Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Ein Schotte in Berlin

Auf der Spur: James Boswell, Casanova und kein Treffen mit dem König

James Boswell mit seiner Familie, Gemälde des Engländers Henry Singleton (1766-1839)
James Boswell mit seiner Familie, Gemälde des Engländers Henry Singleton (1766-1839)

Von Frank-Rainer Schurich

Wie kommt ein Kriminalist aus Berlin-Mitte dazu, sich mit James Boswell zu beschäftigen, der in keinem Kriminalfall mitwirkte? Die Antwort ist einfach: Er liest einen Kriminalroman mit dem Titel „Der Weg durch Wytham“ von Colin Dexter. Darin tritt Boswell in einer kleinen Nebenrolle auf. Er erzählt einem Dr. Samuel Johnson, daß er vor langer Zeit einmal „an einem prächtigen Tisch gesessen hätte, ohne einen einzigen Satz zu hören, an den zu erinnern sich lohne“. Sein Gesprächspartner meinte daraufhin: „Eine solche Konversation ist selten."

Und schon begann die Spurensuche, denn Boswell, aus dem schottischen Hochadel stammend, war als 24Jähriger im Jahr 1764 ein Wahlberliner, und zwar vom 5. Juli bis zum 19. September. Er wohnte zunächst im Gasthof „Zu den drei Lilien“ in der Poststraße im Nikolaiviertel, quasi um die Ecke. Und es war vielleicht ein Berliner Erlebnis, das er Johnson schilderte.

Am 13. September, zum Ende seines Aufenthaltes, hatte er der Königlichen Akademie in den oberen Räumen des Marstalls einen Besuch abgestattet. Er fand es komisch, daß unten die Pferde residierten und oben die klugen Köpfe. In seinem Tagebuch, erstmals 1928 in einem Privatdruck veröffentlicht, lesen wir: „Musis et mulis“ („Den Musen und Mauleseln /gewidmet/“). Die Tagung empfand er als langweilig und einer Akademie unwürdig. Man redete in einem erbärmlichen Latein, vermischt mit noch mangelhafterem Griechisch. Diskutiert wurde nicht, man ging einfach selbstzufrieden auseinander. „Eine kärgliche Angelegenheit“, so Boswell abschließend.

Die Berliner Aufzeichnungen sind in „Boswells Große Reise Deutschland und Schweiz“ 1764 mit vielen Anmerkungen von Fredrick A. Pottle, Professor an der Yale-Universität, vollständig abgedruckt. Eine Fundgrube für jeden Ermittler!

Wer war James Boswell? 1740 in Edinburgh als Sohn eines Richters am Obersten Tribunal geboren, studierte er auf Druck des Vaters Jurisprudenz in Glasgow, aber das Advokatenleben war nicht seine Profession. Er ging 1763 nach London und traf dort Dr. Samuel Johnson – für das Leben des jungen Juristen ganz entscheidend. Boswell verehrte den Essayisten, Lexikographen und Aufklärer Dr. Samuel Johnson (1709 bis1784), den stupend gebildeten, geistreichen Mann, der in seiner Person das enzyklopädische Bildungsstreben des Bürgertums verkörperte. Seit dem Jahr 1773 arbeitete Boswell in seinem literarischen Klub. Bei so viel Begeisterung war klar, daß er nach Johnsons Tod auch dessen Biografie schreiben mußte, die 1791 in London in zwei Bänden erschien und eine schriftstellerische Sensation war: „The Life of Samuel Johnson“. Sie gilt noch heute als brillant. Boswell starb nur 55jährig 1795 in London.

Seine Reise 1764 führte ihn durch Deutsch-land, die Schweiz, Italien und Korsika, er verkehrte mit den Größen der Aufklärung wie Rousseau und Voltaire – und in der deutschen und europäischen Hofwelt. Er besuchte die Königin im Berliner Schloß Monbijou, aber sein größter Wunsch, dem König, der seit 1740 regierte, seine Aufwartung zu machen, erfüllte sich nicht. Er sah ihn mehrmals, auch in Potsdam, kleidete sich auffallend (u. a. mit einer fremdländischen blauen Schottenmütze) und stolzierte damit auf der Parade vor dem Schloß auf und nieder, wo er abermals den König zu Gesicht bekam. Allein, dieser ließ den Blick nie in Boswells Richtung schweifen. Friedrich II. hatte es halt nicht so mit Schotten und Engländern.

Fredrick A. Pottle kommentiert das so: „Daß es Boswell trotz aller Machenschaften nicht gelang, an Friedrich den Großen heranzukommen, war der große Fehlschlag seiner Europareise, vielleicht der schwerste gesellschaftliche Mißerfolg seines Lebens überhaupt.“

Aber sonst ging es Boswell gut in Berlin. Nach fünf Tagen verließ er den Gasthof in der Poststraße und bezog standesgemäß Quartier bei der Familie von Karl David Kircheisen, den Friedrich II. am 16. Januar 1742 zum königlichen Polizeidirektor ernannt hatte, am 6. Dezember 1746 zusätzlich zum Stadtpräsidenten mit Weisungsbefugnis gegenüber dem Rathaus. Der König hatte so in der Personalunion mit der Polizeidirektion eines der höchsten Ämter innerhalb der Monarchie geschaffen. Der in Dresden geborene Kircheisen (Boswell: „ein gemütlicher Sachse“) drängte in seinem Amte städtischen Einfluß der Militärbehörden zurück und sorgte für eine enge Zusammenarbeit von Polizei und Justiz.

