Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Bei den Amerikafahrern

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 38): Im Johannes-Gillhoff-Dorf Glaisin

Der Schriftsteller Johannes Gillhoff aus Glaisin
Der Schriftsteller Johannes Gillhoff aus Glaisin
Die Erstausgabe des Buches von 1917
Die Erstausgabe des Buches von 1917
Grab des „Jürnjakob Swehn“ und seiner Frau in Victor/Iowa
Grab des „Jürnjakob Swehn“ und seiner Frau in Victor/Iowa Fotos: Privatarchiv Udo Baarck

Von Holger Becker

In der Griesen Gegend gibt es wieder Wölfe. Definitiv. Ein ganzes Rudel hat sich in dieser überwiegend sandigen Ecke des südwestlichen Mecklenburg zwischen Ludwigslust und Dömitz, Grabow und Lübtheen (siehe Heft 7-2015) häuslich eingerichtet, läßt sich im Schutz der Kiefernwälder Rehe und Hirsche schmecken, verschmäht aber auch Schafe und Ziegen nicht. Vielen ist nicht recht wohl bei der Vorstellung, den Raubtieren bei einem Spaziergang begegnen zu können. Nützt aber nichts. Der Wolf kann auf eine starke Lobby zählen. Ordentlich Geld pumpte zum Beispiel der VW-Konzern in Kampagnen für die neuerliche Ansiedlung des Raubzeugs. Wer seinen Sitz in Wolfsburg hat, wird dem Gedanken, das Image des Wolfes aufzupolieren, ja nicht abgeneigt sein.

1827 sei bei Gadebusch der, man muß nun sagen: ehemals, letzte Wolf in Mecklenburg geschossen worden, heißt es. Und offensichtlich hat von den Einheimischen niemand diese Spezies vermißt. Es ist ja auch eine merkwürdige Vorstellung, daß ein mühsam kultiviertes Land in Teilen wieder zur Wildnis werden soll, nur weil dort weniger Menschen leben als anderswo. Die vielen Mecklenburger, die im 19. Jahrhundert ihre Heimat verließen, um hinter dem großen Teich in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) oder auch in Kanada ihr Glück zu finden, hätten es jedenfalls nicht fassen können. Die allermeisten stammten vom platten Lande und mußten in Nordamerika ihre Lebensgrundlagen der Wildnis abringen. Im Schweiße ihres Angesichts, in jedem Fall ohne Traktoren und meistens ohne Hilfskräfte von außerhalb der Familie rodeten sie Wälder, um Farmland zu gewinnen. Denn der Mensch muß essen, bevor er darüber nachdenken kann, seine natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen. Was er ja dringlichst tun sollte, aber ohne zu vergessen, daß alle satt werden müssen, eben die Masse und nicht nur eine bestimmte Klasse.

Von Bewährungen des Menschseins im harten Alltag mecklenburgischer Auswanderer erzählt ein Buch, das jetzt 100 Jahre alt wird: Johannes Gillhoffs (1861 bis 1930) Roman „Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer“, der im Kriegsjahr 1917 zuerst in Fortsetzungen in der Tageszeitung „Tägliche Rundschau“ und dann sogleich in Buchform erschien. Bestseller-Listen gab es damals noch nicht. Wenn doch, hätte Gillhoff diese gestürmt. Schon 1918 waren 20 Auflagen verkauft. Die Schätzungen über die bis heute von allerhand verschiedenen Verlagen vertriebenen Exemplare reichen von 500.000 bis über eine Million. Auch bei den Mecklenburgern in der DDR gingen „Jürnjakob Swehn“-Bücher von Hand zu Hand. Sie waren nicht verboten, wurden aber in der DDR vernagelterweise nicht aufgelegt. Der fürs Norddeutsche zuständige Hinstorff-Verlag in Rostock lehnte eine Ausgabe von Gillhoffs einzigem Roman noch in den 1980er Jahren ab, obwohl sogar in den Spalten von „Neues Deutschland“ danach gerufen worden war, nachdem Hinstorff immerhin ein „Gillhoff-Lesebuch“ vorgelegt hatte. In Ludwigslust, wo sich das Grab des Schriftstellers befindet, gab es bis zu deren Abschaffung in den 1990er Jahren immerhin die Johannes-Gillhoff-Buchhandlung.

