Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Direkter Kontakt unersetzbar”

Was Telemedizin kann und was nicht – Interview mit dem Kardiologen Oliver Ritter

Der Herzspezialist Prof. Dr. Oliver Ritter
Der Herzspezialist Prof. Dr. Oliver Ritter ist am Städtischen Klinikum Brandenburg/Havel tätig. Dort leitet er die Hochschulklinik für Kardiologie/Pulmologie Foto: Klinikum Brandenburg/Havel

Herr Professor Ritter, wie viele Patienten mit Herzkrankheiten versorgen Sie derzeit am Telemedizin-Zentrum in Brandenburg an der Havel, sind darunter auch Menschen aus dünner besiedelten Regionen?Zur Zeit betreuen wir hier etwa 400 Patienten telemedizinisch, die einen Herzschrittmacher haben bzw. an chronischer Herzschwäche leiden. Darunter sind auch Patienten aus ländlichen Gebieten. Wir erreichen einen Radius von etwa 100 Kilometer.

Wird Telemedizin zukünftig das bewährte, vertrauensvolle Gespräch zwischen Arzt und Patient verdrängen?
Nein, das darf nicht passieren! Der Kontakt zum Patienten ist entscheidend. Unser Telemedizin-Zentrum ist kein anonymes Call-Center, das Gesundheitsdaten von Unbekannten überwacht. Wir betreuen nur Patienten, die wir persönlich kennen. Sie kommen mit Herzbeschwerden oder gar einem Infarkt zu uns ins Klinikum und werden hier medizinisch versorgt. Noch während des Krankenhausaufenthaltes kristallisiert sich dann heraus, für wen eine telemedizinische Betreuung in Frage kommt. Dann sprechen wir mit dem Patienten. Ohne seine Mitwirkung geht es nicht.

Die Patienten übermitteln oft Tag für Tag wichtige Daten von zu Hause an Ihr Zentrum, so EKG- und Blutdruckwerte, aber auch persönliche Angaben zum Befinden und Gewicht. Wie kommen sie damit zurecht?
Oft müssen die Patienten mit mehreren Geräten umgehen lernen. Das ist gar nicht so einfach. Schwestern mit einer Extra-Qualifikation schulen sie bei uns in der Klinik. Bei Bedarf kommen sie auch zu ihnen nach Hause, um Anfangsschwierigkeiten überbrücken zu helfen. Nicht jeder entwickelt die nötige Sicherheit, dann müssen wir einen anderen Weg finden.

Zu häufige Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sollen mittels Telemedizin auf ein verträgliches Maß gesenkt werden – Wunschdenken oder Wirklichkeit?
Telemedizin ist eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Therapieverfahren. Daten  regelmäßig zu überwachen erlaubt uns, eine drohende Verschlimmerung des Gesundheitszustandes rechtzeitig zu erkennen. Rückfälle können so häufig vermieden werden. Trotzdem ist der direkte Kontakt von Patient und Arzt nicht ersetzbar. Eine Dichte in der Betreuung muß deshalb gewährleistet sein. Das ist die Basis.

Wenn der Einsatz von Telemedizin gerade bei Menschen mit Herzkrankheiten so sinnvoll ist und auch teure Krankenhausaufenthalte vermeiden kann, warum übernehmen dann Krankenkassen nicht immer die Kosten, wie auf Ihrer Webseite zu lesen ist?
Das ist ein Riesenproblem. Die Krankenkassen vergüten nur die Regelversorgung, nicht aber die Mehrleistung. Das bedeutet, daß wir in Zentren wie unserem Patienten nur innerhalb von wissenschaftlichen Studien telemedizinisch überwachen können. Doch die Studien laufen zwei oder drei Jahre, dann ist Schluß.

Gehen die Patienten zu niedergelassenen Ärzten, bekommen sie gerade in den Regionen mit geringer Arztdichte kaum einen Termin für ein EKG und andere eigentlich notwendige Untersuchungen oder müssen sehr lange warten. Ein Teufelskreis. Hier muß sich dringend etwas ändern.

Verschärft wird das Problem infolge der demographischen Entwicklung, die Brandenburg besonders hart trifft: Patientenzahlen werden stark zunehmen, darunter viele ältere Menschen mit Herzkrankheiten, die einen weiten Weg zum Arzt haben. Das Land will mit einem „Gesundheitscampus“ gegensteuern und räumt dabei der Telemedizin einen hohen Stellenwert ein.
Wir sind für die kommenden Aufgaben schon gut gerüstet, was die technische Ausstattung und unseren Erfahrungsschatz betrifft, den wir seit Gründung des Telemedizin-Zentrums 2004 aufbauen konnten. Wir hoffen auf weitere Förderung durch Land und Bund; auch die Medizinische Hochschule Brandenburg trägt durch den Schwerpunkt Versorgungsforschung dazu bei, diese Konzepte weiter zu entwickeln.

Doch brauchen wir für die Zukunft eine verläßlichere Grundlage für unsere Arbeit. Dazu bedarf es dringend gesundheitspolitischer Entscheidungen zwischen Bund, Ländern und Krankenkassen. 

Interview: Kerstin Große

 

 

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