Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Notstand im Untergrund

Grundwasser in Berlin: Senat will Bürger zur Kasse bitten

Sabine Müller und Harald Haufe stellen bei der Inspektion des Heiligenseer Entwässerungssystems
Sabine Müller und Harald Haufe stellen bei der Inspektion des Heiligenseer Entwässerungssystems immer wieder fest, daß das System nicht mehr funktioniert. Auch hier ist ein Abfluß des Wassers nicht mehr erkennbar Foto: Monika Rassek

Berlin braucht bezahlbaren Wohnraum, dringend und schnell. Bauen aber wird immer teurer, nicht zuletzt, weil die Grundwasserhaltung während der Bauphase oft sehr aufwendig und damit kostspielig ist. Doch anstatt endlich ein reales und intelligentes Wassermanagement für das gesamte Stadtgebiet zu erarbeiten, überläßt die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz unter Leitung von Regine Günther (parteilos, für Bündnis 90/Grüne) vorhandenen Wohnraum dem steigenden Wasser – nahezu in allen Bezirken.

Beispielsweise im Reinickendorfer Ortsteil Heiligensee. Dort haben mehr als 18.000 Menschen ihr Zuhause. Am 22. Dezember 2017, ein halbes Jahr (!) nach den Starkregenfällen im Juni/Juli, steht in einigen Häusern noch immer das Wasser. In den Kellern laufen Luftentfeuchter im Dauerbetrieb. Der verregnete Herbst hält die Grundwasserstände auf hohem Niveau – nicht zum ersten Mal. Auch schon 2008 standen die Keller in Heiligensee und Frohnau unter Wasser. Damals berichtete der „Nord Berliner“. Auch von Heinz Neumann von der Bürgerinitiative, der bei der Errichtung seines Hauses vor 30 Jahren eine Wanne gebaut hatte. Die Anwohner kritisierten schon damals, daß die Entwässerungsgräben, die den Ortsteil wie ein Netz durchziehen und ihn trocken halten, unzureichend und nicht regelmäßig gepflegt würden.

Doch die zuständige Senatsverwaltung sieht sich nicht in der Pflicht. Denn geändert hat sich seither nichts und die Anwohner sind sauer. Sabine Müller startete nach dem sprunghaften Anstieg des Grundhochwassers im August die Petition „Hochwasserschutz für Berlin-Reinickendorf“. Sie übt Kritik an Politik und Verwaltung. In ihrer Petition heißt es: „Das Wasser in den Kellern ist nicht allein auf den Starkregen zurückzuführen, sondern auch auf die Untätigkeit des Berliner Senats, der seit Jahren keine Maßnahmen ergriffen hat, um Hausbesitzer vor den Folgen des steigenden Grundwasserspiegels zu schützen. Der Starkregen hat nur das schon fast volle Faß zum Überlaufen gebracht.“

Sabine Müller und die Unterzeichner der Petition fordern – genau wie der VDGN – beispielsweise die „…Senkung der Trinkwassertarife und die Einführung eines Sprengwassertarifs zum Anreiz eines höheren Grundwasserverbrauchs in Gebieten mit zu hohem Grundwasserstand sowie die verbindliche Verankerung von siedlungsverträglichen Grundwasserständen für ganz Berlin in einer Rechtsverordnung aufgrund von durch unabhängige Experten ermittelten Grundwasserständen.“

Wie brisant die Lage in Reinickendorf ist, wie verzweifelt und von der Politik enttäuscht die Anwohner, zeigt sich auch in den Beiträgen der Petitionszeichner. So schreibt Wolfgang Steinkuhl: „Das ist nun die 2. Katastrophe, unser ausgebauter Keller ist wieder weitgehend zerstört. Mehrere Tausend Euro sind wieder erforderlich um den alten Zustand wiederherzustellen. Hätte ich das vor fast 40 Jahren gewußt, hätte ich nicht in Heiligensee gebaut. Ich bin enttäuscht vom Senat, da technische Vorkehrungen sehr hilfreich gewesen wären.“

