Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Barrierefreiheit ist für uns ein wichtiges Thema“

Sightseeing mit Handicap in Berlin – über Angebote und Lücken / Interview

Burkhard Kieker
Burkhard Kieker ist Geschäftsführer der Berlin Tourismus und Kongreß GmbH Foto: visitBerlin, Thomas Kierok

Für Menschen mit Beeinträchtigung kann es besonders anstrengend werden, in der Hauptstadt unterwegs zu sein. Für Gäste kommt erschwerend hinzu: Sie bewegen sich oft auf völlig unbekanntem Terrain. Was ihnen die Erkundung der Metropole erleichtern soll und was noch zu tun bleibt, fragten wir Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus und Kongreß GmbH (visitBerlin).

visitBerlin wirbt auf seiner Internetseite mit dem Slogan „Berlin barrierefrei erleben“. Wie unterstützen Sie Gäste der Stadt, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind?
Barrierefreiheit ist für uns ein wichtiges Thema. Wir wünschen uns, daß möglichst viele Menschen das vielfältige touristische Angebot der Stadt erleben können. Seit mehreren Jahren arbeitet visitBerlin daher eng mit dem Deutschen Seminar für Tourismus zusammen. Der Verein hat die bundesweite Initiative „Reisen für alle“ ins Leben gerufen, die barrierefreie Angebote zertifiziert. Als Teil des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wird dieses Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. In diesem Rahmen finanziert das Land Berlin über visitBerlin die Zertifizierungen für touristisch relevante Leistungsträger Berlins. Die Qualitätskriterien, Schulungen und Inhalte für die Zertifizierung wurden in Zusammenarbeit mit zahlreichen Betroffenenverbänden, allen touristischen Verbänden, Landesmarketing-organisationen sowie weiteren Akteuren entwickelt und geben allen Gästen die Möglichkeit, detaillierte, verläßliche und geprüfte Informationen über die zertifizierten Angebote zu bekommen. Alle zertifizierten Angebote werden mit Prüfberichten auf unserer Webseite visitBerlin.de und als Tourenvorschläge in unserer kostenlosen App „accessBerlin“ präsentiert. Die zertifizierten Anbieter erhalten ebenfalls alle Unterlagen und können diese über ihre Webseiten, Flyer und in weiteren Publikationen veröffentlichen.

Angenommen, ein Gast mit Handicap will von seinem Hotel in der City zu den von visitBerlin empfohlenen Gärten der Welt in Berlin-Marzahn kommen. Da könnte er auf einige Hindernisse stoßen, wie defekte Aufzüge in Bahnhöfen, holprige Gehwege, unerreichbare oder unhygienische Toiletten, um nur einige zu nennen. Testen Sie, wie praktikabel Ihre Tourenvorschläge für Menschen mit Beeinträchtigung sind?
Wir stehen vor der Herausforderung, eine flächenmäßig so große Stadt wie Berlin mit der Vielzahl touristischer Angebote barrierefrei zu gestalten. Das ist nicht von heut auf morgen zu bewältigen. Aktuell haben wir rund 230 zertifizierte Leistungsträger. Darunter sind unter anderem Hotels, Museen sowie die stadtweiten City-Toiletten der Wall GmbH. Das Ziel ist es, in den kommenden Jahren weitere Anbieter zu zertifizieren und so den Gästen der Stadt ein noch breiteres barrierefreies Angebot bieten zu können. Dafür arbeiten wir eng mit verschiedenen Partnern zusammen, die sich darauf spezialisiert haben. Dazu zählt etwa der Sozialhelden e.V. Der Verband hat das System „BrokenLifts“ entwickelt, mit dem über defekte Aufzüge informiert werden kann.

Sie bieten gehbehinderten Menschen eine spezielle App für die barrierefreie Erkundung Berlins an. Welche Hilfen gibt es für sehbehinderte und blinde Berlin-Gäste?
Auf unserer Webseite bündeln wir Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Bühnen und Museen in der Stadt, die etwa spezielle Führungen oder begleitende Audiobeschreibungen zu Aufführungen für sehbehinderte und blinde Menschen anbieten.

Haben Sie einen Überblick darüber, wie Ihre Angebote für Gäste mit Handicap angenommen werden?
Im Rahmen unserer intensiven Partnerarbeit sprechen wir regelmäßig mit vielen touristischen Leistungsträgern in Berlin und erhalten so wertvolles Feedback. Außerdem beobachten wir die Gästestruktur in den sechs Berlin-Tourist-Infos von visitBerlin. Aus diesen Beobachtungen unserer Partner sowie Kolleginnen und Kollegen in den Tourist-Infos wissen wir, daß viele Menschen mit Handicap Berlin besuchen und die Angebote in der Stadt schätzen und nutzen.

Der barrierefreie Ausbau des U- und S-Bahnnetzes in Berlin sollte bis 2020 erfolgen, barrierefreie Straßenbahnhaltestellen werden bis 2022 angestrebt. – So legten sich die regierenden Parteien in ihrer Koalitionsvereinbarung 2016 fest. Wie beurteilen Sie den Erfüllungsstand dieses ja auch für Gäste der Stadt wünschenswerten Anliegens?
Wir beobachten, daß Berlin viel in den barrierefreien ÖPNV investiert. Die Stadt ist auf einem guten Weg. Bei einem so großen und komplexen Netz mit S- und U-Bahn, Tram und Bussen kann es aber natürlich zu Verzögerungen kommen.

visitBerlin ist sehr erfolgreich weltweit für Berlin unterwegs – wie steht Berlin hier im Vergleich zu anderen Metropolen da und gibt es Auswirkungen durch Corona auch auf dieses Thema?
Gemessen an den Übernachtungszahlen positionierte sich Berlin vor der Corona-Pandemie in Europa auf Platz drei hinter London und Paris.

Wenn wir uns im Bereich des barrierefreien Tourismus vergleichen, sehen wir uns ebenfalls gut aufgestellt. So wurde Berlin bereits 2013 mit dem europäischen Access City Award ausgezeichnet.

Durch die Corona-Pandemie erlebten wir in den letzten Monaten starke Rückgänge im Tourismus. Die Gästezahlen sind dramatisch eingebrochen und erholen sich nur langsam. Wir sehen, daß gerade Menschen aus Risikogruppen wie etwa ältere Personen weniger nach Berlin reisen. Wir nutzen die Zeit intensiv, um weitere Anbieter zu zertifizieren und den Gästen der Stadt in Zukunft ein noch besseres barrierefreies Sightseeing-Erlebnis bieten zu können.

Fragen: Kerstin Große / VDGN-Team

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