Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Granaten auf das Schloß

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 50): die Berliner Weihnachtskämpfe 1918

Das Portal IV des Berliner Schlosses nach dem Beschuß durch Regierungstruppen zu Weihnachten 1918
Das Portal IV des Berliner Schlosses nach dem Beschuß durch Regierungstruppen zu Weihnachten 1918. Das Foto entstammt einer Sammlung des US-Kriegsministeriums über „Feindaktivitäten“ und schreibt die Zerstörungen einem „Bombardement durch Revolutionäre“ zu. Offensichtlich konnten sich die US-Beamten nicht vorstellen, daß es genau andersherum war Foto: U.S. National Archives and Records Administration Foto Nr. 31478367

Von Holger Becker

Den Heiligabend des Jahres 1918 erlebt Berlin, bevor am ersten Weihnachtstag der Schnee kommt, bei offenem bis leicht bewölktem Himmel. Die Temperaturen steigen bis auf 3 Grad Celsius. Es soll endlich wieder ein Fest des Friedens werden. So wünschen es sich nicht nur die Berliner.

Seitdem am 11. November nahe der nordfranzösischen Stadt Compiègne in einem Eisenbahn-Salonwagen der Waffenstillstand mit den Westmächten unterzeichnet worden ist, schweigen an den Fronten die Waffen. Das ist das Wichtigste. Zehntausende Familien in der Stadt betrauern ihre Söhne, die einen sinnlosen Tod in den Schützengräben des Weltkrieges gestorben sind. Zehntausende Kinder, Frauen und Männer hat, nachdem die Lebensmittel aufgrund von alliierter Blockade, Mißmanagement und Schieberunwesen immer knapper wurden, der Hungertod hinweggerafft. Zu Essen gibt es für die kleinen Leute immer noch wenig – und kaum Holz oder Kohlen, so daß es höchstens lauwarm wird in den Stuben.

Dennoch: Weihnachten. Mütter können Söhne in den Arm nehmen, die das große Schlachten überlebt haben. Es keimt die Hoffnung eines besseren Lebens. Der Kaiser ist weg und das Land seit dem 9. November eine Republik. Überall haben sich als Versprechen auf eine neue Ordnung Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. An der Spitze der Regierung, die sich Rat der Volksbeauftragten nennt, steht mit Friedrich Ebert ein Sozialdemokrat. Und mitten im Lustgarten zwischen Schinkels Altem Museum und der Nordseite des Berliner Schlosses prangt an den Tagen vor dem Fest ein großer Lichterbaum.

Umso größer das Entsetzen, als an diesem Ort mitten in der Hauptstadt des Deutschen Reiches morgens um 8 Uhr am 24. Dezember ein ohrenbetäubender Lärm einsetzt – wie auf einem Schlachtfeld des soeben beendeten Krieges. Kanonendonner mischt sich mit dem Pfeifen von Minen und dem Geratter von Maschinengewehren. Ins Schloß und den Marstall, der gleich hinter dem Schloßplatz mit dem Begas-Brunnen liegt, schlagen Artillerie-Granaten ein. Von drei Seiten greift Militär den Schloßkomplex an. Insgesamt 900 Mann in Feldgrau sollen den vormaligen Sitz des vormaligen Kaisers sowie den Marstall stürmen. Etwa 110 ehemalige Matrosen der kaiserlichen Marine sind es anfangs, die mit Karabinern, Pistolen und einigen Maschinengewehren diese Gebäude verteidigen.

In ihnen hat die Volksmarinedivision ihren Sitz. Am 11. November von Matrosen aus eigenem Antrieb als bewaffnete Einheit aufgestellt, bewachte sie zeitweise u.a. die Reichskanzlei, die Reichsbank, die Museumsinsel und verschiedene Bahnhöfe. Im Dezember umfaßt die Truppe, die ihre Führer selber wählt, rund 1800 Mann. Sie hat in den wenigen Wochen seit ihrer Gründung allerhand durchgemacht. Ein in abgetragenen Kleidern erschienener adliger Geheimdienstler aus der Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes namens Hermann von Wolff-Metternich führte die Blaujacken als ihr Kommandeur ein paar Wochen lang hinter die Fichte, verwickelte sie am 6. Dezember in einen schnell zusammenbrechenden und nie ganz aufgeklärten Putschversuch, bei dem die Matrosen Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten ausrufen sollten.

