Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Im Takt und wie gerufen

Intelligente Nahverkehrskonzepte für mehr Mobilität auf dem Land

Deutschlandweit wie hier in Bad Birnbach werden autonom fahrende Kleinbusse erprobt Foto: Wikimedia Commons/ Richard Huber
Deutschlandweit wie hier in Bad Birnbach werden autonom fahrende Kleinbusse erprobt Foto: Wikimedia Commons/ Richard Huber

Wie zufrieden sind Bewohner ländlicher Gebiete mit der Mobilität? Dazu hat der ADAC Ende des vergangenen Jahres repräsentativ Einwohner ländlicher Gebiete in zwölf großen Bundesländern befragt. 86 Prozent gaben an, daß sie auf das Auto keinesfalls verzichten könnten. 70 Prozent wünschten sich mehr Fahrdienst- und Mobilitätsangebote. Überraschend war das Ergebnis, daß in Sachsen-Anhalt immerhin schon 30 Prozent mit dem öffentlichen Nahverkehr auf dem Land zufrieden sind – ein absoluter Spitzenwert im Vergleich zu anderen Bundesländern. Das Rezept: Seit 2009 gibt es in Sachsen-Anhalt das „Bahn-Bus-Landesnetz“, das beide Verkehrsmittel unter dem Logo „Mein Takt“ engmaschig und erfolgreich verknüpft. Das erklärte Ziel: Möglichst jedes Dorf soll mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) erreichbar sein.

Züge und Busse verkehren immer zur gewohnten Zeit, von montags bis freitags mindestens alle zwei Stunden. Kleinere Dörfer fährt der Bus auf Bestellung an. An immer mehr Stationen gibt es zum Umsteigen auf Bahn und Bus meist kostenlose Stellplätze für Autos und Fahrräder. Die Fahrradmitnahme ist in Sachsen-Anhalt kostenlos und wird auf stark genutzten Buslinien beispielsweise durch Fahrradheckträger ermöglicht. Genau solche Lösungen – Verzahnung der Verkehrsmittel, zuverlässige Angebote für den ländlichen Raum und attraktive Park-und-Ride-Plätze fordert der VDGN im Sinne seiner Mitglieder bundesweit. Es lohnt sich also, etwas genauer nach Sachsen-Anhalt zu schauen.

Erfolgsrezept aus der Altmark
Als beispielhaft wird in der Dezember-Ausgabe der „ADAC Motorwelt“ die Personenverkehrsgesellschaft (PVGS) im Altmarkkreis rund um Salzwedel vorgestellt. 329 Ortschaften gibt es in diesem sachsen-anhaltinischen Landkreis auf einer Fläche von der Größe des Saarlands. Und alle Orte sind an den Rufbus angebunden, der alle zwei Stunden von morgens um fünf Uhr bis abends um 22 Uhr zu festen Zeiten kommt – wenn er zuvor telefonisch bestellt wurde. Insgesamt gibt es 80 solcher Rufbuslinien.

Die festen Abfahrzeiten der Rufbusse ermöglichen eine paßgenaue Eintaktung in das ÖPNV-Grundgerüst der Altmark. Das sind zwei Bahnstrecken und acht von Kreis und Land betriebene Haupt-Buslinien. Im Altmarkkreis versteht man dies als ein Angebot gegen die Abwanderung aus den Dörfern. Und es zeigt offensichtlich Wirkung. Rufbusse ohne festen Takt wurden früher nur von etwa 2800 Fahrgästen jährlich genutzt. Seit Einführung des neuen Systems vor zehn Jahren sind es nach PVGS-Angaben 82.000 – als 30mal so viele. Dabei bekomme man keinesfalls mehr öffentliches Geld als andere Verkehrsunternehmen. Man habe einfach nachgedacht und in der Gegend viel nachgefragt, werden PVGS-Verantwortliche in der „Motorwelt“ zitiert. So bereitet man sich im Altmarkkreis jetzt darauf vor, künftig auch selbstfahrende Busse einzusetzen. Dazu ist man unter anderem mit dem Luft- und Raumfahrtzentrum Braunschweig in Kontakt, das sich dieser Thematik intensiv widmet.

Autonome Kleinbusse in Erprobung
Gerade in dünner besiedelten Gebieten, wo es relativ wenig Verkehr und Fahrgäste gibt, können die kleinen Elektrobusse ohne Fahrer und rundum ausgerüstet mit Radar und Sensoren, ein wichtiger Baustein für die Zukunft sein. In Deutschland gibt es mittlerweile schon viele Pilotprojekte, unter anderem auf Sylt oder in Berlin auf dem Charité-Campus und dem Gelände des Virchow-Klinikums. Produziert werden die Busse derzeit von Herstellern wie den beiden französischen Firmen Navya oder EasyMile. Auch Bosch hat auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas im Januar ein eigenes Fahrzeug namens Robotaxi vorgestellt. Und die Firma ZF Friedrichshafen zeigte einen gemeinsam mit der Aachener e.Go AG entwickelten autonomen Elektrobus, der Ende des Jahres zum Einsatz kommen soll.

Die Pilotprojekte zeigen zwar, daß ein vollautomatischer Betrieb derzeit noch nicht möglich ist. Immer noch ist Personal an Bord, um im Notfall einzugreifen. Doch vor allem in sogenannten geschlossenen Systemen werden die autonomen Busse wohl bald ihre Vorteile ausspielen, zum Beispiel als Verbindung zwischen Flughafenparkhäusern mit dem Terminal oder innerhalb von großen Werksgeländen. Denn dort können stets die gleichen Routen non-stop befahren werden. Aber ebenso als Anschluß von Dörfern bis zur nächsten großen Haltestelle oder von Neubaugebieten an eine Endhaltestelle von U- oder- S-Bahn in Städten könnte es bald solche Shuttledienste geben.

So sehen es auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Und auch im Altmarkkreis dürften die kleinen Busse bald das erfolgreiche Taktsystem ergänzen.

Hagen Ludwig

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