Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wappnen mit Gelassenheit

Kleinere Grundstücke, größerer Ärger – Eskalation von Nachbarstreit sollte vermieden werden

Bei Ärger ist oft etwas mehr Gelassenheit gefragt: drüber reden, nicht alles so verbissen sehen und sich lieber am Gartengrün erfreuen
Bei Ärger ist oft etwas mehr Gelassenheit gefragt: drüber reden, nicht alles so verbissen sehen und sich lieber am Gartengrün erfreuen Foto: Lisa Struwe

Von Holger Becker

Dort wo er wohne, brauchten zwei Familien nur einen Salzstreuer. Denn den könne man von Terrasse zu Terrasse herüberreichen, ohne dabei aufstehen zu müssen. So beschrieb neulich jemand die räumlichen Verhältnisse in einer neuen Berliner Eigenheimsiedlung. Der Zusammenhang ist klar: Steigende Grundstückspreise in der Großstadt verkleinern die Flächen der Baugrundstücke. Wenn früher auf 800 bis 1200 Quadratmetern Eigenheime errichtet wurden, müssen heute 400, ja 300 Quadratmeter reichen. Mehr gibt der Geldbeutel zahlreicher Bauherren und -damen nicht her.

Das hat Folgen für das Zusammenleben in den Siedlungen. Wo räumliche Enge herrscht, wächst die Gefahr, sich gegenseitig zu nahe zu kommen. Da nervt schon der etwas lauter aufgedrehte Fernseher. Küchen- oder auch Grillgerüche, die vom Nachbarn herüberwehen, stechen manchen unangenehm in die Nase. Und Schuppen, Garagen oder auch Bäume und Sträucher in Nähe der Demarkationslinie zu den Menschen von Nebenan lösen erbitterte Gefechte aus. Viele hegen dann die Absicht, eine Mauer zu bauen. Wenn nur der Platz dafür vorhanden wäre…

Oft Streit um Nebensächliches
Wie es zugeht unter Nachbarn, müssen VDGN-Mitarbeiter manchmal intensiver erleben, als ihnen lieb ist. Bei Telefonforen größerer Regionalzeitungen, bei denen sie regelmäßig die Fragen von Lesern beantworten, stehen beim Thema Nachbarstreit die Apparate kaum still. Und die Leute am anderen Ende der Leitung erzählen viele unglaubliche Geschichten. Von Eltern und ihren Kindern, die sich nach Grundstücksteilung zwecks Hausbau für den Nachwuchs erbittert um irgendeine Nebensächlichkeit streiten. Von Gartenzwergen in pornographischen Posen sowie Katzenkeramiken, die wahlweise die Nachbarin oder deren Hund ärgern sollen. Von herbstlichen Ping-Pong-Partien, bei denen Laub über den Grenzzaun geworfen wird, hin und her und her und hin. Von jungen Damen, die sich zum Ärger von benachbarten Ehefrauen unbekleidet auf dem eigenen Rasen sonnen. Und immer wie-der von Bäumen, Sträuchern und Hecken, die dem Nachbargrundstück wirklich oder angeblich zu nah kommen.

Mit Linderung ist nicht zu rechnen. Im Gegenteil. Wo Menschen sich auf kleinen Grundstücken Häuser gebaut haben, bleibt die entstandene Siedlungsstruktur bis zum St. Nimmerleinstag bestehen. Das einzige, was hier hilft, ist, sich mit Gelassenheit zu wappnen. Großzügig über diese oder jene Störung von Nebenan hinwegzuschauen, kann zur Versicherung für das Weiterleben in den eigenen vier Wänden werden. Denn eskalierender Nachbarstreit bringt vielen die Hölle auf Erden. Weil es nicht mehr auszuhalten ist, verläßt nicht selten einer der Kontrahenten irgendwann die Walstatt. Dann kann das bestehende Streitverhältnis sogar den Wert des Grundstücks mindern. Hat ein Verkäufer die langwierige Zerrüttung eines Nachbarschaftsverhältnisses verschwiegen, vermag der neue Grundstückseigentümer unter Umständen sogar eine Rückabwicklung des Kaufvertrages durchzusetzen.

Also erst einmal Ruhe bewahren und die Flamme des Streits möglichst früh austreten. Dazu kann es nützlich sein, sich über die nachbarrechtlichen Regeln schlauzumachen. Das Dumme ist: Diese sind nicht kompakt in einem einzigen Gesetzeswerk niedergelegt. Wichtige Bestimmungen dazu, die deutschlandweit gelten, enthält das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), so vor allem für jene Fälle, in denen Nachbarn die Nutzung eines Grundstücks beeinträchtigen – durch überhängende Äste oder herüberwachsende Wurzeln zum Beispiel oder durch herüberwehenden Qualm und Rauch. Weitere Regelwerke, die in jedem Bundesland gleichermaßen gelten, tragen die typisch amtsdeutschen Namen „Geräte- und Maschinenlärmschutzverordnung“ und „Technische Anleitung Lärm“. Wer wissen will, wie stark, oft und wann gelärmt werden darf, muß erst einmal in diesen Katalogen nachschlagen.

Wenn Gesetze fehlen
Fast alle Bundesländer verfügen über spezielle, mehr oder weniger voneinander abweichende Nachbarrechtsgesetze. Dort finden sich beispielsweise Bestimmungen über die einzuhaltenden Grenzabstände von Bäumen, Sträuchern und Hecken oder auch über Einfriedungsrechte- bzw. Pflichten. Nur Mecklenburg-Vorpommern (MV) und Hamburg verzichten bisher auf solche Landesgesetze.

Was der VDGN für nicht angebracht hält. Seine Forderung, ein solches Gesetz endlich dem Landtag von MV vorzulegen, machte im Frühling Schlagzeilen in der „Schweriner Volkszeitung“ und im „Nordkurier“ aus Neubrandenburg. Aber die Schweriner Landesregierung lehnte wieder einmal ab. Diese Weigerung läßt sich nicht so recht verstehen. Denn es gibt in MV durchaus landesspezifische Regelungen, die nämlich in den Landesbauordnungen stecken. Wie in allen anderen Bundesländern betreffen sie beispielsweise die Abstandsflächen, die Gebäude zur Grundstücksgrenze einhalten müssen.

Seine Rechte zu kennen, ist wichtig, aber noch kein Grund, diese unbedingt durchzusetzen. Denn dafür gibt es keine wirklich erfreulichen Wege und Mittel. Viele Streitfälle müssen die Zivilgerichte entscheiden, die anzurufen in einer Reihe von Bundesländern aber erst möglich ist, wenn vorher die gütliche Einigung vor einer kommunalen Schiedsstelle versucht wurde. In manchen Auseinandersetzungen könnten auch Ordnungsämter oder die Polizei weiterhelfen. Bei denen aber sind Streitigkeiten unter Nachbarn in etwa so beliebt wie beim Teufel das Weihwasser. Und auch weil Gefechte unter Nachbarn ganz schön ins Geld gehen können, denn Rechtsanwälte und Gerichte machen Kosten, ist es den Versuch allemal wert, Unstimmigkeiten bei einer Flasche Bier am Gartenzaun beizulegen.

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