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Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 61): Walther Victors Bücher

Walther Victor 1937 am Grab von Karl Marx auf dem Londoner Highgate-Friedhof Foto: aus Kehre wieder über die Berge, Berlin und Weimar 1982
Walther Victor 1937 am Grab von Karl Marx auf dem Londoner Highgate-Friedhof Foto: aus Kehre wieder über die Berge, Berlin und Weimar 1982

Von Holger Becker

Erinnern Sie sich noch? Lange ist es her, wohl etwa zu der Zeit, als Pharao Cheops in Gizeh seine Pyramide bauen ließ, also kurz vor Ausbruch der Corona-Aufregung, da gab es viel Lärm um ein kleines Land namens Thüringen. Von Staatskrise war die Rede. Die Wahl eines Ministerpräsidenten, der die Abgeordnetenstimmen von CDU, FDP und AfD bekommen hatte, wurde „rückgängig gemacht“. Historische Analogien kamen in Umlauf, ins Bild gesetzt mit Fotos, die jeweils die Herren Hitler und Hindenburg beim „Tag von Potsdam“ 1933 und Kemmerich und Höcke bei einem Gratulationsakt 2020 zeigten. Aber es wurde kein Schuh draus. Wenn Höcke der Hitler ist, soll dann Kemmerich Hindenburg sein? Oder umgekehrt? Oder wie? Reale Gefahren, aber windschiefe historische Vergleiche.

Bemerkenswert in jenen Tagen: Niemand sprach über das Jahr 1923, obwohl manche dran gedacht haben müssen. 1923, das war nicht nur das Jahr der Hyperinflation in der jungen „Weimarer Republik“, sondern auch der „Arbeiterregierungen“ in Thüringen und Sachsen. Linke Sozialdemokraten und Kommunisten koalierten in beiden Ländern. Ihre gemeinsamen Regierungen kamen korrekt zustande, nach den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Gewalt machte ihnen ein Ende. Denn die Reichswehr marschierte ein, weil angeblich ein „bolschewistischer Umsturz“ drohte.

In Gang gesetzt hatte die Militärmaschine Reichspräsident Friedrich Ebert von der SPD. Es nannte sich „Reichsexekution“. Nebenan in Bayern, wo derweil die Staatsregierung einen „Marsch auf Berlin“ nach Vorbild Mussolinis und eine reichsweite „nationale Diktatur“ plante, geschah nichts dergleichen, obwohl dort – ganz im Unterschied zu Thüringen und Sachsen – die Einheit des Reiches explizit in Frage gestellt und so die Verfassung gebrochen wurde. Man nahm Rücksicht auf die Reichswehr, die ums Verrecken nicht gegen die Reaktion marschieren wollte.

Die Vorgänge verraten viel über die DNA der Weimarer Republik. Ihr Beschweigen sagt einiges über heutige Verfaßtheit. Auf einem Foto, das wir in der „Ostthüringer Zeitung“ vom 12. August 2019 fanden, steht SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee, damals und heute Minister in einer von einem Mitglied der Linkspartei geführten Landesregierung, neben seiner Parteifreundin und Bundesministerin Franziska Giffey und schaut auf einen Gedenkstein. Giffey hakt sich unter bei einer dritten Person, einem mehr schlecht als recht als Friedrich Ebert verkleideten jungen Schauspieler. Das Ganze trägt sich zu als eine Art Jubiläumstamtam im thüringischen Kurort Schwarzburg, in dem Ebert am 11. August 1919 während eines Urlaubs die „Weimarer Verfassung“ unterzeichnete. Man hat in Schwarzburg an der Schloßpromenade eine ganze Galerie mit Steinen aufgestellt, auf denen Artikel des nachwilhelminischen Grundgesetzes zu lesen sind. Der mit der Nummer 48 ist nicht dabei, der berühmte Notverordnungsartikel, auf den sich Ebert bei der „Reichsexekution“ auch in Thüringen berief. Man behelligt sich nicht mit dem Jahr 1923, das ein Meilenstein auf dem Weg in die Nazidiktatur war. Giffey und Tiefensee schauen vielmehr versonnen auf den Artikel 150. Der handelt vom Denkmalschutz und der Landschaftspflege.

