Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Es darf gezweifelt werden

Klima, Kohlendioxid und Ketzervorwürfe – Plädoyer für eine hysteriefreie Debatte

Zweifel – das Wort prangte in sechs Meter hohen Lettern in Berlin auf dem Palast der Republik vor dessen Abriß. Geschaffen wurde der Schriftzug vom norwegischen Künstler Lars Ø Ramberg
Zweifel – das Wort prangte in sechs Meter hohen Lettern in Berlin auf dem Palast der
Republik vor dessen Abriß. Geschaffen wurde der Schriftzug vom norwegischen Künstler Lars Ø Ramberg Foto: wikimedia commons/ Jula2812

Von Holger Becker

Am 15. Mai letzten Jahres zeigten die Stadtvertreter von Ludwigslust, das liegt etwa 35 Kilometer südlich von Schwerin und hat zusammen mit einigen eingemeindeten Dörfern mehr als 12.000 Einwohner, der Welt ihre Großartigkeit. Auf Vorschlag der SPD-Fraktion riefen sie den „Klimanotstand“ aus. Die mecklenburgische Kommune, so verkündet sie es auf ihrer Website, sieht „damit die Eindämmung der Klimakrise und ihrer schwerwiegenden Folgen als Aufgabe von höchster Priorität an“. Und: „Mit dieser Entscheidung werden ab sofort bei jeglichen Entscheidungen die Auswirkungen auf das Klima, den Arten- und Umweltschutz berücksichtigt.“

Während die Volksvertreter ihren heroischen Beschluß faßten, standen vor dem Rathaus etliche Demonstranten. Die forderten, doch bitte den Ankauf von 28 Hektar ehemaligen Militärgeländes zu unterlassen. Auf dem Areal steht nämlich heute Wald, der nach dem Willen der kommunalen Verantwortlichen weg soll, um ein bereits vorhandenes Gewerbegebiet zu erweitern. Und siehe: Schon beim nächsten Punkt der Tagesordnung, der auf den Notstandsalarm folgte, entschieden sich die Ludwigsluster Klimahelden für das Abholzen. Die Gegend, muß man wissen, ist seit eh und je ähnlich sandig und trocken wie die nahegelegene Lübtheener Heide, die dann ein paar Wochen später mit einem Großbrand deutschlandweite Bekanntheit erlangte. Sie kann jeden Baum gut gebrauchen.

Im rund 200 Kilometer entfernten Berlin läßt sich die Regierung auch nicht lumpen. Am 10. Dezember 2019 rief sie die „Klimanotlage“ aus. Da Berlin ja mehr ist als eine Stadt, rühmt es sich nun, das erste Bundesland zu sein, wo soetwas gilt. „Notstand“ wollte man das Ganze nicht nennen, weil das zu sehr an die Notstandsgesetze erinnert. Aber egal: „Die Anerkennung der Klimanotlage ist ein sehr konkreter Handlungsauftrag: Das Land wird auf Grundlage des Pariser Klimaabkommens handeln, Senatsbeschlüsse sollen künftig einen Klima-Check erhalten, und das Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm wird mit neuen Maßnahmen konsequent danach ausgerichtet“, ließ sich am selben Tage Regine Günther von den Grünen vernehmen, die als Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz fungiert.

Als solche hat die Klimanotlagenbekämpferin den höheren Fahrpreisen für den
öffentlichen Personennahverkehr im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) zugestimmt. Durchnittlich 3,3 Prozent mehr Geld ist nun seit dem 1. Januar 2020 für die Tickets zu entrichten, die das Fahren mit S-, U-, Straßenbahn und Bus erlauben. Das Besondere dieser Preiserhöhung: Mehr abverlangt wird vor allem den Pendlern im grenz-überschreitenden Verkehr zwischen Berlin und Brandenburg. Während der Preis für eine Jahreskarte (genannt „Umweltkarte“) in Berlins innerstädtischer Tarifzone AB gleich bleibt, müssen Inhaber eines ABC-Tickets, das bis zum Fahren an bestimmte Brandenburger Bahnhöfe des sog. S-Bahnbereichs berechtigt, nun ca. 3,5 Prozent mehr bezahlen.

Abzusehen ist: Es fahren keineswegs weniger, sondern mehr Pendler aus Brandenburg mit dem Auto nach Berlin hinein, entweder bis zur nächsten S-Bahnstation des AB-Bereichs oder gleich bis zu ihrem Ar-
beitsort. Die Menge der Stoffe, die aus den Auspuffrohren von Autos kommen, wird sich mit dieser Fahrpreispolitik voraussichtlich also erhöhen, während Politiker wie nicht nur Regine Günther uns fortlaufend erklären, das Gegenteil bewirken zu wollen.

