Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Neue Ungerechtigkeiten

Pflegeversicherung: verändertes System der Begutachtung pflegebedürftiger Menschen verdient Kritik statt Lob

Ute Brach
Ute Brach

Seit nunmehr sechs Monaten haben wir anstatt der Pflegestufen die Pflegegrade. Vergeben werden sie nach neuen Kriterien. Früher berechnete man den Pflegebedarf nach Minuten, das gehört nun der Vergangenheit an. Seit Beginn des Jahres werden bei der Begutachtung eines pflegebedürftigen Menschen stattdessen Punkte vergeben. Es geht im Kern darum, zu beurteilen, wie stark die selbständige Lebensführung eingeschränkt ist.

Acht Lebensbereiche (auch Themen-Module genannt) betrachtet der medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) dabei genauer. Das sind: 1. Mobilität, 2. kognitive und kommunikative Fähigkeiten, 3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, 4. Selbstversorgung im Alltag, 5. Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen, 6. Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte, 7. außerhäusliche Aktivitäten, 8. Haushaltsführung.

Für die ersten sechs Module werden Punkte vergeben. Die Module 7 und 8 werden einbezogen, gehen aber nicht in die Punktebewertung ein.

Ganz wichtig zu wissen: Ähnlich wie im alten System der Pflegestufen geht es auch bei Pflegegraden nicht primär darum, ob Hilfestellung bei der Hauswirtschaft nötig ist. Leistungen aus der Pflegeversicherung werden vielmehr dann zuerkannt, wenn der Betroffene in den Grundbedürfnissen des Lebens Unterstützung benötigt.

Abgespeist und ruhiggestellt?
In der Fachliteratur kann man viel Lob über das neue Begutachtungssystem finden: es sei gerechter, die Leistungen aus der Pflegeversicherung seien nun leichter zu bekommen, die Begutachtung laufe entspannter ab und gehe viel genauer auf die Einschränkungen der Menschen ein.

Nun ja, bei jedem System gibt es Gutes und weniger Gutes. Die Frage ist nur, was überwiegt?

In die Lobeshymnen kann die Autorin jedenfalls nicht einstimmen. So stellen wir in der Beratung von Mitgliedern zwar fest, daß häufiger der Pflegegrad 1 anerkannt wird. Aber bei bei genauerem Hinsehen handelt es sich dabei oft um Betroffene, die nach objektiver Bewertung eigentlich Anspruch auf den Pflegegrad 2 hätten.

Was also daran loben? Etwa das recht durchschaubare Handeln der Pflegekassen, mit der Vergabe von Pflegegrad 1 den Antragsteller so weit zu beruhigen, daß er nicht in den Widerspruch geht und den ihm eigentlich zustehenden höheren Pflegegrad fordert?!

Immerhin handelt es sich hierbei um Menschen, die ohnehin mit ihren Kräften haushalten müssen und nicht mehr so handlungsfähig sind. Auf deren herabgesetzte Wehrhaftigkeit zu setzen, um Pflegeleistungen zu sparen, ist ethisch sehr bedenklich. Wir werden dieser bitteren Philosophie nicht folgen. Im Gegenteil. Wir unterstützen Betroffene dabei, ihr gutes Recht einzufordern!

Dazu kommt: Mit dem Pflegegrad 1 und der gewährten Hilfeleistung von 125 Euro im Monat, die für Entlastung und Pflege einzusetzen sind, kommt man im Alltag nicht weit! Für diesen Wert kann in Berlin ohne Zuzahlung noch nicht einmal ein einziges Bad oder die Dusche pro Woche „erkauft“ werden (je nachdem, in welchem Bundesland man lebt, schwanken diese Werte)!

Das einzig Gute am Pflegegrad 1 ist: Wer die Wohnung oder das Haus seniorengerecht umgestalten möchte und wenigstens diesen Pflegegrad zugesprochen bekam, kann auf finanzielle Hilfe beim Umbau hoffen. Die Pflegekasse zahlt dann bis zu 4.000 Euro für umfeldverbessernde Maßnahmen. Doch auch das geschieht nicht automatisch, sondern muß vor Beginn jeglicher Bauarbeiten beantragt werden.

Umgedrehte Systematik
Über die gerechtere Vergabe von Pflegegraden läßt sich auch streiten. Tatsache ist, daß Demenzkranke und andere Erkrankungsgruppen mit eingeschränkter Alltagskompetenz nun eine gerechtere Begutachtung als im alten System erwarten können und es auch leichter in den Pflegegrad 2 schaffen als „nur“ körperlich Beeinträchtigte. Das System hat sich damit in gewisser Weise „umgedreht“. Es schafft neue Ungerechtigkeiten. Menschen mit primär körperlichen Einschränkungen haben nun eher das Nachsehen.

Wirklich gerecht wäre es gewesen, beides, körperliche wie geistige Einschränkungen, angemessen und ausgewogen zu berücksichtigen!

Eine neue und höhere Hürde als zuvor stellen nun auch die sogenannten Höherstufungen dar. Verschlechtert sich die gesundheitliche Situation eines pflegebedürftigen Menschen, egal ob mit oder ohne eingeschränkte Alltagskompetenz, kann er bzw. seine Angehörigen einen Antrag auf Höherstufung, das heißt, auf einen höheren Pflegegrad stellen. Dann erfolgt eine erneute Begutachtung.

Das neue Begutachtungsprinzip sorgt nun dafür, daß häufig weitere Punkte gesammelt werden, diese aber nicht reichen, um einen höheren Pflegegrad und damit mehr Leistungen aus der Pflegeversicherung zu erhalten!

Für den Laien ist das kaum zu verstehen! Und wenn der normale Nutzer das System nicht verstehen kann, ist es ein schlechtes System oder sollte man sagen: ein Verschleierungssystem?

Ute Brach

 

 

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