Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Riesenbedarf an Pendler-Parkplätzen

Berlin und Brandenburg wollen jetzt endlich zusammenarbeiten

Schilder auf einem S-Bahn-Hof
Foto: Rainer Große

Eigentlich sollte es schon längst eine Selbstverständlichkeit sein: Brandenburg und Berlin wollen künftig beim Ausbau von Park-and-Ride-(P+R) sowie Radabstellanlagen (Bike+Ride) an Brandenburger Bahnhöfen enger zusammenarbeiten. Eine entsprechende Absichtserklärung ist jetzt von Verkehrsminister Guido Beermann (CDU) und Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) unterzeichnet worden. Neben der Entwicklung eines gemeinsamen strategischen Vorgehens im Metropolenraum Berlin-Brandenburg wer-de auch eine gemeinsame Finanzierung angestrebt, hieß es. Das auf diesem zentralen Gebiet etwas im Argen liegt, war schon lange offensichtlich. Die stetig wachsenden Pendlerströme wurden zwar registriert, doch hinsichtlich der dafür notwendigen Park-Infrastruktur haben sich beide Seiten bisher gegenseitig die Verantwortung zugeschoben. Von Zusammenarbeit oder gar einer Strategie war keine Spur. Der VDGN hatte in seinem 10-Punkte-Programm für mehr Mobilität in Berlin und Brandenburg vor gut einem Jahr auf diesen Mißstand hingewiesen und ein gemeinsames Herangehen gefordert.

Handlungsbedarf an Bahnhöfen
Nun also will man an einem Strang ziehen. Schließlich sei es auch im Interesse ihrer Stadt, wenn die Pendler gar nicht erst mit dem Auto nach Berlin hineinfahren, erklärte Senatorin Günther. Anlaß für den länderübergreifenden Schulterschluß war ein vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) vorgestelltes Gutachten zum Bedarf an Bike-and-Ride- (B+R) und Park-and-Ride-Anlagen (P+R) im Land Brandenburg bis zum Jahr 2030. Das Fazit der beauftragten Experten von der Agentur Bahnstadt GbR ist wenig überraschend. Angesichts einer steigenden Zahl von Berufspendlern und der angestrebten Verlagerung von Pkw-Verkehr zum ÖPNV sei ein erheblicher Ausbau der Fahrrad- und Pkw-Abstellplätze im Land notwendig. Die Studie geht von einem zusätzlichen Bedarf von etwa 21.500 B+R-Stellplätzen und 8.800 P+R-Stellplätzen bis 2030 aus.

38 Prozent mehr Parkplätze nötig
Aktuell werden im Land Brandenburg 22.700 P+R-Plätze angeboten. Laut Gutachten müßten es also 38 Prozent mehr sein, um für die kommenden Jahre gewappnet zu sein. Der größte Bedarf mit jeweils mehr als 300 neuen Parkplätzen bestehe in Lübben, Eberswalde und Bernau-Friedenstal, Königs Wusterhausen und Potsdam-Pirschheide, so die Gutachter. In Pirschheide halten derzeit nur wenige Züge, doch demnächst sollen die oberen Bahnsteige des einstigen Potsdamer Hauptbahnhofs reaktiviert werden, um eine schnelle Verbindung zum Flughafen Schönefeld (BER) zu schaffen. Zudem hat der direkt an Potsdams Stadtgrenze gelegene Bahnhof Pirschheide einen Straßenbahnanschluß. Generell empfehlen die Gutachter bei einem Bedarf von bis zu 199 Stellplätzen in der Regel eine ebenerdige Anlage. Ab 200 Stellplätzen sollte zur besseren Flächenausnutzung eine mehrstöckige Anlage errichtet werden, heißt es.

