Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Beim Dschenneräl

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 66): 200 Jahre Friedrich Engels

Friedrich Engels (28. November 1820 bis 5. August 1895).
Friedrich Engels (28. November 1820 bis 5. August 1895). Die Fotografie wurde in der Firma „Photographie artistique“ von Egidius Bilotte (1828 bis ?) hergestellt, die ab 1862 in Brüssel in der Rue de la Reine residierte. Die Aufnahme soll 1862 entstanden sein. Das Bild wurde in einem speziellen Edeldruckverfahren hergestellt Foto aus: Friedrich Engels. Ein Gespenst geht um in Europa

Von Holger Becker

Woher wissen die das? Wer hat das geschrieben? Während des deutsch-französischen Krieges, an dessen Ende die Gründung des Bismarckschen Deutschen Reiches stand, erschien in der Londoner „Pall Mall Gazette“ (P.M.G.) zwischen dem 29. Juli 1870 und dem 16. März 1871 eine sensationelle Folge von 59 Artikeln über die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz. Der Autor gab sich nicht zu erkennen. Unter den ersten drei Texten stand das Kürzel „Z.“, unter den folgenden gar nichts mehr.

Das konservative Blatt, das seine Leserschaft bei den vornehmen Mitgliedern der „Gentlemen’s clubs“ an der berühmten Westminster-Straße Pall Mall suchte, landete einen Volltreffer. Entgegen der in Londons Politik und Presse vorherrschenden Annahme, die Franzosen würden den Krieg gewinnen, prognostizierte der Anonymus zutreffend den Sieg der Deutschen. Er deckte den geheimen Feldzugsplan des deutsch-preußischen Generalstabschefs Helmuth von Moltke (1800 bis 1891) auf. Und er sagte in der Ausgabe vom 26. August 1870 ziemlich präzise das Desaster der 120.000 Mann zählenden französischen Hauptstreitmacht unter Patrice de Mac-Mahon (1808 bis 1893) voraus, das dann eine Woche später am 2. September eintrat – und zwar in der Gegend von Sedan, was ebenfalls einen Teil der Pall-Mall-Prophezeihung erfüllte.

Viele englische Blätter druckten diese „Notes on the war” nach oder zitierten daraus, ebenso Zeitungen auf dem Kontinent, einige nach der Methode Guttenberg-Giffey, also ohne Quellenangabe. Im Falle der „Times“ protestierte die P.M.G. gegen dieses Verfahren, das Britanniens damalige Spitzen-Postille sogar in einem ihrer Leitartikel anwandte.

Was die Plagiatoren nicht wußten: Beim  Autor handelte es sich um einen gewissen Friedrich Engels, geboren am 28. November 1820 im rheinländischen Barmen. Eingeweiht allerdings zeigten sich dessen Freunde, zuvörderst Karl Marx (1818 bis 1883), dessen Frau Jenny (1814 bis 1881) und die Töchter des Hauses. Marx selbst hatte in diesem Fall den Handel mit der P.M.G. vermittelt, die aber nicht zum ersten Male Texte von Engels brachte. Der hatte sich zuvor allerdings auch in anderen Blättern als exzellente Fachkraft für das Militärische profiliert. Zum Beispiel: Im Herbst 1853 veröffentlichte die „New York Daily Tribune“, eine der führenden Zeitungen der USA, mehrere ungezeichnete Engels-Texte zum beginnenden „Krimkrieg“. Laut Marx  ging danach in der Stadt am Hudson River das Gerücht, „General Scott habe sie geschrieben“. Gemeint war kein geringerer als Winfield Scott (1786 bis 1866), der als bedeutendster US-Militär seiner Zeit unter 14 Präsidenten diente, zeitweise als Oberbefehlshaber des Heeres. Aber erst nach seinem P.M.G.-Triumph erhielt Friedrich Engels, der gute Freund und Helfer der Familie, im Hause Marx den Spitznamen „General“, was nach Auskunft von August Bebel (1840 bis 1913) „stets englisch ausgesprochen wurde: Dschenneräl“.

Heutige Journalisten können nur noch staunen über die prog-nostischen Leistungen, die der Fabrikantensohn und Mitbegründer des wissenschaftlichen Kommunismus als Militärkorrespondent ohne Hilfsmittel wie Telefon, Skype, Liveticker und CNN vollbrachte. Zumal seine unmittelbaren militärischen Erfahrungen nicht gar so reichhaltig waren. Sie bestanden in einer Artilleristenausbildung als Einjährig-Freiwilliger 1840/41 in Berlin, seiner Beteiligung am Elberfelder Aufstand im Mai 1849 und dem folgenden Engagement als Adjutant des Obersten August Willich (1810 bis 1878) in der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee, wobei er zwei Gefechte gegen die konterrevolutionären preußischen Truppen mitmachte. Aber Engels, dem jedes Studium schon um des Studiums willen Freude bereitete, hatte sich militärische Kenntnisse erworben, die Generalstabsoffiziere vor Neid erblassen ließen. Er wußte um Stärken und Schwächen der jeweiligen Heere, um Bewaffnung, Strategie und Taktik, um logistische Möglichkeiten, bezog in seine Untersuchungen die topographischen Gegebenheiten der jeweiligen Schauplätze ein.

