Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Ein bißchen Frieden

Streit mit Nachbarn macht krank und kann teuer werden

Von Holger Becker

Wer es nicht aus erster Hand weiß, wird es kaum glauben: Da bringen Leute an ihrer Hauswand eine Kamera-Attrappe an, um den Nachbarn das Gefühl zu geben, ständig unter Beobachtung zu stehen. Da stellen Menschen direkt vorm Zaun Gartenzwerge auf, die dem Gegenüber hinter der Grundstücksgrenze einen Stinkefinger oder auch – mit heruntergelassener Hose – den Hintern zeigen. Da läßt ein Zeitgenosse in einer Reihenhaussiedlung zur Sommerszeit stundenlang das Radio laufen – durchaus ein Stückchen unterhalb des zulässigen Lautstärkepegels –, wohl wissend, dies nervt die Nachbarin, die sich auf der Liege hinter der die handtuchschmalen Gärtchen abgrenzenden Hecke ein Sonnenbad gönnt.

Warum machen die das? In jedem einzelnen Fall wird die Antwort etwas anders ausfallen. So gut wie sicher ist aber immer: Das Motiv, den Nachbarn zu ärgern, ist nicht erst heute oder gestern entstanden. Es gibt eine Geschichte des Streits. Wer die erfragt, stellt meistens fest: Da ist nicht nur eine schuldige Seite. Die Kontrahenten wirken auf Dritte überhaupt nicht wie böse Menschen. Oft sind sie früher die besten Freunde gewesen.

Den Anfängen wehren
Wer eskalierenden Streit unter Nachbarn vermeiden will, sollte darauf achten, schon die ersten Funken einer möglichen Auseinandersetzung auszutreten, bevor daraus ein Feuer aufflammt. Es ist nicht immer klug, recht zu haben. Auch wer das Gesetz auf seiner Seite weiß, sollte mindestens in Kleinigkeiten zum friedewahrenden Nachgeben bereit sein.

Das zeigte sich beispielhaft im sogenannten Giersch-Brennessel-Fall, mit dem wir beim Telefonforum einer auflagenstarken Regionalzeitung konfrontiert waren. Er drehte sich um zwei Nachbarn mit recht unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie es in ihren Gärten ausssehen müsse. Der eine führte da ein strenges Regiment. Kantensteine aus Beton hielten die Beete in Form. Alles Grün stand in Reih und Glied, und kein Halm war da, der seine Spitzen über das genehmigte Maß hinaus nach der Sonne reckte. Der andere Nachbar sah es lockerer. Hoch wuchs bei ihm das Gras. Nur ein paar nicht recht ernstzunehmende Beetlein mit Zuckererbsen, Erdbeeren und Radieschen gab es. Und nicht nur an den Rändern des Gartens freuten sich Giersch und Brennesseln ihres Lebens.

Wenn ein Wort das andere gibt
Der Strenge verbat sich diese Sitten. Als Giersch und Brennessel die ersten Versuche unternahmen, in sein gutgezirkeltes Reich hinüberzuwurzeln, nahm er das als Vorboten drohenden Infernos wahr. Vom Lockeren verlangte er Abhilfe. Der solle „Ordnung schaffen“ und die Unkräuter aus seinem Garten restlos entfernen. Unkräuter seien das nicht, hielt der Lockere dem Strengen entgegen. Er esse sogar davon. Der Giersch mache sich sehr gut zu Spaghetti in einem Pesto mit Mangold, Rucola und Petersilie. Brennesseln kämen mit Kartoffeln, Möhren, Sellerie, Zwiebeln und Knoblauch in eine ebenso würzige wie gesunde Suppe. Der Strenge wollte davon nichts wissen. Vom Nachbarn, so meinte er, könne er verlangen, sein Grundstück „in Schuß zu halten“.

