Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Unter Generalverdacht

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 51): Aus der Zeit der Fragebögen und der „Aufbauhelfer“

Rundschreiben der Berliner Innenverwaltung vom 4. Dezember 1990 zur Fragebogenaktion. Das Schreiben hat 42 Seiten und enthält auch Textbausteine für den Fall der Kündigung
Rundschreiben der Berliner Innenverwaltung vom 4. Dezember 1990 zur Fragebogenaktion. Das Schreiben hat 42 Seiten und enthält auch Textbausteine für den Fall der Kündigung Quelle: Archiv Becker

Von Holger Becker

Es war der pure Zufall, der ihn enttarnte. Als 1997 eine Ärztin am Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie in Zschadraß – das ist ein Ortsteil des Städtchens Colditz zwischen Leipzig und Dresden – Besuch von ihren Eltern aus Schleswig-Holstein hatte, kam man auch auf den Herrn Doktor Postel zu sprechen. Postel? Postel? Da gab es doch mal einen Hochstapler namens Gert Postel. Könnte es sein...?

Ja, es konnte. Bei Oberarzt Gert Postel, der seit November 1995 in Zschadraß für den Maßregelvollzug und somit für als psychisch krank oder suchtkrank definierte Straftäter zuständig war, handelte es sich um einen gelernten Briefträger mit Hauptschulabschluß – und eben um keinen Unbekannten. Sein Name war im Frühjahr 1995 durch die Medien gegangen als mutmaßlich Beteiligter an der Barschel-Affäre von 1987.

Dennoch hatte sich Postel kurz darauf unter seinem richtigen Namen die mit rund 10.000 DM dotierte Vertrauensstellung in Zschadraß verschafft. Wie er in seinem Erinnerungsbuch „Doktorspiele“ schildert, bewarb er sich um den von Sachsens Staatsregierung ausgeschriebenen Posten, indem er erst einmal den aus dem Westen herübergekommenen Chef der Klinik in Zschadraß leimte. Den rief er als angeblicher Universitätsprofessor aus Münster an und empfahl ihm den ausnehmend tüchtigen Dr. Postel, der in Münster einer Stelleneinsparung zum Opfer gefallen sei. Ein paar Tage später sprach Postel dann in Zschadraß beim Psychiatriechef vor. Wobei der gegenüber dem verständnisvollen Bewerber auch sein Herz ausschüttete und von seiner „Einsamkeit“ im „Beitrittsgebiet“ erzählte, das er als „Vietnam“ bezeichnete. Den Rest erledigten gefälschte Papiere.

Es dauerte gar nicht lange, da bot Sachsens Regierungkabinett auf Fürsprache des Sozialministers Hans Geisler dem Postboten eine Professur als Chefarzt in der forensischen Abteilung des landeseigenen Fachkrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Arnsdorf bei Bautzen an. Davor schreckte Postel dann doch zurück. In Zschadraß aber gab er fleißig den Oberarzt. In 23 Gerichtsverhandlungen trat er als Gutachter auf, kassierte allein dafür rund 44.000 DM Honorar. Seiner Meinung nach wäre es ihm auch möglich gewesen, im Osten als Gerichtspräsident „Aufbauhilfe“ zu leisten, „das hätte genauso funktioniert“.

Über die Köpenickiade, mit der Gert Postel die Regierung des neuen Sachsenkönigs Kurt Biedenkopf zum Gespött machte, ist damals viel gelacht worden. Aber nicht nur weil Hochstapler beim Publikum Kredit haben, wie weiland Harry Domela (1904/05 bis 1979), der sich in den 1920er Jahren für einen Hohenzollernprinzen ausgab, damit ein Medienstar wurde und übrigens später in Spanien in der republikanischen Armee gegen die Franco-Faschisten kämpfte. Postels Karriere als Arzt in sächsischen Diensten las sich als Realsatire auf die Personalangelegenheiten in den sogenannten Neuen Bundesländern. In extremer Form zeigte sie, was einer oder eine vor allem brauchte, um im Osten des vergrößerten Deutschland eine gut bezahlte leitende Stelle zu ergattern: eine Herkunft aus dem Westen und Protektion aus den dortigen Gefilden.