An dieser Stelle ist es nötig, persönlich zu werden und zeitweilig auf das im Journalismus eigentlich zu meidende „Ich“ umzuschwenken. Also: Ich glaube ihnen nicht, den Drama-Queens und -Kings von Greta Thunberg bis Claus Kleber, die uns die Lage in den Lüften in den dunkelsten Farben malen. Und ich glaube nicht allen von ihnen, daß sie selber dran glauben.

Was ich sehe, sind enorme Anstrengungen in Politik und Medien, die Angst vor einem angeblich menschengemachten Klimawandel in der Volksseele zu verankern. Niemand von uns kann die  Sache selbst prüfen. Das leiste aber „die Wissenschaft“, heißt es. 97 bis 99 Prozent – die Angaben schwanken – der mit Klimafragen befaßten Wissenschaftler seien der Auffassung, das bei der Verbrennung fossiler Stoffe entstehende Kohlendioxid (CO2) bewirke eine Klimaerwärmung.

Als gelernter Wissenschaftsjournalist halte ich – bei aller Ambivalenz des Nutzens ihrer Ergebnisse – viel von der Forschung als Mittel und Weg, das Leben der Menschen zu erhalten und zu verbessern. Doch was ist „die Wissenschaft“? Zu den Zeiten Galileo Galileis war „die Wissenschaft“ der Meinung, die Sonne drehe sich um die Erde, während Galilei die Erkenntnis des Nikolaus Kopernikus verteidigte, daß es sich andersherum verhalte. „Die Wissenschaft“ war damals eine Gefangene der Religion. Heute ist „die Wissenschaft“ mit ihren großen Institutionen stark beeinflußt von Wirtschaft, Finanzwelt und Politik. Je tiefer ich in die Materie hineinlese, merke ich, es gibt gar nicht so wenige Wissenschaftler, die vom Hauptstrom abweichende und keineswegs widerlegte Thesen zu den Fragen vertreten, ob es einen Klimawandel überhaupt gibt, was, falls doch, seine Ursachen sein könnten, und wie dramatisch das alles ist. Das wäre Grund genug, öffentlich eine offene Diskussion über die offenen Fragen zu führen. Diese per Mehrheitsentscheidung einer Lösung zuzufüh-ren, ist ja kein wissenschaftlich akzeptables Verfahren.

Es geht aber gerade zu wie in der katholischen Kirche des 16. Jahrhunderts, die Galilei der Inquisition übergab. Was damals der „Ketzer“, der die Auferstehung Jesu, die personelle Existenz des Teufels oder das geozentrische Weltbild „leugnete“, ist heute der, welch dummes Denunziantenwort, „Klimaleugner“, offensichtlich eine bewußte, auf moralische Diskreditierung zielende Parallelbildung auch zu dem Begriff „Holocaustleugner“. Inzwischen ist es soweit, Zweifler an der offizialisierten These eines menschengemachten Klimawandels kurzerhand in die Nazi-Ecke zu stellen – was im übrigen auch ein Ergebnis intellektueller Dürftigkeit und opportunistischer Stromlinienförmigkeit in der institutionalisierten Linken ist, wo offensichtlich Karl Marx´ Lieblingsmotto „An allem ist zu zweifeln“ kaum einer mehr kennt.

Selbstverständlich: Unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten, ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit. Der Raubbau an der Natur hat dramatische Ausmaße angenommen, und die Zerstörung und Verwüstung der Umwelt ist von einem regionalen zu einem weltweiten Problem geworden. Wir haben es mit einem rapiden Artensterben zu tun. Täglich werden riesige Flächen sauerstoffproduzierender Wälder abgeholzt. Pro Jahr entziehen menschliche Aktivitäten wie Versiegelung, landwirtschaftliche Monokultur, Belastung mit Giftstoffen, Versalzung, Versauerung usw. Böden mit einer Fläche so groß wie die Schweiz ihrer Funktion im Ökosystem. Die fast hoffnungslos überfischten Weltmeere sind voller Plastikmüll. Nitrate vergiften das Trinkwasser. Kann ja sein, ein menschengemachter Klimawandel gehört in diesen Katalog, kann ja sein, er ist eines der größten Probleme, das der Stoffwechsel des Menschen mit der Natur hervorruft.

