Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Gutes Hören möglich machen

Moderne Technik hilft heute in vielen Fällen, Schwerhörigkeit zu lindern

Ein Arzt untersucht das Ohr einer Frau
Foto: AOK-Mediendienst

Hören ist der wichtigste Sinn zur Wahrnehmung. Gutes Hören ist die Voraussetzung, um die Sprache zu erlernen und zu kommunizieren. Auf der sozialen und emotionalen Ebene ist gutes Hören und Verstehen unabdingbar für die Integration in Familie und Freundeskreis. Den Anforderungen im Beruf gerecht zu werden, erfordert in aller Regel ebenfalls ein funktionierendes Gehör. Unser Hörsinn ermöglicht die Orientierung im Raum und hilft uns Gefahren wahrzunehmen – 24 Stunden am Tag. Gut hören und verstehen ist aber auch ein wichtiges Stück Lebensqualität – man denke an den Genuß beim Musikhören oder beim Lauschen von Naturgeräuschen wie dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des Meeres oder des Windes in den Bäumen.
Unsere Welt und unser Leben hat einen eigenen Klang – der manchen Menschen von Geburt an verwehrt ist, der anderen innerhalb kürzester Zeit verloren oder zunehmend verlustig geht.

Formen der Schwerhörigkeit
Es gibt verschiedenste Formen von Schwerhörigkeit. Es kann es sich um eine einfache Schallleitungsschwerhörigkeit handeln oder um einen sensorineuralen Hörverlust. Bei eine Schallleitungsschwerhörigkeit ist die Fähigkeit des Ohres, den Schall vom Außen-ohr und Mittelohr in das Innenohr zu leiten, stark beeinträchtigt. Bei einem sensorineuralen Hörverlust entsteht die Schwerhörigkeit durch Schäden an den winzigen Haarsinneszellen im Innenohr. Ursachen der sensorineuralen Schwerhörigkeit können andauernde oder traumatische Lärmbelastung, Alter, Medikamente und Lebensstil oder auch genetische Ursachen sein.

Sicher ist: Schwerhörigkeit oder gar Taubheit bleibt nicht ohne Folgen für die mentale, soziale und psychische Entwicklung.

Bei Kindern sind die Folgen nicht erkannter oder nicht behandelter Schwerhörigkeit besonders gravierend. Denn im ersten Lebensjahr werden die Strukturen des Hörsystems angelegt, die zur korrekten und schnellen Verarbeitung akustischer Reize erforderlich sind. Fehlen diese Reize wegen einer nicht erkannten Schwerhörigkeit, kann das dazu führen, daß die Sprachentwicklung stark behindert wird.

Aber auch ein Zusammenhang zwischen Hören und Demenz zeichnet sich aufgrund der Ergebnisse neuerer Studien immer deutlicher ab. Die Hälfte der Menschen über 75 Jahre und 80 Prozent der 80Jährigen sind schwerhörig – und das ist ein Risikofaktor für eine Demenzerkrankung. Denn das Gehirn wird bei zunehmender Hörbeeinträchtigung immer weniger gefordert und aktiviert – es verliert so beispielsweise nach und nach seine Leistungsfähigkeit hinsichtlich des Erkennens und Interpretierens von Tönen und Geräuschen.

Therapie der Schwerhörigkeit
Die Therapie der Schwerhörigkeit richtet sich nach deren Ursache und Ausmaß. Zu-nächst müssen zugrundeliegende Erkrankungen entsprechend behandelt werden. Bei bestimmten Krankheitsbildern hilft eine sogenannte Tympanoplastik: Sie kann Schallleitungsstörungen verbessern, indem die Schall-leitungskette im Mittelohr wiederhergestellt oder das Trommelfell verschlossen wird.

Bei Schallempfindungsstörungen ist das Innenohr aber oft so irreparabel geschädigt, so daß weder Medikamente noch Operationen das Hörvermögen wiederherstellen können. Dann kommen Hilfsmittel infrage, die das Hören sowie das Sprachverständnis verbessern oder durch akustische Signale ersetzen.
Als in den 1960er die ersten (einkanaligen) hinter dem Ohr getragenen Hörgeräte entwickelt worden waren, war dies eine kleine Sensation. Denn es war ein langer Weg gewesen von der Entwicklung der ersten Hörhilfen im 17. Jahrhundert, den Hörrohren, hin zu dieser technischen Neuerung.

Was Technik vermag
Seitdem entwickelte sich die Leistungsstärke der Hörgeräte rasant weiter – von dreikanaligen Analoghörgeräten über digital programmierbare bis hin zu den heute verfügbaren volldigitalen Hörgeräten.
Diese modernen Hörhilfen sind mit „Mini-Computern“ ausgestattet; diese erfassen die aktuelle Hörsituation, analysieren sie und passen die weitergeleiteten akustischen Signale dann automatisch an das akustische Umfeld an. Ist die Umgebungssituation beispielsweise sehr laut, dann begrenzt das digitale Hörgerät die Verstärkungsleistung automatisch auf ein angenehmes Niveau.

