Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wunsch und Wirklichkeit

Der Minister, die Grippeimpfung und der Kampf um den Stoff

Werbung für die Grippeschutzimpfung im Berliner U-Bahnhof Tierpark Foto: Peter Ohm
Werbung für die Grippeschutzimpfung im Berliner U-Bahnhof Tierpark Foto: Peter Ohm

Bald ist Weihnachten. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann diesen: Mich wie jedes Jahr beim Hausarzt gegen Grippe impfen zu lassen. Zugegeben, ein ausgefallener Wunsch. Aber was ist in diesem Jahr schon normal. Mein Respekt vor dem Virus ist groß, vor Corona sowieso, aber auch vor einem stinknormalen Grippeerreger. Wer über 60 ist, soll sich gegen Grippe impfen lassen, empfiehlt die Ständige Impfkommission.

Der erste Anlauf im September, einen Impftermin zu bekommen, endet bei der Sprechstundenhilfe: „Sie sind zu zeitig. Kommen Sie Oktober wieder.“

Mitte Oktober läßt sich der Bundesgesundheitsminister die Grippespritze in aller Öffentlichkeit verpassen und startet eine große Impfkampagne. Ich ahne, daß es nun schnell gehen muß. Meine bessere Hälfte muß sowieso zum Hausarzt, fragt nach. Einen Impftermin bekommen wir wieder nicht. Stattdessen zwei Privatrezepte für den Impfstoff – und den ernüchternden Hinweis, daß der auch in den Apotheken nicht vorrätig ist. Das können wir nicht glauben. Wir fühlen uns an DDR-Zeiten erinnert, als Baumwollwindeln und Kinderanoraks, dann wieder Apfelsinen oder Bohrmaschinen nicht zu bekommen waren. Nun also Impfstoff. Wir klappern alle Apotheken im Umkreis ab, hören von Wartelisten – und lassen uns schließlich eintragen. Wohlgemerkt, als gesetzlich Versicherte, denen eine Grippeschutzimpfung so wichtig ist, daß sie den Impfstoff – 22 Euro soll eine Dosis kosten – notfalls auch selber zahlen, zum Arzt tragen und sich verabreichen lassen. Es geht ja um die Gesundheit. Und nicht nur um die eigene, warnen Experten. Denn Corona und Grippe zusammen könnte die Krankenhäuser heillos überfordern.

Alle paar Tage fragen wir nun nach, in Apotheken, auch beim Arzt. Hinter den Plexiglasscheiben genervte Gesichter. Wir sind nicht die einzigen, die es wissen wollen. Auch der Apotheker Arndt Fleischer und seine Mitarbeiterinnen in Königs Wusterhausen müssen viel Kritik von empörten Patienten verkraften: „Dabei sind nicht wir Apotheker schuld.“ Er findet es nicht fair, daß der Bundesgesundheitsminister die Leute öffentlich auffordert, sich impfen zu lassen, obwohl man den Bedarf an Impfstoff gar nicht decken könne. „Herr Spahn ist manchmal sehr vollmundig.“

Schon einen Tag, nachdem die Impfkampagne gestartet war, meldete sich Ulrich Weigeldt vom Deutschen Hausärzteverband zu Wort: „Es darf nicht sein, daß einerseits zum Impfen aufgerufen wird, dann aber die Impfstoffe nicht nachkommen!“ Wochen später erklärt die Medizinerin Christine Neumann-Grutzek, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI), gegenüber der Ärztezeitung: „Wir betreuen fast ausschließlich chronisch Kranke. Jetzt sitze ich den Patienten gegenüber und muß ihnen erklären, daß ich sie nicht impfen kann. Das finde ich hochproblematisch.“

Bereits im Frühjahr hatte Arndt Fleischer deutlich mehr Impfstoff als sonst bestellt, versorgte Ärzte wie auch Patienten mit Privatrezept. Doch nun sind die Lager leer. Der Apotheker, der sein Unternehmen in Königs Wusterhausen seit 25 Jahren führt, sagt, er hoffe vor allem auf intensive Anstrengungen der Industrie zur Produktion neuer Impfstoff-Chargen, da auch die vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) angekündigten Dosen zur Bedarfsdeckung wohl kaum ausreichen werden.

Auf Nachfrage teilt die Pressestelle des Ministeriums am 18. November mit: „Damit in der diesjährigen Influenza-Saison ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht, hat das BMG zusätzlich zur Regelversorgung 6 Millionen Dosen Influenzaimpfstoff … beschafft, so daß insgesamt 26 Millionen Dosen Impfstoff für die Saison 2020/21 verfügbar sind.“ Am 27. November waren rund 25 Millionen Impfdosen für den Vertrieb in Deutschland freigegeben worden, sagt ein Blick auf die Statistik des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institutes.

Noch ist bei Apotheker Fleischer nichts angekommen (Stand 30. November – d. Red.). Wenn der Apotheker nichts hat, kann auch der Hausarzt nur die Hände heben. Schöne Bescherung.

Dann die Überraschung: Der Impfstoff ist da!, meldet eine andere Apotheke, bei der wir uns auch auf die Warteliste setzen ließen.

Ob alle Impfwilligen dieses Glück haben? Mitte Dezember soll die saisonale Grippeschutzimpfung abgeschlossen sein. Es folgt die Schutzimpfung gegen Corona – eine Aktion nie gekannter Dimension wird da gerade vorbereitet, hört man. Klappt dann, was bei der Grippeschutzimpfung gründlich schief ging? Zu wünschen wäre es. 

Kerstin Große

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