Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Was hält uns gesund?

Warum manche Menschen Krisen besser überstehen als andere

Am Schreibtisch zusammengebochene Frau (oder Mann)
Persönliche Krisen können die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz beeinträchtigen Foto: AOK-Mediendienst

Verunsicherung, Ängste, finanzielle Sorgen, Kontakteinschränkungen und Einsamkeitsgefühle infolge der Corona-Krise – das löst Streß aus, vor allem emotionalen Streß. Erleben wir dies als eine Dauerbelastung ohne Aussicht auf Entlastung – und so empfinden viele Menschen die aktuelle Situation –, kann der Streß chronisch werden und krank machen. Aus gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnissen können wir Schlüsse ziehen, wie wir unsere (psychische) Gesundheit schützen können. In diesem Artikel sollen dem biomedizinischen Verständnis der Medizin zwei neuere Ansätze aus der Gesundheitsforschung entgegengestellt werden: die Resilienz und die sogenannte Salutogenese.

Wie entsteht Krankheit?
Die Medizin als Naturwissenschaft basiert auf einer rein biologisch orientierten Sichtweise auf den Menschen und seine Krankheiten. Die Hauptannahmen sind:

• Jede Krankheit hat eine bestimmte Ursache. Jede Krankheit hat spezifische Symptome und dementsprechend kann ein entsprechend ausgebildeter Experte – der Arzt – die Krankheit diagnostizieren.

• Jede Krankheit zeichnet sich durch eine Grundschädigung von Zellen oder Gewebe aus oder beruht auf einer Fehlsteuerung von körperlichen Regulations- und Funktionsmechanismen.

• Jede Krankheit hat einen spezifischen Verlauf (mit Beginn und Ende).

• Für jede Krankheit gibt es eine Therapie.

• Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit.

In diesem Modell ist Gesundheit der Normalzustand des Menschen und Krankheiten sind eine Abweichung davon. Die medizinische Versorgung konzentriert sich aus-schließlich auf die Frage, durch welche operativen und medikamentösen Maßnahmen Krankheiten eines Menschen geheilt oder ihre Folgen minimiert werden können. In dieser mechanistischen Sicht ist der Körper des kranken Menschen wie eine Maschine, deren Funktionen gestört sind. Werden die „Defekte“ behoben, ist der Mensch gesund.

Wie entsteht Gesundheit?
Als Ergänzung zur klassischen Lehre von den Krankheiten und ihren Ursachen geht die Gesundheitsforschung der Frage nach: Was hält und macht uns eigentlich gesund? Aus Sicht der Gesundheitswissenschaften ist ein Individuum nicht entweder gesund oder krank, sondern bewegt sich auf einer kontinuierlichen Linie zwischen den Polen der "vollständigen Gesundheit" und der "absoluten Krankheit", wobei keiner der beiden Pole von niemandem je ganz erreicht wird.

Resilienzforschung
Der Begriff der Resilienz hat seinen Ursprung in der Materialkunde. Der englische Begriff „resilience“ wurde hier verwendet, um die Fähigkeit von Werkstoffen zu beschreiben, aus einer starken Verformung heraus wieder ihren ursprünglichen Zustand anzunehmen.

Der Ansatz der Resilienzforschung untersuchte die Faktoren, die dazu führen, daß Menschen Krisen – welcher Art auch immer – gut überstehen. Resilienz ist dabei als psychisches Immunsystem, psychische Widerstandsfähigkeit oder innere Stärke zu verstehen. Menschen, die als resilient bezeichnet werden, sind in der Lage, aus Krisensituationen sogar gestärkt hervorzugehen. Resilienz kann erlernt werden. Dabei spielen sieben verschiedene, aber trotzdem eng miteinander verbundene Faktoren die Hauptrolle: Sie müssen in ein passendes Gleichgewicht gebracht werden.

