Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„... nicht für Partei und Staat eingestellt“

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 49): Das Schicksal des Lehrers Karl Becker

Karl Becker mit Schülern der Einklassenschule von Lüttenmark, vermutlich 1934 Foto: Archiv Becker/ Geschenk von Willi Hinzmann
Karl Becker mit Schülern der Einklassenschule von Lüttenmark, vermutlich 1934 Foto: Archiv Becker/ Geschenk von Willi Hinzmann

Von Holger Becker

50 Jahre und zehn Monate ist er alt, als der Lehrer Karl Becker, ein politischer Häftling, in der Nacht vom 16. auf den 17. August 1944 im Zellengefängnis des Landgerichts Schwerin am heutigen Demmlerplatz stirbt. Wie? Wir wissen es nicht. Die Akten sprechen von Selbstmord. Seine Geschwister Anna, Frieda und Johannes, die ihn um Jahrzehnte überlebten, die beiden Schwestern in seinem Geburtsort Woosmer, der Bruder im nahen Dömitz an der Elbe, glaubten das nicht. Sie trauten den Nazis, die Karl „mitgenommen“ hatten, alles zu.

Vom 10. August 1944 stammt ein in der Schweriner Haft aufgesetztes Testament. Karl Becker schrieb es einen Tag, nachdem ihn das Sondergericht beim Landgericht Schwerin bei einer Verhandlung in Hagenow zu einem Jahr Haft verurteilt hatte. Seine Richter rechneten ihm vier Monate der Untersuchungshaft „als nicht von ihm verschuldet“ auf die Strafe an. Im Mai 1945 also hätte der nach dem „Heimtückegesetz“ Verurteilte entlassen werden können. Und die Lage an den Fronten sah für einen, der das Ende der Naziherrschaft herbeigesehnt haben muß, so schlecht nicht aus. Die Rote Armee stand im August 1944 kurz vor der Grenze Ostpreußens. Und seit ihrer Landung in der Normandie im Juni 1944 drangen auch die West- alliierten nach Zentraleuropa vor. Was Karl Becker in den Monaten der Untersuchungshaft seit März 1944, insbesondere seit dem 20. Juli, erlebt hat, wissen wir nicht.

Karl Becker war kein Held des Widerstands. Er gehörte nie einer Gruppe an, die Sabotage trieb oder heimlich Flugblätter verteilte. Nur verstellen konnte er sich nicht, jedenfalls nicht ständig. Als er 1933 die Schulstelle im Dörfchen Lüttenmark bei Boizenburg im Südwesten Mecklenburgs übernahm, fiel er dem Bürgermeister auf, weil er im Gesangsverein „Liedertafel“ immer wieder politische Themen ansprach – „und zwar in einer Form, die erkennen ließ, daß er nicht für Partei und Staat eingestellt war“. So die Begründung des Urteils gegen ihn, die auch ein Verfahren wegen „Beschimpfung des Führers“ aus dem Jahre 1936 erwähnt, in dem allerdings die Beweise fehlten. Überhaupt gelte Becker als „Querulant und Besserwisser und politisch unzuverlässig“. Schon im Juli 1938 trat er aus dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) aus, dessen Mitglied er 1933 geworden war, als die neue faschistische Herrschaft die Lehrerverbände gleichschalten ließ. Mitglied der NSDAP ist er ausweislich seiner überlieferten, heute im Bundesarchiv lagernden NSLB-Karteikarte nicht gewesen. Anderslautende Angaben, die offensichtlich aus Publikationen des Rostocker Historikers Karl-Heinz Jahnke herrühren, beruhen wohl auf dem Trugschluß, ein NSLB-Mitglied sei automatisch Angehöriger der NSDAP gewesen. Dem ist aber nicht so. Zwei Drittel der Lehrer etwa, so wurde für das Jahr 1937 ermittelt, besaßen keine direkte NSDAP-Mitgliedschaft, obwohl sie dem NSLB angehörten.

Ins Gefängnis warf die Nazijustiz den aufmüpfigen Karl Becker wegen einiger Bemerkungen, die er gegenüber Schulkindern gemacht haben sollte. Nur bis 1932 habe ihm der Unterricht Spaß gemacht, danach nicht mehr, lautete der eine Satz. Man dürfe ja nichts mehr sagen, sonst hauten sie einem den Kopf ab, so ging der andere. Dafür marschierten allein drei Bürgermeister, ein Posthalter, ein Landwirt, ein Schulrat und ein Gestapomann als Zeugen auf, nebst fünf Schülern, die gegen ihren Lehrer aussagten.

