Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Im Minutentakt

Berlin-Karlshorst: U-Bahn raubt Anwohnern den Schlaf. Das war nicht immer so

Gisela und Peter Dietel kamen einst aus dem Erzgebirge nach Berlin. Seit 1968 leben die VDGN-Mitglieder in dem Haus in Karlshorst Foto: Rainer Große
Gisela und Peter Dietel kamen einst aus dem Erzgebirge nach Berlin. Seit 1968 leben die VDGN-Mitglieder in dem Haus in Karlshorst Foto: Rainer Große

Nur wenige Meter Luftlinie sind es vom Grundstück Peter und Gisela Dietels im Seifertweg zum U-Bahn-Tunnel. Hier fahren die Züge der U 5 unterirdisch eine 90-Grad-Kurve, bevor sie ein paar hundert Meter weiter ans Tageslicht kommen. Und dabei ist ein Brummen, Ruckeln und Reiben zu hören, „so, als ob die Räder an den Gleisen radieren“, erzählt Peter Dietel. Manchmal sind es auch deutliche Erschütterungen, die sie körperlich spüren. Dann scheint ihr hübsches, kleines Haus zu vibrieren. Bis zu 445mal am Tag fährt hier ein Zug rein oder raus aus dem Tunnel, hat Peter Dietel anhand des Fahrplans ausgerechnet.

„Momentan sind die Züge kaum besetzt, sicherlich wegen Corona. Auch fuhren um den Jahreswechsel vielleicht weniger. Für uns ist das wie Erholung. Da ‘verschlafen’ wir sogar mal die erste U-Bahn-Fahrt frühmorgens um 4.10 Uhr“, berichtet die 80jährige Gisela Dietel. Sonst werden sie um diese Zeit regelmäßig wach. Auch wenn im normalen Berufsverkehr die U-Bahnen voll oder Wagen der neueren Baureihen eingesetzt sind, ist die Belastung größer, sagt das Ehepaar, das seit vielen Jahren in der Hauptstadt lebt.

Als sie 1968 in das Haus einzogen, liefen über den Weg nebenan noch die Hühner. Eine fast ländliche Idylle mitten in Ost-Berlin. Noch zu DDR-Zeiten begann man, die Verlängerung der U-Bahn von Friedrichsfelde an ihrem Grundstück vorbei in Richtung Osten zu planen. Der Bau dieser Strecke zwischen den Stationen Tierpark und Biesdorf Süd mit einem beinahe 90-Grad-Knick war eine technische Herausforderung.

Daß damit auch besondere Belastungen auf sie zukommen, diese Sorge trieb die Anwohner schon damals um, berichten Dietels. Sie erinnern sich an Einwohnerversammlungen, auf denen viel diskutiert wurde. Peter Dietel: „Außer Lärmschutzwänden versprach man uns, Gummipuffer zwischen die Gleise zu montieren, die die Vibrationen auffangen. Das hat gut funktioniert. Lange hatten wir kein Problem mit der nahen U-Bahn.“ Diese fuhr ab 1988 bis zum Elsterwerdaer Platz; ein Jahr später schließlich bis nach Hönow östlich der Metropole.

Die Dietels lebten in friedlicher Koexistenz mit dem großstädtischen Verkehrsmittel. Doch im Jahr 2000 wurde es plötzlich ungemütlich. Als sie im September aus einem Urlaub zurückkehrten, nahmen sie zum ersten Mal deutliche Geräusche und Erschütterungen von der U-Bahn wahr. Sie vermuten, daß während damaliger Sanierungsarbeiten die Gummipuffer abgebaut wurden.

Seither, also seit zwanzig Jahren, müssen die Rentner nun mit der Belastung im Minutentakt leben. Es ist nicht die Lautstärke, der sogenannte Luftschall, der sie stört, betonen beide. Die Werte liegen im tolerierbaren Bereich, zeigt auch die Lärmkarte der Berliner Senatsumweltverwaltung.

Es ist vielmehr die körperlich zu spürende Erschütterung, das Vibrieren, das auch als Körperschall bezeichnet wird. Es raube ihnen häufig den Schlaf und lasse tagsüber Nervosität aufkommen.

Auch ihre Nachbarn aus dem Seifertweg bestätigen das. Klaus Warnke berichtet von einem deutlichen „Knarzen“ der U-Bahn, „wenn sie um die Kurve fährt“. Sehr früh am Morgen sei das oft sein Wecker. „Hin und wieder vibrieren auch Gegenstände im Haus oder Getränke im Glas schlagen Wellen.”

Jana Glasmacher, die seit 1999 mit ihrer Familie im Seifertweg – in etwas größerer Entfernung zum U-Bahn-Tunnel – zuhause ist: „Mitunter gibt es einen richtigen Wumms, auch einen Luftstoß. Passiert das nachts, werde ich wach. Das ist unangenehm.” Seit sie im Homeoffice arbeite, bemerke sie mehr denn je die Vibration unter den Füßen, das Klingeln diverser Gegenstände, das Summen der metallenen Heizkörper – und immer wieder diesen Ruck, der möglicherweise beim Einfahren in den Tunnel entstehe.

Dietels können und wollen sich daran nicht gewöhnen. Zumal die störenden Geräusche nun sogar noch länger anhalten, seit die Bahnen hier nur 25 Kilometer pro Stunde fahren dürfen.

In dem Streckenabschnitt lägen noch alte Gleise, die im Herbst 2021 erneuert werden müßten, teilen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf Nachfrage mit. Die Langsamfahrstrecke bleibe bis dahin bestehen. Weiter heißt es in der BVG-Mail: „Über die oben beschriebene Gleiserneuerung hinaus sind keine weiteren Schallschutzmaßnahmen geplant, da solche nicht erforderlich sind.” Und: 2019 hätten schall- und schwingungstechnische Untersuchungen bestätigt, daß die für Wohngebiete bei Tag und Nacht geltenden Grenzwerte nicht nur eingehalten, sondern sogar unterschritten werden.

Allerdings wurde in zwei anderen Straßen gemessen, nicht im Seifertweg. Hier gab es 2004 eine Geräuschmessung. Das damals beauftragte Ingenieurbüro bestätigte den Dietels, daß durch jede einzelne, gemessene U-Bahn-Fahrt „der Richtwert für den Maximalpegel von 35 dB(A) überschritten wird”. Der Schallpegel wird in Dezibel gemessen, kurz: dB. Der Richtwert für durch Körperschall übertragene Geräuschimmissionen liegt laut Vorschrift zum Lärmschutz von 2017 nachts bei 25 dB(A), tags bei 35 dB(A).

Dietels kämpfen weiter darum, den Zustand von vor dem Jahr 2000 wiederherzustellen, mit dem sie und ihre Nachbarn gut leben konnten. Der 79jährige Peter Dietel: „Wir fordern, die Ursachen des Körperschalls zu beseitigen, und das nach dem neuesten Stand der Technik.”

Was haben sie zusammen nicht schon alles unternommen: Eine Klage mit Hilfe des VDGN angestrengt. Unterschriften gesammelt, Briefe geschrieben. Das Umweltamt vor Ort gehabt. Im September faßten sie sich wieder einmal ein Herz und wandten sich an ihren Umweltstadtrat im Bezirk, Martin Schaefer. Auf seine Antwort warten sie noch heute.

Kerstin Große

P.S.: Auch Anfragen der Autorin an Martin Schaefer liefen ins Leere.

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