Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Parzellen ohne Pächter

Auf dem Lande stehen immer mehr Kleingärten leer. Ein Verein in Sachsen will das ändern

Für die Idee, aus einer leerstehenden Parzelle einen öffentlich zugänglichen Garten der Begegnung zu gestalten, erhielt der Verein eine Prämie von einem Unternehmen. Ingrid Ermer (r.) und Angelika Krause (l.) mit dem symbolischen Scheck Foto: Kerstin
Für die Idee, aus einer leerstehenden Parzelle einen öffentlich zugänglichen Garten der Begegnung zu gestalten, erhielt der Verein eine Prämie von einem Unternehmen. Ingrid Ermer (r.) und Angelika Krause (l.) mit dem symbolischen Scheck Foto: Kerstin Große

„Interessenten mit Kindern sind bei uns herzlich willkommen!“ –  So wirbt der Kleingartenverein Elbfrieden im sächsischen Bobersen auf seiner Internetseite um neue Pächter. 37 Parzellen – mehr als ein Drittel aller Gärten – stehen leer in der idyllisch und ruhig gelegenen Anlage nahe der Elbe. Es gibt Strom und Wasser in den Gärten, meist auch eine einfache Laube, hie und da einen Geräteschuppen. Fünf Kilometer sind es nur bis in die Stadt Riesa. Das jährliche Vereinsfest ist längst ein Anziehungspunkt nicht nur für Kleingärtner, sondern auch für die Dorfbewohner. Und doch plagen den Kleingartenverein ernste Nachwuchssorgen.

Die Vereinsvorsitzende Ingrid Ermer läßt das nicht kalt. Zusammen mit den anderen im Vorstand hat sich die 72jährige Rentnerin Gedanken gemacht, woran es liegt und wie man das ändern könnte. „Jüngere Leute arbeiten oft außerhalb. So gern sie einen Garten für ihre Kinder hätten mit viel Platz zum Spielen, können und wollen sie nicht jeden Feierabend in den Beeten hocken und Unkraut jäten“, sagt die frühere Sonderpädagogin, die mit ihrem Mann nach 20 Jahren in Rheinland-Pfalz und Hessen in ihre Heimatstadt Riesa zurückkehrte, an den Ort, wo sie aufwuchs, als Meß- und Regelungsmechanikerin und später als Wartungstechnikerin im Chemiewerk Nünchritz arbeitete und eine Familie gründete. Mit ihrem optimistischen Naturell fand sie schnell wieder Anschluß in Riesa. Sie pachtete gemeinsam mit ihrem Mann einen Kleingarten, ganz bewußt auf dem Land. „Eines Tages fragte man mich, ob ich Lust hätte, im Vorstand des Kleingartenvereins mitzuarbeiten.“

Abschreckende gesetzliche Vorgaben
Sie ließ sich nicht lange bitten, war erst Kassiererin, wurde dann Vorsitzende – und sah sich mit Forderungen und Vorschriften konfrontiert, die sie für weltfremd und veraltet hält, aber durchsetzen soll: „Diese Vorgaben schrecken ab. Das spüren wir immer wieder, wenn sich Leute für einen Kleingarten interessieren. Beispielsweise die Regelung, daß ein Drittel des Kleingartens dem Anbau von Obst und Gemüse dienen soll oder, daß Lauben einschließlich einer Überdachung maximal 24 Quadratmeter groß sein dürfen.“ Ihre Stellvertreterin, die Rentnerin Angelika Krause, sieht es genauso. Seit zehn Jahren hat die frühere Kitaleiterin einen Kleingarten in der Anlage: „Wenn die Leute hören, was sie alles beachten sollen, welche Vorschriften das Bundeskleingartengesetz und die Rahmenkleingartenordnung für Sachsen machen, winken sie oft ab und sagen, ‘das wollen wir nicht, da suchen wir uns was anderes’.”

Fast die Hälfte der Pächter ist 65 Jahre und älter – bis weit in die 80er. Ihre Parzelle haben nicht wenige schon jahrzehntelang. 1947 war die Anlage errichtet worden, ein Kleingarten in Bobersen gerade bei den Stahlwerkern im nahen Riesa begehrt. Verlockend die Aussicht auf eigenes Obst und Gemüse und das Halten von Kleintieren, wie beispielsweise Stallhasen. „Es gab nicht genug zu kaufen, da waren selbst erzeugte Lebensmittel Gold wert“, erklären die beiden Kleingärtnerinnen. An den Gärten sehe man noch heute, wer diese schlechte Zeit miterlebt habe.

Gartenarbeit mit Siebzig oder Achtzig fällt zunehmend schwer: Die geliebte Scholle deshalb aufzugeben, das überlegen sich die meisten dennoch. Weil sie diesem Stück Natur sehr verbunden sind, es gehegt und gepflegt und oft ihre ganzen Ersparnisse hineingesteckt haben. Auch Vorschriften aus den neuen, vorgegebenen Pachtverträgen ängstigen manche. Denn wer so ein Dokument unterschrieben hatte, von dem könne bei Aufgabe des Gartens verlangt werden, jegliche An- und Aufbauten wie Schuppen und Lauben abzureißen sowie alle Anpflanzungen zu entfernen, erklärt Ingrid Ermer und berichtet von über 80jährigen, die mit solchen maßlosen Forderungen konfrontiert werden. Sie versteht das nicht, denn neben unnötigem Streß für die alten Pächter finden sich für solche plattgemachten Parzellen auch keine neuen Kleingärtner: „Sie müßten buchstäblich bei Null anfangen, das macht keiner.“