Sie waren ja nur so herbeigeströmt, die „Aufbauhelfer“, um die Höhen in Politik, Verwaltung, Justiz, Polizei, Wissenschaft und, soweit es sie noch gab, Wirtschaft zu besetzen. Klar, es fanden sich darunter gute Leute wie Lothar Späth (1937 bis 2016), der schon zu Anfang der 1990er Jahre die Vernichtung der Industrieforschung im Osten kritisierte und der als Chef des VEB-Carl-Zeiss-Nachfolgers Jenoptik ein ehemaliges DDR-Industriekombinat zum Erfolg unter veränderten Bedingungen führte. Aber mehr als genug von denen, die da kamen, hatten nicht gerade die tiefen Teller erfunden oder aus anderen Gründen zwischen Flensburg und Berchtesgaden kaum Aussicht auf weiteren Aufstieg gehabt.

Wissenschaft und Forschung der alten Bundesrepublik lösten in dieser Zeit ihr Problem des „Berufungsstaus“. Der war entstanden, weil die Inhaber der anfangs der 1970er Jahre (infolge von Willy Brandts Politik der Hochschulöffnung) geradezu massenhaft geschaffenen Professorenstellen noch einen langen Weg bis zur Rente zurücklegen mußten. Für viele, die Ende der 1980er Jahre in der zweiten und dritten Reihe mit den Hufen scharrten, ohne wirklich auf die Freuden professoralen Daseins rechnen zu können, kam der Fall der Mauer einem Sechser im Lotto gleich. Ganze Seilschaften fielen über die Einrichtungen im Osten her, oft zusammengestellt nach gemeinsamen politischen Präferenzen. Welcher Farbe des politischen Spektrums sie sich zuordneten, war erst einmal nebensächlich. Von rechtskonservativ bis linksliberal – alles machte Beute.

Wobei und wofür, nach heutigem Kenntnisstand, ca. 60 Prozent des zuvor in Forschung und Lehre der DDR tätig gewesenen Personals weggeräumt wurde. Medienverstärkte Begleitmusik aus Politik und Wissenschaftsestablishment des Westens wirkte als Prophylaxe gegen denkbare Widerstände, die der als „Abwicklung“ und „Umstrukturierung“ deklarierten Brachialverwandlung hätten entgegenstehen können. Sie setzte ein, bevor der Einigungsvertrag unterzeichnet war und passenderweise eine Begutachtung der Wissenschaft Ost durch die Westkollegenschaft festschrieb. So langte bereits im Juli 1990 das Magazin „DER SPIEGEL“ mit dem Aufsatz eines Münchner Physikprofessors zu, der behauptete, „daß offenbar die meisten der Professoren an den DDR-Universitäten entweder geheime Mitglieder der Stasi waren oder für die Stasi Spitzeldienste geleistet haben“ (DER SPIEGEL 30/1990). Den damaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Hans F. Zacher zitierte das Blatt in derselben Ausgabe mit einem schnell Furore machenden Satz über die Geistes- und Sozialwissenschaften da drüben: „Das ist eine Wüste.” Und die Berliner Charité schwärzte die sich als Sturmgeschütz der Demagogie bewährende Zeitschrift als „Renommierklinik des SED-Regimes“ an. Deren Ärzte hätten den Tod Schwerstkranker in Kauf genommen, um deren Organe zu gewinnen (DER SPIEGEL 35/1991).

Hunderttausende, ja Millionen ehemalige DDR-Bürger, von denen die meisten sicher die Nase voll hatten vom Bevormunden und Gängeln in früheren Zeiten, sahen sich nun unter den Generalverdacht fachlicher sowie moralischer Minderwertigkeit gestellt. Ganz individuell erlebten sie es, indem ihnen Ende 1990, quasi als besonderes Weihnachtsgeschenk, Fragebögen ausgehändigt wurden, in denen sie über ihr früheres Leben Auskunft zu geben hatten. Das betraf nicht nur die Leute aus der Wissenschaft, die nun ihre berufliche Tätigkeit im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik fortsetzen wollten, sondern auch Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Verwaltungsangestellte.

