Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Machbare Autarkie

Für ländliche Grundstücke müssen neue Konzepte beim Wasser und Abwasser her

„FreiLichtHaus” auf dem Bergheider See
Im „FreiLichtHaus” auf dem Bergheider See bei Finsterwalde, Land Brandenburg, erkunden Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme Möglichkeiten, Häuser im ländlichen Raum unabhängig von den jetzigen Systemen der Wasserwirtschaft zu versorgen. Das Haus ist seit April 2019 in Betrieb. Das Titelbild unseres Heftes zeigt komplementär zum Foto auf dieser Seite eine Computeranimation aus der Projektierungsphase Foto: Fraunhofer IVI

Von Holger Becker

Kann ein Haushalt unabhängig sein von den öffentlichen Wasser- und Abwassersystemen? Ist unter diesen Bedingungen ein komfortables Leben möglich? Falls ja, wie geht das? Seit jüngstem gehen Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme (IKTS) in Dresden diesen Fragen nach. Zusammengetan hat sich ein „Projektkonsortium“ aus Forschung und Industrie, in dem 17 Mitarbeiter die Möglichkeiten für ein autarkes Dasein erkunden und dafür nützliche Verfahren erproben. Diesem Ziel dient auch ein schwimmendes Haus, das im Bergheider See südlich des brandenburgischen Finsterwalde zu Wasser gelassen wurde und jetzt sogar eine Attraktion im System der gefluteten Tagebaulöcher darstellt, das sich „Lausitzer Seenland“ nennt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Ganze mit 9 Millionen Euro.

Ganz neu ist dieser Ansatz nicht. Sehr intensiv hatte sich bereits zuvor in Dresden damit der Ingenieurwissenschaftler Helmut Löffler (1937 bis 2019, früher Professor an der Technischen Universität Dresden, bitte nicht verwechseln mit dem gleichnamigen Informatiker aus Dresden) beschäftigt. Sein Taschenbuch „Trinkwasser-Abwasser – eigenständige Lösungsmöglichkeiten auf Grundstücken“ erschien im Jahr 2010, und zwar in der Ratgeberreihe des VDGN. Es zielte schon damals darauf, über neue Wege nachzudenken, die Wasserversorgung und Behandlung des Abwassers im ländlichen Raum zu sichern.

Bittere Erfahrungen
Dahinter steckten bittere Erfahrungen: Gerade in relativ dünnbesiedelten Regionen des Ostens waren seit 1990 riesige Investitionen in Wasser- und Abwassersysteme gesteckt worden, die unter den konkreten Bedingungen eigentlich wegen ihrer Unwirtschaftlichkeit nicht taugten. Auf dem platten Land sollte es werden wie in den großen Städten. Das Trinkwasser mußte möglichst aus zentralen Anlagen, die kleinere Wasserwerke und Brunnen ersetzten, über lange Leitungen zu den einzelnen Gehöften gepumpt werden. Das Abwasser sollte in ebenso langen Rohrsystemen zu großen Klärwerken fließen. Das war eine absehbar zu teure Angelegenheit. Und die Schwierigkeiten, das Ganze zu refinanzieren, verschärften sich mit der Abwanderung von Millionen Menschen vom Osten in den Westen und auch vom Land in die Städte sowie mit dem Ausbleiben erhoffter Gewerbeansiedlungen. Die Zeche zahlten die Menschen, die in Dörfern und kleinen Städten in ihren Häusern wohnten, mit den berüchtigten Altanschließerbeiträgen und darüber hinaus die meisten Haushalte mit hohen Verbrauchsgebühren.

In dieser von den jeweiligen Landesregierungen durchgedrückten Politik wiederholten sich die Fehler des Westens, wo sich die Wasser- und Abwasserwirtschaft als Tummelplatz für Akteure hochkorruptiver Machenschaften erwiesen hatte. Wer wußte denn im Osten davon, daß zum Beispiel fünf leitende Angestellte von Siemens zu Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt worden waren, weil sie einen Münchner Stadtrat mit 2,16 Millionen Mark bestochen hatten, damit Siemens die Elektronik für zwei Münchner Großkläranlagen liefern durfte? Die Staatsanwaltschaft der Bayern-Hauptstadt bildete daraufhin 1992 eine „Schwerpunktgruppe Korruption beim Kanal- und Klärwerksbau“, welche 315 Ermittlungsverfahren zum Abschluß brachte und Haftstrafen von zusammengezählt 116 Jahren erwirkte.

Solche Tatsachen, wie sie der Autor Werner Rügemer 1995 in seinem Buch „Staatsgeheimnis Abwasser“ zur Kenntnis brachte, spielten in den Medien einfach keine Rolle. Und keine Zeitung erklärte ihren Lesern den Zusammenhang zwischen der Höhe der Baukosten eines Klärwerks und der Höhe des Honorars, welches das projektierende Planungsbüro einstrich.