Vorschlag: Fahrradparkhäuser
Größer noch ist der Bedarf an vernünftigen Fahrradabstellplätzen, möglichst überdacht, sicher und mit kurzen Wegen zum Bahnhof. An insgesamt zehn Bahnhöfen wären jeweils mehr als 500 neue Plätze notwendig, so daß in diesen Fällen ein Fahrradparkhaus sinnvoll sei, urteilen die Autoren. Dazu zählen Königs Wusterhausen, Brieselang, Zepernick, Bernau, Hennigsdorf, Falkensee, Brandenburg an der Havel, Lübbenau und Potsdam-Babelsberg. Am Potsdamer Hauptbahnhof gibt es bereits kostenpflichtige Abstellplätze in der Tiefgarage. Insgesamt fehlen dort aber noch über 2.000 Stellplätze. Ein weiteres Radparkhaus in der Landeshauptstadt müßte demnach ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

Finanzierung gemeinsam meistern
Errechnet wird ein gewaltiger Investitionsbedarf von 150 Millionen Euro, den die Kommunen und das Land Brandenburg nicht allein stemmen sollen. Empfohlen wird im Gutachten der Abschluß einer Verwaltungsvereinbarung mit dem Land Berlin zur Mitfinanzierung von B+R/P+R-Ausbauprojekten an pendlerstarken Bahnhöfen im Land Brandenburg auf der Grundlage des Münchener Modells.

Dieses Modell hat unter anderem zum Inhalt, daß die bayerische Landeshauptstadt 20 Prozent der Kosten für B+R/P+R-Anlagen übernimmt, wenn mindestens 60 Prozent der parkenden Auto- und Fahrradfahrer nach München einpendeln. Grundlage dafür ist ein bereits 2007 vom dortigen Stadtrat weitsichtig beschlossenes „Gesamtkonzeptfür P+R-Anlagen sowie B+R-Anlagen in München“. Als Ziel wird darin beschrieben, Verkehre möglichst schon im Umland oder an der Stadtgrenze auf öffentliche Verkehrsmittel zu lenken, dadurch die Spitzenbelastungen auf den Einfallstraßen zu verringern, verkehrsbedingte Immissionen zu mindern und die Auslastung der öffentlichen Verkehrsmittel auch in den Außenbereichen zu erhöhen...“.

Von anderen Ländern lernen
Auch wenn es um intelligente Lösungen für Bau und Betrieb der P+R-Plätze geht, gibt es eine Reihe von Vorbildern in anderen Bundesländern. Die Gutachter verweisen unter anderem auf den Verkehrsverbund Ober-elbe (VVO), der für Dresden und Umgebung zuständig ist. Alle P+R-Anlagen dort seien kostenfrei nutzbar und böten bequemen Übergang zur Regional- und S-Bahn bzw. zur Tram, heißt es. Auf der VVO-Webseite ist zunächst für sieben Anlagen auch die jeweils aktuelle Zahl verfügbarer freier Stellplätze zu finden. Grundlage dafür ist ein auf Magnetfeldern basierendes Sensoren-Konzept eines Start-up-Unternehmens in Zusammenarbeit mit Volkswagen. Für die Erfassung der Auslastung wird auf jedem Stellplatz ein Sensor installiert. Sobald sich dort ein Auto befindet, wird diese Information in das Auskunftssystem des VVO eingespeist. Neben diesem Magnetfeld-Modell gibt es aber auch andere technische Lösungen mit Schranken oder Druck-, Radar- oder Kamerasensoren.

P+R-Plätze zu Mobilitätszentren
Nun ergeben Pkw- und Radabstellplätze an einem Bahnhaltepunkt noch kein Mobilitätszentrum. Zur Förderung dieses Modells in Brandenburg hat sich Rot-Schwarz-Grün ausdrücklich im Koalitionsvertrag bekannt. Im besten Fall sollte es auch optimierte Verknüpfungspunkte mit anderen ÖPNV-Verkehrsträgern geben, ebenso wie Sharing-Stationen, Ladestationen, ggf. Wasserstofftankstellen, Dienstleistungsangebote für Reisende sowie Pkw- und Fahrradservice, öffentliche Toiletten und Info-Punkte. Insofern kann das vorgelegte Gutachten nur ein Baustein auf dem Weg zu Mobilitätszentren sein. Es ist vom Auftrag her eigentlich zu kurz gegriffen, auch wenn die Autoren bereits einige Trends, wie zum Beispiel im Sharing-Sektor aufgreifen. Doch jetzt müssen der Absicht erst einmal Taten folgen. Denn um den Bau von B+R/ P+R-Anlagen in Brandenburg bedarfsgerecht zu beschleunigen, ist fast eine Vervierfachung des jährlichen Mitteleinsatzes erforderlich, haben die Gutachter vorgerechnet.

Hagen Ludwig

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