Ein Wort gab das andere. Im nächsten Jahr sah der Lockere mit Erstaunen auf die Zustände an der Grenze zum Nachbarn. Auf einem Streifen von 50 Zentimetern wuchs fast gar nichts mehr. Sofort keimte der Verdacht, der Strenge habe in die Kiste mit den alten Beständen des legendären Grünvernichters „Wegerein“ gegriffen. Denn von denen hatte der Nachbar früher, als man ab und an noch ein Bier zusammen am Gartenzaun trank, mal erzählt. Der Lockere konnte nicht an sich halten. „Arschloch“ klang es bei nächster Gelegenheit über den Zaun. Fast hätten sich die beiden deswegen vor Gericht gesehen. Jedenfalls herrscht Eiszeit seitdem. Die Tochter des Lockeren darf den Strengen und dessen Frau nicht mehr grüßen, die ihrerseits in jedem Jahr zur Geburtstagsfeier des Nachbarn die Polizei rufen. Denn die Party findet im Juli regelmäßig im Freien bei Grillwurst und Bier mit vielen Gästen bis in den späteren Abend statt.

Selbstverständlich hatte der Lockere recht. Nein, nicht mit dem A-Wort-Ruf über den Zaun, wohl aber mit seinen Ansichten zur Gartenordnung. Giersch und Brennessel dürfen wachsen. Ihr Vorhandensein verstößt gegen kein Gesetz und keine Verordnung. Jeder bestimmt, wie es auf seinem Grundstück aussehen soll, solange der Gestaltungswille nicht mit dem Recht kollidiert.

Aber war es klug, gar nicht auf die Wünsche des Nachbarn einzugehen? Nein, war es nicht. Keine allzu große Mühe hätte der Lockere aufwenden müssen, um mit der Hacke Giersch und Brennessel vom Hinüberwuchern in den Garten des Strengen abzuhalten. Er hätte so den Willen zeigen können, mit dem Strengen gut auszukommen.

Der Klügere gibt nach
Das Sprichwort von dem Klügeren, der nachgibt, bewahrheitet sich im Verhältnis von Grundstücksnachbarn immer wieder. Nur wird es zu wenig beachtet. Bis zu 10.000 Fälle nachbarschaftlichen Streits kommen jährlich vor die deutschen Gerichte. Und die stellen nur einen kleinen Teil aller Scharmützel und Schlachten dar, die auf dem Kampfplatz beiderseits des Gartenzauns toben.

Die Beteiligten unterschätzen zumeist die Folgen dieses Geschehens. Doch die können erheblich sein. Da beide Seiten Immobilien, also Unbewegliches, besitzen und zumeist auch bewohnen, können sie sich kaum ausweichen. Fast jeden Tag verwenden sie Energie darauf, dem Nachbarn irgendwie die Zähne zu zeigen oder aber auszuweichen, was ebenfalls anstrengend ist. Dieser negative Streß tut weder der Psyche noch dem Körper gut. Er kann das Immunsystem schwächen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen, mit Magen-Darm-Problemen sowie Schlafstörungen einerhergehen und zu psychischen Erkrankungen führen. Kein kurzzeitiger Triumph beim Rechthaben ist es wert, sich diesen Risiken auszusetzen.

Außerdem: Ein sich hochschaukelnder Streit unter Nachbarn kann ins Geld gehen. Zum einen wegen eventueller Anwalts- und Gerichtskosten. Zum anderen weil er geeignet ist, den Wert der Immobilie zu mindern. Soll das Haus verkauft werden, fragt ein kluger Käufer nach eventuellem Ärger mit den Nachbarn. Wer dann Fälle ernst- und dauerhaften Streits verschweigt, mischt sich schlechte Karten. Wegen arglistiger Täuschung kann ein Gericht später die Rückabwicklung des Kaufes anordnen und obendrein auf Schadenersatz durch den Verkäufer entscheiden. Und wird die Frage des potentiellen Käufers nach Zoff mit den Nachbarn gleich wahrheitsgemäß mit Ja beantwortet, drückt das selbstverständlich den Preis.

Also nutzen wir die Gunst adventlicher Geneigtheit zur Güte und Milde, laden die Nachbarn zu Grog oder Glühwein ein und singen zusammen mit ihnen das altböhmische Weihnachtslied, in dem es heißt: „Nun soll es werden Frieden auf Erden.“ Wenigstens ein bißchen.


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