Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Abwehrschwäche

Auf eine Epidemie war die öffentliche Gesundheitsvorsorge nicht gut vorbereitet

Das Museum im Robert Koch-Institut in Berlin-Wedding zeigt, wie Infektionsschutz zu Robert Kochs Zeiten und heute funktioniert Foto: Robert-Koch-Institut
Das Museum im Robert Koch-Institut in Berlin-Wedding zeigt, wie Infektionsschutz zu Robert Kochs Zeiten und heute funktioniert Foto: Robert-Koch-Institut

Es war Anfang der neunziger Jahre, als die Autorin dieses Beitrags, Journalistin mit DDR-Diplom, in einer zweiten Ausbildung zur Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit steckte. Der praktische Teil führte die Mutter von zwei kleinen Töchtern in die Pressestelle des damaligen Bundesgesundheitsamtes in Berlin-Lichterfelde, kurz: BGA. Die Hoffnung, hier eine berufliche Perspektive zu finden, zerschlug sich bald.

Das einst hohe nationale und internationale Ansehen des Bundesgesundheitsamtes hatte zu dieser Zeit durch diverse Skandale gelitten. Das Aus für die Megabehörde mit 3.000 Mitarbeitern kam schließlich, als sie mit HIV-Erregern belastete Blut-präparate nicht rechtzeitig vom Markt nahm. Der damalige Bundesgesundheitsminister Seehofer löste das BGA 1994 auf und teilte die sieben angeschlossenen Wissenschaftseinrichtungen verschiedenen Ministerien zu, darunter auch das für Infektionskrankheiten zuständige Institut, das den Namen Robert Koch bis heute trägt. Der für die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers mit dem Nobelpreis geehrte Arzt und Forscher hatte es seit seiner Gründung 1891 bis 1904 geleitet.

Ob die „Dezentralisierung“ genannte Zersplitterung des Bundesgesundheitsamtes samt seiner Institute – je nach politischen Verhältnissen änderten sich alle paar Jahre deren Zuständigkeiten, Aufgaben und manchmal auch Namen – wirklich der richtige Weg war, diese Frage stellt sich heute angesichts der Corona-Krise. Immerhin war dem Bundesgesundheitsamt einmal die komplexe Aufgabe zugekommen, Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung zu erkennen, zu bewerten und die Politik zu beraten, wie man sie bekämpft – auf der Basis einer engen interdisziplinären Zusammenarbeit von Virologen, Epidemiologen, Sozial- und Hu-manmedizinern, Biologen, Pharmazeuten, Chemikern, Physikern und anderen mehr.

Daß diese Mammutaufgabe allein mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) auf der einen Seite und dem öffentlichen Gesundheitsdienst der Länder mit chronisch unterbesetzten, unterfinanzierten kommunalen Gesundheitsämtern auf der anderen Seite zu lösen ist, daran kann berechtigte Zweifel hegen, wer das lange Zaudern und Zögern, das föderale Durcheinander im Februar und März gesehen hat bei der Frage, wie man denn nun mit dem neuen Virus und der von ihm ausgehenden Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung umgeht.

Warum wurde offenbar kaum Notiz genommen, als das Robert-Koch-Institut bereits 2012 vor einer Pandemie warnte und in seinem Szenario ziemlich genau das Geschehen 2020 vorwegnahm? Weshalb war der öffentliche Gesundheitsdienst zu Beginn der ersten Corona-Welle in einer so schlechten Verfassung, daß die Anrufe besorgter und testwilliger Bürger tagelang am Besetztzeichen scheiterten, daß Infektionswegen nicht immer im gebotenen Tempo und Umfang nachgegangen werden konnte, daß die verpflichtende Meldung neuer Infektionen an das Robert-Koch-Institut sich verzögerte, weil Wochenende war oder das Faxgerät streikte.

Die Verwirrung wurde nicht kleiner, als Virologen aus Bonn und Berlin, Hamburg und Halle im öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Infektionsgeschehen deuten und auch die Frage beantworten sollten, welche Maßnahmen zur Eindämmung die richtigen seien. Daß es dabei auf das Zusammenwirken vieler kluger Köpfe ankommt und darauf, daß die Politik die Führung übernimmt, das schien irgendwie unterzugehen.

Zu lange zeigte der Staat eine ausgeprägte Abwehrschwäche beim antiviralen Handeln. Es dauerte Wochen, bis er sich zu mehr Entschlossenheit durchrang. Nach der Krise müsse man über eine stärkere Vernetzung des Robert-Koch-Institutes mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst nachdenken, gab Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in einer Pressekonferenz am 26. März zu. Bleibt zu hoffen, daß damit nicht nur oberflächliche Kosmetik gemeint ist, sondern ein Vorgehen, das der öffentlichen Gesundheitsvorsorge die Rolle in der Gesellschaft verschafft, die ihr zusteht.

Kerstin Große

PS: Nach Redaktionsschluß: Am 20. April wurde bekannt, daß RKI und Gesundheitsämter finanziell, technisch und personell besser ausgerüstet werden sollen.

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