Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Klartext in Sachen Grundwasser

Betroffene in Berlin-Spandau lassen sich von Politik nicht abspeisen und fordern Lösungen

Endlich mal ein Sommer: Temperaturen um die 30 Grad Celsius und trockene Keller in Berlin. Und doch war das Thema des steigenden Grundwassers allgegenwärtig. Der Abgeordnete Jörg Stroedter (SPD) hatte am 20. Juni unter dem Titel „Wenn das Wasser steigt – was tun gegen Hochwasser in den Mäckeritzwiesen“ Anwohner der Siedlung ins Bernhard-Strässle-Haus geladen – eine Reaktion auf das Debakel von 2017.

Die Bilder von den verzweifelten Menschen in ihren Gärten, denen nicht nur das Wasser bis zum Knie stand, gingen wochenlang durch die Medien.

Früher hielt ein ausgeklügeltes System von Gräben die Wasserstände im Gebiet weitgehend stabil – mit dem Bau der Landebahnen des Flughafens Tegel aber wurden diese zugeschüttet. Im Ergebnis gab es bei Regen des öfteren feuchte Keller. Mit dem „Jahrhundertregen“ 2017 aber wurde die Siedlung – gelegen in einer Senke am Berlin-Spandauer-Schiffahrtskanal – geflutet. Das Wasser stand wochenlang, sog sich durch die Fußböden der Häuser in die Räume, in Wände und Möbel. Strom wurde abgeschaltet. Familien zogen in ihrer Not zu Verwandten.

Niemand fühlte sich zuständig. Keiner half den etwa 400 verzweifelten Menschen – nicht das Land Berlin, nicht der Bezirk Reinickendorf, nicht die Berliner Wasserbetriebe (BWB) und nicht die Feuerwehr – bis letztlich das Technische Hilfswerk entschied, auf die Bürokratie zu pfeifen und das Wasser abzupumpen.

Die betroffenen Anwohner erinnerten sich noch gut an das Chaos des vergangenen Jahres, der Saal war dementsprechend voll. Jörg Simon (Geschäftsführer BWB), Dr. Dara Nickel (Leiterin Regenwasseragentur Berlin), Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK)) und Dr. Birgit Fritz-Taute (Referatsleiterin für Wasserwirtschaft, Wasserrecht und Geologie bei der Senatsumweltverwaltung) saßen mit Stroedter im Podium. Auf den Tischen lagen SPD-Kugelschreiber, Notizblöcke und sonstiger Krims-krams – wie bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Stroedters Anliegen: Die Zuständigkeiten für diese und ähnliche Notfälle zwischen Bezirksamt, Senat und den BWB müssen klar definiert werden.

Statt Hilfe „Hilf Dir selbst!“
Die Anwohner aber erwarteten Problem-Lösungen im Sinne der Daseinsvorsorge. Diese wurden nicht aufgezeigt.

Dementsprechend emotional die Diskussion. Betroffenenvertreter wählten sehr klare Worte: „Die Entwässerungsgräben wurden auf Anweisung der Senatsverwaltung zugeschüttet. Und uns stand dafür die Kacke bis zum Knie.“

Selbst Staatssekretär Kirchner – der sich zunächst wie gewohnt angriffslustig präsentierte, hemdsärmlig und mit Hosenträgern – wechselte die Tonart, sprach statt von „Hilfe zur Selbsthilfe“ später vom „gemeinsamen Vorgehen“.

Versöhnlich stimmte das nicht. Applaus gab es einzig für die Forderung der Betroffenen: „Es ist an der Zeit, daß der Senat endlich seine Aufgabe wahrnimmt und im Sinne der Daseinsvorsorge handelt.“ Die „Prominenz“ im Podium quittierte das mit Schweigen und gesenkten Blicken.