Was den „Jürnjakob Swehn“ (Swehn = Schweinehirt) – nicht nur bei Mecklenburgern – so beliebt machte? Genau kann soetwas nie einer erklären, außer es handelt sich um Betäubungsmittel à la Hedwig Courths-Mahler, die Verlage und Sender auch heutzutage insbesondere an Frauen verabreichen, die sich aus dem Elend ihres Lebens stundenweise wegträumen wollen. Aber mit Ware dieser Art handelte Gillhoff, ein begeisterter Mark-Twain-Leser, nicht. Sein Held und Ich-Erzähler schreibt an stillen Winterabenden, wenn die Arbeit auf der Farm in Iowa ruht, Briefe an seinen alten Lehrer in Mecklenburg.

Darin erzählt der Sohn des ärmsten Tagelöhners aus dem Dörfchen Glaisin von den Plagen der mehr als siebenwöchigen Überfahrt auf einem Segelschiff, denn den schnelleren Dampfer konnte Swehn sich nicht leisten, von Hunger und Durst, von den Erlebnissen mit einigen seiner rund 400 Mitpassagiere, bei denen es sich überwiegend um Iren handelte. Er schildert die Schufterei, mit der es ihm und seiner Frau gelingt, Farmer mit ansehnlichem Besitz zu werden. Und immer wieder zeigt er seinem Leser, was anders ist in der Neuen Welt, wo es – zumindest unter den weißen Eroberern des Landes – erst einmal keine Standesunterschiede gibt und wo die Obrigkeit viel weiter weg ist als in Deutschland, einzig das Geld die Differenz schafft. Schulverhältnisse, Kirche, landwirtschaftliche Methoden in einer Gegend, in welcher der Mais tatsächlich „die Wurst am Stengel“ ist, alles wird in langen Briefen erörtert – und in einer Sprache, der nicht anzumerken ist, wieviel Kunst in ihr steckt. Gillhoff schreibt Hochdeutsch mit plattdeutschem Sound, hin und wieder versetzt mit vollplatten Einsprengseln. Typisch norddeutsche Lakonismen und Paradoxien, zum Beispiel Beschreibungen von Alltagsvorgängen in biblischem Duktus, bringen den Leser zum Lachen. Germanisten nennen einen solchen Stil „Missingsch“, und meinen damit das, was herauskommt, wenn Plattdeutsche versuchen, Hochdeutsch zu sprechen. Egal, wie wir es nennen, Gillhoffs Sprache ist über weite Strecken so stark wie die Fritz Reuters, nur daß alle des Deutschen Mächtigen (Schwaben vielleicht ausgenommen) sie verstehen können.

Im Kern ist der „Jürnjakob“ ein Sozialroman, so wie Fritz Reuters Verserzählung „Kein Hüsung“ ein Sozialepos darstellt. Auch Reuters Helden, dem Pferdeknecht Jehann, dem der Gutsherr das Wohnrecht und damit die Möglichkeit zur Heirat verweigert, bleibt nur die Perspektive des Auswanderns. „Mit meinen eigenen Füßen auf meinem eigenen Boden“ zu stehen, wie Gillhoff Swehn sagen läßt, das war den Kindern von Tagelöhnern in Mecklenburg bis zur Bodenreform 1945 verwehrt. In den USA ging es schon viel früher, vorausgesetzt, die Neuankömmlinge hatten die Kraft, sich durchzuboxen. „Hier muß einer Eisen im Blut haben“, für „die Weichen“ ist es nichts. „Für die ist die amerikanische Luft zu scharf.“ Jürnjakob Swehn gehört nicht zu „den Weichen“, aber auch nicht zu denen, die ihr Verhältnis zum Mitmenschen in Dollar und Cent berechnen. Tiefe Herzensbildung, die er auch seinem alten Lehrer verdankt, läßt ihn als Mensch bestehen in einem Land, wo „den meisten ihr lieber Gott im Geldkasten“ sitzt.

100.000 bis 250.000 Deutsche wanderten zwischen 1850 und 1892 jedes Jahr in die USA aus. Der große Strom setzte in den 1850er Jahren ein, nachdem sich die Lebensmittel in Deutschland enorm verteuert hatten. Die Auswanderer flohen vor Hunger und Armut, oft aber auch vor dem Militärdienst. Auf den Schiffen, die über den Atlantik fuhren, drängten sich Tagelöhner, Mägde und Knechte, aber auch Bauernsöhne, die keine Hoferben sein konnten. „Amerika“ lockte mit vergleichsweise hohen Löhnen und billigem Land.