Doch dieser betrügerische Coup, bei dem Ebert letztlich nicht mitzog, scheiterte ebenso wie ein mit Wissen und Einverständnis desselben gefaßter Plan der Obersten Heeresleitung (OHL) unter General Wilhelm Groener, den Rat der Volksbeauftragten mit militärischer Gewalt in die Wüste zu schicken – mit einer Ausnahme: Friedrich Ebert, jenen Mann, der schon seit dem 10. November jeden Abend mit Groener auf einer geheimen Standleitung telefonierte, um die Abwehr der angeblichen „bolschewistischen Gefahr“ zu besprechen. Ebert sollte als präsidialer Kaiserersatz von der OHL Gnaden mit diktatorischen Vollmachten regieren und Schluß mit dem „Räteunwesen“ machen. Das hätte Bürgerkrieg bedeutet in diesen Tagen, als immer wieder Hunderttausende auf den Straßen waren. Ausführende der Gegenrevolution sollten die am 10. Dezember nach Berlin einmarschierten und von Ebert am Brandenburger Tor begrüßten Truppen von der Westfront sein. Daß daraus nichts wurde, hatte einen simplen Grund: Die einfachen Soldaten wollten nicht mehr. Die meisten gingen nach Hause.

Die Volksmarinedivision indes blieb Ebert, der nach eigener Aussage die Revolution haßte „wie die Sünde“, ein Dorn im Auge. Matrosen, die nach dem Aufstand in Kiel am 4. November über ganz Nord- und Westdeutschland ausgeschwärmt waren, bildeten an vielen Stellen die Avantgarde der Volksbewegung zum Sturz der alten Mächte. Sie hatten nichts zu verlieren. Galten sie doch nach dem Kriegsrecht als Deserteure und Meuterer. Sehr viele von ihnen stammten aus Berlin, der damaligen Industriemetropole. Denn anders als das Feldheer, dessen Mannschaften vorwiegend Söhne von Bauern und Landarbeitern waren, setzte die Kriegsmarine für die avancierte Technik ihrer Schiffe auf qualifizierte Facharbeiter: Schlosser, Mechaniker, auch Zimmerleute und Heizer. Schon als Zivilisten waren die meisten mit der Arbeiterbewegung in Berührung gekommen, hingen einer ihrer Parteien oder Organisationen an: der SPD, der USPD, dem Spartakusbund.

In Berlin stellte die kampfstarke Volksmarinedivision einen Machtfaktor dar. Sie unterstand eben nicht Friedrich Ebert, sondern dem Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn von der USDP. Und nachdem ihr betrügerischer Anführer Wolff-Metternich – wie sich später herausstellte, ein Freund der kaiserlichen Familie – das Weite gesucht hatte, mehrten sich die Versuche, die Matrosen auszuschalten. In bürgerlichen Blättern und der SPD-Zeitung „Vorwärts“ begann eine wüste Hetze. Tatsächlich vorgekommene Plünderungen im Schloß wurden der Volksmarinedivision in die Schuhe geschoben. Davon stimmte so gut wie nichts. Aber es lieferte die Begleitmusik für weiteres Matrosen-Bashing. Ebert wollte die Division verkleinern und aus dem Schloß ausquartieren. Darauf ließen sich die Blaujacken sogar ein, wenn man ihnen denn die ausstehende Löhnung gewähre, so wie allen anderen Einheiten in Berlin.

Als Stadtkommandant Otto Wels von der SPD ihnen dieses verwehrte, begann eine Kette turbulenter Ereignisse. In deren Laufe blockierten Matrosen zeitweise die Reichskanzlei, ohne aber einem der „Volksbeauftragten“ ein Haar zu krümmen, und sie nahmen Otto Wels fest, nachdem vor dessen Residenz, dem Kronprinzenpalais, ein Matrose und ein Soldat von Eichhorns Sicherheitswehr erschossen worden waren. Ebert hatte nun den – vermutlich hochwillkommenen – Anlaß, im Einvernehmen mit Groener den Militärschlag gegen die Volksmarinedivision zu befehlen.

