Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Ostberliner Pflanze

Als der wilde Sanddorn in der DDR kultiviert wurde

Petra Müller in ihrer Baumschule
Bis 2015 war Petra Müller bei den Späthschen Baumschulen tätig, zuletzt als Chefin der Pflanzenproduktion. Dann widmete sie sich voll und ganz ihrer besonderen Liebe zum Sanddorn und anderem Wildobst, baute mit ihrem Geschäftspartner eine darauf spezialisierte Baumschule im brandenburgischen Friedersdorf (Foto) auf. Ihren Beruf liebt sie nach wie vor: „Körperlich ist es sehr anstrengend. Doch viel draußen zu sein in der Natur, mit den Händen etwas zu schaffen, das ist schön und entschädigt für die Mühsal“ Foto: Kerstin Große

Die Späthsche Baumschule, älteste Baumschule Deutschlands, wird 300 Jahre alt. Die Geschichte des Gartenbaubetriebs in Berlin-Baumschulenweg hat viele spannende Kapitel und ist mit interessanten Persönlichkeiten verbunden. Eine davon ist Petra Müller. Als Gärtner-Lehrling durfte sie in der Zuchtstation bei Hans-Joachim Albrecht helfen – der heute 87jährige Pflanzenzuchtexperte war schon damals weit über DDR-Grenzen hinaus anerkannt. „In der Züchtung wurden Leute gebraucht, die genau und zuverlässig sind, strukturiert denken. Das lag mir“, erklärt die heute 62jährige bescheiden ihren Berufsstart. Nach der Lehre folgte das Studium zur Gartenbauingenieurin und schließlich vertraute man ihr Verantwortung als stellvertretende Leiterin der Zuchtstation in der Berliner Baumschule an, die Teil des DDR-Kombínates VEG Saatzucht – Baumschulen Dresden war.

Etwa 40 Pflanzensorten entwickelten sie dort zu DDR-Zeiten. Wieviel Mühe, Geduld und Detailfreude das abverlangt, kann wohl besser ermessen, wer weiß, daß es oft 15 bis 20 Jahre dauert, bis eine einzige neue Pflanzensorte marktreif ist und zugelassen wird.

So auch beim Sanddorn. Gelernte DDR-Bürger kannten die leuchtend orangeroten, dornenreichen Büsche lange nur vom Urlaub an der Ostseeküste. Die Idee, die Pflanze für den landwirtschaftlichen Anbau zu kultivieren und ihre sehr vitaminreichen Beeren für die Ernährung nutzbar zu machen, beschäftigte Hans-Joachim Albrecht indes seit den 60er Jahren.

Mit seiner Faszination für das Wildobst, das karge Böden bevorzugt, sich selbst mit Stickstoff versorgt und auch sonst wenig Ansprüche stellt, steckte er seine Mitarbeiter in der Zuchtstation an. Den Sanddorn zu grö-ßeren Früchten, mehr Ertrag und weniger Dornen zu bringen – das war für den massenhaften Anbau und die Ernte die unabdingbare Voraussetzung.

1979 wurde die erste Sorte Leikora für den Kulturanbau zugelassen. Weiter ging es mit Frugana, Askola, Dorana und deutlich später Sirola – phantasievolle Namen für die neuen Züchtungen zu finden, gehörte für Petra Müller und ihre Kollegen zu den leichteren Aufgaben. Nach Pilotversuchen legte man 1980 die erste große Sanddornplantage mit Pflanzen aus Berlin-Baumschulenweg im mecklenburgischen Ludwigslust an. Es sollten noch viele folgen, nicht nur im Inland, später auch in Italien, Portugal, Griechenland und Ungarn.

Sanddorn wurde immer begehrter in der DDR, wird bis heute vor allem in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt angebaut, zu Saft, Gelees, Marmeladen, sogar zu Gummibärchen und Bonbons, aber auch in Cremes und anderen Kosmetikprodukten verarbeitet.

Erst Geheimtip, dann Exportschlager: Die Züchter von den Späthschen Baumschulen schauen völlig zu Recht mit Stolz auf diese Erfolgsgeschichte.

Kerstin Große

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