Etwa einen Jahreslohn mußte ein Landarbeiter für die Überfahrt hinlegen, die viele gar nicht überstanden. Denn immer wieder schafften es Schiffe nicht bis an Nordamerikas Küsten. Zudem starben massenhaft Passagiere wegen katastrophaler hygienischer Bedingungen auf den Seglern und Dampfschiffen, so wie das auch Gillhoff beschreibt.

Überproportional häufig fanden sich unter den „Amerikafahrern“ Landeskinder der Staaten Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz. Die Fürstentümer in Deutschlands rückständigster Ecke wiesen in Europa nach Irland die höchste Auswandererquote auf. Jährlich verloren so beide Mecklenburg 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung. Insgesamt sollen es rund 200.000 Menschen gewesen sein, was für die dünnbesiedelte Region einen starken Aderlaß bedeutete. Mecklenburgisch geprägte Landstriche entstanden dafür in den damals noch jungen US-Bundesstaaten des mittleren Westens: Wisconsin, Michigan, Illinois, Minnesota und Iowa. Von dort sandten viele nun Briefe in die alte Heimat.

Auch der Lehrer Gottlieb Gillhoff (1832 bis 1915) in Glaisin, einem kleinen Dorf der Griesen Gegend, erhielt welche. Einer seiner Korrespondenzpartner schrieb besonders fleißig und lieferte damit den Stoff, den Gottlieb Gillhoffs Sohn Johannes, er war ebenfalls Lehrer geworden, gründlich verarbeitete. Wer war derjenige, der das Vorbild für den Jürnjakob Swehn lieferte? Der Gillhoff-Forscher Udo Baarck, ebenfalls ein Sohn Glaisins, hat ihn – in Parallele zu Recherchen des US-Amerikaners Eldon L. Knuth – in Iowa gefunden. Carl Wiedow (1847–1913) hieß der Mann, der ab dem vierten Lebensjahr seine Kindheit in Glaisin verbracht hatte, 1868 über Hamburg in die USA auswanderte und dann viele Winterabende in Iowa mit der Feder das Briefpapier bearbeitete.

Was es mit dem „Amerikafahrer“ auf sich hatte, wollte Udo Baarck schon wissen, seit er in den 1970er Jahren in der ehemaligen Glaisiner Dorfschule ein Klassenbuch von 1867 aufstöberte. Lehrer Gottlieb Gillhoff hatte es geführt. Baarck fand darin Informationen über seine Urgroßeltern und ein von Gottlieb Gillhoff angelegtes Geburtsregister. Hinter mehr als 50 der Eintragungen stand die Bemerkung „ausgewandert“. Das war der Ausgangspunkt für die späteren Recherchen des Ingenieurs. Er sorgte dafür, daß im Oktober 1992 in Glaisin die „Gillhoff-Stube“ eröffnet werden konnte, und fuhr nach Iowa, um Nachfahren der rund 200 Glaisiner aufzusuchen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den „Amerikafahrern“ gehörten. 1996 stand er am Grab Carl Wiedows in der 900-Seelen-Gemeinde Victor/Iowa.

Ob Gillhoff wohl irgendwann einen Nachfolger finden wird, einen, der einen Roman auf der Grundlage von E-Mails komponiert, die in den 1990er Jahren aus Baden-Württemberg oder Bayern nach Mecklenburg kamen und die Erlebnisse von Auswanderern in ihrer neuen Welt berichteten? Immerhin verließen damals etwa 400.000 Menschen, überwiegend junge gutausgebildete Leute, das Bundesland im Nordosten und zogen in Gegenden, in denen man wohl auch in den nächsten 100 Jahren nicht mit Wölfen rechnen muß. Selbst den Anteil Vorpommerns eingerechnet, riß das innerhalb gut eines Jahrzehnts eine beträchtlich größere Lücke als der Strom der „Amerikafahrer“ in dem halben Jahrhundert nach 1850. An ihren neuen Wohn- und Arbeitsorten immerhin schaffen diese 400.000 Ex-Mecklenburger (und -Vorpommern natürlich auch) ein Bruttoinlandsprodukt von 24 Milliarden Euro jährlich. Die Wertschöpfungskraft der vielen Pendler auch aus der Griesen Gegend, die zur Arbeit nach Hamburg, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein fahren, ist da noch nicht eingerechnet.

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