Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wo Vögel singen

Wer die Gefiederten in seinem Garten ganzjährig füttert, wird belohnt

Ein Buntspecht füttert seinen Jungvogel
Ein Buntspecht füttert seinen Jungvogel (rechts, erkennbar an der roten Kappe) Foto: Wolfgang Lippert

Immer wieder wird mir die Frage gestellt, ob man unsere heimischen Singvögel ganz-jährig füttern soll. Und weil es da widerstreitende Ansichten gibt, möchte ich Ihnen die meine nun erklären.

In Zeiten, da wir noch eine gesunde, naturnahe Kultur-Landschaft hatten, brauchte man unseren Vögeln im urbanen Raum, in Gärten und Siedlungen nur zu der Zeit Futter anbieten, wenn Rauhreif und hohe Schneelage den Zugang zu Insekten- und Körnerfutter verwehrten. So wurde es uns nach dem Krieg erklärt, als es in der Landschaft noch genügend Insekten und Wildsämereien gab.

Wenn wir zu jener Zeit im Winter ein Schwein geschlachtet haben, wurde der herausgeschälte „Schweine-Nabel“ (Bauchnabel des Schweines) in den Obstbaum ge-hängt, damit Meisen im Garten bleiben und nicht abwandern, um sich dort nützlich zu machen und (Schad-)Insekten zu vertilgen.

Kaum Körner-Nahrung
Dann kam DDT auf, jenes giftige Insektizid, daß bei uns in der DDR für das Aussterben der Wanderfalken gesorgt hat. Als das verboten wurde, folgten weitere Biozide, vor allem die Unkraut-Vernichtungsmittel, die die Wild-sämereien für Körnerfresser unter den Vögeln in der Acker-Landschaft vernichteten. Dadurch fanden selbst Zugvögel und Überwinterer unter den Singvögeln kaum noch naturnahe Nahrung in unserer Ackerlandschaft.

Ich höre heute noch meine ehemaligen Schulfreunde und später gestandene Landwirte triumphieren, daß man heute keine Hacke auf dem Acker mehr braucht, um Unkraut zu bekämpfen, das macht jetzt alles „die Chemie“!

Was aber war die Folge? Landwirte haben nicht, wie ich als Biologe, gelernt, daß jedes Unkraut, von mir Naturschützer besser als „Wildkraut“ bezeichnet, sein Insekt hat, das auf und von den einzelnen Wildkräutern lebt. Diese Insekten sind wiederum in dem weiten Gefüge der Natur, Nahrung für Insektenfresser in der Vogelwelt, aber auch für die Körnerfresser während der Jungvogelaufzucht, um erst einmal bei diesem Eingriff auf dem Acker argumentativ nur auf Vögel zu beschränken.

Uns ist bekannt, daß nicht nur Mitteleuropa, nein, ganz Europa im Herbst und Frühjahr von ost-eurasischen Zugvogel-Massen durch- flogen werden. Die aber brauchen auf dem Zug Nahrung, um den Zugstreß zu überstehen. Sie finden aber kaum noch etwas, bei der bei uns in Europa herrschenden Gründlichkeit in der Landwirtschaft, alles „nicht Nützliche“ auf dem Acker auszurotten. Der Acker war nach der Ernte im Winter in den Folgejahren „schwarz“. Wo sollten Zugvögel da noch Nahrung finden.

Und deshalb wurde schon zu jener Zeit die Parole für uns Vogelschützer herausgegeben, Vögel bereits ab Herbst bis ins Frühjahr mit Körnerfutter in Futterhäusern zu versorgen und nicht nur im Winter. Das haben viele tierliebe Menschen gemacht, ich auch!

Insekten-Kalamitäten
In den letzten Jahrzehnten hat sich noch etwas wesentlich verändert. Jeder Autofahrer hat das beim Autofahren gemerkt. Während früher immer „gematschte Insekten“ in Grö-ßenordnungen an der Frontscheibe klebten, kann man jetzt nach einer längeren Fahrt solche „Matsch-Insekten“ zählen. Sie fehlen inzwischen in Größenordnungen in unserer Landschaft. Sie fehlen uns nicht nur auf der Frontscheibe unseres Autos, sondern vor allem insekten- und körnerfressenden Singvögeln, bei Letzteren, wenn sie Junge aufziehen. Junge Körnerfresser werden nämlich auch mit Insekten aufgezogen, das wird oft vergessen. Selbst unsere häufigen Spatzen verfüttern während der Jungenaufzucht Insekten in Größenordnungen. Fehlen die, kann das zu Verlusten bei der Aufzucht der Jungen führen.

Ich will nur in Erinnerung bringen, daß man in China unter Mao Tse Dong die Spatzen ausgerottet hat, weil sie Schaden in den Reisfeldern gemacht haben. Die viel schlimmere Folge war aber, daß nun der Spatz als Insekten-Vertilger fehlte und es zu Insekten-Kalamitäten kam.

Ich will damit nur anmahnen, Politikern nicht immer alles zu glauben, wenn sie ihre Form des Naturschutzes empfehlen. Die können gelegentlich schlimmen naturwissenschaftlichen Schwachsinn verkünden.

Unsere einheimischen Singvögel ganz allgemein brauchen für die Aufzucht ihres Nachwuchses Insekten. Aber Insekten sind, dank Agrochemie, in unserer Landschaft Mangelware geworden. Die Folge ist, daß nachweislich je Brutpaar weniger Jungvögel ausfliegen, was wiederum dazu führt, daß auch die Zahl der Klein-Vögel Jahr für Jahr allmählich abnimmt.

