Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Bitte sage Putin nichts davon“

Über Prinz Harry, Onkel Friedbert und die Sache mit der Baugenehmigung – Noah Vehlefanz schreibt einen Brief nach Moskau

Zeichnung: Andreas Mücke

Unbekannte Hände übermittelten der Redaktion den Brief eines kleinen Jungen an einen ehemaligen Mitschüler, der mit seiner russischen Familie seit zwei Jahren wieder in Moskau wohnt. Der Briefschreiber, so ergaben behutsame Recherchen, heißt Noah Vehlefanz, besucht heute die fünfte Klasse und lebt mit seiner Familie in einem brandenburgischen Dorf an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern.

Lieber Grigorij,
seitdem Ihr wieder nach Moskau gezogen seid, ist hier alles noch viel besser geworden. Vor allem die Temperaturen. Bald haben wir bloß noch Sommer, sagt Sven Plöger. Vielleicht kannst Du Dich an ihn erinnern. Er kommt abends im Fernsehen und macht Witze über das Wetter. Lustiger ist nur der Chef von unserer Sparkasse. Der hat aber nicht so schicke Klamotten. Die sucht ihm, also dem „Svenni“, seine Mama raus, sagt Hanna, meine große Schwester. Die findet den „Svenni“ ganz toll. Meine Mama findet den „Svenni“ auch ganz toll. Aber meistens sieht sie ihn nicht, weil sie schon bei der Quiz-Show eingeschlafen ist. So wie der Rest der Familie. Keiner merkt es, wenn ich noch „Svenni“ kucke.

Quiz-Show ist bei uns jeden Abend. Das macht klug, kann ich Dir sagen. Ich weiß jetzt alles über Prinz Harry und seine Frau Megänn, die aber keine Prinzessin ist, sondern bloß Herzogin. Neulich habe ich als einziger richtig geraten, wo die beiden sich kennengelernt haben: beim Hähnchenbraten. Kein Wunder also, wenn ich in unserer fünften Klasse der erste bin, der lesen und schreiben kann. Ist bei Euch in Sibirien auch jeden Abend Quiz-Show? Oder hat  Putin das verboten? Wahrscheinlich gibt’s bei Euch nicht mal Prinz Harry und Netflix. Der Putin ist voll doof, sagen die hier im Fernsehen. Außerdem hat er uns zusammen mit Hitler überfallen. Wenn das stimmt, hat mein Papa voll unrecht. Der war früher bei den Pionieren, findet Putin viel besser als Friedrich Merz und die Quiz-Shows ziemlich blöde. Seine Kumpels vom Kegelverein sind genauso. Die haben sogar ein Lied daraus gemacht: „Das ist doch alles pilawa, das ist doch alles egal.“

Im Fernsehen gibt es außer Quiz-Show und „Svenni“ bloß noch Carola. Die hat alle angesteckt und soll sich verpissen. Verpissen darf ich eigentlich nicht sagen. Aber bei Carola machen sie eine Ausnahme. „Es wird toleriert“, sagt unser Deutschlehrer. Den, Grigorij, hast Du nicht mehr kennengelernt. Er heißt Przybylski und stammt aus Spandau, was ein Dorf bei Berlin ist. Mein Papa sagt, Herr Przybylski leide unter Vokalschwäche. Aber das Wort habe ich in meinem Gugl nicht gefunden.

Eigentlich wollte  Herr Przybylski Staatsanwalt werden, hat sich dann aber anders entschieden. Na ja, so groß ist der Unterschied nicht. Carola  kann uns nur anstecken, weil wir nicht aufpassen. Das schärft er uns ein. Es sind aber nicht alle, die nicht aufpassen. Sondern schuld  sind nur einige. So wie der dicke Hubertus, wenn der hinter dem Rücken von Herrn Przybylski mit Papierkugeln schnipst und alle Extra-Hausaufgaben aufbekommen, weil wir das zugelassen haben. Bei Carola ist es aber schlimmer als beim dicken Hubertus, weil die Leute Stubenarrest kriegen.

Bei Herrn Przybylski haben wir jetzt auch Geschichte. Er sagt, das mit Carola haben uns die Franzosen eingebrockt. Die haben 1789 ihren König geköpft, und seitdem machen die Leute was sie wollen. Ich muß mächtig aufpassen, was ich zuhause erzähle. Mein Papa ist nämlich ein alter Hippie und sagt immer, heute gibt es noch viel mehr Könige, wenn er an die denkt, die hinter den Schreibtischen der Amtsstuben sitzen. Vielleicht erinnerst Du Dich: Als ihr weggezogen seid, wollten meine Eltern Zimmer für Hanna und mich an ihr Häuschen anbauen. Es solle ja kein Flughafen werden, hö, hö, scherzte mein Vater, als er ein Jahr später beim Kreisamt zum vierten Mal nach der Genehmigung fragte. Und es gebe Länder, da könne man sowas per Email erledigen. „Denn jehn se da ma hin“, bekam er von dem Typen zu hören, den Papa dann frech „Herr Amtswalter“ nannte. Genützt hat das nichts. Neulich kam die Genehmigung und Papa ging zum Maurer. Der hatte keine Zeit und sagte nur: „Wissen se, een Maurertermin für sowat, det is heute so, als wenn se uff die Eröffnung von´’n Flughafen warten.“

Unser Herr Przybylski sagt, wir sollten in „Situationen des Unmuts“ immer an John F. Kennedy denken: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern frage, was Du für Dein Land tun kannst.“ Das sei die richtige Haltung. Bei seiner letzten Geburtstagsfeier habe ich das in Berlin Onkel Friedbert erzählt. Der hat sich den Spruch sofort auf ein T-Shirt drucken lassen. Du weißt, Onkel Friedbert, das ist der Bruder meines Vaters, der an Ufos glaubt und das Rentenalter in seinem alten Kinderzimmer abwarten wollte. Er hat sich nun aber doch eine Wohnung in Berlin gesucht. Und als er sich beim Bürgeramt in Hohenschönhausen auf die Adresse anmelden wollte, hatte er das T-Shirt an. Er ist nicht mal bis in den Warteraum gekommen, da lag er schon am Boden. Eine 83jährige Frau aus Wilmersdorf hatte ihm ein Bein gestellt und dann mit der Handtasche k.o. geschlagen. „Ich bin Buddhistin“, rief die Dame, „aber das geht zu weit.“

Anders als bei Kennedy ging die Sache für Onkel Friedbert noch gut aus.  In der Notaufnahme der Charité gab ihm eine Schwester einen heißen Tip. Es gibt eine Lotterie, bei der man Amtstermine für die Woche nach Pfingsten 2021 gewinnen kann. Onkel Friedbert hat zwei Lose gekauft. Denn ein Auto hat er sich auch angeschafft.

Lieber Grigorij, Du siehst, das Leben geht weiter. Den Brief werde ich jetzt schnell beenden, damit mein Papa ihn nicht sieht. Das mit dem „Hippie“ nimmt er vielleicht übel, obwohl er sich neulich eine Platte von Niehl Jang gekauft hat und alle Filme mit Horst Krause kennt.

Er will aber nicht, daß ich damit herumposauniere, weil er sonst als unzuverlässiges Element gilt und seinen Posten als Kassenwart im Kegelverein gefährdet. Bitte sage auch Putin nichts davon.

Viele Grüße und schöne Weihnachten

Dein Noah Vehlefanz

PS: Hansa Rostock spielt jetzt wieder oben mit. Sie haben neulich 9:0 gegen Rot-Weiß Penkun gewonnen.

zurück