Vor allem aber analysierte er das Zusammenspiel gesellschaftlicher und technischer Bedingungen bei den militärischen Auseinandersetzungen seiner Zeit, aber auch denen der Geschichte und der Zukunft. So schrieb er schon 1887 die für die meisten seiner Zeitgenossen unglaublichen Sätze: „Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm….“

Engels nutzte seine enormen militärischen Kenntnisse für die antimilitaristische Aufklärung, wie Franz Mehring (1846 bis 1919), einer seiner besten Schüler, schrieb. So veröffentlichte der „General“ 1893 im SPD-Organ „Vorwärts“ eine Serie von Artikeln unter dem Titel „Kann Europa abrüsten?“, in denen er die selbstgestellte Frage mit Ja beantwortete und ein realistisches Konzept für die absehbar andauernden Zeiten entwickelte, in denen Staaten auf das Militär nicht verzichten mögen. Engels plädierte dafür, die Militärapparate international so auszugestalten, daß man sich nicht mehr gegenseitig überrumpeln könne. Unter den Bedingungen seiner Gegenwart meinte er, das sei u. a. über eine Verkürzung der Wehrdienstzeiten und deren einheitliche internationale Festlegung  zu erreichen. Was ihm im Grundsätzlichen vorschwebte, erhielt in den 1980er Jahren, als Menschen in Ost und West darüber nachdachten, wie der Untergang der Menschheit in einem Atomkrieg zu verhindern sei, den Namen „strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“. Hat den Begriff mal wieder jemand  gehört  in Zeiten, da eine deutsche „Verteidigungsministerin“ die Anschaffung von Flugzeugen fordert, die Atomwaffen tragen können? Und jeder, dem das Leben lieb ist, sich fragen müßte: Warum folgt ausgerechnet Deutschland, das nach einem nächsten Krieg mit Rußland mit tödlicher Sicherheit zu existieren aufhören würde, einem Kurs, der neue Überrumpelungsangst schafft?

Gut, daß Kulturstaatsministerin Monika Grütters 1,1 Millionen Euro lockergemacht hat, um des Vordenkers der „strukturellen Nichtangriffsfähigkeit“ zu dessen 200. Geburtstag am 28. November 2020 zu gedenken. Das Geld bekam die Stadt Wuppertal, die 1929/30 aus der Vereinigung von Engels’ Geburtsort Barmen mit dem benachbarten Elberfeld und einigen anderen Kommunen entstanden ist. 2020 sollte dort allerhand los sein. Mehr als 100 Veranstaltungen waren übers Jahr angekündigt. Einiges davon wurde von wegen Corona abgesagt, anderes ins Digitale verlegt oder ins Jahr 2021 verschoben, so die Wiedereröffnung des sanierten Engels-Hauses. Glück hatten da noch die Veranstalter einer Sonderausstellung in der Barmer Kunsthalle, die von Mai bis September unter dem Titel „Friedrich Engels. Ein Gespenst geht um in Europa“ zufällig in einem lockdownfreien Zeitfenster stattfand. 4.188 Menschen sahen sie sich an. Vielleicht ist das sogar viel in Zeiten gespenstischer Verängstigung und Vereinzelung sowie fehlender Aufmerksamkeit zentraler Medien. Der Tod eines Prominentenfriseurs schafft es ja recht sicher bis in die öffentlich-rechtlichen Abendnachrichten, der Beginn einer wichtigen Ausstellung eher nicht.

Zu der als „multimedial“ angepriesenen Wuppertaler Friedrich-Engels-Sonderschau gibt es einen großformatigen Begleitband. Wer, wie der Berichterstatter, nicht nach Wuppertal reisen konnte, vermag sich immerhin an der Opulenz dieses 248seitigen Katalogs zu erfreuen. Hervorragend gestaltet und gedruckt, bietet er zu den 17 Textbeiträgen, die sich mit Lebensstationen und Gesichtspunkten des Wirkens von Engels als Wissenschaftler, revolutionärer Politiker, Journalist und Fabrikant befassen, eine Fülle von Fotos, Zeichnungen, Faksimiles und anderen Illustrationen. Sehr schön!

Ob das Ganze aber dem Unikum Friedrich Engels gerecht wird, diesem gan-zen Kerl, der in Theorie, politischer Praxis und persönlicher Lebensführung die eigene Klasse verriet und dennoch als Fabrikant und wahrscheinlich auch mit Börsengeschäften gar nicht wenig verdiente, das er zu größeren Teilen in seinen mehr als kongenialen Freund Marx investierte? Der 12 Sprachen aktiv und 20 passiv beherrschte und als Koautor von das „Kommunistische Manifest“ Weltliteratur verfaßte? Der wohlschmeckenden Hummersalat komponieren konnte und um die unterschiedlichen Rauschzustände wußte, die verschiedene französische Weine erzeugen? Also ob das gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt.

