ausbau der Schienenwege zuständig sei. Einer Reaktivierung würden er und seine Fraktion positiv gegenüberstehen, jedoch gebe es Probleme im Nutzen-Kosten-Verhältnis und „langwierigen Planungsverfahren”.

Zudem sei es im Vergleich zu Bahntrassen weniger aufwendig und langwierig, Straßen oder Autobahnen aus- bzw. neu zu bauen.

Sicher trägt auch der Bund einen Teil der Schuld am Streckensterben in Sachsen-Anhalt. Landespolitiker werden nicht müde zu betonen, daß sie sich stiefmütterlich behandelt fühlen. Exemplarisches Beispiel ist die Fernverkehrsanbindung der Landeshauptstadt.

Hoffnung auf Deutschlandtakt 2030
Nach 1990 wurde Magdeburg nach und nach vom Fernverkehr abgekoppelt. Der ICE Richtung Hannover nimmt jetzt die Schnellfahrstrecke durch die Altmark, und ein IC nach Berlin fährt nur einmal am Tag, ansonsten bleibt der Regionalexpreß.

Hoffnung setzt man deshalb auf den angekündigten Deutschlandtakt 2030. Daß der ICE zurückkehrt, ist zwar unwahrscheinlich, unter anderem soll es aber wieder zweistündlich eine IC-Verbindung nach Berlin geben. Im Zuge des Deutschlandtakts soll auch die Bahnstrecke zwischen Schönebeck, Barby und weiter nach Zerbst reaktiviert werden. Der Abschnitt zwischen Barby und Güterglück samt Elbbrücke wurde erst Ende 2004 stillgelegt.

2013 wurden in wenig weiser Voraussicht sogar die Gleise entfernt. Jetzt ist man froh, daß sich Ehrenamtler vor Ort für den Erhalt der Brücke stark gemacht haben. Bis 2030 sollen hier nun wieder Züge rollen – im Stundentakt, auf der Relation Uelzen-Magdeburg-Barby-Leipzig.

Noch keine Trendwende
Doch eine Trendwende ist damit noch nicht erreicht. Wie berichtet, stellten der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und die Allianz pro Schiene im vergangenen Jahr eine Liste mit 238 Bahnstrecken vor, die sie zur Reaktivierung vorschlagen. Neun davon befinden sich in Sachsen-Anhalt, und über weitere wird schon seit Jahren diskutiert. Doch bei der der Landesregierung in Sachsen-Anhalt blieben die Signale weitgehend auf Rot.

Neben dem Abschnitt Barby-Güterglück wurde lediglich noch eine weitere Mini-Strecke innerhalb von Naumburg in Angriff genommen. Geplant ist zudem der Bau einer neuen Gleiskurve für eine direkte S-Bahn-Verbindung zwischen Merseburg und Leipzig. Die Linken haben ihre Unterstützung dafür sogar in das Wahlprogramm aufgenommen.

Doch wie sieht es mit anderen Strecken in Sachsen-Anhalt aus? Nachfolgende Beispiele verdeutlichen, wie attraktive Strecken nach 1990 auf das Abstellgleis gerieten, zeitweise wiederbelebt und wieder abbestellt wurden – eine Inkonsequenz, die ihnen nicht gut bekommen ist.

Die Rübelandbahn im Harz
Die Rübelandbahn im Harz gilt als eine der schönsten und steilsten Strecken Deutschlands. Auf ihr gelangte man einst von Blankenburg bis nach Drei Annen Hohne zur Brockenbahn. Stück für Stück wurde sie über die Jahrzehnte stillgelegt. Schließlich erfolgte im Dezember 2005 auch die Einstellung des planmäßigen Personenverkehrs auf dem verbliebenen Abschnitt Blankenburg-Elbingerode. Dabei ist die Strecke bis Rübeland in gu-tem Zustand und sogar elektrifiziert. Schwere Güterzüge mit Produkten der ortsansässigen Kalkwerke rollen hier täglich über die Gleise. Das Kalk-Unternehmen – die Fels-Werke GmbH – betreibt jetzt selbst das Schienennetz, dessen Ausbau und Modernisierung großzügig vom Land gefördert wird. Beste Bedingungen für eine Wiederaufnahme des Personenverkehrs, sollte man meinen, doch bisher erfolgte dafür keine Weichenstellung. Immerhin: Mittlerweile gibt es an ausgewählten Fahrtagen wieder einen kleinen Ausflugsverkehr mit einer historischen Dampflok bis nach Rübeland, wo sich unter anderem die berühmten Tropfsteinhöhlen befinden.

