Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Warum pflegende Angehörige Rat und Hilfe brauchen

Interview mit Diplompflegepädagogin Ute Brach, VDGN-Vizepräsidentin

Foto: AOK-Medienservices

Momentan werden 1,8 Millionen Menschen in Deutschland zu Hause versorgt und gepflegt, der größte Teil von Angehörigen. Viele tun das aus Liebe und Verantwortung, doch so mancher unterschätzt, welche Folgen das fürs eigene Leben haben kann …

Die physische und mentale Belastung von pflegenden Angehörigen ist sehr groß. Ganz besonders schwer ist davon die Sandwich-Generation betroffen.

Warum? Wer gehört zur Sandwich-Generation?
Darunter verstehe ich pflegende Angehörige im Alter zwischen 35 und 50 Jahren. Diese Menschen stehen im Mittelpunkt unserer Gesellschaft und das aus mehreren Gründen:

1. Meist erziehen sie ihre – oft in der Pubertät stehenden – Kinder.

2. Als Berufstätige stellen sie die Hauptstütze der Wirtschaft dar und sind damit für unsere Renteneinnahmen von größter Bedeutung.

3. Die Eltern dieser Personengruppe benötigen meist schon Unterstützung (z. B. von A nach B fahren, Wasserflaschenkästen „hoch“tragen, Gardinen abnehmen usw.), aber noch keine intensivere Hilfe.

4. Sie pflegen mit Hauptlast die Großeltern, weil die Eltern es auf Grund ihrer Einschränkungen nicht mehr alleine schaffen, besonders bei den kraftaufwendigeren Maßnahmen in der Pflege.

Eine Überlastung ist damit oft programmiert. Sie verstärkt sich noch, wenn den Eltern Behördengänge und damit verbundene Formalitäten zunehmend schwerer fallen.

Welche Belastungen treten denn ge-häuft bei pflegenden Angehörigen auf?
Da ist zwischen physischen und psychischen Herausforderungen zu unterscheiden. Unter den physischen können sich die meisten Menschen etwas vorstellen: zum Beispiel die Bandscheibenproblematik – durch das schwere (eventuell ungelernte) Anheben und Absetzen der zu Pflegenden; Schlafmangel aufgrund verlängerter Tagesabläufe; Hautprobleme infolge intensiven Wasserkontakts im Haushalt und bei der Pflege. Solche Belastungen werden aber häufig gar nicht als die wirkliche Last empfunden. 

Mentale / psychische Belastungen werden jedoch von vielen pflegenden Angehörigen als herausfordernder erlebt: ständig unter Zeitdruck stehen, Verlust von Kontakten zu eigenen Freunden und Bekannten, fehlende Zeit für sich selber und daraus folgende Aggressionen, weil einem alles „aus der Hand“ zu gleiten scheint. Das wiederum setzt das schlechte Gewissen in Gang, verbunden mit der Peinlichkeit und der Reue. Da sind die Tränen nicht mehr weit. Der Kreislauf der Vereinsamung beginnt.

Auf der anderen Seite greift die Fassungslosigkeit über die immer größer werdenden Einschränkungen der Eltern und Großeltern nach einem! Ganz klar: Eltern und Großeltern waren einem doch immer das Vorbild, wußten immer Rat und halfen einem aus der Patsche! Und nun? Für viele ist das ein fast unerträglicher Zustand: einerseits der Wunsch, helfen zu wollen; andererseits die Erkenntnis, machtlos zu sein gegen fortschreitende Krankheit und Einschränkung. Ein weiterer mentaler Kreislauf setzt sich in Gang.

Beide mentalen Kreisläufe greifen dann ineinander. Deshalb werden die körperlichen Lasten oft nicht mehr wahrgenommen.

Ganz schön heftig, es mal so zu betrachten! Aber da ist doch noch die indirekte Pflicht für pflegende Angehörige auch alles richtig zu machen, oder?
Ja, das kommt häufig noch dazu. Diese Medaille hat zwei Seiten. Auf der ersten befindet sich der Wunsch des pflegenden Angehörigen, immer alles perfekt zu machen – so, wie die Eltern/Großeltern früher für sie als Kind  alles richtig gemacht hatten. Also fängt man an, bestimmte Dinge des Systems zu hinterfragen, wo bekomme ich Zuschüsse, kann ich eine Kostenminimierung erhalten, wie beantrage ich das eine oder andere. Das kostet zusätzlich viel Zeit und ist neben der Pflegeaufgabe kaum noch zu bewältigen. Da ist es immer gut, sich von Anfang an fachliche Unterstützung einzuholen!