Verärgert von der Gleichgültigkeit der zuständigen Senatsverwaltung sind auch Helga und Harald Haufe: „Die Entwässerungsgräben werden weder regelmäßig gepflegt, noch kontrolliert.“ Auch wurde das Grabensystem im Laufe der Jahre verändert. „Aber nicht von den Anwohnern, die die Folgen nun ausbaden müssen“, moniert das Ehepaar. Denn das System funktioniert nicht mehr: „Nach Regenfällen fließt das Wasser in den Gräben teilweise sogar in die entgegengesetzte Richtung – also entgegengesetzt wie von den Erbauern des Grabensystems ursprünglich vorgesehen.“ Harald Haufe ergänzt: „Und auch an der zunehmenden Versiegelung des Gebietes, insbesondere der Versiegelung immer weiterer Straßen ohne Vorkehrungen für eine ursprünglich vorhandene ortsnahe Versickerung des Regenwassers, tragen die Anwohner keine Schuld.“

Nicht nur im Reinickendorfer Ortsteil Heiligensee sind die Anwohner auf funktionierende Entwässerungsgräben und Dränagen angewiesen. Gleiches gilt für Konradshöhe, Hermsdorf und Tegelort (Reinickendorf); die Stadtrandsiedlung Malchow, die Ortsteile Heinersdorf, Blankenburg und Karow (Bezirk Pankow); die Kolonien Sonnenheim, Weidenbaum oder Königsdamm (Charlottenburg-Wilmersdorf); den Ortsteil Wartenberg (Lichtenberg) und weitere.

Präzedenzfall im Blumenviertel
Und die Lage hat sich noch immer nicht entspannt – ganz im Gegenteil. Am 10. Januar meldete der Tagesspiegel, daß der Spazierweg am Tegeler Fließ nicht mehr passierbar ist – wegen Überflutung. Das Grundwasser hat nun die Oberfläche erreicht.

Noch drastischer stellt sich die Situation für Familien in Neukölln dar. Ihre Häuser sind bereits über Jahre hinweg immer wieder dem Wasser ausgesetzt worden. Auch derzeit sind im Buckower/Rudower Blumenviertel die Keller naß – obwohl die Hebebrunnenanlage, die im Gebiet für siedlungsverträgliche Wasserstände sorgen soll, nach Aussage von Jens Feddern (Leiter Wasserversorgung bei den Berliner Wasserbetrieben) unter Volllast pumpt.

Eine Katastrophe. In den 60er, 70er Jahren wurde dort für junge Familien Bauland ausgewiesen, um deren Abwanderung aus dem damaligen West-Berlin entgegenzuwirken. Und als das Wasser zu steigen begann, wurde Ende der 90er Jahre die Hebebrunnenanlage gebaut. Doch heute werden die Anwohner von der Senatsumweltverwaltung mit Schuldzuweisungen drangsaliert und sollen dafür zahlen, daß die Häuser erhalten bleiben.

Dabei geht es eigentlich um ein gesamtstädtisches Problem. Und das kostet Geld, sehr viel Geld. Prestigeträchtige Gebäude lieferten und liefern stetig unbequeme Schlagzeilen wie das Rote Rathaus, das Bundesratsgebäude oder die „Daimler-City“ am Potsdamer Platz – nur, hier gehören die Wohnungen einflußreichen Geschäftsleuten mit hochdotierten Anwälten.

Und so geht Senatorin Günther den Weg des geringsten Widerstandes. Sie nutzt das Blumenviertel, um ein Exempel zu statuieren. Die Wohnungen von 4.000 Familien setzt sie aufs Spiel: Denn nur, wenn sich die Anwohner der Siedlung in einen Verband, einen Verein oder eine sonstige Organisation pressen lassen und zahlen, bleiben die Häuser erhalten. Wenn nicht, läßt Frau Günther die Keller fluten.

Dafür muß sie sich nicht selbst die „Hände schmutzig“ machen und, wie monatelang angedroht, auch nicht die alte Hebebrunnenanlage abschalten. Nein, die gewählte Volksvertreterin kann sich ganz entspannt zurücklehnen und darauf warten, daß die altersschwache Anlage den Geist aufgibt.

Ist der Präzedenzfall erst geschaffen, läßt sich das Modell bequem 1:1 auf alle anderen Berliner Stadtteile übertragen: Wer nicht zahlt, säuft ab!

Monika Rassek

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