Die Strecke zum Kurort Stolberg
Die Bahnstrecke Berga-Kelbra-Stolberg ist eine rund 15 Kilometer lange, normalspurige Nebenbahn. Seit 2011 ist der Personenverkehr eingestellt. Bereits seit dem Dezember 2007 verkehrten Personenzüge nur noch am Wochenende. Örtliche Akteure und die Tourismusbranche kämpfen jedoch für eine Wiedereröffnung der Bahn entlang des Flusses Thyra. 2019 hat die Warnetalbahn GmbH aus dem Landkreis Wolfenbüttel den stillgelegten Streckenabschnitt von der DB Netz gepachtet. Geplant sind hauptsächlich Holztransporte. Zu besonderen Anlässen sollten schon 2020 auch historische Personenzüge des Unternehmens mit Dampflokomotiven unterwegs sein. Corona und eine marode Brücke haben diesen Plänen erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ob es je wieder einen regelmäßigen Bahnverkehr geben wird, ist noch unklar.

Die Wipperliese zum Kurort Wippra
Die Wipperliese fährt seit 1920 auf der knapp 20 Kilometer langen Nebenbahnstrecke Klostermansfeld-Mansfeld-Wippra durch ein idyllisches Flußtal im Südharz und über ein beeindruckendes Viadukt bei Mansfeld. Als nach 1990 wie vielerorts die Fahrgastzahlen wegbrachen, begann für die Bahn ein ständiges Bangen und Hoffen.

1997 übernahm die Kreisbahn Mansfelder Land den Personenverkehr mit modernisierten Triebwagen aus den 1950er Jahren, die einerseits ordentlichen Komfort bieten, aber andererseits auch Bahnfans anlocken. Danach stieg die Zahl der Fahrgäste erheblich.

Der Oberbau der Strecke wurde vollständig saniert. Zum April 2015 bestellte das Land überraschend den Schienenpersonenverkehr ab. Dann hieß es jedoch, es gebe weiter Wochenendverkehr. 2016 übernahm der Verein Mansfelder Bergwerksbahn die Schienenstrecke von der DB. Seitdem gibt es in der Saison planmäßigen Wochenend- und Feiertagsverkehr. Angedacht wird eine Verlängerung der Ausflugslinie von Klostermansfeld auf bestehenden Hauptbahngleisen zum denkmalgeschützten Schmid-Schacht in Helbra.

Die Heidebahn
Mal fährt sie, mal nur auf einem Teilstück und mal wieder gar nicht – die 1895 eröffnete Heidebahn zwischen Lutherstadt Wittenberg über Pretzsch, Bad Schmiedeberg und Bad Düben nach Eilenburg.

Jetzt gibt es einen neuen Anlauf. Im September 2020 unterzeichneten anliegende Gemeinden und Unternehmen sowie Vertreter der Deutschen Bahn und beteiligter Verkehrsverbünde in Bad Düben eine Absichtserklärung mit dem Ziel, den regelmäßigen Personenzugbetrieb zwischen Wittenberg (Sachsen-Anhalt) und Eilenburg (Sachsen) wieder aufzunehmen. Initiiert hatte das Treffen unter anderem der CDU-Bundestagsabgeordnete Sepp Müller. Nun soll ein konkreter Plan für einen Regelfahrbetrieb im Ein-Stunden-Takt erarbeitet werden. Die Stadt Bad Düben strebt über die Heidebahn und Eilenburg zudem einen Anschluß an das bestehende Netz der S-Bahn Mitteldeutschland an. Nach vielen Wirren waren 1998 die Verbindung Bad Düben-Eilenburg und vier Jahre später die Strecke Bad Düben-Bad Schmiedeberg eingestellt worden. Danach gab es immer mal wieder saisonalen Personenverkehr vor allem an den Wochenenden.

Jetzt könnten auf der Heidebahnstrecke Nägel mit Köpfen gemacht werden, weil wichtige Beteiligte an einem Strang ziehen, die Kommunen sich stark machen und politische Entscheidungsträger mit im Boot sind. Nur so kann es gelingen, auch anderen vollständig oder teilweise stillgelegten Bahntrassen in Sachsen-Anhalt wieder Leben einzuhauchen.

Hagen Ludwig

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