Dabei läßt sich gute Auskunft über das Jahr 1923 bei alten Sozialdemokraten bekommen. Der Journalist und Schriftsteller Walther Victor (1895 bis 1971) war so einer. Vor 125 Jahren am 21. April 1895 in Bad Oeynhausen geboren, aufgewachsen in Posen, erlebte er den Einmarsch der Reichswehr in Zwickau, wo er als Redakteur der SPD-Zeitung „Sächsisches Volksblatt“ nach Ansicht von Kurt Tucholsky das beste Feuilleton der deutschen Arbeiterpresse gestaltete und zugleich u. a. als Kulturdezernent im Stadtrat tätig war. Victor hat geschildert, wie die Reichswehr auf Berliner Befehl in die Industriestadt einmarschierte, an der Spitze der Truppenkolonne zwei „wald- und wiesengrün bemalte Tanks“, die schließlich vor dem Sitz der besonders linken Zwickauer SPD und der Zeitungsredaktion sich aufbauten, daneben schußbereite Maschinengewehre, gerichtet auf die Fenster der Büros. Gesucht wurden Victor selbst und sein Chef Max Seydewitz (1892 bis 1987). Der damalige Feuilletonredakteur nennt die Vorgänge „eines der beschämendsten Kapitel der Geschichte der deutschen Republik“ und die „Arbeiterregierungen“ in Sachsen und Thüringen den einzigen Versuch, „in Deutschland im Rahmen der Demokratie Ernst zu machen mit der Herrschaft des arbeitenden Volkes“.

Walther Victor, Sozialist und Jude, ab 1932 Redakteur im Mosse-Verlag, lebte nach der Machtübergabe an Hitler zuerst illegal in Berlin, dann auf der Insel Reichenau im Bodensee, floh 1935 vor drohender Verhaftung in die Schweiz, wurde von deren Regierung 1938 ausgewiesen, ging nach Frankreich, das ihn ab Mai 1940 in mehreren Lagern internierte, schlug sich über die Pyrenäen nach Spanien und Portugal durch, um schließlich im Oktober 1940 per Schiff zusammen mit Heinrich Mann, Franz Werfel und anderen Schriftstellern im Hafen von New York anzukommen. Schon vor 1933 hatte er Bücher geschrieben, so über Friedrich Engels, worauf wir noch kommen, und über Heinrich Heines Frau Mathilde. Auf der Flucht und im Exil ging das weiter. Er schrieb u. a. über Albert Einstein, Jack London und den Maler Anton van Dyck. Während er fern von Deutschland sein mußte, kam 1942 seine Mutter im KZ Theresienstadt um. 1947 gelang es ihm, aus den USA nach Deutschland zu übersiedeln. Er wählte – im beginnenden Kalten Krieg – den Osten, wurde Ministerialrat in der sächsischen Landesregierung, dann freier Schriftsteller.

Victor war es, der als Herausgeber 1948 die legendäre Reihe der Volkslesebücher begründete, die zuerst im Thüringer Volksverlag Weimar, später im Aufbau Verlag Berlin und Weimar erschienen. Mit diesen „Lesebüchern für unsere Zeit“ brachte er hunderttausenden Menschen mehrerer Generationen in der DDR die Werke großer Schriftsteller aus älterer und neuerer Zeit nahe. Es begann mit einer Auswahl aus den Schriften Goethes. Und es folgte eine lange Reihe von Ausgaben, die über den Tod Walther Victors bis in die 1990er Jahre reichte: Heine, Lessing, Shakespeare, Tolstoi, Tschechow, Brecht, Ossietzky, Kisch, um nur einige zu nennen. Jeder Band enthielt eine Einführung zum Autor und eine Zeittafel. Daneben schrieb Victor unermüdlich, viel über Goethe und dessen Mitklassiker Schiller, nicht wenig auch über Karl Marx.

Seine Erlebnisse des Jahres 1923 allerdings schilderte er in einer Autobiographie, die er schon 1942 im Alter von 49 Jahren in den USA zu schreiben begonnen hatte und die dann 1945 in New York erstmals erschien. „Kehre wieder über die Berge“, so der Titel, ist ein in mancherlei Hinsicht bemerkenswertes Buch. Sehr einprägsam beschreibt Victor, wie die Erlebnisse als Soldat im Ersten Weltkrieg ihn, den Sohn eines Fabrikbesitzers, in Richtung Sozialismus führten. Wir begegnen einigen seiner großen Zeitgenossen sowie politischen und publizistischen Weg- und Kampfgefährten, so den großen drei von der „Weltbühne“ Siegfried Jacobsohn (1881 bis 1926), Carl von Ossietzky (1889 bis 1938) und Kurt Tucholsky (1890 bis 1935). Und vor allen anderen Paul Levi (1883 bis 1930), seinem Anwalt in einem aufsehenerregen-den Prozeß um „Gotteslästerung“ Ende der 1920er Jahre.