Wieviel Wasser brauchen wir?
Und genau diese von Beginn an fragwürdigen Infrastruktursysteme, die das eigentlich zu verteidigende Prinzip der Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand massiv diskreditierten, werden an vielen Stellen keine Zukunft haben. Die Suche nach Alternativen kann nicht mehr aufgeschoben werden. Sie beginnt mit der Frage: Wieviel Wasser braucht der Mensch?

Helmut Löffler beantwortete sie so: Beim Wasserbedarf eines Haushaltes handelt es sich zu nur etwa 4 Prozent um Trinkwasser in strengem Sinne, das der Mensch seinem Körper auf dem Wege des Essens und Trinkens zuführt. Etwa 30 Prozent benötigt er für die Toilettenspülung, 40 Prozent für die Körperpflege, 12 Prozent zum Wäschewaschen, 7 Prozent zum Geschirrspülen, 7 Prozent zum Putzen und Blumengießen. Das macht klar, wie groß die Verschwendung ist, die darin liegt, 100 Prozent des Wassers auf dem Qualitätsniveau bereitzustellen, daß es sich für den menschlichen Verzehr eignet, und ein Drittel davon sofort durch die Toilettenspülung zu jagen.

Löfflers Autarkiekonzept sieht in etwa so aus: Aus dem in unseren Breiten im Jahresmittel ausreichend vorhandenen Niederschlägen oder aus Brunnen wird auf dem jeweiligen Grundstück mit bereits gängigen Verfahren wie Filtration oder UV-Bestrahlung Wasser in „Badewasserqualität“ gewonnen. Das erfüllt die Kriterien der Trinkwasserverordnung und entspricht bereits der Qualität herkömmlichen Leitungswassers. Es kommt in Bad und Dusche, Waschmaschine und Geschirrspüler zum Einsatz und bildet die Basis für die Gewinnung des eigentlichen Trinkwassers höherer Qualität als des heutigen Leitungswassers mit Verfahren wie der Umkehrosmose. Alles im Haus anfallende Abwasser fließt in einer Kleinkläranlage zusammen, die es als Nutzwasser entsprechend den Hygienestandards aufbereitet. Es wird zur Toilettenspülung wiederverwendet oder auch zur Bewässerung des Gartens eingesetzt.

Systemwechsel nötig
In großem Stil praktiziert, brächte die Wasser- und Abwasserautarkie von Wohngrundstücken im ländlichen Raum auf der Hand liegende Effekte: Die Wasserressourcen würden geschont, da der Wasserverbrauch durch die mehrfache Wiederverwendung des Wassers im Haushalt erheblich sinken würde und durch die Verwendung von Regenwasser weniger Grundwasser gezapft werden müßte. Statt über die Kanalisation, die Klärwerke und die Flüsse in die Weltmeere zu strömen, bliebe das auf höchstem Niveau gereinigte Abwasser am Ort, würde dort verdunsten oder versickern. Nach Helmut Löfflers Berechnungen konnte das autarke Grundstück schon vor zehn Jahren in Sachen Wasser und Abwasser kostengünstiger sein, als das im Fall der Ver- und Entsorgung über die zentralen Systeme möglich war. Massenhafte Produktion in jedem Haushalt einsetzbarer technischer Autarkie-Komponenten würde die Kosten nochmals senken, während diese in den überdimensionierten Zentralsystemen mit sinkenden Bevölkerungszahlen in den ländlichen Räumen ins Unbezahlbare klettern.

In der Vergangenheit war das autarke Grundstück eher die Sache besonders umweltbewußter Enthusiasten, die neben den lösbaren technischen Problemen den Kampf mit der Bürokratie zu meistern hatten. Denn Gesetze, Verordnungen und darauf fußende Satzungen sichern die Aufrechterhaltung der bisherigen Systeme rechtlich ab. Es herrscht „Anschluß- und Benutzungszwang“, den im Zweifelsfalle, wir haben es in Brandenburg erlebt, die Polizei durchsetzt. Eine Befreiung davon zu erwirken, erfordert lange juristische Kämpfe und ist nicht selten schier unmöglich.

Das Bundesumweltministerium hat angekündigt, im Sommer 2020 eine „Nationale Wasserstrategie“ vorzulegen. Darin soll festgehalten werden, „wie Länder und Kommunen künftig besser mit klimabedingter Wasserknappheit umgehen können und wie deutschlandweit der natürliche Wasserhaushalt erhalten und geschützt werden kann“. Wenn diese „Strategie“ nicht auf ein bürokratisches Konzept hinauslaufen soll, wer wann zu welchen Zwecken wieviel Wasser verbrauchen darf, bedarf es eines Plans für Systemveränderungen in ländlichen Räumen – einschließlich ihrer Finanzierung. Denn es wäre keinesfalls hinnehmbar, wenn diejenigen, die für das Untaugliche abkassiert worden sind, nun für das Abräumen des Schrotts zur Kasse gebeten werden.

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