Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Radeln in die falsche Richtung

Grünes „Konzept“ Fahrradstadt Berlin gegen Vernunft, Gesundheit und Bäume

Viel Verkehr, viele Schadstoffe: Radfahren an der Frankfurter Allee in Berlin ist gefährlich Foto: Monika Rassek
Viel Verkehr, viele Schadstoffe: Radfahren an der Frankfurter Allee in Berlin ist gefährlich Foto: Monika Rassek

Menschen, die Rad fahren, joggen, walken oder sich mit zahlreichen anderen Formen sportlicher Bewegung fit und gesund halten, bekommen Anerkennung. Und da paßt das ehrgeizige und im Koalitionsvertrag der neuen Berliner Landesregierung festgeschriebene Ziel, Berlin mit rund 100 Kilometern an Radschnellwegen auszustatten, gut. Und schließlich hat auch der Slogan „Wir machen Berlin zur Fahrradstadt – mit einem Netz von Fahrradstraßen, das sofort umsetzbar ist, und mit Fahrradschnellstraßen quer durch die Stadt“ dazu beigetragen, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Jahr 2016 den Einzug ins Abgeordnetenhaus zu ermöglichen. Die Umsetzung der Pläne ist bereits in vollem Gange: Eigens eine Velo GmbH wurde gegründet mit elf Angestellten und einem Budget von 600.000 Euro für 2017. Und rund 25 Millionen Euro will die neue Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Regine Günther (parteilos für Grüne) für Radwege locker machen.

Mit dem Rad und Tempo 30 quer durch die Stadt – so soll das Ergebnis des im Eiltempo vorangetriebenen Radwegekonzepts aussehen. Konzept?

Radschnellwege entlang der Frankfurter oder Schönhauser Allee, der Genthiner Straße? Direkt neben stark befahrenen und hochgradig durch Luftverschmutzung belasteten Straßen?

Gefahr aus der Luft
Frankfurter Allee, 7.30 Uhr, diesig, stickig: Der Berufsverkehr schleppt sich dreispurig ins Zentrum – begleitet vom Quietschen der Straßenbahnen, dem Rauschen der S-Bahn, schrillem Gehupe genervter Fahrzeugführer und dem Heulen der Martinshörner ferner Einsatzfahrzeuge. Menschen hetzen zu den Haltestellen und Bahnsteigen. Radfahrer bahnen sich ihren Weg durchs Gewimmel, ziehen mühelos am Verkehr vorbei oder sausen mitten hindurch. Und, ganz nebenbei tun sie auch noch etwas für Fitneß und Gesundheit?

Nein! Die Frankfurter Allee gehört zu den Straßen Berlins, deren Luft am höchsten mit Schadstoffen belastet ist. Die Grenzwerte für Stickoxide in der Luft werden immer wieder überschritten und auch die Belastung mit gefährlichen Feinstaubpartikeln sollte nicht unterschätzt werden.

Wegen dieser schon jahrelang anhaltenden Luftverschmutzung in den Ballungsgebieten Deutschlands wie Berlin, Hamburg, Köln, München und Stuttgart mahnte die EU-Kommission Deutschland letztmalig an, endlich Maßnahmen zu ergreifen, um die Werte zu senken.

Wird Deutschland nicht tätig, kann die Kommission den Europäischen Gerichtshof anrufen. Nicht ohne Grund: Laut EU-Kommission waren 2013 knapp 70.000 vorzeitige Todesfälle in Europa allein auf anhaltend hohe Stickstoffkonzentrationen zurückzuführen – knapp dreimal so viel Tote als bei Straßenverkehrsunfällen im selben Jahr!

Hohes Gesundheitsrisiko
Forscher um Dr. Jean-Francois Argacha (Universität Brüssel) untersuchten die körperlichen Veränderungen bei hoher Luftverschmutzung an mehr als 16.000 Probanden. Das Ergebnis alarmierend! Gefährliche Schad- stoffe in der Luft wie Feinstaubpartikel und Stickoxide erhöhen nachweislich das Risiko von Herzinfarkten, Schlaganfällen und einer Vielzahl chronischer Atemwegserkrankungen. Gleichzeitig wurde der Beweis erbracht, daß die Schadstoffbelastung der Luft keinen negativen Einfluß auf den Lungenkreislauf hatte, solange sich die Probanden in Ruhe befanden.

