Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Verkehrswende geht anders

Höhere Preise für Brandenburger Bahnpendler sind das falsche Signal

ICE-Zug auf einem Bahnhof
Foto: Rainer Große

Derzeit reden alle von der Bahn, und in Berlin-Brandenburg ist wieder einmal das falsche Signal gestellt worden. Trotz aller Proteste ist die im September vom Verkehrsverbund angekündigte Preiserhöhung zum Jahresanfang in Kraft getreten. Besonders absurd ist der Fakt, daß es besonders die Berufspendler zwischen Berlin und Brandenburg trifft. Denn deutlich angehoben wurden vor allem die Preise für das Tarifgebiet Berlin C. So kostet die klassische ABC-Abo-Umweltkarte jetzt 1.008 statt wie bisher 992 Euro im Jahr. Der Preis für die ABC-Tageskarte ist von 7,70 Euro auf 9,60 Euro angehoben worden.

Tariferhöhung zur Unzeit
Die Tariferhöhung kommt zur Unzeit, und das nicht nur, weil sie bezeichnenderweise kurz nach der Landtagswahl verkündet wurde. Sie kommt zu einer Zeit, in der heiß über Verkehrs- und Pendlerchaos ebenso wie über Maßnahmen zum Klimaschutz diskutiert wird. Und sie kommt zu einer Zeit, in der eine vom VBB angekündigte Leistungsausweitung für Pendler zwar versprochen, aber frühestens ab dem Fahrplanwechsel 2022 wirksam wird. Dann soll zum Beispiel stündlich ein zusätzlicher RE 1 von Brandenburg/Havel über Werder (Havel) und Berlin nach Frankfurt (Oder) fahren, ebenso auf der RE-7-Strecke von Bad Belzig über Michendorf nach Berlin-Wannsee. Auch der Einsatz längerer Züge ist geplant, doch dafür sind längst noch nicht alle Bahnsteige gerüstet.
 
Zaghafte Innovation
Auch einige andere im VDGN-Verkehrskonzept für Berlin-Brandenburg vorgeschlagene Maßnahmen sind jetzt zumindest aufgegriffen worden. In Berlin-Spandau sollen nun tatsächlich O-Busse getestet werden: Hybridmodelle mit modernen Batterien, die während der Fahrt aufladen und so auch einen Teil der Strecke ohne Oberleitung fahren können. Doch laut Verkehrsverwaltung ist der Testbetrieb noch am Anfang des Planungsprozesses, wie es heißt. Es kann also noch fünf Jahre dauern, bis die ersten O-Busse wieder durch Berlin rollen. Dabei ist die Installation einer O-Bus-Linie kein Flug zum Mars. In Eberswalde vor den Toren Berlins rollen die Busse mit dem Stromabnehmer auf dem Dach zuverlässig schon seit 1940. Im Ostteil Berlins waren sie von 1951 bis 1973 unterwegs.
Erkannt hat man wohl ebenfalls, daß auch an den Bahnhöfen der Berliner Außenbezirke Leihfahrzeuge stehen sollten und der Berliner „Berlkönig“ – ein Rufbus, der mittels einer speziellen App bestellt werden kann – auch außerhalb des Zentrums fahren müßte. Und eine Expreß-S-Bahn gibt es jetzt, die einige Stationen ausläßt und drei Minuten eher am Ziel ist.
All das sind sicher kleine Schritte, die aber wie so oft durch ÖPNV-Tariferhöhungen konterkariert werden. Ein Fakt, den der VDGN bereits vor Monaten bei der Vorlage seines Verkehrsprogramms für Berlin-Brandenburg kritisiert hat. Wo ist der große Wurf, die Verkehrswende? Alles wirkt eher zögerlich in der Bundeshauptstadt.

Visionäre Vorreiter   
Daß es anders geht, zeigen andere. „Mobilität weiterdenken, Visionen umsetzen“, heißt es etwa in Augsburg. Dort bietet die Stadt seit Jahresbeginn ihren Besuchern und Einwohnern einen kostenfreien Nahverkehr mit Bus und Tram in der City-Zone an. Damit sollen die Luftqualität verbessert, der Parksuchverkehr verringert und die Innenstadt attraktiver gemacht werden, heißt es. Noch weiter geht das Großherzogtum Luxemburg. Als erstes Land der Welt führt es ab 1. März generell den kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr ein. Fahrkartenschalter werden geschlossen, Automaten abgebaut, Kontrolleure für andere Serviceaufgaben freigesetzt. Damit reagiere man auf die rapide wachsende Pendler- und Bevölkerungszahl, heißt es aus dem zweitkleinsten EU-Land.

Und Berlin-Brandenburg?
Nun kann man ins Feld führen, daß die Region Berlin-Brandenburg nicht mit Augsburg oder Luxemburg vergleichbar sei. Auch, daß nicht wertgeschätzt werde, was nichts koste. Und sicher würde das ÖPNV-System in Berlin-Brandenburg zusammenbrechen, sollte noch in diesem Jahr das Ein-Euro-Ticket eingeführt werden. Doch um ein richtiges Signal zu setzen, hätte es schon gereicht, für den Anfang die VBB-Ticketpreise generell um vielleicht zehn Prozent zu senken. Radikales Umdenken wäre das noch nicht, zumindest aber kein Schritt zurück           

Hagen Ludwig

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