Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wenn die Gelenke schmerzen

Rheumatische Erkrankungen besser verstehen

Frau mit Schulterschmerzen
Schulterschmerzen können im Alltag sehr hinderlich sein Foto: AOK-Medienservice

Viele unserer älteren Ratsuchenden in Fragen der Pflegebedürftigkeit oder Schwerbehinderungen leiden unter einer rheumatischen Erkrankung. Die Symptome können heutzutage zwar wirksam behandelt, die Erkrankung aber meist nicht völlig geheilt werden. Daher ist es wichtig, daß die Betroffenen nicht nur frühzeitig die richtige Therapie erhalten, sondern auch Informationen, um ihre Krankheit verstehen und aktiv an einer Besserung des Befindens mitwirken zu können.

In der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“ werden über hundert unterschiedliche Krankheitsbilder des rheumatischen Formenkreises unterschieden. Das Spektrum reicht dabei von der in der zweiten Lebenshälfte relativ häufig auftretenden rheumatoiden Arthritis (entzündliches Gelenk-rheuma) über die Autoimmunerkrankung systemischer Lupus Erythematodes – die überwiegend junge Frauen im gebärfähigen Alter zwischen 20 und 40 Jahren betrifft – bis hin zu sehr seltenen rheumatischen Erkrankungen, die schon bei Neugeborenen auftreten können.

Bei den umgangssprachlich als Rheuma bezeichneten Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen wird medizinisch unterschieden zwischen eher auf Entzündung beruhenden (im Fall von Gelenken die rheumatoide Arthritis) von solchen, die nichtentzündlich sind – wie bei der sich eher durch Verschleiß manifestierenden degenerativen Gelenksarthrose.

Diese Unterscheidung wird auch bei den Erkrankungen der Wirbelsäule und der Weichteile vorgenommen.

Wirbelsäulen-Rheuma
Die bekannteste entzündliche rheumatische Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule betrifft, ist der Morbus Bechterew. Diese Erkrankung zählt zu den sogenannten Spondyloarthritiden und macht sich am häufigsten im Alter zwischen 30 und 40 Jahren durch chronische Rückenschmerzen bemerkbar.

Dagegen handelt es sich bei der Spondylose um eine nichtentzündliche Skeletterkrankung. Hier werden die Bänder, Zwischenwirbelscheiben (= Bandscheiben) und Wirbelkörper alters- oder verschleißbedingt um- und abgebaut. Zu Beginn der Erkrankung bildet sich an der Unterseite der Wirbel zusätzliches Knochengewebe.

Weichteilrheumatismus
Als „Weichteilrheumatismus“ werden schmerzhafte Funktionsstörungen von Muskeln, Sehnen, Schleimbeuteln, Bändern, Binde- und Fettgewebe bezeichnet. Die Ursache ist eine Überlastung von Muskeln und Reizung von Sehnen und anderen Weichteilgeweben. Dazu gehören verschiedene Schleimbeutelreizungen, aber auch das bekannte Karpaltunnel-Syndrom (bei dem ein Nerv im Handgelenkskanal komprimiert wird) sowie Muskelverspannungen (Myosen) und knötchenförmige Muskelverhärtungen (Myogenosen). Fast jeder Mensch ist einmal im Leben von der ein oder anderen Form von Weichteilrheumatismus betroffen. Oft spielt seelische Überlastung dabei eine Rolle – viele Menschen kennen das vom „steifen Nacken“ oder Rückenschmerzen in Streßzeiten.

Die chronische Schmerzerkrankung Fibromyalgie wird auch dem Weichteilrheumatismus zugeordnet. Dabei leiden die Betroffenen unter zahlreichen schmerzhaften gelenks- und wirbelsäulennahen, diffusen Schmerzen, häufigen Erschöpfungszuständen und diversen weiteren Symptomen.

Kollagenosen und Vaskulitiden
Auch die sogenannten Kollagenosen zählen zum Formenkreis rheumatischer Erkrankungen. Kollagenosen sind sogenannte systemische Autoimmunerkrankungen mit Bindegewebsveränderungen im gesamten Körper; dabei greift das Immunsystem auch innere Organe an. Ein Beispiel hierfür ist der Systemische Lupus: Neben Gelenkschmerzen, Haut- und Schleimhautveränderungen und Allgemeinbeschwerden können Magen-Darm-Beschwerden, Beschwerden des zentralen Nervensystems, Nierenbefunde, Herzbeutelentzündungen und vieles mehr zu einem schweren Krankheitsverlauf führen.

Ebenso tückisch sind die systemischen Vaskulitiden, entzündliche Gefäßerkrankungen mit rheumatischen Symptomen: Hier führt die fehlgeleitete Immunreaktion des Körpers zu einer Entzündung der Gefäße, die zu deren Zerstörung, Verschluß oder zu Aussackungen der Gefäßwand führen können. Prinzipiell kann jedes Gefäß im Körper betroffen sein, vor allem an Haut, Nerven, Darm, Nieren und Gelenken.