Ein paar Tage später, am 25. Juni, machten Staatssekretär Stefan Tidow, Diplom-Geologe Alexander Limberg, Fabian Hecht (alle SenUVK) und Dr.-Ingenieur Frank Schumacher (Ingenieurbüro für Wasser und Umwelt) im Rathaus Reinickendorf die Rechnung vor – „Hilfe zur Selbsthilfe“ für die Anwohner. Das „entwicklungsfähige“ Gutachten „Mäckeritzwiesen“ gab drei Lösungsmöglichkeiten vor: Die Kosten für die Umsetzung bewegen sich zwischen 500.000 Euro (lediglich Vorbereitung für den Notfall, inakzeptabel) und

4 Millionen Euro – aufzubringen durch die geschädigten Anwohner – wobei laufende Kosten für Pumpenbetrieb etc. noch unberücksichtigt blieben.

Der große Sturm der Entrüstung blieb aus. Enttäuschung und auch Resignation standen den Anwesenden ins Gesicht geschrieben.

Einer Meinung: CDU und LinkeEinen vollen Saal hatte auch der CDU-Ortsverband Heiligensee. Eingeladen hatte der Wahlkreisabgeordnete Stephan Schmidt am 21. Juni zum Expertengespräch „Es gibt viel zu tun und das packen wir jetzt an!“ in die Villa Felice.

Vertreter der BWB und die Reinickendorfer Baustadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) standen den Wassergeplagten Rede und Antwort. „Wir wollten mit dem Infoabend zunächst einmal Licht in die komplizierten Zuständigkeiten bei der Regenentwässerung bringen…“, so Schmidt. In der Pressemitteilung heißt es: „Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus fordert das Grundwassermanagement in Berlin bei den Berliner Wasserbetrieben anzusiedeln und dafür ausreichend finanzielle Mittel bereitzustellen. Der Senat muß begreifen, daß siedlungsverträgliches Grundwasser eine Daseinsvorsorge sein muß, der er sich annehmen muß.“

„Starkregen, steigendes Grundwasser und Maßnahmen für deren Siedlungsverträglichkeit“ lautete der Titel des Fachgesprächs, welches die umweltpolitische Sprecherin der Linksfraktion Berlin, Marion Platta, am 4. Juli im Abgeordnetenhaus organisiert hatte. Dr. Hella Schwarzmüller (Kompetenzzentrum Wasser) stellte das Projekt „kuras“ vor. Eine Arbeitsgruppe setzte sich in diesem Rahmen mit den Effekten der Regenwasserbewirtschaftung auseinander. Bewertet wurden Einzelmaßnahmen und Maßnahmenkombinationen für Stadtquartiere – wie Versickerungsanlagen, Teiche und Retentionsfilter, Dachbegrünung usw.

Unberücksichtigt blieb dabei aber der Bodenwasserhaushalt. Das Team hatte zwar ein Projekt zum „zu erwartenden höchsten Grundwasserstand“ (zeHGW) vorgeschlagen, welches die Senatsumweltverwaltung aber ablehnte – genau wie ein Projekt zum Einfluß der zunehmenden Bebauung und dem Einfluß von Baukörpern auf den Grundwasserstand.

Hart war für die Bewohner des Buckower/ Rudower Blumenviertel, als Dr. Gesche Grützmacher (BWB) verkündete: „Das Wasserwerk Johannisthal wird künftig nur noch Wasser fördern, wenn es für die Trinkwasserversorgung gebraucht wird. Die Qualität ist zu schlecht. Und auch die Wasserförderung im Rahmen der Altlastensanierung über die Hebebrunnenanlage Glockenblumenweg wird nicht mehr lange möglich sein.“ Das ist gleichbedeutend mit viel Wasser im Keller.

Versöhnliche Töne schlug Regina Kittler (Die Linke) an: „Beim ansteigenden Grundwasser handelt es sich um ein öffentliches Problem, das nicht durch die Betroffenen zu lösen ist.“Marion Platta bekräftigte das in ihrem Schlußwort: „Das steigende Grundwasser wird von der Linken als gesamtgesellschaftliches Problem mit örtlichen Lösungen gesehen.“

CDU und Linke wollen eine weitere Veranstaltung zum steigenden Wasser organisieren. Angesichts dieser Statements drängt sich allerdings die Frage auf: Wie kann es sein, daß die Senatsverwaltung dennoch unbeirrt ihren eingeschlagenen Kurs „Hilfe zur Selbsthilfe“ fortführen kann?

Monika Rassek

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