Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Hamlet, Dylan und die Jüten

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 62): An den Grabhügeln von Ramme

Vorzeitliche Kämpferfiguren am Rammedige in Jütland
Am Rammedige kurz vor der Nordseeküste in Nordwestjütland: Figuren prähistorischer Kämpfer bewachen den Schutzwall. Hans Christian Andersen glaubte, hier befinde sich Hamlets Grab Foto: Holger Becker

Von Holger Becker

Wo wurde Hamlet begraben? Folgen wir Hans Christian Andersen (1805 bis 1875), dem großen dänischen Märchendichter, dann müssen wir bei dem Dörfchen Ramme in Nordwestjütland nach dem berühmten Dänenprinzen suchen, der einem der meistgespielten Theaterstücke Namen und irgendwie auch Handlung lieh. In Andersens „Geschichte aus den Sanddünen“ ist die Rede von einer alten Chronik, nach der Hamlet hier von England herüber an Land kam und bei Bovbjerg eine Schlacht lieferte. „Bei Ramme war sein Grab… Gleich einem großen Friedhofe erhoben sich dort auf der Heide Hünengräber zu Hunderten.“

Letzteres stimmt. Noch heute sind einige der überwiegend bronzezeitlichen Grabhügel zu besichtigen. Genauer gesagt 13 blieben übrig, die meisten wurden im Laufe der letzten 3.000 Jahre im wahrsten Sinne des Wortes plattgemacht. Aus vier Kilometern Entfernung grüßt zu dem denkmalgeschützten Gräberfeld der karminrot gestrichene Leuchtturm von Bovbjerg herüber,  errichtet 1877 auf einem schroffen Stück Steilküste zur Nordsee. Und gleich nebenan zieht sich der Rest einer Wallanlage von Süd nach Nord, der Rammedige (Rammedeich), vermutlich als wirksame Wehr zum Schutz einer Siedlung errichtet. Ein Stück von 400 Metern hat sich von dem einst mit Palisaden bestückten Schanzwerk erhalten, das bei den vormaligen Betrachtern einen tiefen Eindruck hinterlassen haben wird. Denn es durchschnitt das Land auf einer Länge von zwei Kilometern. Das war in der Eisenzeit vor etwa 2000 Jahren. Ist also noch nicht lange her, wenn die benachbarten Grabhügel als Maßstab gelten.

Andersen glaubte an seine Hamlet-Version. Bevor er 1859 seine „Geschichte aus den Sanddünen“ niederschrieb, hatte er auf einer Nordseereise auch Ramme besucht. Er habe das Grab von Hamlet gesehen, der sich am Rammedige eine Schlacht lieferte, schrieb er am 30. Juli jenes Jahres an seinen Schriftstellerkollegen Bernhard Severin Ingemann (1789 bis 1862). Wer weiß, wahrscheinlich hatten ihm in der damals weit hinter dem Ende der Welt liegenden Gegend Leute den alten Schnack erzählt, nach dem in einem der Grabhügel der englische König sitze, und zwar auf einem goldenen Thron und umgeben von Schätzen von so großem Wert, daß damit alle Schulden Dänemarks bezahlt werden könnten.

Ramme jedenfalls und die Kommune Lemvig, zu der das Dörfchen gehört, tun sich nicht dicke mit Hamlet. Es gibt noch zwei andere Stellen im Land, die als Gräber des Dänenprinzen firmieren, die eine in der Nähe des ostjütischen Assentoft, die andere bei Ostrup auf der Insel Seeland, wobei der Hamlet der letzteren ein 30 Meter großer Riese ist, der sein 39 Meter langes Grab zu großen Teilen ausgefüllt haben soll. Wohin muß sich also begeben, wer Hamlet sucht?

Am besten in die Bibliothek seines Vertrauens. Beim Stoff, den William Shakespeare für sein Drama um den großen Zauderer Hamlet nutzte, handelt es sich um eine Sage, welche der Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus (etwa 1160 bis etwa 1208) niederschrieb. Saxo verfaßte mit der „Gesta Danorum“ („Die Taten der Dänen“) auf Latein ein 16bändiges Werk, das als wichtigstes dänisches Geschichtsbuch des Mittelalters gilt. Es blieb nur in einem einzigen Exemplar, einem Pariser Druck aus dem Jahr 1514, vollständig erhalten und harrt, obwohl es wichtige Bezüge zum Beispiel zur Geschichte Mecklenburgs zur Zeit von dessen slawischer Besiedlung enthält, bis heute der vollständigen Übersetzung ins Deutsche. In den Annalen zur „Vorzeit” der Dänen greift Saxo auf den altnordischen Sagenschatz zurück. Und in dem steckt auch die Geschichte des Fürstensohns Amletus, im Dänischen Amlet genannt. Ausgangssituation, Teile des Figurenensembles und der Handlung, wie Saxo sie schildert, finden sich in Shakespeares Werk wieder.