Immunologische Fehlsteuerung
Eine Fehlsteuerung des körpereigenen Abwehrsystems ist auch die Ursache der Psoriasis-Arthritis, einer mit der rheumatoiden Arthritis verwandten chronisch-entzündlichen Gelenkerkrankung. Drei von vier Betroffenen hatten im Durchschnitt zehn Jahre vor Auftreten der Gelenkbeschwerden eine Schuppenflechte mit den typischen Hautveränderungen der Schuppenflechte (= Psoriasis).

Unbehandelt führt die Entzündung zu einer Wucherung der Gelenkinnenhaut. Das Immunsystem kann schließlich die Knorpel und Knochen zerstören und das Gelenk stark schädigen. Die Psoriasis-Arthritis geht daher oft mit einem Grad der Behinderung bis hin zu einer Schwerbehinderung (GdB>50), einher. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die großen Gelenke und/oder die Wirbelsäule betroffen sind.

Beispiel Gicht
Zu guter Letzt gehören dem rheumatischen Formenkreis auch die Folgen bestimmter chronischer Stoffwechselkrankheiten an. Beispiel Gicht: Wenn diese Erkrankung nicht frühzeitig konsequent behandelt wurde und chronisch wird (nach einigen Monaten, spätestens Jahren), dann sind bleibende Schäden, wie nicht rückgängig zu machende Gelenkdeformierungen oder Dauerschwellungen der Gelenke zu erwarten. Im schlechtesten Fall bleibt aber auch die Gicht nicht auf die Gelenke beschränkt: es kann sich eine Weichteilgicht entwickeln. Dabei lagern sich Harnsäuresalz-Kristalle an den Sehnenscheiden oder in den Schleimbeuteln ab (besonders am Ellbogengelenk). Oder Harnsäuresalz-Kristalle verstopfen die Nierenkanälchen, wodurch sich Nierengrieß oder Nierensteine bilden. Das wiederum kann zu gefährlichen Funktionsstörungen der betroffenen Niere führen.

Selbsttest
Mit 300.000 Mitgliedern ist die Deutsche Rheuma-Liga eine der größten Selbsthilfeorganisationen im Gesundheitsbereich. Ziel des Verbandes mit seinen Landesverbänden ist es, Menschen mit chronisch-rheumatischen Erkrankungen kompetent zur Seite zu stehen und sie in ihrem Alltag zu unterstützen. Auf der Internetseite des Bundesverbandes finden Sie einen kurzen Selbsttest auf die Frage „Bin ich rheumagefährdet?”.

Diagnose und Therapie
Eine eindeutige Diagnose ist Voraussetzung für eine paßgenaue Therapie. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Teilweise müssen auch zwei oder mehr Fachärzte konsultiert werden, zum Beispiel der Hautarzt oder der Internist, der Orthopäde und der Rheumatologe.

Gerade bei einem erfahrenen Rheumatologen sind Termine schwer zu bekommen. Es lohnt sich hier neben der konventionellen Arztsuche auch die Telefonberatung von Selbsthilfegruppen, z. B. Rheuma-Liga, Vereinigung M. Bechterew, Fibromyalgie-Selbsthilfegruppen etc. in Anspruch zu nehmen.

Zunächst ist daher oft der Hausarzt erster Ansprechpartner – damit möglichst zügig eine Therapie eingeleitet wird, um Gelenkschäden vorzubeugen und Schmerzen zu lindern. Hilfreich ist es, wenn Sie dem Arzt den zeitlichen Verlauf der Symptome schildern können. Sind die Schmerzen kontinuierlich oder treten sie in Schüben auf? Wann treten die Schmerzen auf? Wenn Sie unter Morgensteifigkeit leiden: Hält diese mehrere Stunden an oder bessert sie sich bei Bewegung rasch? Bei sichtbaren Schwellungen oder Hautveränderungen ist außerdem eine Fotodokumentation mit der Digitalkamera/Smartphone hilfreich für die Diagnose.

Regelmäßig wird dann eine Labordiagnostik durchgeführt. Auch bildgebende Untersuchungsverfahren sind wichtig. Neben dem konventionellen Röntgen stehen mittlerweile hochauflösende Gelenksonographie und eine spezielle Computertomographie zur Verfügung. Da die Rheumadiagnose auch den Ausschluß anderer Erkrankungen erfordert, hängt die Wahl der Diagnoseverfahren aber auch davon ab was bereits ausgeschlossen werden konnte oder noch ausgeschlossen werden muß.

Behandlungsleitlinien
Entzündlich-rheumatische Erkrankungen werden anders behandelt als Arthrosen.

Bei systemischen Erkrankungen bei fehlgesteuertem Immunsystem sollen sog. Biologica das Immunsystem wieder ins Gleichgewicht bringen. Manche Hausärzte dürfen oder wollen diese (sehr teuren) Medikamente nicht verschreiben und verweisen dann auf einen internistischen Rheumatologen.

Für die häufigsten Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises gibt es Behandlungsleitlinien. Die Deutsche Rheuma-Liga arbeitet daran mit und hat diese auf www.rheuma-liga.de/leitlinie/ veröffentlicht.

Auf der Internetseite finden sich auch Tips für den gelenkschonenden Alltag. Übrigens: Speziell ausgerichtete Krankengymnastik oder Funktionstraining hilft die Beweglichkeit bestmöglich zu erhalten. Fragen Sie Ihren Arzt nach einer Verordnung dafür.

Sandra Halfpaap

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