Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Rigoroses Schlußlicht

Mecklenburg-Vorpommern machte die Grenzen dicht. Der Zustand seines Gesundheitwesens gab Grund dafür

Das klassizistische „Kollegiengebäude“ in Schwerin, in dem heute Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ihren Sitz hat. Sie behauptet: „Ich kritisiere schon seit vielen Jahren die Ökonomisierung des Gesundheitswesens“ Foto: wikimedia commonas/ ni
Das klassizistische „Kollegiengebäude“ in Schwerin, in dem heute Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ihren Sitz hat. Sie behauptet: „Ich kritisiere schon seit vielen Jahren die Ökonomisierung des Gesundheitswesens“ Foto: wikimedia commonas/ niteshift

Von Holger Becker

„Gännse vleisch ma’n Gofferraum uffmachn?” Mecklenburg-Vorpommerns sächselnder Innenminister und Vizepremier Lorenz Caffier (CDU) wäre ein Grenzposten, wie er im Buche steht. Im März allerdings avancierte er zum Kommandeur einer MeckPomm-Grenzbrigade, die an den innerdeutschen Demarkationslinien zu Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Brandenburg aufmarschierte, um das Corona-Virus zu stoppen. Und zwar in Gestalt landesfremder Eindringlinge, die den krankmachenden Widerling in Deutschlands dünnstbesiedelten Regionen verbreiten könnten. In Ordnung sagten viele, Touristenscharen an den Stränden der Ostsee oder in der Mecklenburgischen Seenplatten sollten jetzt wirklich nicht sein. Aber auch kein kleiner Grenzverkehr zwischen benachbarten Orten? Und keine Erlaubnis für die Besitzer von Datschen und Ferienwohnungen aus Berlin und anderen Bundesländern, ihre Zweitwohnsitze im Nordosten zu erreichen, um dort in frischer Luft und mit selbstverständlich gehörigem Abstand zum Mitmenschen das Coronapotential der Ballungsgebiete zu verdünnen?

Das roch schon ein wenig nach Kleinstaaterei. Die MV-Landesregierung, geführt von der im ostbrandenburgischen Seelow aufgewachsenen Manuela Schwesig (SPD), blieb hart. Angesichts der märkisch-sächsischen Koalition an der Spitze des Schweriner Kabinetts kann das kaum zu tun haben mit besonderen Genen der Mecklenburger, denen ja eine Tendenz nachgesagt wird, in Absonderung zu glänzen.

Wenn’s aber das nicht ist – was dann? Höchstwahrscheinlich steckt hinter dem besonderen Hardlinertum der Schweriner Regierung tatsächlich die Angst, die Kapazitäten der Kliniken im Lande würden für die Anzahl behandlungsbedürftiger Corona-Fälle nicht reichen. Caffier jedenfalls wurde in den Tagen der rigorosen Abschottung zu betonen nicht müde, alles sei auf die 1,6 Millionen Einwohner des Landes ausgelegt. Was eigentlich nicht besonders viele sind. Das nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Anweisungen des Sowjetführers Josef Stalin gebildete und 1990 wiedererstandene Land – eine Zusammenlegung der westlich gelegenen mecklenburgischen Territorien und der sich östlich bis zur nunmehrigen polnischen Grenze erstreckenden Gebiete des preußischen „Vorderpommern“ – hatte schon einmal wesentlich mehr Landeskinder. 1946 waren es 2,1 Millionen. Denn es nahm damals massenhaft Flüchtlinge von östlich der Oder auf. 1990 immerhin wohnten noch 1,9 Millionen Menschen in den drei Nordbezirken der DDR, die dann wieder Mecklenburg-Vorpommern hießen.

Die in den letzten 30 Jahren erfolgte Ausdünnung betrifft aber nicht nur die Zahl der Einwohner, sondern auch deren medizinische Versorgung. Hatte das Land 1990 noch 55 Krankenhäuser, so sind es heute nur 37. In diesen Kliniken fehlten vor Ausbruch der Corona-Krise 500 Pflegekräfte, gemessen an den offiziellen Schlüsseln für die Betreuung der Patienten. Schuld daran ist vor allem die schlechte Bezahlung im weitgehend durchprivatisierten Klinikwesen des Küstenlandes. Denn Fachkrankenpfleger erhalten in MV höchstens 70 Prozent des Salärs ihrer Kollegen in Baden-Württemberg, wohin die meisten der ausgebildeten Pflegekräfte abwandern.

Wer als behandlungsbedürftiger Mensch eine Klinik erreichen muß, hat in MV im Durchschnitt aller Bundesländer den weitesten Weg zurückzulegen. Nur 72 Prozent der Landeskinder können das innerhalb von 20 Minuten schaffen. Selbst in den ländlichen Regionen Bayerns sind es über 92 Prozent.

