Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Teuer und kein Allheilmittel

Vierte Reinigungsstufe löst nicht die Probleme der Wasserversorger

Kühe auf der Weide

Kühe in artgerechter Weidehaltung, die ohne künstliche Futterzusätze und unsinnige Medikamente aufwachsen, sind robuster, gesünder, und ihr Fleisch schmeckt auch besser Foto: Monika Rassek

Statistisch gesehen liegt der durchschnittliche Trinkwasserverbrauch in Deutschland bei 123 Litern je Einwohner und Tag. Zur Herstellung verwenden die Wasserversorger fast ausschließlich Grundwasser, welches mittels Brunnen als Rohwasser aus unterschiedlichen Tiefenlagen gefördert, in den Wasserwerken nach den strengen Vorgaben der Trinkwasserverordnung aufbereitet und als Trinkwasser in das öffentliche Versorgungsnetz gepumpt wird.

Trinkwasser sicher?
Das Grundwasser wiederum bildet sich hauptsächlich aus Niederschlägen und sogenanntem Uferfiltrat (aus einem Gewässer in den Boden der Uferregion gelangtes Wasser). In Ballungsgebieten wird die Grundwasserneubildung oft durch die Versickerung von Oberflächenwasser (Grundwasseranreicherung) wirksam unterstützt. Dabei wirken die Bodenschichten beim Versickern wie ein Filter, welches eine wesentliche Reinigungswirkung entfaltet.

Soweit die Theorie. Seit einigen Jahren sorgen immer wieder Schlagzeilen für Mißtrauen seitens der Bevölkerung. 2015 ging ein Aufschrei durch die Presse: „Wasserbetriebe schlagen Alarm! Der Braunkohle-Abbau in der Lausitz läßt die Sulfat-Werte steigen.“ In der Spree wurden bei Niedrigwasser Werte von bis zu 600 Milligramm pro Liter (mg/l) gemessen, hieß es. Noch im November trafen sich die zuständigen Staatssekretäre zum Krisengipfel.

2016 verklagte die Europäische Kommission Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof – wegen der anhaltenden Verunreinigung der Gewässer durch Nitrat. Laut Bericht zur Nitratrichtlinie wurden in 28 Prozent der Grundwassermeßstationen die Durchschnittswerte von 50 mg/l überschritten.

2017 dann die Regenfluten. Von versiegelten Bau-, Verkehrs- oder Gewerbeflächen sickern oft Schadstoffe durch Risse oder Kanalundichtigkeiten in den Boden und gelangen ins Grundwasser.

Und im vergangenen Jahr rief der BUND zur Kundgebung „Spree retten!“ auf, um wegen der lang anhaltenden Trockenheit zusätzliche Maßnahmen zur Stabilisierung des Wasserhaushalts zu befördern.

Und, zu diesen großen Problemen kommen die ganz alltäglichen, wie der demografische Wandel und die damit einhergehende Zunahme von ärztlich verordneten Medikamenten, die über Ausscheidungen auch ins Grundwasser gelangen.

Das Dilemma liegt also auf der Hand und wirft eine Frage auf: Wie sicher ist unsere künftige Trinkwasserversorgung? Mit den derzeit praktizierten Technologien der Wasseraufbereitung, die jeder Verbraucher mit der Wasserrechnung bezahlt, lassen sich längst nicht alle schädlichen Substanzen beseitigen. Sollen wir, die Verbraucher, für die erforderlichen zusätzlichen Aufwendungen die Kosten tragen?

Wer Schadstoffe beseitigen muß
Der VDGN fordert seit Jahren die Anwendung des Verursacherprinzips, wonach ausschließlich der Erzeuger für die Schadstoffbeseitigung zuständig ist. Der Gesetzgeber muß konsequent in diese Richtung wirken und hätte beispielsweise mit der Novellierung der Düngeverordnung ein Zeichen setzen können.

Doch stattdessen wird der Ruf nach einer sogenannten 4. Reinigungsstufe für das Abwasser immer lauter. Mittels Ozonierung (Behandlung des Abwassers mit Sauerstoff) und Filtration mit Aktivkohlegranulat sollen insbesondere polyzyklische, aromatische Kohlenwasserstoffe (Stoffe, die sich schlecht oder gar nicht in der Umwelt abbauen oder sich in Organismen anreichern, zudem giftig oder krebserregend sein können), anthropogene Stoffe (Humanpharmaka, Industriechemikalien oder Waschmittelinhaltsstoffe) und Mikroschadstoffe unschädlich gemacht werden. Das aber kostet natürlich Geld, viel Geld.

Dabei ist die vierte Reinigungsstufe kein Allheilmittel. Das belegt u.a. die vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) beauftragte Studie „Kosten und verursachungsgerechte Finanzierung einer vierten Reinigungsstufe in Kläranlagen (civity Management Consultants)”. Ein lesenswertes Papier.

Denn die Ergebnisse der Studie dürften auch die hartnäckigsten Befürworter der vierten Reinigungsstufe ein wenig erden. Demnach ist die vierte Reinigungsstufe nicht so effektiv, wie die Befürworter den Skeptikern glauben machen wollen: Mit keinem technischen Verfahren besteht derzeit die Möglichkeit, sämtliche schädliche Inhaltsstoffe zu eliminieren oder abzubauen. Zudem verfehlt die geplante Finanzierung über höhere Abwassergebühren das Verursacherprinzip und bietet auch keinerlei Anreiz zur Verminderung schädlicher Stoffeinträge.

Erste Berechnungen ergaben für Mehraufwendungen bei der Abwasserreinigung 20 bis 25 Cent pro Kubikmeter. Das entspricht einer durchschnittlichen Mehrbelastung in Höhe von ca. 15,20 Euro pro Gebührenzahler und Jahr – wobei dies von Bundesland zu Bundesland schwanken kann.

Eine angedachte Finanzierung über eine Arzneimittelabgabe bei den Herstellern ist zwar verursachergerecht – nur wären unverschuldet Kranke selbst bei sehr geringen Mehrkosten klar benachteiligt. Ein erster Schritt in die richtige Richtung kann jedoch die Wiedereinführung der Rücknahme nicht mehr benötigter Arzneimittel durch die Apotheken sein.

Der Gesetzgeber hat zudem den Großverursachern wie der Landwirtschaft klare Vorgaben zum Minimieren von Schadstoffeinträgen zu machen, wie bei der Reduzierung von Tierarzneimitteln, der Massentierhaltung und dem übermäßigen Ausbringen von Gülle. Gleiches gilt für bergbaubedingte Sulfatbelastung und anderes.

Obwohl es bereits einige Vorreiter in Sachen vierter Reinigungsstufe gibt, befindet sich die Diskussion zum Thema erst am Anfang und sollte auch verbraucherorientiert geführt werden. Dennoch verschärfen sich ursachenbezogen und regionalbedingt die Probleme weiter und verlangen unverzüglich nach intelligenten Maßnahmen des Gegensteuerns. Seitens der Politik ist Konsequenz an den Tag zu legen. Sich mit der flächendeckenden Einführung aus der Verantwortung zu mogeln, wird nicht funktionieren.

VDGN-Fachgruppe Wasser/ Abwasser

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