Der erste Faktor ist Optimismus und das Wissen darum, daß Krisen, egal wie schlimm sie auch scheinen, in der Regel zeitlich begrenzt sind. Auf die Corona-Krise bezogen, sagte der Psychiater und Streßforscher Mazda Adli in einem Interview: „Auch diese Krise geht vorbei. Das ist so klar wie das Amen in der Kirche. Wir wissen eben nur nicht genau, wann es ist.“

Der zweite der Resilienzfaktoren ist die Akzeptanz der Krise. Nur wenn die Krise akzeptiert wird, kann sie auch angegangen werden. Dazu gehört, daß wir einfach akzeptieren, daß eine Situation wie jetzt für Streß sorgt, daß sie auch mal für Angst und Verunsicherung sorgen kann.

Der dritte Faktor ist die Lösungsorientierung, für die sich ein gewisses Maß an Energieaufwand wirklich lohnt. Lösungsorientierte Fragen sind beispielsweise:

• Was kann ich jetzt Gutes für mich und mein Wohlbefinden tun?

• Welche Hilfsangebote gibt es? An wen kann ich mich wenden?

• Wie bleibe ich in Kontakt mit meinen Freunden und Familienangehörigen?

• Welche Aktivitäten sind jetzt wirklich wichtig und auf was kann ich getrost verzichten?

Das hilft auch ungemein, sich nicht in der Opferrolle zu fühlen (vierter Faktor). Wenn Menschen eine Krise erleben, entscheidet immer auch ihre Einstellung dazu, ob und wenn ja – wie stark – sie darunter leiden.

Der fünfte Faktor ist das Übernehmen der Verantwortung. Selbstverantwortliche Menschen können auf der Grundlage soliden Wissens situativ unterscheiden und angemessene Verhaltensweisen entwickeln. Wir wissen jetzt, daß das Virus sich über Tröpfchen verbreitet, die ganz gesund aussehende Mitmenschen beim Sprechen, Husten und Niesen absondern. Wir verfügen über diverse Verhaltensmöglichkeiten, um uns zu schützen.

Faktor Nummer 6 ist die Netzwerkorientierung: Soziale Kontakte sind für die meisten resilienten Menschen das A und O. Sie haben keine Scheu, andere um Hilfe zu bitten und wissen, daß niemand alles alleine schaffen muß und kann. Sie sind aber auch häufig diejenigen, die andere stützen.

Der letzte Faktor Nummer 7 ist der Wille und die Fähigkeit, die eigene Zukunft zu planen. Dabei machen resiliente Menschen sich nicht vor, daß immer alles klappt, was man geplant hat. Im Gegenteil: Sie haben immer mindestens einen Plan B und berücksichtigen ihre mehr oder weniger begrenzten Möglichkeiten.

Die „guten Schwimmer“
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky ist in seiner wissenschaftlichen Arbeit folgender Frage nachgegangen: Wie schaffen es Menschen, angesichts einer Vielzahl von krankheitserregenden, psychisch irritierenden und sozial frustrierenden Faktoren gesund zu bleiben?

Antonovsky nutzte zur Erklärung seines Modells der sogenannten Salutogenese gerne die Metapher des Flusses als Strom des Lebens: „Niemand geht sicher am Ufer entlang. (…) ein Großteil des Flusses (ist) sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn verschmutzt. Es gibt Gabelungen im Fluß, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Meine Arbeit ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluß befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?“

Das „Schwimmen“ steht für die Bewältigung und den Umgang des Menschen mit Belastungen, Herausforderungen und Problemen. Antonovsky identifizierte in seiner wissenschaftlichen Arbeit ein Wahrnehmungsmuster, das er das Kohärenzgefühl nannte. Menschen mit viel Kohärenzgefühl sind „gute Schwimmer“ im Fluß des Lebens, und dies trotz aller Widrigkeiten des Daseins. Sie finden sich im Leben zurecht, ihren Problemen und Herausforderungen fühlen sie sich gewachsen und sie sehen einen Sinn in ihrem Leben. Damit ein Mensch ein Kohärenzgefühl entwickeln kann, daß ihn auch in gefährlichen Stromschnellen nicht untergehen läßt, sind drei Voraussetzungen unerläßlich:

• Verstehbarkeit: Der Mensch muß auftretende Belastungen erklären, verstehen und verarbeiten können.