Boswell bezog jedenfalls „ein schönes Zimmer, bunt bemalt, mit Aussicht auf die Petrikirche“. Das Anwesen in der Scharren- oder Gertraudenstraße bezeichnete er als „Prachtbau“.

Kircheisen hatte eine reizende Tochter und einen „nicht unebenen Sohn“, Friedrich Leopold Kircheisen, damals fünfzehn Jahre alt. Boswell mochte Kircheisen jun., sie unternahmen viel gemeinsam. Aber der schottische Gast hielt ihn für nicht ganz ebenbürtig. So wandelten beide am 19. Juli Unter den Linden, abends schrieb Boswell in sein Tagebuch: „Er war zu keck, ich mußte ihm einen Dämpfer aufsetzen.“ Das hinderte Kircheisen jun. aber nicht, später ein bedeutender Jurist zu werden. Er wurde 1798 in den Adelsstand erhoben und 1810 unter Staatskanzler Karl von Hardenberg preußischer Justizminister. Er hatte sich schon bei der von Friedrich II. und dessen Minister Johann von Carmer 1780 eingeleiteten Justizreform in Preußen große Verdienste erworben, besonders bei der Ausarbeitung des „Allgemeinen Landrechts“ und der Organisation des Rechtswesens.

Es waren durchaus viele Orte, die Boswell in Berlin aufsuchte. Das Herumstreunen fand er glamourös; er schwärmte geradezu von Berlin, zum Beispiel in einem Brief vom 23. Juli: „Es ist die prächtigste Stadt, die ich je gesehen. Sie liegt in einem schönen Flachland und hat wie London einen Fluß. Die Straßen sind breit und die Häuser ansehnlich.“

Und er traf viele Leute der besseren Gesellschaft – zufällig den italienischen Abenteurer und Schriftsteller Giacomo Casanova, der seit dem 7. Juli 1764 in der Stadt war. Boswell speiste wieder einmal im Gasthof in der Poststraße, als ein „Italiener namens Nehaus als großer Philosoph glänzen wollte und dementsprechend sein Vorhandensein und überhaupt alles in Zweifel zog. Ich hielt ihn für einen Hohlkopf.“ Casanova, dessen Name in deutscher Übersetzung Ne(u)haus lautet, erhielt aber im Unterschied zu Boswell eine Audienz beim König in Sanssouci!

Boswell war als junger Mann natürlich auf erotische Abenteuer aus; sein „Talent zur Liebe“, wie er es nannte, konnte er ausleben. Er vergnügte sich mit einem Straßenmädchen und notierte danach: „Zeitvertreib – kein großer Schade.“ Am Abend des 15. Juli traf er auf der Straße eine „Schwarze Dirn – hatte keinen Kondom [und verzichtete deshalb].“ Wie vorbildlich. Eine Frau, die ihm in seinem Zimmer bei den Kircheisens um acht Uhr in der Frühe des 11. September Schokolade feilbot, ging mit ihm ins Bett. Wegen ihrer Schwangerschaft notierte Boswell: „Oho, ein genießbares Stück!“ Nun ja.

Am Ende der Reise war Boswells Sympathie für die preußische Monarchie allerdings dahin, wenn er schreibt: „Dieser König wird gefürchtet wie ein böses Tier.“ Der schottische Gast erlebte, wie Soldaten behandelt wurden, seine Anschauungen vom Wert des Menschen wandelten sich, seit er in Berlin war. „Wenn man bedenkt, wie viele Prachtskerle ausgebildet werden, um sich abschlachten zu lassen, dann kommen einem die Menschen vor wie Heringe in einer ertragreichen Fangzeit. Was kümmern einen ein paar Tonnen Heringe, und auch auf ein paar Regimenter Menschen mehr oder weniger wird es nicht ankommen, denkt man. Was gelte dann ich, ein einzelner?“

Am 4. September sah Boswell im Tiergarten ein preußisches Regiment exerzieren. „Die Soldaten schienen“, lesen wir im Tagebuch, „ganz verängstigt; für das kleinste Versehen wurden sie wie Hunde geprügelt. (…) Auch sah ich einen Ausreißer Spießruten laufen, zwölfmal die Gasse auf und nieder. Er war arg zerschunden. Es wurde mir bei dem Anblick ganz übel.“ Laut „Ausgabenbuch“, das Boswell extra führte, gab er dem armen Kerl vier Groschen.

Die alte Welt ist verloren. Und die neue? Wenn James Boswell heute von einem prächtigen Tisch erzählen würde, an dem viel gesprochen, aber nichts gesagt wird, was hätte Dr. Samuel Johnson wohl dazu gemeint? „Das ist die übliche Konversation mit den Untertanen.“

Unser Autor Frank-Rainer Schurich lehrte als ordentlicher Professor Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist seit 2015 mit Remo Kroll Mitherausgeber der „Schriftenreihe Polizei“ im Verlag Dr. Köster Berlin, die in zwei Reihen erscheint: „Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung“ und „Historische Kriminalistik“. Frank-Rainer Schurich arbeitete regelmäßig bei der Berliner Kriminalpolizei. Seit 1994 ist er als freier Autor tätig. Er legte zahlreiche Publikationen vor, zuletzt 2020 im Verlag Bild und Heimat Berlin „Der Schülermord von Steglitz und weitere 22 Verbrechen“ und mit Remo Kroll „Frauenmorde. Vier authentische Verbrechen aus der DDR“. 

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