Außerdem können Hörgeräteakustiker die volldigitalen Hörhilfen sehr fein justieren und individuell an das Gehör ihres Trägers anpassen. Weil die digitale Verarbeitung wesentlich mehr und bessere Möglichkeiten bietet als die früheren Hörgeräte, spricht man heute oft nicht mehr von Hörgeräten, sondern von Hörsystemen. Bei den Hörsystemen gibt es unterschiedliche Tragevarianten: hinter dem Ohr oder im Ohr. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile.

Bei den bislang vorgestellten Hörgeräten handelt es sich um Luftleitungshörgeräte.

Manchen Menschen können diese sogenannten konventionellen Hörsysteme aber leider nicht weiterhelfen. Sie reichen nicht aus, um ihr Hörvermögen ausreichend zu verbessern oder Fehlbildungen der Gehörgänge behindern die Nutzung. Auch chronische Entzündungen bzw. Allergien gegen Hörgerätematerialien können die Nutzung verhindern. Für diese Menschen gibt es inzwischen auch implantierbare „Hörsysteme“ – die wie die konventionellen Hörhilfen den Schall verstärken und die verstärkten Schallschwingungen übertragen. Es gibt zwei Arten:

- Knochenleitungshörsysteme übertragen die Schwingungen mittels einer im Knochen verankerten Schraube auf den Schädelknochen und auf diesem Weg indirekt ins Innenohr.

- Mittelohrimplantate: Elektromagnetische vibrierende Schallwandler werden ins Mittelohr implantiert und übertragen die Schallschwingungen direkt auf die Gehörknöchelchenkette.

Doch was ist mit den Menschen, deren Innenohr oder Gehörknöchelchen auf die Schallschwingungen nicht mehr (ausreichend) ansprechen? Die einen – auch als „Nervenschwerhörigkeit“ bezeichneten – sensorineuralen Hörverlust haben? Denn hier liegt eine Schädigung des Innenohres (Cochlea) und nicht etwa des Hörnervs vor.

Die Cochlea – die Hörschnecke im Innen-ohr – ist unser eigentliches Hörorgan. Es ist darauf spezialisiert, Schallwellen aufzunehmen und ans Gehirn weiterzuleiten. Bei einem hochgradigen bis an Taubheit grenzenden sensorineuralen Hörverlust auf beiden Ohren kann der durch modernste, leistungsstarke Hörgeräte verstärkte Schall jedoch so verzerrt klingen, daß dies keine Hilfe für den Betroffenen darstellt. Bei einer Schallleitungs-Schwerhörigkeit oder einem hochgradigen bis an Taubheit grenzenden sensorineuralen Hörverlust braucht es also spezielle Technik.

Das Cochlea-Implantat
„Taube hören, Ertaubte hören wieder!“ – So das Versprechen von über 80 Hals-Nasen-Ohren-Kliniken in Deutschland, die eine Implantierung eines Cochlea- Implantats (CI) anbieten.

Ein Cochlea-Implantat ist eine bewährte, effektive, langfristige Lösung für Menschen mit einem an Taubheit grenzenden Hörverlust. Es handelt sich dabei um ein elektronisches Gerät, das chirurgisch implantiert wird und das die beschädigten Teile des Innenohres umgeht, um den Hörnerv direkt zu stimulieren. Im Unterschied zu Hörgeräten, die den Schall lediglich verstärken, wandeln Cochlea-Implantate Schallwellen auf eine Art und Weise in elektrische Impulse um, die dem natürlichen Hören ähnelt. Cochlea-Implantate (CI) machen es möglich, Laute zu hören und zu verstehen, auch dann, wenn eine Schädigung der Haarzellen im Innenohr oder eine schwere bis hochgradige Schwerhörigkeit vorliegt.

Abgesehen davon, daß eine Operation immer Gefahren birgt, sind beim Einsetzen des Cochlea-Implantates noch ein paar spezielle Risiken zu berücksichtigen, über die der operierende Arzt die Patienten intensiv aufklären muß. Zum Beispiel können bei dem Eingriff Gesichts- und Geschmacksnerven verletzt werden, da der Kanal für die Elektroden unmittelbar in der Nähe gefräst wird.

Die Operation*
Für das Implantat wird eine Vertiefung in den Schädelknochen gefräst. In die Cochlea wird ein Loch gebohrt, durch das die Elektroden eingeführt werden. Noch während der cirka zwei Stunden dauernden Operation wird immer wieder die Funktion des Implantates getestet.

