Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Patient Brandenburg“ noch zu retten?

Große Not bei medizinischer Betreuung und Pflege – Konzepte der Politik kommen zu spät

Krankenwagen der Schnellen Medizinischen Hilfe
Foto: Rainer Große

Gesundheitscampus Brandenburg – mit diesem wohltönenden Begriff geht die Brandenburger Landesregierung seit seiner Erfindung 2015 hin und wieder an die Öffentlichkeit. Mit diesem Projekt wolle man die Forschung zu Krankheiten des Alterns forcieren und Wege für eine stabile medizinische Versorgung finden, verspricht die zuständige Wissenschafts-Ministerin Martina Münch (SPD). Die Menschen sollen so lange wie möglich zu Haus im vertrauten Umfeld leben können und trotzdem medizinisch versorgt sein.

Klingt gut und vernünftig. Ein Blick in die Praxis hingegen läßt ernsthafte Zweifel aufkommen, ob der „Patient Brandenburg“ noch gerettet werden kann. Krankenhäuser gerade in Randregionen suchen händeringend Ärzte und anderes medizinisches Personal. Stationen müssen schließen, auch weil die Leute fehlen. In Potsdam, immerhin Landeshauptstadt und berlinnah, können ambulante Pflegedienste keine neuen Patienten mehr versorgen, meldete kürzlich der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB).

Auf dem platten Lande ist die ambulante Betreuung schon so gefährdet, daß Sozialverbände, darunter die Volkssolidarität, im April öffentlich Alarm schlugen. Sie appellierten an die Verantwortlichen, umgehend Lösungen für drängende Probleme zu finden, wie Personalnot und fehlende Vergütung für lange Fahrtwege.

Auch in den Pflegeheimen muß man gut qualifizierte Kräfte mittlerweile mit der Lupe suchen – viele wandern wegen der deutlich besseren Bezahlung nach Berlin ab oder gleich ganz weit weg. Und die Pflegekräfte, die bleiben, sind völlig überlastet und drohen irgendwann selbst krank zu werden. Das Horrorszenario, das neulich der Polizeiruf „Nachtdienst“ (7. Mai, ARD) über die Zustände in einem Pflegeheim zeichnete, kommt der Realität erschreckend nah.

Alte und Kranke bleiben zurück
Während die Landesregierung in ihrem Gesundheitscampus-Konzept für ganz Deutschland mit einem Bevölkerungsrückgang von 2,3 Prozent bis 2040 rechnet, prognostiziert sie für Brandenburg einen Rückgang von sage und schreibe 11,5 Prozent! Bei zur Zeit 2,48 Millionen Einwohnern wären das dann knapp 300.000 Brandenburger weniger. Der Schwund wird an den dünnbesiedelten Rändern, im Norden, Osten, Westen und Süden  des Landes stattfinden, sagen die Wissenschaftler: Viel zu viele junge Dynamische gehen weg, die Alten und oft Kranken bleiben zurück.

Dort treten schon jetzt Probleme bei der medizinischen Versorgung auf. Eröffnet ein Augenarzt seine Praxis, bilden sich hunderte Meter lange Schlangen wartender Patienten, wie ein Bericht des Fernsehsenders RBB  eindrucksvoll zeigte.

Das Gegenmittel der Kassenärztlichen Vereinigung des Landes, eine „Lockprämie“ bis zu 50.000 Euro für die Praxis-Übernahme oder -Neugründung in ländlichen Regionen mit Ärztemangel, scheint wenig anzuschlagen: Die Funktionäre feiern es schon als Erfolg, daß zwischen 2011 und 2016 ganze 25 Mediziner diese Förderung nutzten (Märkische Allgemeine vom 23. Mai 2017). Bei insgesamt 3.760 ambulant tätigen Ärzten in Brandenburg eine recht bescheidene Zahl.

Welcher junge Arzt zieht in eine Gegend, wo hoher medizinischer Aufwand für zahlreiche Patienten höheren Alters, aber keineswegs adäquate Vergütung gesichert sind? Wo fraglich ist, ob sich teure Investitionen in die Praxisausstattung lohnen. Und wo sich ansonsten Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, Schule und Kita, öffentlicher Nahverkehr und Einkaufsmöglichkeiten häufig fehlen.