Was aber müßte daraus folgen? Vielleicht, die Art des Stoffwechsels grundsätzlich zu prüfen und das Problem als komplexe Angelegenheit an der Wurzel zu packen? Da wären wir bei der Frage, was das Ziel der Produktion ist: bei Industriegütern zum Beispiel ein langlebiges, verschwendungsfrei hergestelltes Produkt mit hohem Gebrauchswert für seinen Nutzer? Oder soll es der mit dem Produkt und seiner Herstellung zu erzielende Profit sein, wie derzeit üblich? Graben wir tiefer, kommen wir zu Fragen der Wirtschaftsordnung und der Eigentumsverhältnisse als Gründe für die Energie und andere Ressourcen massiv vergeudende anarchische Weise der Erzeugung von Gütern. 40 bis 60 Prozent der weltweit geleisteten Arbeit sind überflüssig, vermeidbar oder sogar schädlich, schrieb unlängst in der „Frankfurter Rundschau“ der Wirtschaftswissenschaftler Günter Moewes. Das könnten auch noch so viele Windräder, Kohlendioxid-Bepreisungen und E-Autos nicht kompensieren.

Doch so komplex wird die Sache nicht verhandelt. Nicht einmal die Frage, welchen Anteil das Militär an der Umweltzerstörung hat, gelangt ins öffentliche Bewußtsein. Müßte sie aber, wenn das Kohlendioxid die schlimmste aller Bedrohungen auf diesem Planeten sein soll. Die Armeen dieser Welt nämlich verbrauchen durchaus ein bißchen mehr Sprit als die Oma beim Motorradfahren. Das US-Militär, die mit Abstand umfangreichste und teuerste Streitmacht, zum Beispiel ist der größte institutionelle Verbraucher von Kohlenwasserstoffen weltweit, müßte im Duktus postpubertärer WDR-Amateursatiriker also als Megaumweltsau bezeichnet werden. Mit ihren Flugzeugen, Panzern, Schiffen, LKW und weiteren Apparaten blasen die US-Streitkräfte selbst ohne Kriegshandlungen mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre als Staaten wie Portugal, Schweden oder Dänemark, fanden britische Wissenschaftler 2019 heraus. Es könnte also nicht falsch sein, wenn Schüler mit „Fridays for Future“-Demonstrationen vor US-Basen für deren Stillegung plädierten. Übrigens auch wegen der wieder sehr greifbaren Gefahr eines Mitteleuropa garantiert zerstörenden Nuklearkrieges, der insbesondere von der US-amerikanisch initiierten Politik zur Einkreisung Rußlands ausgeht. Ob Medien und Schulleitungen dann allerdings auch zum Schwänzen ermuntern, wer weiß.

Alles redet nur noch übers Kohlendioxid – und fast immer mit einem fragwürdigen „Wir“. „Wir“ fahren zu viel Auto. „Wir“ essen zu viel Fleisch. „Wir“ sind alle schuld, wenn es zur Katastrophe kommt.  
Wenn sie dieser Schuldzuweisung folgen – und es ist schwer, sich dem zu entziehen –, stehen Otto und Ottilie Normalverbraucher vor einem großen Problem. Sie müssen akzeptieren, künftig ihren Lebensstandard einzuschränken, der ja auch Ergebnis politischer Kämpfe mindestens der letzten 150 Jahre ist. Denn für das  Auto, das sie für die Fahrt zur Arbeit brauchen, wenn der öffentliche Personenverkehr weiter schlecht und teuer ist, werden sie in seiner elektrisch betriebenen Ausführung mehr bezahlen als für ihr bisheriges Vehikel mit Verbrennungsmotor. Falls sie ihren Job in der Autoindustrie oder bei deren Zulieferern verlieren, weil die Produktion der E-Autos zwar mehr Energie, aber weniger Personal braucht, dürfen sie sich nicht wehren, weil ihre Entlassung ja der Weltrettung dient. Wenn ihr Häuschen mit Windrädern umstellt wird, die ihnen Nachtschlaf, Gesundheit und im Zweifelsfalle wegen der Wertminderung des Grundstücks auch Geld rauben, dann dürfen sie nicht maulen. Ebensowenig wie über höhere Preise für alle Waren. Denn eine allgemeine Teuerung ist abzusehen, wenn laut einer EU-Studie die Strompreise „wegen der Investitionen in die Energiewende“ bis 2030 steigen und Öl, Gas und andere Brennstoffe aufgrund der „Kohlendioxid-Bepreisung“ erheblich teurer werden. Das müssen sie ertragen, wenn sie zu den Guten gehören wollen.

Während das Budget von Otto und Ottilie Normalverbraucher zusammenschmilzt, werden ihre Mitmenschen aus der Ober- und oberen Mittelschicht, deren Kinder laut einer soziologischen Studie die „Fridays for Future“-Demonstrationen in Deutschland dominieren, das nicht so merken. Da für die Mehrzahl der Menschen die Sache nicht gratis ist, haben sie ein Recht darauf, die Frage des „Klimawandels“ und seiner Ursachen frei von Hysterie und Indoktrinierung diskutiert zu sehen. Die Zahl der Zweifler, da soll sich mal keiner täuschen, ist größer als die der Wähler der meisten Parteien. Zweifel ist richtig, nötig und nicht böse.

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