Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Eine Bache als „Schüler-Lotse“

Lernfähige Wildschweine haben ein großes Durchsetzungsvermögen

Bache mit Frischlingen im Winterwald Foto: Wolfgang Lippert
Bache mit Frischlingen im Winterwald Foto: Wolfgang Lippert

Von Wolfgang Lippert

Vor einiger Zeit bin ich von einem altmärkischen Mitbürger gefragt worden, wo ich denn in Berlin gewohnt habe, im Hochhäuser-Meer oder am Rande der großen Stadt? Wie es meine Art ist, antwortete ich humorig kurz und knapp: „Wo Wildschweine den Verkehr regeln.”

Sie werden natürlich meinen, da hätte der Old-Lippi wieder grenzenlos übertrieben, nein, im Gegenteil: Als ich vor einiger Zeit mit dem Fahrrad von dem damaligen Grundstück die eineinhalb Kilometer zum Bäcker ins Dorf Müggelheim gefahren bin, bremste vor mir plötzlich der Linien-Bus und hielt an. Auch der Gegenverkehr tat das.

Als ich neugierig am Bus vorbeischaute, um den Grund zu erkunden, saß breit vor dem Bus mitten auf der Straße ein Stück Schwarzwild, eine Bache auf der Hinterhand, und ließ ihre etwa achtwöchigen Frischlinge von einem Waldstück ins gegenüberliegende die Straße passieren. Als der letzte Frischling drüben war, erhob sie sich ganz gemächlich und trabte hinterher. Die „Verkehrsregelung durch die Bache“ hat geklappt, alle Frischlinge haben „die Passage“ gut überstanden!

Für die Fahrgäste im Bus war das eine Gaudi. Alle standen und verfolgten die Wildschwein-Parade. Ein PKW-Fahrer vor uns hatte den Fotoapparat gezückt und hielt alles im Bild fest, ein anderer dahinter, der dieses Theater schon kannte, hupte ungeduldig. Von all dem ließ sich die alte Bache nicht beeindrucken, weil sie es gelernt hatte, daß der große Bus hält, wenn sie sich auf die Straße hinsetzt, dann aber auch die anderen Fahrzeuge der Gegenrichtung.

Natürlich wird jährlich auf dieser vielbefahrenen Straße zum Müggelsee der eine oder andere Überläufer auch angefahren oder sogar überfahren und getötet. Aber wer von den Ortsansässigen im Berliner Randgebiet riskiert schon wegen eines Wildschweins einen Blechschaden am PKW; und so bleiben solche Vorfälle die Ausnahme.

Die alte Bache kannte ich schon lange. Sie ist sechs bis acht Jahre oder sogar älter und quert dort regelmäßig die Straße, um von einem Waldgebiet ins gegenüberliegende zu kommen. Gefährlich wird es mit diesem Tier nur, wenn man aus dem Auto aussteigt und sich ihm nähert: Dann stellt sie sich erst zwischen die Frischlinge und den neugierigen Zweibeiner. Kommt der noch näher, macht sie einen Scheinangriff, aber dann haben auch die meisten neugierigen Menschen begriffen, daß mit ihr nicht zu spaßen ist.

Wenn dann die Frischlinge zu Überläufern werden und „gestückelt in die Pfanne passen“, beginnt im Müggelwald der Einsatz der Jagdausübungsberechtigten. Es ist hier eine gängige Praxis, daß ganz selektiv die Heranwachsenden geschossen und die erfahrenen, alten Schweine geschont werden.

Auch bei den älteren Stücken gibt es einige wenige, die es im Siedlungsraum gelernt haben, Türen auszuheben. Auch die werden gezielt bejagt und sterben dann den „Heldentod“. Dadurch hatten wir in unseren Gärten in Müggelheim Ruhe und hoffen, daß es so geblieben ist.

Schwarzwild ist sehr wanderfreudig und so erscheinen allenthalben wieder Individuen, die das Territorium nicht so gut kennen. Solche Tiere sind dann unberechenbar.

Wir in unserem Müggelheimer Siedlungsraum hatten uns abgesprochen, daß immer nachts die Fronten zur Straße „schweinedicht“ sind.

