Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Mord im Juni

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 39): Als Benno Ohnesorg starb

8. Juni 1967, vor dem Grenzübergang Dreilinden: Die sterblichen Überreste Benno Ohnesorgs werden nach Hannover, der Geburtsstadt des ermordeten Studenten übergeführt. Ein Zug von hunderten Autos begleitete den schwarzen Cadillac mit dem Sarg auf der eigens abgesperrten Transitstrecke durch die DDR. Deren Behörden verzichteten auf Kontrollen und Transitgebühren Foto: wikimedia commons/Haus der Geschichte

Von Holger Becker

Karl-Heinz Kurras (1927 bis 2014) ist ein Held der freien Welt. Indem der Polizist am 2. Juni 1967 nahe der Deutschen Oper in Westberlin während eines Besuchs des persischen Herrschers den Studenten Benno Ohnesorg (1940 bis 1967) mit einem Kopfschuß ermordete, half er dem Westen, den Kalten Krieg – zumindest in Europa – für sich zu entscheiden.

Eine steile These? Sicher. Aber sie hat ihre Logik. Kaum zu bestreiten ist: Der Mord an Benno Ohnesorg, von Zeitzeugen einhellig als einschneidendes Ereignis beschrieben, gab der schon seit den frühen 1960er Jahren existierenden Studentenbewegung in Westdeutschland und Westberlin einen mächtigen Schub. Diese wurde nicht nur radikaler, sondern wuchs auch sehr schnell in die Breite. Laut Karl Dietrich Wolf, dem damaligen Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), zog schon am Abend des 3.  Juni 1967 im 650 Kilometer von Berlin entfernten Freiburg ein „Trauerzug mit Fackeln“ durch die Stadt, „Leute, die wir nie vorher gekannt hatten“. „Plötzlich liefen über 2.000 Studenten durch die Freiburger Nacht.“

Wenn aber die 68er Bewegung ihre Wucht  maßgeblich der Mordtat des 2. Juni 1967 verdankt, dann hallt der Schuß des Kurras auch in den Auswirkungen dieses größtenteils jugendlichen Aufbegehrens nach. Der Berliner Rechtshistoriker Uwe Wesel sprach einmal von einem „Modernisierungsschub“, den die Bundesrepublik durch die APO, also die Außerparlamentarische Opposition erhalten habe. Eine BRD mit Adenauerscher Starrheit der Strukturen, so Wesel 1991, hätte ihre größere Lebensfähigkeit gegenüber der DDR nicht beweisen können.

Und damit hatte er zweifellos recht.  Genau in dieser APO-Zeit, den 1960er Jahren war der Kampf der Systeme, dessen wichtigster Schauplatz nun mal im geteilten Deutschland lag, keinesfalls entschieden. Ulbrichts DDR setzte nach dem Mauerbau auf Reformen für eine wirtschaftlichere Wirtschaft mit intelligenzintensiver Produktion, was dem kleinen rohstoffarmen Land Prosperität auf allen Gebieten bescheren sollte. Motor dieser Bewegung, so Ulbrichts von Mos-kauer Traditionen allumfassender ideologischer Gängelung abweichender Gedanke, konnte nur eine  gebildete, selbständig denkende Jugend sein, der man ihren eigenen Lebensstil inklusive Beatmusik zugestand. Aufbruchstimmung verbreitete das 1963 vom SED-Politbüro beschlossene „Jugendkommuniqué“.

Das spürten auch die rund 30.000 jungen Leute, die im Mai 1964 am Deutschlandtreffen der Jugend in Ostberlin teilnahmen. Benno Ohnesorg gehörte zu ihnen. Zwar bremste die moskautreue Fraktion in der SED-Führung die Reformanstrengung in der Jugend- und Kulturpolitik bereits 1965 mit dem vermaledeiten „11. Plenum“ aus, und Ulbricht blieb nur übrig, mit den Wölfen zu heulen, wenn er wenigstens seinen Hintern retten wollte. Aber zumindest Teile der „politischen Eliten“ im Westen sahen den Ost-Staat schon mit anderen Augen an als noch ein paar Jahre zuvor. Der Publizist Sebastian Haffner bezeichnete Ulbricht 1966 sogar als den  „erfolgreichsten deutschen Politiker nach Bismarck“. Kein Wunder, daß Haffner die 68er Modernisierungsrevolte unterstützte, so wie auch die Chefs von SPIEGEL und ZEIT Rudolf Augstein und Gerd Bucerius, die sogar eine gemeinsam finanzierte Tageszeitung für Westberlin geplant haben sollen, um den übermächtigen Anti-APO-Blättern des Axel Springer Paroli zu bieten.