So wollte die Universität Rostock von ihren Angestellten allen Ernstes und gleich als allererstes wissen: „Hatten Sie innerhalb ihrer beruflichen oder gesellschaftlichen Tätigkeit solche Aufgaben zu erfüllen, die gegen die Grundsätze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen haben…? Falls ja, kurze Erläuterung…“. Ob in Berlin, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen – gefragt wurde überall nach Tätigkeiten für die DDR-Staatssicherheit, nach Funktionen in der SED oder anderen Blockparteien sowie in Organisationen von der FDJ bis zum Kleingärtnerverband, nach Mandaten in Vertretungen von der Volkskammer bis hinunter zum Gemeinderat, nach eventuellen leitenden Funktionen in DDR-Betrieben, nach Aufenthalten und Ausbildungen im Ausland, nach dem Besuch von „Parteischulen o. ä.”. Am Schluß sollten alle unterschreiben, sich darüber bewußt zu sein, daß falsche Angaben die Entlassung nach sich zögen. Sachsen ging sogar soweit, Antragsteller für eine Jagderlaubnis (und damit alle bisherigen Jäger in Sachsen) per Fragebogen nach ihrer DDR-Vergangenheit und damit nach politischen Kriterien zu sortieren. „Funktionsträgern“ bestimmter Kategorien blieb nach einem Rundschreiben des Sächsischen Ministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten vom 21. Januar 1991 der Jagdschein versagt.

Keines der „Leitmedien“ im vergrößerten Deutschland erörterte damals die Frage, ob diese Datensammelwut grundgesetzwidrig sein könnte. Was sie durchaus war, wie kritische Juristen meinten. Sie wiesen auf das Grundrecht der infomationellen Selbstbestimmung hin, das hier verletzt werde. Dieses Recht einzuschränken, sei nach der laufenden Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nur „im überwiegenden Allgemeininteresse“ auf der Grundlage verfassungsmäßiger Gesetze möglich. Und ein solches Gesetz lag höchstens bei der Frage nach MfS-Mitarbeit vor, die nach dem Einigungsvertrag als zulässig galt.

Ganz klar verstießen die Ausforschungsaktionen auch gegen das Diskrimierungsverbot, nach dem niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Hautfarbe, Sprache, Religion, politischen oder sonstigen Anschauung, nationalen oder sozialen Herkunft benachteiligt werden darf. Denn trotz ständiger Beteuerungen, jeder Fall würde einzeln geprüft und es gehe nicht um Entlassungen wegen politischer Einstellungen, zwang die Fragebogen-Inquisition die Betroffenen massenhaft zur Preisgabe ihrer politischen Anschauungen und Prägungen gegenüber den Behörden. Wer sich anschließend seine Papiere wegen „mangelnder persönlicher Eignung“ holen mußte, hatte sich in der Regel weder strafrechtlich noch moralisch Bedenkliches, sondern nur besonderes Engagement für eine jetzt als verwerflich definierte Sache zuschulden kommen lassen.

Die Betroffenen dachten sich ihren Teil – zum Beispiel: So etwas ist den alten Nazis in der jungen Bundesrepublik nicht passiert. Was ja stimmte: Eine Studie nach der anderen hat in den letzten Jahren bestätigt, wie stark die Ministerien und Ämter des Bonner Staates bis in die Spitzen mit Hitlers Fachleuten durchsetzt waren. Dieser und jener von denen machte ab 1990 sogar noch als „Aufbauhelfer“ mit – so ein Mann namens Wilhelm Krelle. Der hatte seinem Führer als 1. Generalstabsoffizier der SS-Panzergrenadierdivision „Götz von Berlichingen“ im Range eines Sturmbannführers gedient. Diese Division war im August 1944 mutmaßlich an einem Massaker im dem französischen Dorf Maillé beteiligt, bei dem 124 Einwohner, darunter 43 Kinder ermordet wurden. An der Berliner Humboldt-Universität, die ihm 1994 sogar den Ehrendoktorhut aufsetzte, fungierte der aus dem Ruhestand reaktivierte Professor nun als „Gründungsdekan“ der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und entschied über die „persönliche Eignung“ seiner Ostkollegen.

Den „Oberarzt“ Gert Postel verurteilte das Leipziger Landgericht im Januar 1999 zu vier Jahren Gefängnis. Es gab nur eine äußerst knappe Beweisaufnahme. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten sich, wie sie öffentlich zugaben, auf „Prozeßökonomie“ verständigt. Die ursprünglich als Zeugen benannten 17 Richter und Staatsanwälte mußten nicht vor Gericht erscheinen. Seine von der Justiz gezahlten Honorare als ärztlicher Gutachter durfte Postel behalten. Die Urteile, die aufgrund seiner Befunde in Strafprozessen ergingen, behielten ihre Gültigkeit.

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