Und der beginnt nach zehnminütigem, die Matrosen nicht beeindruckendem Ultimatum, Schloß und Marstall zu verlassen, am Morgen des Heiligabend. Kommandierender des Angriffs, den noch kampfbereite Reste der nach Berlin gekommenen Front-truppen ausführen, ist Hauptmann Waldemar Pabst von der Garde-Kavallerie-Schützendivision. Ein Protofaschist vom Scheitel bis zur Sohle, wird er im Januar 1919 im Einvernehmen mit dem SPD-Volksbeauftragten Gustav Noske die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts organisieren. An den Erfolg des Weihnachtsunternehmens, das elf Matrosen und 56 Soldaten das Leben kostet, aber glaubt Pabst selber nicht. Und er behält recht. Zum einen weil die Matrosen sich sehr geschickt verteidigen. Zum anderen, weil Berliner in großer Zahl, darunter nicht wenige SPD-Anhänger, ihnen zuhilfe kommen. Die Helfer wissen nicht, daß hier im Auftrag der SPD-geführten Regierung geschossen wird. Und sie können es sich auch nicht vorstellen. Zusammen mit den Matrosen wehren sie die gegenrevolutionäre Attacke diesmal noch ab. Im Frühjahr 1919, als die frischgebildeten Freikorps des SPD-Ministers Gustav Noske die Berliner Arbeiterviertel auch mit Bombenflugzeugen und Flammenwerfern angreifen, gelingt ihnen das nicht mehr.

Was sie aber schon zu Weihnachten mit Erschrecken sehen, sind die großkalibrigen Artilleriewaffen, die von mehreren Stellen aus feuern, von der Schloßbrücke, vom Lustgarten, vom Werderschen Markt. Ihr Zerstörungswerk verrichten hier auch mehrere „10,5 cm-Flachbahngeschütze“, wie es bei Zeitzeugen heißt. Fotos aus jener Zeit lassen darauf schließen, daß die Truppen von der Westfront Kanonen des Typs K 17 mit nach Berlin gebracht hatten, die als „Flachbahngeschütze“ nur im direkten Richten eingesetzt wurden. Sie zählten zur schweren Artillerie, stammten von Krupp in Essen und verschossen 18,5 Kilogramm schwere Sprenggranaten. Wer solche Monster mitten in der Stadt auf Menschen und Gebäude losläßt, weiß, was er tut.

„Das Herz krampfte zusammen, als ich die Zerstörung der beiden Schlüterportale der Nordfront, die Einschläge der Geschosse in der Höhe des Weißen Saales, die Beschädigungen der schmiedeeisernen Tore und die in allen Stockwerken zertrümmerten Scheiben und zerschossenen Fensterkreuze sah“, beschreibt später der Hausbibliothekar des Schlosses Bogdan Krieger die Folgen der mehrstündigen weihnachtlichen Kanonade. Und Harry Graf Kessler, damals Angehöriger des Auswärtigen Amts, spricht in seinem Tagebuch von „der zur Ruine geschossenen Fassade“ des Schlosses.

Der Beschuß des Berliner Schlosses ohne Rücksicht auf Menschenleben – im Hause saß neben den Matrosen auch der Kastellan mit seiner Familie – und Kultursubstanz gehört zu den gern unterschlagenen Kapiteln Berliner und deutscher Historie. „Von Kulturbarbarei sprach man erst, als die SED das vom Zweiten Weltkrieg zerstörte Schloß 1950 sprengen ließ“, bemerkt der Autor und Regisseur Klaus Gietinger in seinem jüngsten Buch „November 1918. Der verpaßte Frühling des 20. Jahrhunderts“, das lesen sollte, wer sich auf den Stand der Erkenntnis über die Vorgänge in Deutschland vor 100 Jahren bringen will.

zurück