• Handhabbarkeit: Der Mensch verfügt über innere und äußere Ressourcen, über erfolgsversprechende Handlungsstrategien.

• Sinnhaftigkeit: Die Überzeugung/das Gefühl, daß das Leben Sinn hat und es sich lohnt, Energie in die gestellten Anforderungen und Probleme zu investieren.

Widerstandsressourcen
Die persönlichen Widerstandsressourcen, wie zum Beispiel Intelligenz, Flexibilität, Weitsichtigkeit, materieller Wohlstand, die soziale Unterstützung und das physische/biologische Immunsystem spielen nach Antonovsky ebenfalls eine wichtige Rolle, um mit Belastungen zurechtzukommen – oder sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Äußere“ Faktoren wie ein hoher Lebensstandard, viele Freunde und eine gute Bildung sind also die besten Voraussetzungen, gesund zu bleiben.

Was sagt uns das Salutogenese-Modell, bezogen auf die aktuelle Corona-Krise? Wenn es um die Verstehbarkeit geht, dann ist es wichtig, sich zu informieren. Dadurch wird manches verständlicher. Es ist jedoch empfehlenswert, nicht den ganzen Tag nach neuen Informationen Ausschau zu halten, sondern nur zu bestimmten Zeitpunkten.

Handhabbarkeit: Jeder hat auch im Kleinen viele Handlungsmöglichkeiten. Das betrifft zum Beispiel die Arbeitsorganisation, die emotionale Regulation und die Selbstfürsorge sowie die Gestaltung des Alltags mit Kindern oder die Unterstützung anderer Menschen. Gegenseitige soziale Unterstützung ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen psychische Schwierigkeiten und Streß. Gerade wenn physische Distanz verordnet ist (fälschlicherweise als «social distancing» bezeichnet), ist soziale Nähe umso wichtiger! Halten Sie den Kontakt zu Freunden, Verwandten und Nachbarn.

Nicht zuletzt ist es gerade jetzt auch wichtig, auf die eigene Gesundheit zu achten, mit ausreichend Schlaf (am besten ein bis zwei Stunden davor keine Nachrichten!), gesunder Ernährung, so viel Bewegung wie möglich (z. B. auch in der Wohnung Yoga oder ein kleines Zirkeltraining) und Entspannungsübungen. Abschalten gelingt besser mit leichter und ermutigender Lektüre.

Die Frage nach dem Lebenssinn und der Bedeutsamkeit von dem, was wir tun, kann gerade jetzt wieder mehr in den Vordergrund treten. Es ist gut, sich gerade in dieser Situation zu vergegenwärtigen, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Für die meisten zählen dazu die Familie, Freunde, eine erfüllende Arbeit, Hobbys und ehrenamtliche Tätigkeiten. Jetzt können wir uns die Zeit hierfür nehmen.

Was uns die Zukunft bringt, weiß niemand. Am hilfreichsten ist es, darauf zu vertrauen, daß die Dinge sich mit großer Wahrscheinlichkeit so entwickeln, wie man es vernünftigerweise erwarten kann. Wenn wir auf unsere Handlungsfähigkeit und unsere Fähigkeit vertrauen, noch unwägbare auf uns zukommende Schwierigkeiten im Leben – gemeinsam – bewältigen zu können. Wenn wir davon überzeugt sind, daß Lebensbedingungen gestaltbar sind und danach streben, sie mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen in Einklang zu bringen und so zu gestalten, daß sie unserem Leben einen subjektiven Sinn geben. Kurz: wenn wir einen ausgeprägten Kohärenzsinn haben.

Sandra Halfpaap

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