Bei körperlicher Aktivität aber verschlechterten sich die Werte merklich. „Wer in einer Stadt mit viel Autoverkehr joggen gehen oder Rad fahren möchte, sollte nicht entlang intensiv befahrener Straßen laufen, sondern eher in Parks oder im Grüngürtel, wo man weniger verschmutzte Luft einatmet“, rät Thomas Meinertz, Kardiologe und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung in dem von der Herzstiftung herausgegebenen Band „Psychischer und sozialer Streß“.

Längst nicht alles: Schadstoffbelastete Luft kann selbst das Risiko für Diabetes Typ 2 (Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung, Helmholtz-Zentrum München und des Leibniz-Zentrums für Diabetes-Forschung, Universität Düsseldorf) erhöhen. Danach hängt der Ausbruch dieser Stoffwechselerkrankung nicht nur vom Lebenswandel oder den Genen ab.

Für Forscher besorgniserregend: Immer mehr junge Menschen erleiden Schlaganfälle. Jeder zehnte Patient sei mittlerweile unter 50 Jahre alt und selbst Kinder würden nicht verschont.

Noch nicht alles. Eine schwedische Studie der Universität Umeå mit mehreren tausend Kindern ergab, daß Kinder, die in Gebieten mit erhöhter Belastung durch Stickoxide leben, häufiger verschreibungspflichtige Medikamente zur Bekämpfung von langfristigen psychischen Erkrankungen einnehmen.

Fahrradstadt um jeden Preis
Angesichts dieser dramatischen Erkenntnisse bleibt zu hoffen, daß das von Umweltsenatorin Günther verfolgte „Radwegekonzept“ noch ein wenig auf sich warten läßt. Zumindest so lange, bis die Berliner Luft die Radfahrer nicht mehr krank macht oder gar ins Grab bringt.

Mit den ehrgeizigen Plänen für die Fahrradstadt sind die Grünen weit über das Ziel hinausgeschossen. Sinnvoll wäre zunächst die Verbesserung der Luftqualität – beispielsweise, indem sich die Grünen für den Erhalt des (Stadt-)Grüns oder besser noch – dessen Zuwachs engagieren: grüne Dächer, Fassaden, Bäume, Sträucher. Denn auch hier hat die Wissenschaft für neue Erkenntnisse gesorgt.

Im Helmholtz-Zentrum München entdeckten Forscher, daß Pflanzen weit mehr zur Verbesserung der Luftqualität beitragen als bisher angenommen – sie können selbst Stickstoffmonoxid aus der Luft ziehen, das für die sommerliche Ozonbildung verantwortlich ist.

Doch statt „aufzuforsten“, wird immer weiter abgeholzt und die „grüne Lunge“ der Stadt systematisch dezimiert. Im Jahr 2016 gabt es ein Defizit von 3.425 Bäumen und im Jahr 2015 waren es 3.393 Bäume, die nach Fällungen nicht mehr ersetzt wurden. Zu Beginn diesen Jahres weiterer Kahlschlag: Auf dem Mittelstreifen des Kölner Damms 26 Bäume (Platz für neuen Radfahrstreifen), in der Oranienburger Straße – zwischen Tessenow- und Wittenauer Straße – u. a. für Radwege, am Rosa-Luxemburg-Platz/ Torstraße zehn Pappeln und Linden für ein Gebäude der Suhrkamp-Verlage, und an der Holzmarktstraße zwischen Alexanderplatz und Lichtenberger Straße werden nach der Neuaufteilung der Verkehrsflächen und den dann beidseitigen jeweils 2,50 Meter breiten Radfahrstreifen künftig 22 Bäume weniger stehen usw.

Wer Bäume will, muß spenden
Immerhin wurde im Ressort der Umwelt-Senatorin die 2012 begonnene Initiative „Stadtbäume für Berlin“ vorerst bis 2021 verlängert.

Im Klartext: Wer einen Baum in der Stadt will, kann gegen eine Spende von 500 Euro für eine Anpflanzung sorgen. Wo bitte bleibt da die Daseinsvorsorge?

Monika Rassek


 

 

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