Karl Becker lebte da seit fast einem Vierteljahrhundert als formell alleinstehender Herr. Die 1919 geschlossene Ehe mit Margarethe Bamm hatte nur ein Dreivierteljahr gehalten. Die beiden wohnten dann getrennt und vollzogen erst 1937 die gesetzliche Scheidung. Seiner Tochter Ruth Becker, zum Zeitpunkt seiner Verurteilung 24 Jahre alt, gesteht Karl Becker in seinem Testament nur ihren Pflichtteil zu – „weil sie sich niemals um mich kümmerte“. Den – erhofften – Erlös aus seinem von der Wehrmacht requirierten Auto, einem BMW 3/20, und seine beachtliche Bibliothek soll der Bruder in Dömitz bekommen. Den Schwestern in Woosmer, die zusammen im Haus der verstorbenen Eltern leben, vermacht er seine Möbel, zu denen ein Klavier gehört, und ein Sparkassenbuch mit 5000 Reichsmark. Seine Bienenvölker in Lüttenmark nebst Bienenwagen und den Hund Hasso deklariert er als Eigentum seiner „Hausdame“, die ihm 20 Jahre lang treue Dienste geleistet habe.

Für einen mäßig bezahlten Dorfschullehrer hatte Karl Becker nicht wenig zu vererben. Das lag an seinem guten Nebenverdienst, den er mit der Bienenzucht erzielte. Sein Auto habe sich der Lehrer nur deswegen kaufen können, weiß sein einstiger Schüler Willi Hinzmann, der hochbetagt in Lüttenmark lebt. Karl Becker, der ihm „das mit den Bienen“ beigebracht und das erste Bienenvolk geschenkt hat, verehrt er noch heute. Er sei ein sehr guter Lehrer gewesen, gerecht, auch wenn er manchmal Stockschläge austeilte, wenn „einer Blödsinn gemacht hatte“. Den gemeinschaftlichen Gesang der Kinder begleitete er auf der Geige. „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ zu singen, das sei Volksverhetzung, habe Becker den Schülern gesagt.

Becker sieht das anders als ein großer Teil seiner Kollegen in den kleinen Dorfschulen. Viele von ihnen haben sich nach der brutalen Notverordnungspolitik des Reichskanzlers Heinrich Brüning, die ihnen drastisch die Gehälter kürzte, schon ab 1930 der Nazibewegung in die Arme geworfen. Karl Becker gehört da erst einmal noch – seit 1929 – der SPD an, ebenso deren Wehrverband, dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, sowie der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer Mecklenburgs. 1931 verläßt er die SPD. Ein zeitweiliger Farbenwechsel von rot zu braun scheidet aus bei diesem Mann, der mit seinem losen Mundwerk seinen Kopf riskieren wird.

„Links eingestellt“ zu sein, mit diesem lebensgefährlichen Vorwurf gegen Becker behielten seine Ankläger und Verurteiler des Jahres 1944 mit höchster Wahrscheinlichkeit recht. Schon 1921 hatte er als junger Lehrer in Melkof, das liegt keine 30 Kilometer von Lüttenmark entfernt, Landarbeiter des dortigen Gutes bei einem Streik unterstützt. Der Ausstand, der gegen den Willen der sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaftsbürokratie ausbrach, drehte sich vordergründig um Lohnforderungen. Vor allem aber sprengte sich der Protest gegen die anhaltende Bevormundung und Unterdrückung der Ärmsten auf dem Lande den Weg frei. Von Melkof im Kreis Hagenow weitete sich die Streikbewegung auf mindestens 135 Güter in Mecklenburg aus.

So etwas hatte es in der Gegend bis dahin nicht gegeben. Und ungefährlich war die Sache nicht. Auf den Gütern von Mecklenburgs Junkern lungerten weiter in großer Zahl Freikorpssoldaten herum, insbesondere beim Kapp-Putsch im Jahr zuvor mit bestialischen Exzessen aufgefallene militärische Banden, besoldet von Großgrundbesitzern, damit alles schön beim Alten bliebe. Die Freikorpsleute besaßen Waffen und dienten als willige Arbeitskräfte. Auf einigen Gütern richtete sich der Streik ausdrücklich gegen deren Anwesenheit.

Auch in Melkof, wo sich Landarbeiter nicht darauf beschränkten, Streikbrechern nur mit dem Wort entgegenzutreten, schlug Polizeigewalt den Streik nieder. Es folgten Verhaftungen, Kündigungen, Gerichtsprozesse. Das verhinderte nicht einen weiteren Ausstand im Jahr 1924, den die Melkofer Landarbeiter vier Monate durchhielten. Ihr „Schaulmeister“, vermutlich der Mensch mit der höchsten Bildung im Dorf, dürfte ihnen beim Schriftkram geholfen und sie in Rechtssachen beraten haben. Der große Anteil juristischer Literatur in seiner überlieferten Bibliothek läßt das vermuten.