Aber, auch da gibt es hin und wieder Nachlässigkeiten. Und davon will ich nun berichten, was geschieht, wenn die Schweine erst einmal in einem Grundstück drin sind, wie Wildschweine nachts einfach den begrenzenden Seiten-Drahtzaun zum Nachbargrundstück anheben und sich darunter hindurchschieben und von einem Grundstück ins nächste wechseln. Auch das habe ich nicht nur einmal miterlebt, weil mein Nachbar „geschlampt“ hatte.

Die Bache mit den Überläufern machte sich erst einmal über unseren Apfelbaum her, schüttelte ihn „fachgerecht“, daß die Äpfel nur so herunterprasselten.

Das hatte sie inzwischen also auch gelernt, wie man mit Obstbäumen umzugehen hat, damit man an die Früchte herankommt. Sie stellte sich mit dem Hinterteil gegen den Baumstamm, und dann schüttelte sie rhythmisch den Stamm. Als ich das das erste Mal gesehen habe, war ich über solch „Lernverhalten eines Wildtieres“ begeistert, obwohl es zu meinem Nachteil war, denn diese Äpfel fehlten ja uns. Die niedrigen Äste hat sie dann noch einfach abgebissen und so das Obst geerntet.

Als unser Terrier die Eindringlinge merkte, hat er die Überläufer, einen nach dem anderen, wieder unter dem Drahtzaun ins Nachbargrundstück gejagt. Aber die große Bache, die inzwischen den Kompost nach Freßbarem durchsuchte, drehte sich einfach herum und scheuchte nun unseren Hund. Aber solch Terrier ist flink. Der suchte nun neben mir Schutz auf der etwas erhöhten Terrasse. Und nun standen Bache und ich uns gegenüber und „beäugten“ uns. Ich mußte erst kräftigen Krach machen, daß auch die Bache unter dem Drahtzaun verschwand. Die hat dann an ganz anderer Stelle, nach dem Rundgang durch weitere Gärten, eine Tür ausgehebelt und verschwand mit den Überläufern wieder im Wald.

Anderen Tags haben wir uns bei dem nachlässigen Nachbarn auf unsere Weise „bedankt“ – und der wußte, wie man gute Nachbarschaft pflegt. Die danach gereichten Getränke haben uns auch geschmeckt.

Und wie ist es jetzt in meiner neuen, heimischen Altmark? Von hier kenne ich nur „wilde“ Wildschweine, die einen großen Bogen um Menschen machen.

Vor Jahren hat mir aber ein panisch flüchtender Keiler, der während der Maisernte beschossen worden war, einen mächtigen Schreck eingejagt. Ich wanderte am Elbufer bei Grieben entlang, hörte zwar in der Ferne die Schüsse und bemerkte erst im letzten Augenblick den flüchtenden, kapitalen Keiler. Er hielt kurz auf mich zu, machte „eine Art Scheinangriff“, sprang dann mit riesigen Sätzen in die Elbe und schwamm mühelos durch. Vor Schreck vergaß ich, daß ich auch einen Fotoapparat umzuhängen hatte, um wenigstens das zu dokumentieren, aber der Keiler war „eins, zwei wuppdich“ drüben und verschwand hinter dem Deich bei Klietznick.

In all den Jahren habe ich schon mehrfach Schwarzwild, auch als Rotte, durch die Elbe schwimmen sehen, ganz von selbst, ohne daß sie beschossen wurden, so zweimal unweit des Bölsdorfer Hakens südlich Tangermünde und der Bucher Brack. Die Elbe, dieser große Fluß, ist also keine unüberbrückbare Grenze für solche Wildtiere.

Einmal beobachtete ich eine Bache mit ihren herangewachsenen Überläufern am gegenüberliegenden Elbufer, wie sie im Buhnenfeld das Wasser wohl testeten. Einige Graugänse, die auf dem Buhnenkopf ruhten, machten nur lange Hälse, flüchteten aber nicht.

Dann ging die Bache rein und alle Überläufer folgten. Sie schwammen schräg mit der Strömung und trieben drei bis vier Buhnenfelder ab, gingen auf meiner Seite an Land, prüften völlig entspannt den Wind und trollten sich. Ich stand zu weit weg, als daß sie mich mitbekommen konnten.

Schwarzwild ist sehr lernfähig und es gibt kluge Köpfe unter Zoologen, die behaupten, sie seien uns Menschen ähnlicher, als wir glaubten.

Aber, um darüber zu philosophieren, rate ich den Lesern, das in dem Buch von George Orwell „Farm der Tiere“ nachzulesen.

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