Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Konfusion um Kernfusion

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 59): Als sich einmal nicht nur Erich Honecker irrte

Kernfusion in der Küche? Die Chemiker Stanley Pons (links) und Martin Fleischmann (rechts), in der Mitte der damalige Doktorand Marvin Hawkins Quelle: University of Utah
Kernfusion in der Küche? Die Chemiker Stanley Pons (links) und Martin Fleischmann (rechts), in der Mitte der damalige Doktorand Marvin Hawkins Quelle: University of Utah

Von Holger Becker

„Kernfusion auf kaltem Wege an der Technischen Universität Dresden gelungen“ – mit dieser Schlagzeile links oben auf Seite 1 machte das zentralste aller Organe der DDR seine Ausgabe vom 20. April 1989 auf. Forschern in der Elbmetropole, so die Zeitung „Neues Deutschland“ (ND), sei es geglückt, Versuche amerikanischer und sowjetischer Wissenschaftler nachzuvollziehen. Über eine negative Palladium- und eine positive Platinelektrode hätten sie bei Zimmertemperatur Strom in ein elektrolytisches Bad aus schwerem Wasser eingeleitet. Die mit einem hochempfindlichen Neutronenspektrometer erzielten Meßergebnisse deuteten darauf hin, es sei dabei zu einer Deuterium-Deuterium-Kernverschmelzung gekommen.

Viel mehr erfuhr die Leserschaft erst einmal nicht aus der Meldung des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN). Was das bedeutete? Klar, sagten die Witzbolde, es ist ein neuerlicher Beweis dafür, daß wir die größte DDR der Welt sind. Nicht nur in den Medaillenspiegeln der olympischen Spiele gehören wir mit den Amis und den Russen zu den Großen Drei, nein, nun auch bei der Kernfusion.

In der Tat, eine Spitzenmeldung über ein vermeintlich gelungenes naturwissenschaftliches Experiment, das war ungewöhnlich für das ND der 1980er Jahre. Zumeist standen auf diesem Platz andere Dinge, so wie in den Tagen zuvor Texte über Treffen des SED-Generalsekretärs Erich Honecker und des DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph mit dem ČSSR-Premier Ladislav Adamec. Tag für Tag entschied Honecker höchstpersönlich darüber, was wo auf den vorderen Seiten des ND plaziert werden sollte. So hatte er auch für das Tamtam um das Dresdner Fusionsexperiment gesorgt. Warnungen aus der ND-Redaktion drangen nicht durch, das Thema tiefer zu hängen, denn die Sache könne, da physikalisch fragwürdig und auch aktuell in der Wissenschaft überaus strittig, in die Hose gehen. Und nicht nur im ND, überall Kalte Kernfusion, in der „Aktuellen Kamera“ des DDR-Fernsehens, in den Spitzenmeldungen der „Berliner Zeitung“, des CDU-Zentralorgans „Neue Zeit“ und aller anderen DDR-Tagespostillen.

Das ging noch ein bißchen so weiter – am 21. April mit  ADN-Berichten über eine Pressekonferenz der Dresdener Forscher und die Einzelheiten ihrer Versuchsanordnung. Die Texte waren ebenso über Honeckers Tisch gegangen – und deshalb sakrosankt – wie auch die am 22. April gedruckte ADN-Meldung, deren Inhalt den SED-Generalsekretär in seinem Zutrauen in die Kalte Kernfusion bestärken mußte. Manfred von Ardenne, einer der bekanntesten deutschen Wissenschaftler weltweit, erklärte darin, es könne an dem Experiment und seiner wissenschaftlichen Deutung nicht mehr gezweifelt werden. „Es handelt sich hier um die Entdeckung eines völlig neuen Effektes in der Palladium-Wasserstoff-Beziehung, von welcher schon seit Jahrzehnten physikochemikalische Merkwürdigkeiten bekannt waren“, gab der mit seinem privaten Forschungsinstitut auf dem Weißen Hirsch in Dresden residierende Grandseigneur kund, der in seinem Leben u.a. die technische Grundlage für das Fernsehen geschaffen, das Rasterelektronenmikroskop erfunden und die sowjetischen Atom- und Wasserstoffbomben mitentwickelt hatte.

Als Honecker das Thema den DDR-Medien verordnete, schwamm er auf einer Welle, die gerade um den ganzen Planeten schwappte. Heute würde man es einen „Hype“ nennen.  Es war am 23. März 1989 gewesen, also gerade mal einen Monat her, als die Chemie-Professoren Stanley Pons, ein US-Amerikaner, und Martin Fleischmann, ein Brite mit deutschen Wurzeln, Mitglied der Royal Society des Vereinigten Königreichs, an der Universität von Utah in Salt Lake City (USA) mit einer Sensation vor die Presse traten, die nichts weniger als eine einfache Lösung für das Energieproblem der Menschheit versprach.

