Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Verkehrswende komplexer denken

Corona und Mobilität. Wie es nach der Krise weitergeht

Ein Mann bei der Heimarbeit am Computer
Heimarbeit statt Weg zum Arbeitsplatz Foto: Rainer Große

Ist das jetzt alles wahr, oder ist es nicht doch nur ein Kinofilm, der uns gleich wieder raus auf die quirlige Straße entläßt. Kein Flugzeug in der Luft, nur drei Fahrgäste in der Bahn und staufreie Autobahnen selbst zum Osterfest. Manch einer erinnert sich da schon an das Märchen vom Dornröschen, das plötzlich mitsamt dem gesamten Hofstaat erstarrte – bis zu einem erlösenden Kuß. Und das steht fest: Auch wir werden nach überstandener Krise wieder in Bewegung kommen, Stück für Stück unsere Mobilität zurückerlangen. Machen wir dann genau dort weiter, wo jüngst abrupt das Stopsignal gesetzt wurde, oder müssen wir den Begriff der Mobilität zumindest in Teilen neu definieren? Inwieweit wird Corona positive oder negative Auswirkungen auf die angestrebte Verkehrswende haben? Die Expertenmeinungen gehen da noch weiter auseinander.

Im Verhalten hat sich viel verändert
Der ADAC hat dieser Tage schon einmal vorgefühlt und wollte von den Teilnehmern einer Umfrage wissen, wie sich ihr Mobilitätsverhalten verändert hat, und was das für sie in der Nach-Corona-Zeit bedeuten könnte. Für diejenigen, die noch unterwegs sein müssen, erscheint das Auto derzeit oft alternativlos. Allein im Pkw oder nur mit dem Lebensgefährten ist man wohl am besten gegen eine Ansteckung gewappnet. Andere sind auf das Fahrrad umgestiegen. Denn auch damit ist es schwer, den Mitmenschen näher als 1,50 Meter zu kommen. Und 27 Prozent der Befragten nehmen an, nach der Krise mehr zu Fuß zu gehen.

Ein Verlierer könnte die Luftfahrtbranche sein: Fast ein Viertel der Umfrage-Teilnehmer gab an, künftig wahrscheinlich weniger zu fliegen.

Tief ist der Einschnitt aber auch beim Öffentlichen Personenverkehr, und das obwohl die wichtigsten Verbindungen so gut es geht aufrechterhalten werden. Die Deutsche Bahn registrierte an den Ostertagen nur knapp 300.000 Buchungen im Fernverkehr – vier Fünftel weniger als im Vorjahr. Auch bei denen, die noch mit Bus und Bahn unterwegs sein müssen, gibt es verbreitet ein Gefühl des Unwohlseins, mit fremden Menschen gemeinsam in einem Raum zu sein. Vielen ist die Suche nach Distanz schon in Fleisch und Blut übergegangen, und das ist auch gut so – zumindest jetzt. Mit Sicherheit wird der Öffentliche Personennahverkehr aber auch nach Corona das Rückgrat der Verkehrswende bleiben müssen. Es wird jedoch mehr denn je darauf ankommen, mit aller Kraft Bahn und Bus als sichere, saubere und effektive Fortbewegungsmittel wieder attraktiv zu machen und so vom temporären Stigma zu befreien.

Digitalisierung ist das A und O
Die Corona-Krise verdeutlicht aber auch, daß wir den Begriff der Mobilität bisher wohl zu eng gefaßt haben. Da zeigt sich plötzlich, wieviel der Arbeit als Homeoffice erledigt werden kann, daß eine Videokonferenz mitunter effektiver ist als eine Beratung, zu der man einmal quer durch Deutschland fliegt. Mobilität ist nicht nur das, was Räder oder Flügel hat. Mobilität ist auch die Fähigkeit, immer mehr Dinge ohne großen Aufwand per Knopfdruck schnell erledigen zu können.

„Corona ist Chance wie Aufforderung, Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheitswesen noch entschiedener und schneller zu digitalisieren“, wird der Präsident des Digitalverbandes Bitkom, Achim Berg, in der „Zeit“ zitiert. Technologien für Webkonferenzen sollten ausgefeilt und Homeoffice zum Standard werden. Selbst für die Vereinsarbeit sind elektronische Mitgliederkonferenzen mitunter eine gute Alternative. Im Zeichen von Corona hat der Gesetzgeber diese ad hoc auch ohne Satzungsänderung ermöglicht. Daran gilt es anzuknüpfen. Denn wer auf der Datenautobahn unterwegs ist, verstopft keine Straße. Wenn zum Beispiel alle Arbeitnehmer, die jetzt im Homeoffice sind, künftig auch nur einmal in der Woche und zu verschiedenen Tagen ihre Arbeit am heimischen Computer leisten, könnte der Berufsverkehr vielleicht schon um zehn Prozent entlastet werden.

Zudem zeigt die Krise, wie wichtig Angebote in Wohnortnähe sind: Arbeitsplätze, medizinische Betreuung, Supermärkte, Drogerien. Im Ausnahmezustand können sie überlebenswichtig sein. Im normalen Leben sind sie ein Baustein dafür, stetig wachsende Pendlerströme einzudämmen.

Das Fazit: Es gilt, Corona als Chance zu begreifen und an positive Aspekte des aktuellen Ausnahmezustands wie den der Verkehrsvermeidung anzuknüpfen. Mobilitätskonzepte müssen noch komplexer als bisher gedacht werden. Notwendig – das macht die Krise noch einmal deutlich – ist die optimale Verzahnung aller vorhandenen Verkehrsträger. Doch vielmehr noch: Es geht um die Verzahnung ganzer Lebensbereiche mit dem Thema Mobilität und Verkehr.

Hagen Ludwig

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