Nach etwa fünf Tagen erfolgt die Entlassung des Patienten aus dem Krankenhaus. Rund vier Wochen dauert der Einheilungsprozeß. Danach folgen ambulante Anpassungstermine. An fünf aufeinanderfolgenden Tagen wird der Sprachprozessor immer wieder neu justiert.

 Danach beginnt eine lange Rehabilitationsphase, die sich bei Erwachsenen etwa über zwei Jahre, bei Kindern über drei Jahre erstreckt. Erwachsene, die gerade erst ertaubt sind und ihr Implantat schnell bekommen, benötigen in der Regel nur ein Jahr. Dennoch muß während dieser Zeit das Hören völlig neu erlernt werden.
Geräusche und Stimmen wirken über das Implantat völlig anders, so daß das Hörsystem eine entsprechende Gewöhnungsphase benötigt. Verschiedene Anpassungsabschnitte, sowie Hör- und Sprachtherapien ergänzen die Rehabilitationszeit. Die anschließenden jährlichen Kontrolluntersuchungen sind wichtig, um die technische Funktion des Implantates zu prüfen und Hörtests durchzuführen. * Quelle: medlexi.de/Cochlea-Implantat

Neue Therapien
Seit 2015 existiert eine neue Therapieform. Dabei wird bei der Cochlea-Implantation die Elektrode mit patienteneigenen Stammzellen überzogen, um einen besseren Hörerfolg zu erzielen. Diese neuartige Technik liefert bislang vielversprechende Ergebnisse und wird zukünftig durch die Experten der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover noch optimiert – und hoffentlich noch mehr Betroffenen zugänglich sein.

Kostenübernahme
Die Kosten für eine Cochlea-Implantat-Versorgung liegen – einschließlich Rehabilitations-Maßnahmen – bei rund 40.000 Euro. Sie werden bei Vorliegen der Voraussetzungen von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel übernommen. Die Finanzierung durch private Krankenkassen ist oft Verhandlungssache. Allerdings kommt diese Hilfsmittelversorgung nur für einen Bruchteil der von Schwerhörigkeit Betroffenen in Frage. Nicht jeder kann von einem Cochlea-Implantat profitieren, sondern benötigt andere, verbesserte „konventionelle“ Hilfsmittel.

Das Hilfsmittelverzeichnis Produktgruppe 13 Hörgeräte soll in diesem Jahr seitens der Gesetzlichen Krankenversicherung aktualisiert werden. Denn das Sachleistungsprinzip für Hörhilfen sollte dem Anspruch der Versicherten auf eine bestmögliche Angleichung an das Hörvermögen Gesunder entsprechend dem aktuellen Stand der Technik folgen, soweit dies Gebrauchsvorteile im täglichen Leben betrifft. Die Anforderungen an die Hörgeräte im Hilfsmittelverzeichnis wurden dem Stand der Technik aber seit sieben Jahren nicht angepaßt – obwohl die technische Entwicklung inzwischen mit großen Schritten vorausgeeilt ist. Der Deutsche Schwerhörigenbund e. V. (DSB) hat dazu folgende Stellungnahme abgegeben:
 
„Zentrale Geräteeigenschaften digitaler Hörsysteme, die das Sprachverstehen in anspruchsvollen, alltäglichen Hörsituationen verbessern, beinhalten inzwischen nicht mehr nur das Sprachverstehen im statischen Störgeräusch und in größeren Gruppen. Zum Stand der Technik gehört auch die Reduzierung von Wind- und Impulsgeräuschen, die erheblich zum Sprachverständnis im Straßenverkehr oder in Kantinen- oder Restaurantsituationen beitragen. Auch die Tatsache, daß sich Hörsituationen dynamisch entwickeln und Hörsysteme wechselnden Richtungen von Sprache und Lärm folgen können, gehört heute zum Grundrepertoire der digitalen Signalverarbeitung. All diese Entwicklungen berücksichtigen die Anforderungen der GKV bisher nicht. Der Deutsche Schwerhörigenverband fordert deshalb die GKV auf, die im Festbetragsgruppen-System 2013 festgelegten Mindestanforderungen an erstattungsfähige Geräte dem Stand der Technik folgend anzupassen. Dies fordert der DSB insbesondere im Hinblick auf die Versicherten, die sich eine Aufzahlung finanziell nicht leisten können.“

Es bleibt den Betroffenen viel Erfolg und die Berücksichtigung der Stellungnahme zu wünschen.
Übrigens: Am 3. März ist Internationaler Tag des Hörens. Damit möchte die Weltgesundheitsorganisation mit zahlreichen Akteuren das Bewußtsein für das Thema Schwerhörigkeit und Vorbeugung von Hörverlust fördern. An der Sensibilisierungskampagne teilnehmende Hörgeräte-Akustiker bieten am Internationalen Tag des Hörens kostenlose Hörtests an.       

Sandra Halfpaap

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