Engels, der am 5. August 1895 in London kinderlos starb, hat es in seinem Leben krachen lassen. Der Ausstellungskatalog gibt davon einen eher blechernen Nachhall. Recht zugeknöpft zeigt er sich zum Beispiel, wenn es sich um die Frauen im Leben des Jubilars dreht. Dabei wollen wir noch gar nicht mal von den im Band begrifflich unerwähnten Grisetten im Paris der 1840er Jahre reden, mit denen Engels zu beiderseitigem Vergnügen verkehrte. Von den zwei wichtigsten Frauen in seinem Leben, den irischen Schwestern Mary Burns (1821 bis 1863) und Lydia Burns (1827 bis 1878), mit denen er nacheinander in liebender Partnerschaft und zeitweise gemeinsam als fröhliches Dreigestirn zusammenlebte, weiß die zuständige Autorin zu berichten, Engels habe zu ihnen jeweils eine „romantische Beziehung“ unterhalten. Da hätte Dschenneräl Fritz wohl etwas gekichert. Wie schrieb er doch 1883, auf Ausrottung „spießbürgerliche(r) Moralprüderie“ hoffend: „Es wird nachgerade Zeit, daß wenigstens die deutschen Arbeiter sich gewöhnen, von Dingen, die sie täglich oder nächtlich selbst treiben, von natürlichen, unentbehrlichen und äußerst vergnüglichen Dingen ebenso unbefangen zu sprechen wie die romanischen Völker, wie Homer und Plato, wie Horaz und Juvenal, wie das Alte Testament und die ‘Neue Rheinische Zeitung’.“

Eine gewisse Verklemmtheit zeigen die Beiträger des Bandes aber auch bei der Auswahl ihrer Quellen und Literaturempfehlungen. So fehlen Hinweise auf Bücher und Artikel von Akteuren der Engels-Biographik in der DDR fast vollständig. Was durchaus kurios anmutet angesichts der Aufmerksamkeit, die Engels östlich von Elbe und Werra erhielt, während im deutschen Westen Leute wie der Engels-Biograph Helmut Hirsch (1907 bis 2009) eher als Exoten galten. Und im Osten waren ja nicht nur Marx-Engels-Beamte mos-kowitischen Zuschnitts am Werke, wurden keineswegs nur Götzenfiguren geschnitzt.

Warum also muß Manfred Kliems (1934 bis 2013) immer noch lesenswerter informativer Band „Friedrich Engels. Dokumente seines Lebens“ unterschlagen werden, der 1977 bei Reclam in Leipzig erschien? Oder Harald Wessels „Hausbesuch bei Friedrich Engels“ (Dietz Verlag Berlin 1971), das auf einer Reportageserie beruht, die vor 50 Jahren zu Engels’  150. Geburtstag im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ (ND) erschien? Dort wurden erstmals Dokumente veröffentlicht, die der aus Wuppertal stammende ND-Reporter in London aufgestöbert hatte: die Urkunde über die Heirat von Lydia Burns und Friedrich Engels und die Sterbeurkunde von Lydia Engels. Aus ihnen wurde ersichtlich: Engels, der Verächter der bürgerlichen Ehe, hatte ein großes Herz bewiesen, damit seine Lyzzie, eine fromme Katholikin, als „Wife of Frederic Engels“ in Frieden sterben konnte. Das Wuppertaler Engels-Haus vor einem halben Jahrhundert zeigte Lockerheit und legte die ND-Serie unter Glas in seiner Dauerausstellung aus. Jetzt fehlen besagte Heirats- und Sterbeurkunde in dem so reich, sorgsam und einfallsreich illustrierten Katalog.

Literatur:

- Friedrich Engels: Ein Gespenst geht um in Europa. Begleitband zur Engelsausstellung 2020. Bergischer Verlag, Remscheid 2020, 248 Seiten, 24,50 Euro

- Harald Wessel: Hausbesuch bei Friedrich Engels. Eine Reise auf seinem Lebensweg. Dietz Verlag, Berlin 1971, 191 Seiten, antiquarisch zu Preisen zwischen 8 und 33 Euro. Die zugrundeliegende Serie der Tageszeitung „Neues Deutschland“ kann über das Internetportal der Staatsbibliothek zu Berlin zu deren Nutzungsbedingungen bequem eingesehen werden: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/ddr-presse/

- Manfred Kliem: Friedrich Engels – Dokumente seines Lebens. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1977, 695 Seiten, antiquarisch zwischen 4 und 18 Euro

- Helmut Hirsch: Friedrich Engels in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1968, 147 Seiten, antiquarisch zwischen 4 und 6 Euro, als E-Book bei Rowohlt für 3,99 Euro

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