Dazu kommt: Der Ärztemangel ist hausgemacht. Brandenburgs Mediziner sind im Durchschnitt 54 Jahre alt. Viele werden in nicht allzu ferner Zeit in den Ruhestand gehen.

Brandenburg hat lange nicht in die Ausbildung von Ärzten investiert. Und tut es genaugenommen immer noch nicht. Fördergeld vom Land für die von kommunalen und kirchlichen Krankenhäusern gegründete, einzige, privat finanzierte Medizinische Hochschule Brandenburg (MHB) in Neuruppin gibt es nicht, stellte ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums in einem Beitrag der Lausitzer Rundschau vom 28. Januar 2017 klar. Das hindert das Land Brandenburg aber nicht daran, der MHB im großangelegten Projekt Gesundheitscampus eine wichtige Rolle in Ausbildung und auch Forschung zur Altersmedizin zuzuweisen.

Viel verspricht man sich von der Telemedizin, also der digitalen Fernüberwachung von Patienten, beispielsweise mit einem Herz-Kreislauf-Leiden. Das könnte ein Ansatz sein, die medizinische Versorgung auf dem Lande einigermaßen zu gewährleisten, Krankenhaus- und Arztbesuche auf das notwendige Maß zu beschränken. In den Zentren für Telemedizin an Kliniken in Brandenburg/Havel und Cottbus erproben Mediziner und andere Fachleute seit Jahren diese Technik (siehe Interview unten) – mit Erfolg.

Doch nur ein Bruchteil der Patienten kann so betreut werden. Telemedizin ist nicht das Allheilmittel. Und manche Frage ist noch ungeklärt: so jene, ob selbst hochbetagte Menschen sich auf die neue, angeblich einfach zu handhabende Technik einlassen würden. Wird jeder mit der tagtäglichen Fernüberwachung seiner Gesundheitsdaten einverstanden sein? Skepsis bis Mißtrauen gegenüber der Digitalisierung des Alltagslebens ist gerade bei Älteren weit verbreitet. Was, wenn die sensiblen Daten in falsche Hände gelangen oder ihr Transfer aus irgendeinem Grund nicht funktioniert. Kann es zu Fehldiagnosen kommen und falschen Therapieempfehlungen?

 Keine Vergütung für Telemedizin
Grundsätzlicher noch die Frage nach dem traditionellen Arzt-Patienten-Verhältnis, oft in Jahrzehnten aufgebaut und gepflegt: Verdrängt am Ende die Technik das diskrete, vertrauensvolle Gespräch von Mensch zu Mensch?

Und auch bei der Finanzierung liegt manches im Argen: Bis heute vergüten Kassen die telemedizinische Betreuung ihrer Patienten nicht. Daniel Freudenreich von der Barmer dazu befragt, antwortete: „Vor einer möglichen Kostenübernahme telemedizinischer Leistungen, beispielsweise in den Telemedizinzentren Brandenburg an der Havel und Cottbus, wollen wir im Sinne unserer Versicherten aber ganz genau eruieren, wie Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz telemedizinisch optimal versorgt werden können. Daher unterstützen wir seit dem Jahr 2013 eine Studie  der Charite im Rahmen des Projektes ‘Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane’. In Absprache mit dem behandelnden Hausarzt oder Kardiologen konnten die Betroffenen bis vor kurzem in dieses Studienprojekt eingeschrieben werden. Die Studie ist seit wenigen Wochen abgeschlossen...“

Wenn der Gesundheitscampus Brandenburg in absehbarer Zeit handfeste Ergebnisse zeitigen soll, die kranken und pflegebedürftigen Menschen wirklich helfen, dann müßte die Politik in Brandenburg sehr schnell in die Puschen kommen, wie man so schön im Märkischen sagt. Das wäre entgegen aller Erfahrung. Fachleute haben den Notfall schon vor etlichen Jahren kommen sehen. Passiert ist zu wenig.  

Kerstin Große

 

 

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