Um auf die Siegerstraße zu kommen, auf der er sich als das politisch, ökonomisch und kulturell flexiblere System erwies – zumindest im 20. Jahrhundert – brauchte der Westen einen Schubs, den ihm protestierende Studenten in den 1960er Jahren gaben, ob in Berkeley/Kalifornien, Paris oder  Westberlin, der Kampfinsel des Kalten Krieges. Das hatten die APO-Akteure zwar so nicht geplant. Aber wie der ziemlich kluge Friedrich Engels 1890 an den Studenten Joseph Bloch über den Prozeß der Geschichte als „Konflikt vieler Einzelwillen“ schrieb, handele es sich dabei um „eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ereignis – hervorgeht.“ Und: „… was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat.“

Was Karl-Heinz Kurras wollte, als er Benno Ohnesorg eine Kugel in den Kopf jagte, weiß niemand.

Nicht einmal Uwe Soukup, Deutschlands Fachmann für die Ereignisse des 2. Juni 1967. Und das will etwas heißen. Zu Kurras, den zu finden nicht ganz einfach war, hatte er schon Kontakt aufgenommen, bevor der fast ins Dunkel des Vergessens abgetauchte Mordschütze plötzlich wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit geriet. Das war 2009 zu Christi Himmelfahrt, als die Sensationsmeldung des ZDF manchen vom Hocker wedelte, Kurras sei geheimer Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und Mitglied der SED gewesen. Soukup hatte sein Vorabwissen um diesen Scoop klug genutzt und stand mit dem nun ebenfalls informierten Kurras in dessen Wohnzimmer, als das Fernsehteam an der Tür der Spandauer Eigentumswohnung klingelte. In dieser Situation konfrontierte er den Ex-Polizisten mit der Frage: Warum? Ein Meisterstück journalistischer Nahkampfrecherche. Aber es nützte nichts. Kurras spielte absurdes Theater. „Aus Spaß!“, belferte er.

Die Behauptung oder wenigstens Vermutung, Kurras habe Ohnesorg im Auftrag des MfS ermordet, ist inzwischen nur noch selten zu vernehmen. Es gibt keine Beweise dafür, eher Argumente dagegen. Warum sollte der Ost-Geheimdienst mit solch einem Auftrag seine vielleicht beste Quelle in der Westberliner Polizei gefährden? Denn seit Januar 1965 befaßte sich Kurras bei der Politischen Polizei mit der Jagd nach MfS-Agenten und konnte deshalb seinen Auftraggebern in Ostberlin viel Interessantes berichten. Aber selbst wenn Kurras sich als eine Art seitenverkehrten James Bond mit selbsterteilter Lizenz zum Töten gesehen haben sollte – vier Filme der Reihe mit Sean Connery in der Hauptrolle hatten bis 1967 das Kinopublikum begeistert –, es hätte am Verlauf der Geschichte nichts geändert und letztlich nur Friedrich Engels´ Weisheit bestätigt. Wenn der von der Geschichte als „Resultante“ schrieb, meinte er damit übrigens nicht, die Bedeutung des „Einzelwillens“ für das Ergebnis sei gleich Null: „Im Gegenteil, jeder trägt zur Resultante bei und ist insofern in ihr inbegriffen.“

Wenn auch das Dunkel um Kurras’ Mordmotiv bleibt, alles andere, was zum Thema wichtig ist, läßt sich bei Uwe Soukup nachlesen. Sein neues Buch „Der 2. Juni 1967. Ein Schuß, der die Republik veränderte“ ist zum 50. Jahrestag des Ereignisses erschienen und faßt den derzeitigen, zu nicht geringen Teilen vom Autor selbst mitverursachten Erkenntnisstand zusammen. Danach kann niemand mehr ernsthaft behaupten, es sei kein Mord gewesen. Immerhin hatten Gerichte Kurras 1967 und 1970 in skandalösen Prozessen freigesprochen, wobei die Westberliner Polizei seine Verteidigung finanzierte und organisierte, das Verschwindenlassen von Beweismitteln inklusive.

Die Tat an der Krummen Straße nahe der Deutschen Oper und auch die ersten Vertuschungsversuche am Abend des 2. Juni 1967 aber spielten sich in etwa so ab: Während einige Polizeikollegen Benno Ohnesorg, der sich nicht wehrt, brutal verprügeln, feuert gegen 20.30 Uhr der in Zivil gekleidete  Karl-Heinz Kurras, der anerkannt beste Schütze der Westberliner Polizei, unbedrängt und im Stehen aus etwa anderthalb Metern Entfernung einen gezielten Schuß auf den fast schon am Boden liegenden Studenten ab. Das Projektil des Kalibers 7,65 trifft den frischverheirateten jungen Mann, dessen Frau ein Kind von ihm erwartet, in den Hinterkopf. „Bitte, bitte, nicht schießen!“, hatte Benno Ohnesorg noch gerufen. Während Vorgesetzte den Schützen eilig vom Tatort wegbeordern, hält eine Studentin Polizisten davon ab, weiter auf den Schwerverletzten einzuprügeln.