Und das entgegen dem Wissen der Lehrbücher. Eine Kernfusion, die – wie im Innern der Sonne und der anderen Sterne – extrem viel Energie liefert, sei nur unter extremen Bedingungen möglich, stand da geschrieben. Nur bei unglaublich hohen Temperaturen und unvorstellbar hohem Druck gelinge es, die Abstoßungskräfte zwischen den Kernen von Wasserstoffatomen zu überwinden und diese zu verschmelzen. Auf der Erde waren solche „thermonuklearen Reaktionen“ bisher nur beim Zünden von Wasserstoffbomben mit gigantischer Zerstörungskraft gelungen. Unabsehbar lang aber schien der Weg dahin zu sein, eine gesteuerte Kernfusion hinzubekommen, in Apparaturen einen kontinuierlich ablaufenden Prozeß zur Energiegewinnung aus dem nahezu unbegrenzt verfügbaren Wasserstoff zu initiieren. Seit den frühen 1950er Jahren tüftelten Physiker in der Sowjetunion und den USA an verschiedenen Konzepten dafür, die unter den Namen „Tokamak“ und „Stellarator“ in die Wissenschaftsgeschichte eingingen. Seit der Genfer Atomkonferenz 1958 entwickelte sich sogar eine wissenschaftliche Zusammenarbeit über die Systemgrenzen hinweg. Millionen und Abermillionen von Dollar und Rubel flossen in die Forschung, in die sich nun auch andere Länder einklinkten.

Doch ob und, wenn ja, wann einmal auch Strom fließen würde, das stand in den Sternen.
Da kamen nun Pons und Fleischmann, behaupteten, sie hätten es ohne all die gigantischen Anstrengungen, quasi auf dem Weg durch die kalte Küche geschafft, „eine kontinuierliche Fusionsreaktion“ herzustellen. Bei ihrer Versuchsanordnung würde das Deuterium (ein natürliches Isotop des Wasserstoffs, bekannt als „Schweres Wasser“) quasi durch das Kristallgitter des Palladiums gepreßt, was so starken Druck auf die Deuteriumskerne ausübe, daß sie verschmölzen. Als Beweis für den Verschmelzungsvorgang sei ein erhöhter Fluß von Neutronen und ein Wärmeüberschuß gemessen worden. „Ich denke, in wenigen Jahren wird es möglich sein, eine voll funktionsfähige Einheit zu haben, die Strom erzeugt oder eine Turbine antreibt“, sagte Pons laut dem Bericht des US-Senders CBS.

Den zahlreich erschienenen Reportern am 23. März 1989 in Salt Lake City erschien das plausibel. Wissenschaftlern in aller Welt ebenso. Hunderte von Forscherteams machten sich daran, das Experiment von Pons und Fleischmann nachzuvollziehen. Sie waren dabei allerdings auf Zeitungs- und Fernsehberichte angewiesen. Denn die beiden Chemiker hatten den ungewöhnlichen Weg gewählt, ihre Ergebnisse in einer Pressekonferenz vorzustellen. Normalerweise geschieht so etwas in Fachzeitschriften, zum Beispiel der britischen „Nature“ oder der US-amerikanischen „Science“, die jeden Aufsatz von fachlich zuständigen Gutachtern prüfen lassen. Dennoch kamen aus vielen Ecken des Planeten Erfolgsnachrichten, die Fusion auf kaltem Wege sei erneut gelungen. Es meldeten sich außer den Dresdener Wissenschaftlern unter anderen Teams von den Universitäten in Tokio, Moskau, Debrecen, Bratislava, vom indischen Indira-Gandhi-Zentrums für Atomforschung, vom Kernforschungszentrum Frascati nahe Rom, von der Stanford Universität in Kalifornien, der Texas A&M University in der Nähe vom Houston und nicht zuletzt vom Brookhaven National Laboratory, einem vom US-Energieministerium betriebenen nationalen Forschungszentrum auf Long Island. Niemand konnte behaupten, da seien Scharlatane unterwegs.

Doch recht bald tropfte Essig in den Wein. Schon Anfang April 1989 vermeldete das britische Kernforschungszentrum Harwell ein negatives Ergebnis seines Versuches: Der Neutronenfluß sei viel zu gering, um die beobachtete Hitzeentwicklung als Ergebnis einer Kernfusion zu erklären. Ein Schlag folgte auf den nächsten. Nur einen Monat später referierte auf einem Fachkongreß in Los Angeles ein Elektrochemiker vom California Institute of Technology in Pasadena die Ergebnisse von 22 Fusionsexperimenten seiner Forschergruppe.  Sie hätten keinen Nachweis für Neutronen, für Gammastrahlung, für Helium, für Tritium und auch keinen für Überschußwärme finden können. Von einer Fusion könne angesichts des Fehlens dieser klassischen Produkte und Folgen einer solchen keine Rede sein. Die anwesenden Fleischmann und Pons, die zu Beginn des Kongresses noch gefeiert worden waren, räumten bedröppelt dieses und jenes ein: Es könne sein, bei der Gammastrahlung reichten ihre Meßmethoden nicht aus. Nach dem Fusionsprodukt Helium hätten sie gar nicht gesucht und bei der Energieberechnung womöglich falsch kalkuliert.