Wir wollen hier nicht mit Vergleichen langweilen. Die Großen in der Kunst eignen sich die großen Stoffe an und schneiden diese, Schönheit produzierend, so zu, daß sie auf ihre Gegenwart und auf alle Zukunft passen. Beides muß zusammengehen, wenn ein Werk die Zeiten überdauern will. In der „Gesta Danorum“ steckt übrigens auch noch die Geschichte vom Apfelschuß, also dem Action-Höhepunkt in Friedrich Schillers (1759 bis 1805) „Wilhelm Tell“. Nur heißt der Held, der seinem Sohnemann das Obst vom Haupte pfeilt, hier Toko und ist kein Freiheitskämpfer, sondern ein Angeber.

In Shakespeares „Hamlet“ sterben der Held und nicht wenige seiner Verwandten, Freunde und Bekannten. Das Stück selbst ist nicht totzukriegen, auch wenn sich eine Corona von Regisseuren, Um- und Neuschreibern am Massaker versucht hat. Wir kommen nicht umhin, ein wenig auf den Inhalt des Dramas zu schauen, das Shakespeare in seiner Gegenwart des ausgehenden 16., anbrechenden 17. Jahrhunderts ansiedelte: Hamlet, der Königssohn, hat seine Ideale auf der Universität in Wittenberg an der Elbe erworben, der Pflanzschule des Renaissance-Humanismus. Dort wird quasi die ideologische Begleitmusik zur begonnenen Bildung bürgerlicher Nationen in Europa gespielt, bei der das absolute Königtum sich als unentbehrlich erweist, weil es die Balance zwischen aufstrebender Bourgeoisie und abfaulendem, aber beharrungskräftigem Adel herzustellen weiß. In Dänemark findet Hamlet einen Praktiker dieses Königtums auf dem Thron, seinen Onkel Claudius.

Leider hat der Hamlets Vater getötet, der durchaus ein Vertreter der alten Welt des Feudalismus war, und leider hat Claudius die Witwe seines Opfers geheiratet, Gertrud, Hamlets Mutter, und er  liebt sie sogar. Der Geist von Hamlets Vater erscheint und befiehlt dem Sohn, an Claudius Rache zu nehmen. Doch Hamlet zaudert, den Mann zu töten, der sein Gesellschaftsideal teilt, in der Wahl seiner Mittel aber nicht gerade idealistisch vorgeht, sondern machtbewußt nach dem Motto handelt: Wer ein Omelette backen will, muß bereit sein, Eier zu zerschlagen. Claudius ist ein fähiger Politiker, der sogar einen unsinnigen Krieg mit Norwegen verhindert. Die Konflikte und Verwicklungen des Stückes ergeben sich aus der Konstellation, daß Hamlet den am meisten haßt, der ihm politisch am nächsten steht.

André Müller sen., dessen analytisch-sezierenden Blick wir diese Präparation verdanken, attestiert Hamlet in seinem Buch „Shakespeare ohne Geheimnis“ (Reclam Leipzig 1980) einen „Reinheitskomplex“. „Hamlet ist zwar für eine humanere Welt“, schreibt er, „aber er will sie rein und fleckenlos, nicht für den Preis, den Claudius dafür zu zahlen bereit ist.“

Peter Hacks (1928-2003), lange der in Ost und West meistgespielte deutsche Dramatiker, hob im Vorwort zum Buch seines Freundes Müller die Sache noch ein paar Stufen höher: „Hamlet ist die Tragödie des bürgerlichen Humanismus. Es sind die Begebenheiten eines Mannes, der, weil er kein durchaus Neues an die Stelle des Alten zu setzen weiß, dem Alten erliegt. Er will eine geordnete Welt und findet bloß eine bürgerliche. Zu stolz, sich mit einem nur relativen Fortschritt abzufinden, verrät er den Fortschritt. Das ist das furchtbare Dilemma einer beschränkten und widersprüchlichen Klassenposition, die, je Vollkommeneres sie anstrebt, desto deutlicher ihre Schranken und Widersprüche offenbart, je weiter sie vorstößt, desto weiter hinten landet…. Hamlets Erbärmlichkeit ist aus Größe.“ Das war 1980, selbstverständlich und gar nicht unfair, auch in Richtung dissidierenden DDR-Kunstestablishments geprochen.