Warum Karl Becker im Oktober 1931 die SPD verließ, wir wissen es nicht. Die Jahreszahl kennen wir nur aus dem Urteil gegen ihn. Er wird diesen Zeitpunkt, der bemerkenswert ist, in den Verhören selbst genannt haben. Im Oktober 1931 bildete der Notverordnungs- und Austeritätspolitiker Heinrich Brüning von der Zentrumspartei sein zweites Kabinett. Die SPD duldet dessen von der Großindustrie geforderte Politik, Beschäftigten im öffentlichen Dienst – Reichswehroffiziere und preußische Polizisten ausgenommen – die Gehälter um bis zu einem Viertel zu kürzen. Das kann ein Motiv sein zu sagen: bis hier und nicht weiter, ihr lieben Genossen.

Vielleicht kam dem Landlehrer zu Bewußtsein, in welchem Maße das Anpaßlertum der SPD-Führung sein bisheriges Leben beeinflußt hatte. Der Sohn einer Häuslerfamilie, die in dem Dörfchen Woosmer in der Griesen Gegend zu den Ärmeren gehörte, hatte es 1913 immerhin auf das Lehrerseminar in Lübtheen geschafft. Doch dort konnte er nur bis zum November 1914 bleiben. Dann holte ihn der Krieg. Dem hatten die SPD-Oberen unter Friedrich Ebert ihren Segen gegeben, den Kriegskrediten zugestimmt und durchaus mögliche und aussichtsreiche Massenstreiks gegen das große Morden verhindert. Karl Becker mußte in einem Infanterieregiment im Osten gegen die Soldaten des russischen Zaren kämpfen, wurde Gefreiter, Unteroffizier und schließlich in einem Gefecht verschüttet. Das brachte ihm ein Kehlkopfleiden ein. Nachdem er die Uniform ausziehen durfte, ging er wieder aufs Lehrerseminar und legte um Ostern 1919 in Lübtheen seine Prüfung ab.

In Mecklenburg, wo seit 1998 von der SPD gestellte Ministerpräsidenten regieren, erinnert fast nichts an Karl Becker. Im großen Justizgebäude am Schweriner Demmlerplatz residieren heute das Land- und das Amtsgericht Schwerin. Den alten Zellentrakt, in dem der Lehrer aus Lüttenmark starb, nutzt das 1998 eingerichtete „Dokumentationszentrum des Landes (gemeint ist Mecklenburg-Vorpommern – H.B.) für die Opfer der Diktaturen in Deutschland“. Worum es beim Dokumentieren vor allem geht, verdeutlicht eine Tafel vor dem Justizpalast. Über die früheren Nutzungen des Hauses teilt sie lediglich mit: „1945-1989. Sitz der sowjetischen Geheimpolizei, der Bezirksverwaltung Schwerin des Ministeriums für Staatssicherheit und Haftanstalt”.

Beckers Ankläger, der im Mai 1944 zum Generalstaatsanwalt von Mecklenburg aufgestiegene Wilhelm Beusch, geht in Veröffentlichungen bis heute als honoriger Mensch durch. Ihm wird zugeschrieben 1935/36 den Serienmörder Adolf Seefeld überführt zu haben. Die Hamburger Polizei beschäftigte ihn den 1950er und 1960er Jahren als Kriminalisten. Publizistisch empfohlen hatte ihn und andere seinesgleichen „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, der ab Ende der 1940er Jahre in seinem Magazin Artikelserien veröffentlichte, die Staatsbedienstete des Hitlerreichs für die Wiederverwendung in der Bundesrepublik reinwuschen. Eine, geschrieben von dem SS-Hauptsturmführer Bernhard Wehner (ab 1970 Chef der Düsseldorfer Kripo) hieß „Das Spiel ist aus – Arthur Nebe“ und stellte an mehreren Stellen den „korrekten Oberstaatsanwalt Beusch“ in ein freundliches Licht.

Drei Bürgermeister, die Becker 1944 denunziert hatten, sollen in der sowjetischen Besatzungszone für diese Tat gerichtlich verurteilt worden sein. Bislang ließ sich nicht herausbekommen, ob es noch Unterlagen dieses Verfahrens gibt.

Karl Beckers Bruder Johannes war des Autors Großvater väterlicherseits. 

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