Finanzdesaster droht
Die Alten gehen. Die Jungen aber kommen nicht nach. Und für die, die bleiben, wird die Misere immer größer: Egal, ob die Parzellen verpachtet sind oder nicht, an den Verpächter (Gemeinde und Regionalverband der Kleingärtner) müssen Pacht und Grundsteuer in voller Höhe entrichtet werden. Auch wenn der Quadratmeterpreis nur 11 Cent beträgt, sind das Kosten, die die Vereinskasse belasten, die letztlich jeder der verbliebenen Kleingärtner über Umlagen mit aufbringen muß! Hinzu kommt, daß die leerstehenden Parzellen gepflegt werden müssen und die Vereinsbeiträge der ausgeschiedenen Pächter wegfallen.

Ein weiteres Übel sind die Räumungsklagen. Es ist das letzte Mittel, zu dem sie greifen, wenn alle liebgemeinten Hinweise und auch ernste Ermahnungen an einzelne Pächter ins Leere laufen. Zuerst werden Pacht, Umlagen, Beiträge und Verbrauchskosten für Strom und Wasser nicht gezahlt, dann verlassen sie den Garten klammheimlich auf Nimmerwiedersehen. Zurück bleiben oft Müll und Unrat, verwilderte Grundstücke, die Jahre nicht betreten werden dürfen, bis ein Gericht entscheidet, erzählen Ingrid Ermer und Angelika Krause: „Wer will schon einen solchen Garten pachten“, ist ihre eher rhetorische Frage.

Auch auf den Kosten bleiben die übrigen Pächter sitzen. Was zu verständlichem Unmut in der Gemeinschaft führt. Bei Ingrid Ermer wächst zudem die Sorge, daß irgendwann ein finanzielles Desaster, im schlimmsten Fall eine Insolvenz und damit eine Zwangsverwaltung der Kleingartenanlage drohen könnte. Das wollen sie und die anderen im Vereinsvorstand unbedingt vermeiden: „Dann hätten wir gar keinen Einfluß mehr.“

Die Misere wird öffentlich kaum wahrgenommen. Diesen Eindruck haben sie seit längerem und daran wollen sie etwas ändern. „Während die Probleme von Metropolenbewohnern, wie Wohnungsnot, Verkehrschaos oder auch lange Wartelisten bei Kleingärten in den Medien fast täglich vorkommen, spielen die Sorgen der Leute auf dem Lande nur selten eine Rolle“, beklagt Ingrid Ermer. Angelika Krause wohnt im Nachbardorf und weiß aus eigenem Erleben, wie unzufrieden die Leute sind: „Zum Arzt zu kommen bedeutet eine Tagesreise. Es fahren kaum noch Busse. Bankfilialen machen zu. Bäcker, Fleischer, Kneipen sind oft schon Jahre dicht.“ Und auch die vielen leerstehenden, verwildernden Kleingärten schlagen auf die Stimmung. Über Jahrzehnte traf man sich dort in der Freizeit, tauschte sich längst nicht nur über Ernte- und Blumenzuchterfolge aus. Man räumte zusammen auf und feierte zusammen. Das Gemeinschaftsgefühl, das verloren zu gehen droht, versuchen sie in der Bobersener Anlage zu erhalten und zu beleben, mit den jährlichen Vereinsfesten, aber auch mit einem „Garten der Begegnung“, den sie jetzt gestalten und für alle öffnen wollen. Sie opfern dafür manche Stunde ihres wohlverdienten Ruhestandes.

Petition – Weckruf für die Politik
Ingrid Ermer ist überzeugt, daß sie nicht die einzigen sind, denen der Leerstand zu schaffen macht. „Das ist doch ein deutschlandweites Problem. Ich glaube sogar, daß viel mehr Kleingärten auf dem Lande vom Leerstand betroffen sind, als Kleingärten in den Metropolen von Immobilienhaien bedroht werden.“ Dagegen wollen sie und ihre Mitstreiter etwas unternehmen: „Einen Kleingarten zu haben, das muß moderner und attraktiver für junge Familien mit Kindern werden. Ohne Regeln geht es nicht, aber sinnlose Vorschriften gehören endlich abgeschafft!“

Im Kleingarten, wie ihn sich die Vereinsvorsitzende und ihre Stellvertreterin vorstellen, soll Platz sein für eine Liegewiese, eine Familienlaube bis zu 34 Quadratmeter Größe und für einen Geräteschuppen, ebenso für Schaukel, Sandkasten und Planschbecken. Und es muß die Chance geben, das Stück Grün naturnah zu bewirtschaften, mit Bäumen, die Schatten spenden, mit insektenfreundlichen Wildpflanzen und -sträuchern.

Im Vorstand des Kleingartenvereins verfaßten sie eine Petition, stellten sie ins Internet. Darin wird in klaren, unmißverständlichen Worten die Situation beschrieben (Auszug siehe Kasten auf S. 13). Offensichtlich haben sie damit einen Nerv getroffen. In kurzer Zeit fand die Petition hunderte Unterstützer aus ganz Deutschland. Und die Kleingärtner aus Bobersen hoffen auf noch viel mehr. Bei der Politik wollen sie sich endlich Gehör verschaffen.

Kerstin Große





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