Polizisten weigern sich, einen Krankenwagen zu rufen. Einen norwegischen Schiffsarzt hindern sie daran, erste Hilfe zu leisten. Erst gegen 20.50 Uhr nimmt ein Krankenwagen Ohnesorg auf, geistert dann aber 45 Minuten durch die Stadt, weil zwei Kliniken wegen angeblich fehlender Kapazitäten die Aufnahme verweigern. Als Ohnesorg schließlich gegen 21.30 Uhr in das Krankenhaus Moabit eingeliefert wird, ist er schon tot. Dennoch setzt ein Arzt auf Anweisung den Todeszeitpunkt auf 22.55 fest. Angebliche Todesursache: Schädelbasisbruch. Die Obduktion am nächsten Morgen allerdings nennt einen Gehirnsteckschuß als Grund. Außerdem stellt der obduzierende Mediziner fest: Ein sechs mal vier Zentimeter großes Knochenstück der Schädeldecke mit dem Einschußloch ist herausgesägt und die Kopfhaut darüber zugenäht worden. Noch in der Nacht zum 3. Juni hatten Beamte der Politischen Polizei die Leiche Benno Ohnesorgs besichtigt, darunter auch Karl-Heinz Kurras.

2009, nachdem Kurras als Ost-Agent aufgeflogen war, holten Behörden den Fall wieder hervor. Da nun „Landesverrat“ im Spiel war, ermittelte die Bundesanwaltschaft und beschlagnahmte die einschlägigen Akten des Berliner Landesarchivs. Und die Karlsruher Staatsanwälte, so Soukup, „drehten jeden Stein um“. Zum Beispiel ließ sie Fotos neu bearbeiten, auf denen Kurras im Hintergrund genau zu jenem Zeitpunkt erkannt werden kann, als er den Schuß abgibt. Aber die Berliner Generalstaatsanwaltschaft, ihrerseits zuständig für das Tötungsdelikt, lehnte eine Anklage ab. Angesichts von Kurras’ rechtskräftigem Freispruch könne  ein neues Verfahren nur stattfinden, wenn es Unkorrektes in dem früheren Prozeß gegeben habe. Das aber könne nicht festgestellt werden. Die Manipulation am Schädel des toten Benno Ohnesorg? Absprachen zwischen dem Ermittlungsorgan Polizei und Kurras’ Verteidigung? Nachweisliche Falschaussagen von Kollegen bei der Politischen Polizei? Es zählte nicht.

Auch die eintretende Demenz des potentiellen Angeklagten und schließlich sein Tod verhinderten eine Anklage. Ansonsten aber hätte man tief einsteigen müssen in die Vorgänge des 2. Juni 1967, als Teile der Westberliner Polizei während des Schah-Besuchs eine provokative Eskalation der Gewalt zelebrierten, die keineswegs den Intentionen ihrer politischen Führung entsprach. Das geschah schon am späten Morgen jenes Tages, als Agenten des persischen Geheimdienstes SAVAK ungehindert von der Polizei vor dem Rathaus Schöneberg mit langen Latten auf Demonstranten einschlugen. Das steigerte sich am Abend an der Deutschen Oper, als  Polizisten in Uniform und Zivil regelrecht auf Menschenjagd gingen. Hinter alledem, so weiß Soukup zu überzeugen, steckten Leute aus der die Inselstadt regierenden SPD, die eine perfide Intrige spannen. Als deren politische Opfer mußten zwei SPD-Genossen, die in ihren Funktionen die „politische Verantwortung“ für die Vorgänge des 2. Juni trugen, die Hüte nehmen: Innensenator Wolfgang Büsch (1929 bis 2012) und der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz (1915 bis 1993). Die Verschwörer erreichten ihr Ziel, den von Albertz abgelehnten Kurt Neubauer (1922 bis 2012) als neuen Innensenator zu installieren.

Um im Engels’schen Bild von den „Kräfteparallelogrammen“ zu bleiben: Den Beitrag der US-Besatzungsmacht an der „Resultante“ kennen wir nicht. Wir müssen darüber auch keine Vermutungen anstellen. Der Westberliner Verfassungsschutz wie die an den Prügelorgien beteiligte Bereitschaftspolizei, de facto eine Berufsarmee, empfingen von den Amis, wie auch viele Westberliner sie nannten, direkt Befehle.

Uwe Soukup: Der 2. Juni 1967. Ein Schuß, der die Republik veränderte. Transit Buchverlag. Berlin 2017. 192 Seiten. 20 Euro

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