Levi, der einstige Vertraute und zeitweilige Geliebte Rosa Luxemburgs, war Victor ein guter Freund, persönlich wie politisch. Als sie sich kennenlernten, gehörte Levi, glänzender Jurist, Mitbegründer der zum Jahreswechsel 1918/19 aus der Taufe gehobenen KPD, bereits seit langem wieder der SPD an, exponierte sich dort auf dem linken, marxistischen Flügel. Seine Reichstagsmandate errang er ab 1924 im Bezirk Zwickau-Plauen, in dem die rechte SPD-Parteibürokratie nicht viel zu melden hatte. Victor verstand sehr gut, was seinen Freund politisch bewegte. Der hatte als Nachfolger des ermordeten Leo Jogiches im März 1919 den Vorsitz der KPD übernommen, deren Teilnahme an den Reichstagswahlen durchgesetzt und die Vereinigung mit der USPD ermöglicht, woraus eine Massenpartei entstand. Doch den Kurs der Kommunistischen Internationale (Komintern), mittels geheimer informeller Strukturen vorbei an den gewählten Gremien den Kurs der nationalen kommunistischen Parteien zu bestimmen, lehnte er als verderblich ab. Für die Geheim-Natschalniks, die nun laut Victor „unter irgendwelchen orientalischen Namen“ in Deutschland auftauchten, prägte Levi den Namen „Turkestaner“. Im Februar 1921 trat er vom KPD-Vorsitz zurück. Scharfe öffentliche Kritik am Turkestanertum übte er dann in seiner Schrift „Unser Weg. Wider den Putschismus“, deren Anlaß der „Märzaktion“ genannte, von Komintern-Emissären initiierte putschistische Aufstandsversuch vom März 1921 im mitteldeutschen Revier war, der zahlreiche sinnlose Opfer forderte. Auf Betreiben von Kominternchef Grigori Sinowjew schloß die KPD Levi aus.

Das ließ sich ab 1982 auch in der DDR nachlesen, obwohl es der parteioffiziellen Darstellung in der vier Jahre zuvor erschienenen „Geschichte der SED. Abriß“ diametral widersprach, nach der die „Märzaktion“ von Polizei und Reichswehr provoziert worden sei. Denn elf Jahre nach seinem Tod und 35 Jahre nach seinem Eintritt in die SED erschien Walther Victors Autobiographie „Kehre wieder über die Berge“ nun endlich in dem Land seiner Wahl. Und es schien, als feierte das kleinere Deutschland ohne sichtbaren Anlaß einer richtig runden Jubiläumszahl 1982 ein Walther-Victor-Jahr. Quasi als Türöffner für die Autobiographie war nämlich zuvor ein Buch auf und unter die Ladentische gekommen, das Victor als sein liebstes bezeichnet hat: „General und die Frauen. Vom Erlebnis zur Theorie“. Es handelte vom Privatleben des Friedrich Engels (1820 bis 1895, Spitzname „General“) und davon, wie dieses Private beim kongenialen Mitstreiter und Freund des Karl Marx (1818 bis 1883) mit dem Großen und Ganzen zusammenhing.

Wie hieß die Frau von Friedrich Engels? Wenigstens halbwegs richtige Antworten darauf – eine einzige gibt es nicht – konnten nur ein paar Eingeweihte geben, bis 1932 Walther Victors Schrift in der Büchergilde Gutenberg erschien. Seine Heldinnen sind, wenn auch nicht allein, aber vor allen anderen, zwei irische Arbeiterinnen, die Schwestern: Mary Burns (1821 bis 1863), Engels’ große Liebe, und Lydia (Lizzy) Burns (1827 bis 1878), die er auf ihrem Totenbett formell heiratete. Die beiden irischen Patriotinnen lebten zeitweise mit Engels in Manchester in einem Haushalt.

Kein wissenschaftliches Werk hatte Victor vorlegen, sondern eine „freie Nachzeichnung einzelner Lebenszüge“ des Menschen Friedrich Engels geben wollen. Wenn „General und die Frauen“ nun im DDR-Zentralantiquariat als Reprint der Originalausgabe von 1932 erschien, war das ein großer Schritt, wegzukommen von der götzenbildhaften Entrü-ckung, der die Begründer der kritischsten aller Theorien über Jahrzehnte ausgesetzt waren. Für das Erscheinen des Buches, in dem so viel Herzblut seines Autors steckte, hatte als Herausgeber der Journalist Harald Wessel gesorgt. Leser in der DDR kannten ihn als Mann vom Fach. „Hausbesuch bei Friedrich Engels“ hieß eines seiner Bücher, erschienen schon 1971 im Dietz-Verlag Berlin, fußend auf einer elfteiligen Reportageserie in der Zeitung „Neues Deutschland“. In einem dem Reprint beigegebenen Essay würdigte Wessel Victors Text als „literarisches Werk von anhaltendem Wert“, ergänzte ihn zugleich um den Wissensstand des Jahres 1982.

Der 125. Geburtstag von Walther Victor ist gerade gewesen. Der 200. Geburtstag von Friedrich Engels steht für den 28. November bevor. In Weimar, wo Victor sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte, trägt eine Straße seinen Namen. Will in Thüringen noch jemand wissen, warum?

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