Die zweite Seite der Medaille wird vom Pflegebedürftigen selber geprägt! Eltern und Großeltern sind in der Regel stolz auf die Leistungen ihrer Kinder oder Enkel! Wir hören öfters, man bräuchte keine Hilfe, die Kinder sind topfit und klug. Die wissen schon, was gut für mich ist! Ein schöneres Lob können wohl die Kinder oder Enkel nicht bekommen, aber es erhöht ungemein den Druck auf die Generation(en), die bereits Dampf unter dem Kessel haben! Oft trauen sich die nachfolgenden Generationen – besonders nach so einem Lob – nicht, hier ein ABER zu setzen. Da ist der Gedanke an den Generationsvertrag da, das „die Eltern nicht enttäuschen zu wollen“ und schließlich haben das andere ja auch alles auf die Reihe bekommen!!! Daß die anderen „Vorbilder“ gerade genauso denken, kann der Pflegehelfer nicht wissen (wir erinnern uns –  eingeschränkte soziale Kontaktmöglichkeiten).

Inwieweit spielt die Empathie gegenüber pflegebedürftigen Eltern bzw. Großeltern eine Rolle?
Dieser Faktor wird sowohl von den Menschen mit den gesundheitlichen Einschränkungen selber, wie auch von den Angehörigen unterschätzt. Nicht umsonst heißt es unter Medizinern oft:  Operiere deine Angehörigen nicht selbst!

Der Hintergrund liegt im limbischen System. Es handelt sich hierbei um den Teil des Gehirns, welcher unsere Gefühlswelt bestimmt. In unserem normalen „Tagesgeschäft“ ist dieser Teil nicht der Bestimmer unseres Handelns, sondern unser „Faktengehirn“ gibt den Ton an. Wie oft nun unser limbisches System Chef des Gehirns wird, hängt von unserer Persönlichkeitsstruktur ab und ist also ganz individuell.

Aber, wenn im Leben zwischen Großeltern, Eltern und Kindern alles richtig verlaufen ist, dann ist genau im Zusammenhang mit diesen Personen unser Gefühlsteil proportional häufig der Taktgeber. Umso brenzliger die Situation mit meinem pflegenden Angehörigen wird und umso schlechter man sich auf schwierige Momente vorbereiten konnte, z. B. weil alles so plötzlich kam, desto eher und intensiver gewinnt das Limbische System die Oberhand. Dabei spielt es keine Rolle, wie klug, sachlich, lösungsorientiert man sonst so im Alltag ist! Auch der IQ spielt dann (fast) gar keine Rolle mehr – es ist eine absolute Sondersituation, die man nicht richtig trainieren kann.

Deshalb ist es so unglaublich wichtig, daß man sich abgesprochen hat, wie in welcher Situation gehandelt werden soll. Je mehr Situationen durchgesprochen wurden und „Handlungsanweisungen” für den Pflegebedürftigen (durch den Pflegebedürftigen selber vorgegeben) vorliegen, desto besser gelingt die Unterdrückung des limbischen Systems in den kritischen Situationen. Denn genau dann kann man den Drang zum empathischen Verhalten häufig nicht gebrauchen!

Was raten Sie deshalb allen Beteiligten?
Schaffen Sie sich klare Handlungsmuster! Dabei darf in meinen Augen nicht fehlen:

• 1. Immer fachlichen Rat einholen. Arbeiten Sie mit Pflegeberatern zusammen. Sie erkennen häufig schon nach wenigen Worten, worum es geht. Dann können die Berater Ihnen die richtigen Tips und Ratschläge mit auf den Weg geben! Pflegebedürftige ohne kognitive Einschränkungen können sich oft noch selbst kümmern, telefonieren und etwas abklären. Selbstbestimmt zu handeln, gibt ihnen Mut und nimmt auch den Druck von den nachfolgenden Generation(en)!

• 2. Führen Sie Spielregeln ein! Jeder muß in diesem System zum Zuge kommen!  Auch pflegende Angehörige benötigen Ruhephasen.

• 3. Überlegen Sie, was Sie durch andere machen lassen können, ohne daß Sie als Betroffener oder pflegender Angehöriger sich schlecht fühlen! Das kann heißen, daß das, worauf die Eltern bzw. Großeltern besonders Wert legen (z. B. gemeinsame Unterhaltungen, Unterstützung bei Arztgesprächen) der pflegende Angehöriger übernimmt. Anderes, das nicht so einen hohen Stellenwert für den pflegebedürftigen Menschen hat, können Helfer von draußen erledigen (Pflegedienst, Nachbarn, ehrenamtliche Entlastungshelfer etc.).

• 4. Regeln Sie als Betroffener immer Ihre Vorsorge, in diesem Fall ganz besonders die Patientenverfügung! Und ganz zum Schluß:

• 5. Schließen Sie sich immer einer Fachgruppe an (Selbsthilfegruppe oder z. B. die Pflegefachgruppe des VDGN), damit sind Sie immer fachlich am Ball, bekommen Hilfe und können auch Mißstände aufzeigen! Solche Gruppen haben viel eher politische und fachliche Durchsetzungskraft, die man als Einzelperson nicht hat! Dadurch helfen Sie sich selber, Ihren Eltern oder Großeltern und anderen Personen, die in der gleichen schwierigen Situation sind wie Sie selber!

Beratungstermine für Mitglieder mit Pflege-Rechtsschutz: Telefon 030 / 514 888 113

 

 

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