Shakespeares „Hamlet“ ist, wie wir wissen, ein Steinbruch der Sprüche. „Etwas ist faul im Staate Dänemarks“, „Gut gebrüllt, Löwe“, „Die Zeit ist aus den Fugen“ und natürlich „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ gehören zum Zitatenvorrat der Menschheit. Man könnte auch sagen: Hamlet ist Pop.

Pop-Großmeister Bob Dylan, der sich als Sänger, Dichtung und Musik vereinend, mehr und mehr in der Tradition der keltischen Barden bewegt, weiß das seit langem. „Murder Most Foul“ heißt das 17 Minuten lange Stück, mit dem er in diesem Frühjahr seine Verehrer und den Rest der Welt überraschte. Der Titel ist Shakespeares „Hamlet“ entlehnt, und zwar jener Stelle, da der Geist von Hamlets Vater dem Sohne das große Geheimnis enthüllt: Der Hamlet-Vater starb keines natürlichen Todes, sondern wurde von seinem Bruder Claudius mit Gift ermordet.

Die meistens verwendete Schlegel-Tiecksche Shakespeare-Übersetzung, verdeutscht dies mit der Fügung „schnöder Mord“. Nach Langenscheidts „Enzyklopädischem Wörterbuch der englischen und deutschen Sprache“ von 1963 läßt sich für „foul“, dessen substantivische Form wir vor allem als Regelverstoß beim Fußball kennen, aber auch „verderbt“, „widerlich“, „stinkend“, „gemein“, „böse“ und einiges mehr einsetzen. Das Wort, das Shakespeare und Dylan superlativisch gebrauchen, changiert bis hin zu „unklar“ und „rätselhaft“.

Der Mord, von dem Dylan singt, geschah am 22. November 1963 in Dallas (Texas). Sein Opfer wurde John F. Kennedy, der Präsident der USA. Jeder würde sich maßlos verheddern bei dem Versuch, die personelle Konstellation des „Hamlet“ auf die Dylan-Ballade zu legen. Dann wäre ja Kennedy soetwas wie Hamlets Vater und Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson eine Art Claudius. Nein, es geht schlicht um den „Königsmord“, der immer eine unerhörte Tat ist, im Falle Kennedys, meint Dylan, der „größte Zaubertrick, den die Sonne je sah, perfekt exekutiert, geschickt gemacht“. An jenem „schwarzen Tag“ in Dallas sei der Nation „die Seele herausgerissen“ worden, wobei Dylan von Buster Keaton und Marilyn Monroe über Nat King Cole und John Lee Hooker bis hin zu Beethovens „Mondscheinsonate“ in langer Reihe aufzählt, was für ihn zur Seele der USA gehört – nicht zuletzt die Marschierhymne „Marching Through Georgia”, welche die Veteranen der Nordstaaten nach dem Sieg über die Sklavenhalter der Südstaaten im US-Bürgerkrieg der 1860er Jahre sangen.

Ob die Hoffnungen, die viele damals in Kennedy setzten, berechtigt waren oder auch nicht, seine Ermordung, die ja eine Hinrichtung auf offener Bühne war, beeinflußt unser Leben bis heute. Dylan hat seinen Song, wie er sagt, schon vor paar Jahren geschrieben und veröffentlicht vor dem gemeinen Mord an dem Afroamerikaner George Floyd durch mehrere Polizisten.

Wie kommen wir wieder nach Dänemark? Ganz einfach – mit Bob Dylan. Auf einer Tournee durch das skandinavische Land, besuchte der schon am 30. April 1966 das Schloß Kronborg in Helsingør, wo Shakespeares Hamlet spielt. Es gibt ein Foto, das ihn in in schwarzem Pullover und in Hamletpose zeigt – aufgenommen etwa an der Stelle, an der Hamlet bei Shakespeare der Geist seines Vaters erscheint.

Die Idee zu „Murder Most Foul“, das manche schon als Dylans Vermächtnis bezeichnen, könnte also älteren Datums sein. Vielleicht hat er sich vor seinem Nobelpreis 2017 nicht getraut, zu sagen, was er meint. Den Begriff „Verschwörungstheoretiker“ hat die CIA ja extra in Umlauf gebracht, um die Zweifler (siehe Heft 1-2018) an den Mordstheorien der Offizialermittler zu diskreditieren.

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