Die große Aufregung um die Kalte Kernfusion fand ihr Ende, als die Welt mit anderem beschäftigt war. Im November 1989 veröffentlichte eine vom US-amerikanischen Energieministerium eingesetzte Kommission ihren Bericht, in dem es hieß, es seien die „gegenwärtigen Hinweise auf die Entdeckung eines neuen kernphysikalischen Prozesses, genannt ’kalte Fusion’, nicht überzeugend“. Von „pathologischer Wissenschaft“ war die Rede, worunter die Forschung an nicht existierenden Phänomenen verstanden werden soll, bei der die wissenschaftliche Selbstkontrolle versagt. Andere Wissenschaftler sprachen von Betrug. Das Thema schien ein für allemal erledigt zu sein. Keine seriöse Institution der Wissenschaft weltweit ließ auf ihren Kongressen Vorträge oder Veranstaltungen zur Kalten Kernfusion mehr zu.

Wie hatte es zu alledem kommen können? Klar, es gab pekuniäre Interessen. Sowohl die Universität von Salt Lake City als auch Fleischmann und Pons hatten um den 23. März 1989 herum eine Reihe von Patenten angemeldet. Die beiden Forscher hofften, so zu Millionären, wenn nicht Milliardären zu werden. Die Universität wollte sich für lange Zeit ihre Finanzierung sichern. Und die Nachahmer in aller Welt waren elektrisiert von den Möglichkeiten, die sich anscheinend eröffneten, hofften, selbst den Weg zur technischen Anwendung zu finden. Aber auch die Konkurrenz der wissenschaftlichen Disziplinen wirkte befeuernd. Als die American Chemical Society (ACS), die größte wissenschaftliche Gesellschaft des Planeten, am 12. April 1989 ihren Jahreskongreß in Dallas eröffnete, stand Stanley Pons als einer der Hauptredner am Pult. ACS-Präsident Clayton Callis kündigte ihn mit der Bemerkung an, die Experimente der Physiker mit ihren Tokamaks und Lasern seien offensichtlich zu aufwendig und kostspielig, um praktisch nutzbare Energie zu liefern. „Es sieht so aus, als würde die Rettung jetzt von den Chemikern kommen.“

Viele Milliarden in den verschiedenen Währungen der Welt sind inzwischen für die Forschungen der Physiker zur „klassischen“ heißen Fusion eingesetzt worden. Ab 2025 soll im südfranzösischen Cadarache als Ergebnis des Internationalen ITER-Projekts der erste großtechnische Fusionsreaktor  in Betrieb gehen, arbeitend nach dem Tokamak-Prinzip aus der Sowjetunion. Mit dem Wendelstein 7-X in Greifswald wollen Plasmaphysiker zudem beweisen, daß auch Anlagen nach dem Stellarator-Konzept prinzipiell für die Stromerzeugung in Kraftwerken taugen. Das erste Fusionskraftwerk könnte dann im letzten Viertel dieses Jahrhunderts in Betrieb gehen. Wir hören von alledem wenig, weil esoterikgestützte Angst alles, was irgendwie mit der Kernkraft zu tun hat, in ein schwarzes Loch fallen ließ.

Ob es nicht doch auf dem billigeren Weg der Kernfusion bei Zimmertemperatur geht? Der Berichterstatter erinnert sich gut der leuchtenden Augen eines Ordinarius der Berliner Humboldt-Universität, der ihm noch 1989 erzählte: „Das kann doch funktionieren. Die Japaner machen in jedem Fall weiter.“ In der Tat holte sich der Auto-Konzern Toyota Pons und Fleischmann und finanzierte ihnen ein paar Jahre ein Labor in Südfrankreich. Andere Wissenschaftler, so an den Universitäten von Missouri (USA) und Göteborg (Schweden), nahmen das Thema wieder auf, etablierten als Forschungsrichtung die „Low Energy Nuclear Reactions“ (LENR). Die physikalischen und chemischen Gesellschaften der USA lassen dazu wieder Symposien zu.

Der Mensch kann die Welt erkennen. Doch man muß in Rechnung stellen: Sein Vermögen dazu hat zu jedem Zeitpunkt der Geschichte seine Grenzen. Diese hinauszuschieben, kann dauern und geht in der Regel wieder nicht ohne Irrtümer ab. Wissenschaft ist ein Prozeß, Glaube an „die Wissenschaft“ grundsätzlich fehl am Platz.

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