Was füttern und wie?
Was kann man als vorausschauender Naturschützer dagegen tun? Man füttert die gefiederten Kleinvögel das ganze Jahr über in seinem Vogelhaus weiter. Dann fressen die Altvögel das Futter im Vogelhaus und verfüttern quantitativ alle Insekten, die sie finden, an ihre Jungen. Damit gewährleisten sie, daß die Altvögel kaum noch Insekten für sich selbst vertilgen und der Nachwuchs besser versorgt wird.

Und das ist der Grund, warum ich empfehle, das ganze Jahr über unsere heimischen Singvögel zu füttern. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß dadurch die Artenvielfalt auf dem Grundstück größer ist und ich morgens im Frühjahr mehr „Vogelmusik“ habe.

Und nun zur Praxis des Vögelfütterns: Wir füttern die Gefiederten in zwei Futterhäuschen unmittelbar neben einem dichten Buschwerk, wohin die Vögel bei Störungen flüchten können. Neben dem Futterplatz am Haus, den wir gut einsehen können, sollte immer auch Trinkwasser angeboten werden. Durstige Vögel machen auf mich immer einen nervösen Eindruck. Aber Vorsicht, Trinkwasser muß täglich erneuert werden, denn die Vögel koten auch ins Trinkwasser und so können Krankheiten übertragen werden.

Es wird sehr unterschiedliches, handelsübliches Vogel-Futter angeboten. In ganz früher Vergangenheit war es ein Gemisch aus Hirse, Quetschhafer und zu damaliger Zeit nach dem Krieg auch noch viele Wildsämereien, die als „Hinterkorn“ beim einstigen Dreschen anfielen. Wer kennt heute noch „Hinterkorn“? Das gibt es leider nicht mehr, seit mit Mähdreschern Getreide geerntet wird. Dafür werden dem heutigem Vogelfutter aus Quetsch-Getreide und etwas Hirse viele „Sonnenblumen-Kerne“ beigemischt. Damit habe ich derzeit gute Erfahrungen gemacht.

Plädoyer für Unordnung
Natürlich sieht mein Garten auch nicht ganz ordentlich aus. Vögel mögen aber diese Unordnung und picken viel vom Boden auf. Natürlich ist auch ein Stück „glattrasierter Rasen“ vorhanden, damit die Amseln ans Erdreich herankommen. Das wird oft vergessen. Zur Größe der kurzrasigen Fläche kann man wenig anraten. Das probiere ich aus, wie groß die Fläche sein muß. Am Rande wachsen da schon mal Wildblumen, wie Nachtkerzen, Königskerzen, Wilde Hirse, aber auch Disteln und andere Wildpflanzen, die im Sommer dann intensiv angeflogen werden, um sie nach Insekten abzusuchen. Natürlich lasse ich die mit dem Vogelfutter wild ausgesäten Sonnenblumen und andere Wildpflanzen wachsen, die immer von den Vögeln abgesucht werden. Sind deren Samen gereift, werden die Pflanzen im Spätherbst und Winter für die Gefiederten wieder und wieder wegen der Wildsämereien besucht. So verlernen die Gefiederten nicht, ganz natürlich auch nach Insekten im Garten zu suchen.

Natürlich ist auch ein Komposthaufen für Kleinvögel sehr attraktiv. Damit habe ich in der Vergangenheit den Gefiederten meiner Umgebung immer viel Freude gemacht. Probieren Sie das aus, denn heimische Singvögel sind lernfähig, sonst wären sie in der Vergangenheit schon so manches Mal durch die vielen Eingriffe der Menschen in Natur und Landschaft ausgerottet worden.

Und noch eins: Einen großflächig schön angelegten sterilen „englischen Rasen“ mögen heimische Vögel nicht. Dort wird man nach dem Wässern nur immer wieder Amseln sehen, die aufpassen, wo Regenwürmer hochkommen.

Und denken Sie daran: Vögel können das „Krabbeln“ der Kleinlebewelt im Boden hö-ren. (Sie hören also nicht das Gras wachsen, sondern die knabbernden Insekten im Erdreich!). Für mich ist es immer wieder interessant, den Gefiederten im Garten zuzuschauen, wie sie sich dort beschäftigen. Sie würden es nicht so intensiv tun, wenn sie dabei nicht Freßbares finden würden.

Belohnt werde ich im Frühjahr wiederum mit „Vogel-Musik“. Diese Form der „Selbstkundgabe“ der verschiedenen Singvogel-Arten im Siedlungsraum ist dann für mich Belohnung für mein Füttern. Im letzten Jahr hatte ich sogar verschiedene Grasmücken-Arten im Garten. Und die wiederum erkenne ich dann an ihrem art-typischen Gesang.

Wolfgang Lippert

Unser Autor Wolfgang Lippert ist studierter Biologe, setzt seine Studien in der Landschaft der Altmark bis heute auch als 83jähriger fort. Viele Jahre arbeitete er im Tierpark Berlin bei Professor Heinrich Dathe. Später als Redakteur und Kameramann beim DDR-Fernsehen. Seine Erfahrungen als Gutachter in der Vogelbestandserfassung sind noch heute in mehreren Bundesländern gefragt. Er veröffentlichte 45 wissenschaftliche Arbeiten, zahlreiche populärwissenschaftliche Beiträge und Tierfilme. Beliebt sind seine wunderbaren Tiergeschichten, z. B. in dem Buch „Warum der Fuchs die Altmark mag”. Es ist bestellbar (12,80 Euro zzgl. Porto) über seine E-Mail: oldlippi@web.de

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