Es gibt auch Ecken, in denen die Fahrzeit eine Stunde und mehr beträgt. Auf den Karten des Krankenhausatlasses, den die Statistikämter von Bund und Ländern herausgegeben haben (https://krankenhausatlas.statistikportal.de/), fällt Mecklenburg-Vorpommern mit in alarmierendem Rot eingefärbten Flächen auf. Besonders lang sind die Fahrzeiten zu Kliniken für den Allgemeinbedarf in den Urlaubergebieten an der Ostseeküste. So hat die „Sonneninsel“ Usedom seit langem kein Krankenhaus mehr. Die letzte reguläre insulare Krankenstation machte 1994 in Heringsdorf dicht. Zuständig ist das Kreiskrankenhaus Wolgast.

Das ist eines der letzten Krankenhäuser in MV, die sich überhaupt noch in öffentlicher Hand befinden. 2005 verkaufte es der damalige Landkreis Ostvorpommern zu 95 Prozent an die Universitätsmedizin Greifswald. Das wendete eine Privatisierung zwar ab, aber die neoliberalem Zeitgeist folgende Ökonomisierung des bundesdeutschen Gesundheitswesens schlug trotzdem durch.

Auch am Greifswalder Uniklinikum haben nämlich Betriebswirte das Sagen. Das Haus ist verdonnert, Gewinn zu erwirtschaften – und spart auch an seiner Wolgaster Depandance. Wo es 2008 noch 400 Mitarbeiter gab, sind es jetzt nur noch rund 200. Im Jahr 2016 schloß in Wolgast die Geburts- und Kinderstation, was zu heftigen Protesten führte. Mehr als 19.000 Bürger erzwangen mit ihren Unterschriften, daß sich der Landtag mit einer Volksinitiative zur Wiedereröffnung der geschlossenen Station befaßt. Deren Chefarzt, Dieter Radloff-Abeler, hatte noch kurz vor der Schließung in einem Offenen Brief gewarnt, die Schließung habe auch große symbolische Bedeutung. Denn nun hätten „die Menschen der Region das Gefühl, endgültig alleingelassen zu werden. Vorpommern wird zu Hinterpommern – weit weg von Schwerin, von der Politik vergessen und endgültig abgeschrieben“. Radloff-Abeler erhielt daraufhin eine fristlose Kündigung. Die Mehrheit von SPD und CDU im Landtag schmetterte die Volksinitative ab.

Doch Ruhe zog damit nicht ein. 26 Ärzte verließen in der Folgezeit das Krankenhaus, nur 25 verblieben, 19 fest angestellt und sechs auf Honorarbasis, meldete im April 2020 die „Ostseezeitung“. Bei den Pflegekräften sank die Zahl um 40 Prozent auf 100. Der Chefarzt der Inneren Medizin erhielt im Februar 2019 seine fristlose Kündigung. Danach wurden auf dessen vormaliger Station 20 Betten gesperrt und weitere 20 mit Geriatrie-Patienten belegt. Die Wolgaster Klinik wird mit insgesamt 155 Betten im Krankenhausplan von MV geführt. Im April 2019 bekam der einzige Chirurg des Hauses den blauen Brief. Und es stand die Frage, ob nun nicht die Grundversorgung gefährdet sei. Ohne die rührige Bürgerinitiative, die seit Jahren darum kämpft, das Krankenhaus in der Stadt am Peenestrom zu erhalten, sähe es wahrscheinlich zappenduster aus.

Wer die Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern regelmäßig verfolgt, wird immer wieder mit Alarmsignalen konfrontiert. So im letzten Herbst und Winter aus Crivitz und Parchim, beides Städte in der Nähe von Schwerin. In Parchim schloß der Asklepios-Konzern endültig seine Kinderklinik, nachdem ihm sämtliche Ärzte weggelaufen waren. In Crivitz kündigte die MediClin-Kette die Schließung der Geburtsstation an. Massive Proteste bewirkten dort eine Gnadenfrist bis zum Sommer 2020, während Parchim sich auf medizinische Behandlungen konzentriert, die im Unterschied zur Versorgung von Kindern Gewinne versprechen. Inzwischen hat im Landkreis Ludwigslust-Parchim, zu dem beide Städte gehören, eine Diskussion um die Rekommunalisierung der Krankenhäuser begonnen.

„Ich kritisiere schon seit vielen Jahren die Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Ob es die Schließung von Krankenhäusern ist oder der Abbau von Personal. Wenn die Corona-Krise ein Gutes bringt, dann daß jetzt allen bewußt wird, daß wir unser Gesundheitswesen besser ausstatten müssen. Es ist gut, daß Bund und Länder jetzt wegen Corona zusätzliches Geld in die Krankenhäuser geben. Nach der Corona-Krise müssen wir darüber reden, die Ökonomisierung des Gesundheitswesens zurückzunehmen. Ich hoffe, daß man jetzt ohne ideologischen Streit darüber reden kann.…” Preisfrage: Wer hat das gesagt?

Es war die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in einem Interview mit der Ostseezeitung, veröffentlicht am 26. März. Wir wollen ihr, die mit einer Krebserkrankung kämpft, gern glauben, es ernst zu meinen. Aber es muß ein leises Murmeln gewesen sein, als sie vor Corona ihre Kritik an der Ökonomisierung vortrug. Glauben werden die Leute ohnehin nur an Taten.

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